Privilegien in Zeiten von Corona

Auf einmal ist alles anders. Die Menschen bleiben in ihren Häusern, Wohnungen, Zimmern. Schulen, Universitäten, Kinos, Restaurants, Bibliotheken – Orte des öffentlichen Lebens – bleiben geschlossen. Auf den Plätzen in Berlin ist nur noch ein Bruchteil der Menschen unterwegs. Szenen wie diese, wirken, als wären sie einem apokalyptischen Film entsprungen, dabei erleben wir das gerade wirklich. Ich hätte nicht gedacht, dass wir in solch globalisierten, fortschrittlichen Zeiten von einem äußeren Ereignis dermaßen zum Stillstand gezwungen werden.

Corona bedeutet auf Spanisch Krone, ist außerdem eine mexikanische Biermarke. Eine andere Bedeutung hatte es für mich bislang nicht. Jetzt werde ich weder an die spanische Bedeutung, noch an ein erfrischendes Bier denken, wenn ich das Wort höre. Ich bin mir sicher: der Virus führt ein neues Zeitdenken ein und teilt die Geschichte in Momente vor dem Coronausbruch und danach. Covid-19 löste einen Bruch in unserem Alltag, unserer Wahrnehmung, unserem Denken aus. Vielleicht nehmen wir alle etwas aus der Krise mit, wenn sie denn überstanden ist.

Ich kann mir kaum vorstellen, dass ich vor einem Monat noch zu einer Demo für Frauenrechte am internationalen Frauen(kampf)tag ging. So viele Menschen an einem öffentlichen Ort. Nur wenige Wochen später ist das unvorstellbar. Auch wenn ich jetzt Filme oder Serien schaue, denke ich mir innerlich: Das ist zu nah! Wieso halten die Menschen keinen Abstand ein?

8. März 2020: Internationaler Frauen(kampf)tag in Berlin.

Das Leben, wie wir es kannten, wurde vorübergehend außer Kraft gesetzt. Weltweit sind Menschen fast ausnahmslos von der Pandemie betroffen, jedoch in unterschiedlichem Ausmaß.
In der Quarantäne schaffte ich es irgendwie eine Bachelorette zu werden. Meine Verteidigung der Bachelorarbeit hatte ich via Skype. So habe ich mir meinen Abschluss zwar nicht vorgestellt, umso glücklicher bin ich jedoch, dass ich ihn in diesen Zeiten trotzdem absolvieren konnte. Meine Pläne für das neue Jahr hingegen lösten sich mit dem vermehrten Auftreten des Coronavirus zunehmend in Luft auf. Seit einer Woche würde ich mich eigentlich für ein dreimonatiges Praktikum in Santiago de Chile befinden. Ich hätte nicht gedacht, dass ich so bald nach Chile zurückkehren würde (meinen Konflikt mit Chile könnt ihr hier nachvollziehen). Vielleicht ist es sogar ein Zeichen, dass ich jetzt doch nicht gehe? Ich wäre gerne zurück in Südamerika. Habe mich auf die Arbeit gefreut, auf die bunten Märkte und das tägliche Spanisch sprechen, darauf meine Mitbewohnerin und andere Freund*innen wiederzusehen. Es ist schade, dass es nicht klappt, aber ich weiß auch, dass es mich damit nicht schlimmer trifft als andere. Im Gegenteil! Was für ein Luxusproblem: ich konnte mein freiwilliges Praktikum im Ausland während einer globalen Pandemie nicht antreten.

Mir ist bewusst, dass es viele Menschen in diesen Zeiten hart trifft.
Lange habe ich mich davor gedrückt diesen Beitrag zu schreiben. Wer will noch einen Text über Corona lesen? Darf ich mir aus meiner privilegierten Situation heraus überhaupt ein Urteil bilden? Ich kann mir gar nicht vorstellen, was für schlimme Schicksale andere Menschen gerade erleben, wie sich ihr Leben komplett auf den Kopf stellt, während meine Gedanken dahin gehen, welches Buch ich als nächstes lesen könnte. Wie gut ich es doch habe!
Ich habe Glück, dass ich mit meiner Familie und meiner Katze zusammenleben kann, wir nah der Natur leben und ich mich mit Abstand zu anderen Leuten im Freien bewegen kann. Bücher, die liegengeblieben sind, kann ich nun lesen, endlich wieder musizieren und schreiben, mein Zimmer mit Pflanzen bestücken und aus Avocadokernen neues Leben ziehen, mich von Unnötigem befreien und alten Ballast in Regalen und im Kleiderschrank ausmisten. Ich habe Glück, dass ich trotz des spontan abgesagten Praktikums weiterhin (aus dem Home Office) arbeiten kann, meinen Job nicht verliere und mein Studium nicht gefährdet ist. Rundum abgesichert, dem bin ich mir bewusst.

Vielleicht ist es gerade Zeit, sich über einiges bewusst zu werden. Über die Privilegien, die wir im Normalzustand haben. Reisefreiheit, Meinungsfreiheit, Bewegungsfreiheit in hohem Maße. Es ist eine Zeit, in der wir feststellen, was wirklich notwendig und essentiell zum Leben ist. Die physische und mentale Gesundheit, der Austausch mit Familie und Freund*innen, eine finanzielle Grundsicherung, gutes Essen, Unterhaltung und vielleicht auch einmal eine Umarmung.

Gerade kommen mir mehr Erinnerungen von meiner Zeit in Südamerika hoch. Durch den Abschluss meines Studiums habe ich mehr Raum im Kopf als sonst, mich an Orte, Personen und Momente zu erinnern. Aktuell telefoniere ich viel mehr mit Freund*innen von Übersee, als wir es normalerweise tun würden. Dabei merke ich erneut, wie privilegiert ich bin und wie sicher ich mich in so einer Krisensituation fühle, dadurch, dass ich in Deutschland lebe. Es ist beeindruckend, was Pflegekräfte und Ärzt*innen in Deutschland leisten und wie viele Schwerinfizierte gerettet und behandelt werden können. Verglichen mit anderen (europäischen) Ländern ist die Leistung und Ausstattung des deutschen Gesundheitssystem überdurchschnittlich.
Auch wirtschaftlich gibt es in Deutschland viele Absicherungen. Aktuell werden Coronafonds an gefährdete Unternehmen ausgezahlt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es so etwas in so einem profitorientierten Land wie beispielsweise Chile geben würde. Wenn die Menschen schon im Normalzustand täglich kämpfen, um über die Runden zu kommen, wie gestaltet sich der tägliche Kampf in Krisenzeiten? Da darüber wenig berichtet wird, wollte ich euch einen kleinen Überblick über die Situation in Kolumbien und Chile geben, den beiden Ländern, wo ich längere Zeit lebte.

Kolumbien

Kolumbien hat mittlerweile mehr als 2000 offiziell bestätigte Fälle. Im Vergleich zu Deutschland ist das sehr gering, was unter anderem daran liegen kann, dass viele Länder nicht so viel testen und die Dunkelziffer wesentlich höher liegt. Ein weiterer Grund für die niedrige Infektionszahl ist, dass die Regierung schnelle Maßnahmen ergriff, um die Ausbreitung des Virus einzudämmen. Seit dem 24. März gibt es eine landesweite Ausgangssperre. Vermutlich ist sich die kolumbianische Regierung bewusst, dass das Gesundheitssystem einen massiven Ausbruch des Virus nicht verkraften würde. Anders als in Deutschland dürfen sich die Menschen (außer denen, die noch zur Arbeit gehen) gar nicht mehr außerhalb des Wohnortes bewegen. Freund*innen in Kolumbien erzählten mir, dass sie nicht einmal zum Spazierengehen das Haus verlassen dürften. Wer einen Hund hat, dürfe täglich für zwanzig Minuten raus. Pro Haushalt dürfe eine Person einmal die Woche in den Supermarkt, um den Einkauf für die gesamte Familie zu erledigen. Wer wann in den Supermarkt darf, regelt sich über die letzten Ziffern des Personalausweises. Die Metropolen Kolumbiens lassen außerdem niemanden mehr in die Stadt hinein noch raus. So kam es, dass viele Familien seit der Ausgangssperre auf ihren Fincas im ländlichen Raum festsaßen und nicht zu ihrem Hauptwohnsitz in die Stadt zurückkehren konnten.
Die Universidad Nacional de Colombia, meine ehemalige Uni für ein Semester, verlegte die Kurse und Veranstaltungen in den digitalen Raum. Da jedoch nicht alle Studierenden gleichermaßen Zugang zu technischen Geräten und High-Speed-Internet haben, überlegen sie und die studentischen Gewerkschaften in einen digitalen Streik zu gehen. In Zeiten der Pandemie werden soziale Ungerechtigkeiten besonders deutlich.

Chile

In Chile ist die Situation besorgniserregend. Nicht nur ist das Gesundheitssystem fast vollständig privatisiert und kranke Menschen können sich eine Behandlung kaum leisten, sondern auch in politischer Hinsicht verschärft sich die Situation. Seit Oktober 2019 ist das Land im Ausnahmezustand. Chile*innen protestierten gegen die Verfassung, die zu Diktaturzeiten entstand und noch heute gilt, den rechtskonservativen Präsidenten Sebastián Piñera und seine neoliberale, ungerechte Politik. Wenn ihr mehr zu der Situation in Chile und die vergangenen Ereignisse erfahren wollt, schreibe ich gerne noch einen Extrabeitrag.
In den letzten Monaten gelangte das Militär unter Piñera zu viel Macht. Es kam während der Ausnahmesituation des nationalen Protests landesweit zu gravierenden Menschenrechtsverletzungen. In der jetzigen Situation kann die Regierung die Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus als legitimierte Begründung für politische Unterdrückung nutzen. Ende April sollte es einen Volksentscheid über eine neue Verfassung geben. Wie sich die Revolution in Chile jetzt in Coronazeiten gestalten soll, bleibt abzuwarten. Viele Menschen befürchten, dass die gravierenden Probleme des Landes – extreme Spaltung zwischen Arm und Reich aufgrund von neoliberaler, konservativer Politik – jetzt unter den Teppich gekehrt werden. Ausgangsbeschränkungen in Ländern mit ehemaligen Militärdiktatur, davon sind auch Argentinien und Brasilien betroffen, sehen wesentlich extremer aus, als beispielsweise in Deutschland. Spaziergänge sind nicht möglich. Darüber hinaus wird befürchtet, dass das Gesundheitssystem einer massiven Ausbreitung des Virus nicht standhält.
Wie in vielen Ländern sind auch in Chile die Universitäten, Schulen und anderen Institutionen geschlossen. Zuhause bleiben und nicht zur Arbeit gehen zu können, treibt einen Großteil der Bevölkerung, die keine Rücklagen besitzen, in die Existenzkrise. Staatliche Hilfe gibt es keine. Von zuhause aus ohne massive Einschränkungen arbeiten zu können, ist eben auch ein Privileg und nicht in allen Berufen und Ländern gleichermaßen möglich.


Gerade merke ich, wie wichtig mein zukünftiger Beruf in Krisen ist. Journalist*innen sind nicht wegzudenken aus einer solchen Situation. Wir leben in einer Informationsgesellschaft, brauchen Daten und Fakten, um Entwicklungen verstehen zu können, müssen darüber informiert werden, was passiert, warum und wie es weitergeht. Ich hoffe, dass ich meinen Beitrag zur Gesellschaft damit leisten kann. Trotzdem denke ich an all die Menschen, die jeden Tag aufs Neue mit vollem Einsatz arbeiten, unermüdlich trotz verständnisloser, ungeduldiger, unsicherer Menschen. Ich werde meinen Dank nicht vollständig ausdrücken können und hinterfrage mich, warum ich die Leistungen der Menschen, die in Supermärkten oder in den Verkehrsbetrieben, sowie systemrelevanten Berufen arbeiten, bisher weniger wahrgenommen habe.
Wir merken, welche Menschen in Krisenzeiten für uns da sind. Es tut gut zu reden und sich auszutauschen. Wir müssen uns jetzt nicht selbst übertreffen und mehr leisten als sonst. Aber wir sollten mehr füreinander da sein, uns solidarisieren und nicht gegenseitig das Leben zusätzlich schwer machen. Seid dankbar, für die Dinge, die gerade gut laufen, vielleicht sogar schon immer gut gelaufen sind, die sonst so selbstverständlich waren. Bäume und Blumen fangen an zu blühen, der Frühling kommt, warme Sonnenstrahlen auf der Haut. Das Wetter versucht uns die letzten Tage mit aller Kraft aufzuheitern.

Der Frühling kommt.

Sofern wir können, sollten wir alle einen Beitrag leisten und uns gegenseitig Hilfe anbieten. In dem Sinne: bleibt gesund, bleibt optimistisch!


Weisheit des Tages: Vielleicht erleben wir gerade eine Zeit, in der wir zu dem Ursprünglichen zurückzukehren. Uns über die kleinen, sonst so selbstverständlichen Dinge erfreuen und dafür dankbar sind.

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