„Profe, bitte keine 1!“

– 228 Tage nach der Ankunft-

Heute ist der 1. Juni. Das heißt in zwei Monaten bin ich schon wieder in Deutschland 😦 Ich kann gar nicht glauben, wie die Zeit rast!
Weder ich noch meine Gastfamilie noch meine Nachbarn noch meine Lehrerin und Schüler wollen an den Moment des Abschiedes denken… Deshalb jetzt zu einem anderen Thema.

Am Wochenende bin ich mit meinen Nachbarn verreist nach Villavicencio und hatte wieder eine tolle Zeit! Angelika war auch dabei, da mein Nachbar ja ihr Schüler ist und sie sich sehr gut verstehen.
Wir haben viel gelacht, getanzt und erlebt.
Mal sehen, ob ich dazu komme Etwas darüber zu schreiben. Ich habe ja schon so einige Themen angekündigt, über die ich nie geschrieben habe 😀

Heute wollte ich euch das Schulsystem in Kolumbien erklären. Es gibt einige Dinge, die anders sind, als in Deutschland.

  1. Wie im Titel zu lesen: Die Noten. Anfangs, als ich noch nicht so viel verstanden habe, war ich ein wenig verwirrt, wie das mit der Notenvergabe ist.
    Jetzt komme ich damit schon ganz gut klar.
    In Kolumbien ist die beste Note eine 5. Dementsprechend die Schlechteste eine 1. An den öffentlichen Schulen (wie z.B. meiner Schule) besteht man mit 3,0. An den Privatschulen (wie z.B. die meiner Gastgeschwister) mit 3,5.
    3,0 ist trotzdem keine besonders gute Note. Das heißt eben, dass man gerade so bestanden hat.
    Dann gibt es noch Zwischenwerte, wie 1,7 oder 4,3 (ich glaube ihr habt das Prinzip verstanden).
  2. Das Schuljahr fängt im Januar an und geht bis Dezember. Dann sind die großen Ferien (ungefähr zwei Monate). Zwischendurch gibt es wie in Deutschland auch Ferien und weil die Kolumbianer gerne feiern: viele festivos (Feiertage). Festivos sind fast immer an einem Montag also gibt es viele puente Wochenenden (Brückenwochenende). Wenn der eigentliche Feiertag auf einen Samstag fällt, wird das auf den Montag verlegt, damit man auch wirklich etwas davon hatte.
    Letztes Wochenende war auch puente, weshalb ich mit meinen Nachbarn verreist war. Der kommende Montag übrigens wieder.
  3. Das Schuljahr ist in cuatro periodos (vier Perioden) unterteilt. Das kann man mit den Halbjahren in Deutschland vergleichen. Die Noten werden für eine Periode gesammelt und die Schüler werden darüber informiert. In der nächsten Periode gibt es ein neues Thema und neue Noten.
    Als Freiwillige bekomme ich dann auch mit, wie die Schüler zum Ende eine Periode immer freundlicher zu den Lehrern werden, bis sie den profe anbetteln eine bessere Note zu bekommen („Aaayyy, prooofe!“).
  4. In ganz Kolumbien (so weit ich weiß) gibt es Schuluniform. Es gibt auch Ausnahmen, z.B. die Privatschule von meinem Gastcousin. Dort darf jeder anziehen, was er will und sich sogar die Haare färben (in meiner Schule müssen sich die Mädchen abschminken, wenn sie sich zu stark geschminkt haben).
    Meine Schuluniform ist nicht so spektakulär, was vielleicht auch damit zusammenhängt, dass meine Schule bzw. die Schüler nur begrenzte Mittel haben.
    Wenn man im Zentrum rumläuft und Schüler sieht, kann man mittlerweile sagen, von welcher Schule sie kommen anhand der Uniform.
    Die Schuluniform meiner Schule erkennt man in einigen Bildern von meinen vorigen Blogbeiträgen. Allgemein gilt: Jungs und Mädchen tragen ein Hemd (bei mir weiß mit Kragen), den Schulpullover mit Schullogo auf der linken Brust („LSB“ in weißer Schrift, der Pullover ist dunkelblau), die Jungs haben Hosen an (in meiner Schule sind das einfache Jeans, die jeder anziehen kann, wie er will), die Mädchen Röcke und Strumpfhosen (grau-kariert und dunkelblaue Strumpfhose). Jungs und Mädchen tragen schwarze Schuhe.
    Dann gibt es noch die Sportuniform: die ist von Schule zu Schule recht unterschiedlich. Bei mir ist das eine Jogginghose und Sportjacke in dunkelblau (auch mit Schullogo), einem weißen T-Shirt (mit Logo) drunter und weiße Sportschuhe.
    Für besondere Anlässe gibt es an manchen Schulen noch etwas „Besonderes“. Bei mir sind das weiße Handschuhe, die aber so gut wie nie jemand mitbringt.
    Wer seine Uniform in der Schule nicht an hat, bekommt ziemlichen Ärger und manchmal sogar eine schlechte Note dafür.
  5. In Kolumbien fängt die Schule seeehr früh an.
    Im bachillerato an meiner Schule geht es von 6:10 (!!!) bis 12:30. Bei der primaria (Grundschule) von 6:30 bis 12:00.
    Allerdings muss ich hinzufügen, dass wenn der Unterricht 6:10 anfangen soll, es eigentlich erst 6:30 losgeht, denn sowohl Schüler, als auch Lehrer kommen oft zu spät. In letzter Zeit ist das Zuspätkommen in meiner Schule allerdings ein großes Problem.
    Nachmittags gibt es an meiner Schule auch Unterricht. Die Klassen, die morgens und abends Unterricht haben, wechseln jedes Jahr. Letztes Jahr hatten 6. – 8. Klasse vormittags, jetzt ist es 9.- bis 11.
  6. Das mit den Schulmaterialien ist auch so eine Sache. Vielleicht liegt es daran, dass die Deutschen in der Schule besonders strukturiert sind.
    Hier gibt es kein Hausfaufgabenheft und keine Bücher oder Arbeitshefte (an manchen Schulen gibt es Bücher, meine hat leider kein Geld dafür). Die Schüler haben für jede materia (Unterrichtsfach) ein cuaderno  (so etwas wie ein Heft). Gerade bei den Grundschülern können die manchmal ganz schön zerfleddert aussehen.
  7. Die materias sind allgemein so wie in Deutschland. Ganz wichtig sind Mathe und Spanisch. Es gibt auch Sport, Physik, Chemie, Biologie, Englisch. Kunst und Musik sind in den meisten Schulen als Artistica zusammengefasst. Nicht fehlen darf Religion und es gibt noch Ethik und sociales. Eine weitere Fremdsprache z.B. Französisch gibt es in den wenigsten Schulen (bei mir nicht).
  8. Ganz wichtig ist die formación.  Das unterstreicht den Patriotismus der Kolumbianer. Ich finde das auch immer ganz toll.
    Dabei stellen sich die Schüler in ihren Klassen auf dem Hof auf, also „formieren“ sich.
    Dann wird zuerst die Nationalhymne Kolumbiens gesungen (bei der ich immer stolz mitsinge) und anschließend die Schulhymne, die ich gerne mag. Dabei ist die Schul- und Kolumbienflagge gehisst.
    Wann die formación ist, weiß man in meiner Schule nie so genau, weil es nicht immer ganz so strukturiert ist. Es wird aber immer an einem besondern Tag gemacht, z.B. „Día de la madre“.
    Letzte Woche war ich das erste Mal bei der formación der Kleinen dabei und fand es besonders süß, wie sie die Hymne mitsingen.

    IMG_20160526_102509
    formación der Kleinen (meine Bebis, wie ich sie nenne 😀 )
  9. Pausen sind auch anders gehandhabt als in Deutschland. Bei mir gibt es am Tag eine halbe Stunde Pause, in der die Schüler essen. Ansonsten gibt es hintereinander weg Unterricht, was ich nicht besonders effektiv finde. Eine Unterrichtsstunde geht übrigens 60 Minuten. Manchmal haben die Schüler ein Fach auch zwei Stunden lang.
  10. Der letzte Punkt ist das „Schüler-Lehrer-Verhältnis“, welches meiner Meinung nach komplett anders ist als in Deutschland. Vielleicht liegt es an der allgemeinen Offenheit der Kolumbianer.
    Die Schüler gehen mit den Lehrern um, wie mit Freunden. Wie sie mit ihnen reden und Witze machen, so etwas gibt es eher selten in Deutschland.
    Oft haben die Schüler die private Handynummer der Lehrer. Meine Gastschwester findet es sehr cool ihrem Lehrer nachmittags mal zu schreiben. Beispielsweise, wenn wir beim Mittagessen eine „Diskussionen“ über ein Thema haben, fragt sie ihren Lehrer zu seiner Meinung.
    Hier werden die Lehrer nicht mit „Frau“ oder „Herr Sowieso“ angesprochen, sondern einfach nur „profe“ oder „profesita“.
    Dadurch ist ein sehr lockeres Umfeld.

Das war ein kleiner Einblick in das Schulleben Kolumbiens.

Weisheit des Tages: Die Schule und das ganze Umfeld ist in Kolumbien wesentlich lockerer. Dafür finde ich, dass die Bildung in Deutschland „besser“ ist. (Meine persönliche Meinung!)

Ein Gedanke zu “„Profe, bitte keine 1!“

  1. Renate Zimmermann 2. Juni 2016 / 0:09

    Liebe Jule, vielen Dank für die interessanten Einblicke in den kolumbianischen Schulalltag! Man merkt, dass Du Dich dort wohlfühlst und ich kann verstehen, dass es Dir vor dem Abschied graut…Alles Gute noch für die letzten zwei Monate!

    Liken

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