Alles nur ein Traum – ein wunderschöner Traum

Bald ist es zwei Monate her, dass ich wieder in Deutschland bin. Wie zwei Monate hat es sich gar nicht angefühlt. Viel eher, als wenn ich nie weggewesen wäre. Hier ist alles so wie immer. Kaum Veränderungen. Berlin ist ständig in Bewegung. Mal wird dort neu gebaut, neue Menschen ziehen hinzu oder weg – aber eigentlich ist es noch genau das Gleiche, wie vor einem Jahr.

Über ein Jahr ist es her, dass ich diese bunte Stadt verließ und mein Abenteuer Richtung Südamerika startete. Das Jahr, die Zeit in Südamerika, die vielen Erfahrungen, ständig Neues – ich habe es sehr genoßen. Ich habe viel gelernt. Konnte viel mitnehmen. Und jetzt fühlt es sich doch so an, als wäre es nie passiert. Habe ich mir das alles eingebildet? Die große, quirlige Hauptstadt Bogotá, die mich täglich neu begeisterte? Die traumhaften Reisen, durch den Amazonas, entlang der Pazifikküste, durch die Gletscherlandschaften in Chile und Argentinien. War das wirklich real? Landschaften, die jeden Reisekalender übertreffen. War ich wirklich dort gewesen?

Seit ich im August in Berlin wieder ankam, wurde ich direkt in den Alltagsstress gezogen. Arbeiten, Uni, Zukunft planen. Es ging viel schneller, als erwartet. Der süße Geschmack des Ankommens nach einer langen, anstrengenden, erlebnisreichen Reise, das Erste mal seine Familie und Freunde wiedersehen. Wenn die Gerüche der Großstadt, der U-Bahn, des eigenen Zimmers und des Haustiers nach so langer Zeit wieder in die Nase strömen und so viele Bilder und Erinnerungen im Kopf abgerufen werden. Dieses Gefühl – zurückzukommen – ist bittersüß. Ich fühlte mich wie in mehrere Teile getrennt. Ein Teil war wieder zuhause, so glücklich, das Gewohnte wiederzusehen – alles so wie immer. Andere Teile von mir waren noch an den Orten verteilt, wo ich lebte, lernte. Es wirkte gar nicht so einfach die Psyche mit dem physischen Körper in Einklang zu bringen. Und doch kannte mein Körper noch jedes Detail. Es war einfach wieder nachhause zu kommen. Ich wurde liebevoll erwartet, ich freute mich, wieder da zu sein. Trotzdem fiel es mir nicht leicht. Ein Teil fehlte.

Viel zu schnell ging diese anfängliche Freude, das erste Erleben des gewohnten Alten nach so langer Zeit, über in einen schnelllebigen Alltag. Es gab viel zu tun und ich war überfordert mit den ganzen Verpflichtungen, die aufploppten. Mir blieb keine Zeit anzukommen, zu reflektieren, was gerade mit mir passierte. Von mir wurde erwartet, gleich wieder die gewohnte Person zu sein. So wie immer, wie der Rest auch. Ich merkte, das ging nicht. Ich war nicht mehr die gleiche Person, die vor einem Jahr Deutschland verließ. Jene fernen Teile, die ich irgendwo zwischen Kolumbien und Chile verloren hatte, fühlten sich unverstanden. Ich nahm mir keine Zeit für sie.

Vielleicht sind das wirre, unverständliche Gedanken, die mir durch den Kopf gehen. Ein erster ehrlicher Moment, wo ich versuche zu sammeln, was in mir vor sich geht. Viel zu schnell vergeht die Zeit. Viel zu weit weg wirkt das Erlebte. Jetzt schon kann ich mir nicht mehr vorstellen, dass ich wirklich in Kolumbien war, in Chile lebte, so viele Menschen kennenlernte und so viele Orte sah. Jetzt fühlt es sich an, als wäre es nur ein Traum gewesen, der sich zunehmend verdunkelt. Bald schon werde ich mich nicht mehr an ihn erinnern können, so wie Träume nach dem Aufwachen immer unklarer werden. Wie kann ich dagegen ankämpfen?

Immer wieder sage ich mir, dass ich wirklich dort war und lebte. Ich lebte in jenen Momenten. Und das will ich auch heute tun. Momentan bin ich glücklich. Ich weiß, dass ich am richtigen Ort bin, an der richtigen Stelle. Es fühlt sich richtig an. Denke ich…
Momentan spüre ich keine unerträgliche Sehnsucht nach einem Ort, der so weit weg ist. Keine Sehnsucht nach dem Lebensgefühl, das mich immer wieder aufs Neue nach Kolumbien zog. Momentan will ich hier sein, wo ich bin. Gleichzeitig möchte ich, dass mir bewusst ist, dass die anderen Teile von mir existiert haben. Ich habe sie mir nicht ausgedacht.

Ankommen ins Alt-Neue kann schwieriger sein, als gedacht. Sich in eine Welt einzugliedern, in die man einmal so gut gepasst hat, die sich jetzt ein wenig verkehrt anfühlt. Südamerika ist für mich kein abgeschlossenes Kapitel. Es ist noch nicht vorbei. Irgendwo tief in mir drin, steckt es. Ich möchte es nicht unterdrücken und Kleinreden, wie ich es die letzten Wochen getan habe. Als Teil von mir, möchte ich mich an bewusster an das erlebte erinnern.

Ich weiß nicht, ob sich jemand in diesem Text wiederfindet. Gefühle sind so kompliziert zu beschreiben. Und trotzdem versuche ich es.

Weisheit des Tages: Ein bisschen in schönen Erinnerungen schwelgen, kann gut tun. Das möchte ich zulassen, auch wenn es gleichzeitig weh tut.