Vom Minimalismus und dem Füllen der großen Leere

– 109 Tage in Chile –

Die Berge in Santiago de Chile sind jetzt mit Schnee bedeckt. Der Herbst ist da und der Winter rückt näher. Auf dem Markt gibt es kaum noch Obst, zu kalt ist es geworden. Mir war nicht bewusst, dass es so kalt hier werden würde! Als ich vor fast einem Jahr meinen Rucksack packte, bereitete ich mich auf fast alle Klimavariationen vor, bis auf den Winter. Nun fehlen mir dicke Pullis und Winterjacken. Schon jetzt freue ich mich auf den Sommer in Berlin.

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Ausblick aus meinem Fenster

Im letzten Jahr, bevor ich meine zwei Auslandssemester in Südamerika startete, habe ich eine interessante Erkenntnis gehabt, die sich mit einem vorbelasteten Wort benennen lässt: Minimalismus. Jede*r kann sich etwas unter dem Begriff vorstellen. Weiße, sterile Wohnungen ausgestattet mit einem Möbelstück pro Raum und der perfekten, grünen Zimmerpflanzen. Ein Bilderbuch wie vom Instagramprofil.

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Minimalismus ist nicht gleich Minimalismus. Das einmal vorab. Was bedeutet es für mich? Wie kam ich dazu? Wie passt Minimalismus mit einem Jahr im Ausland zusammen?


Meine Mutter kann es wohl bestätigen, ich hatte ein kleines Shoppingproblem als ich in Teeniezeiten jedes Wochenende in Läden unterwegs war und (jedes Mal) das neunundsiebzigste Shirt kaufte. Der Kleiderschrank wurde voller, die Zeit jeden Morgen, die ich vor dem vollen Schrank stand ohne etwas zum Anziehen zu finden, länger. Paradox und doch wahr. Hand auf’s Herz. Wer beobachtet dieses Phänomen bei sich? Die naheliegendste Lösung: mehr kaufen, damit es mehr Optionen gibt!

So funktionierte es für mich nicht. Bei einer Kleidertauschparty im letzten Jahr fing ich bei den Massen an Klamotten, die alle mitbrachten, an, mich selbst zu hinterfragen. Wieviele von den Kleidungsstücken hortete ich schon seit Jahren ohne an sie zu denken oder sie anzuziehen? Wir alle haben dieses eine Oberteil, dessen Anlass noch kommen wird! Eines Tages… Nicht!
Während der Kleidertauschparty, bei der alle loswerden und niemand mitnehmen wollte, legte sich in meinem Kopf ein Schalter um. Ich fing an mich mit dem Thema zu beschäftigen, sah Videos auf YouTube und Dokumentationen auf Netflix. „The True Cost“ ist wohl eine der bekanntesten Dokus, die einiges in mir bewegte. Sehr empfehlenswert! Dieser Einblick in die Modeindustrie ließ mich schockiert zurück und mir wurde klar, ich will nicht länger Teil dieses toxischen Kreislaufs sein. Den wahren Preis möchte ich nicht mehr zahlen.

Vor einem Jahr fing ich an mehr auszusortieren, als neu zu kaufen. Der radikale Minimalismus begann, als ich im Juli 2018 meinen 65 Liter Reiserucksack für zwei Auslandssemester und ein Jahr reisen, packte. Was werde ich in einem Jahr brauchen? Was möchte ich anziehen?
Aus der Vielfalt an Kleidung kamen nur die Stücke mit, die ich wirklich liebe und in denen ich mich wohlfühle. Ich schaffte es für ein Jahr 18 Kilogramm zu packen, Kleidung, Kosmetik und alles, was man sonst zum Leben braucht.

In Kolumbien merkte ich schnell, ich brauche das andere Zeug, das noch immer in den Tiefen meines Zimmers in Berlin schlummert gar nicht. Mir wurde bewusst, alles was ich brauchte, hatte ich bei mir. Ein wenig cheesy, aber ich war begeistert und fühlte mich wohl damit.
Wer meine Beiträge aus Kolumbien gelesen hat, weiß, ich war rundum glücklich. Meine Zeit verbrachte ich mit interessanten Menschen, abwechslungsreichen Unternehmungen und der Verarbeitung neuer Eindrücke. Ich verspürte nicht das Bedürfnis zu kaufen. Alles, was ich brauchte, hatte ich bereits.

Wenn das Leben erfüllt ist, muss der Kleiderschrank nicht gefüllt werden. Mein Bedürfnis nach Glück erfüllte ich mit Freude am Leben in Kolumbien. In Chile hingegen verfalle ich in alte Muster. Seit dreieinhalb Monaten lebe ich in Santiago de Chile und trotz toller Aktivitäten und neuen Erfahrungen, versuche ich mit Käufen etwas zu kompensieren. Glücklich kaufen klappte doch früher auch?
Heute weiß ich, dass es mich nur kurzfristig glücklich macht und später ärgere ich mich, dass ich wieder ein Teil mehr besitze, dass ich gar nicht brauche.
Es gibt einen Unterschied zwischen brauchen, wenn beispielsweise Löcher in Socken nicht mehr zu stopfen sind und glauben zu brauchen. Einen schlechten Tag gehabt? Schnell zu H&M rein und sich einen Moment lang glücklich kaufen. Kapitalismus lässt grüßen.

Ganz unbewusst sehne ich mich hier nach Dingen. Klamotten, Büchern und was mir sonst noch so über den Weg läuft. Irgendetwas kaufen. Vorher fiel es mir leichter. Ich hatte einfach nicht das Bedürfnis zu kaufen. Das Leben füllte mich so aus, dass ich nichts weiteres brauchte. Ich war erfüllt. Glück in jeder Körperzelle. Es war ein schönes Gefühl. Ich fühlte mich so lebendig.

Hier in Chile merke ich, ich komme dem Bedürfnis zu kaufen wieder nach. Eigentlich wollte ich neulich nur mein Ladekabel umtauschen. Als ich mich dann im Flohmarktviertel Santiagos umgeben von gebrauchten Klamotten und Büchern wiederfand, wollte ich nur fünf Minuten gucken. 15 Minuten später waren 11€ weg und vier neue Teile da. Ist doch halb so wild, versuche ich mich zu beruhigen. Doch es klappt nicht. Ich weiß, dass ich die zwei Pullis und zwei T-Shirts nicht brauche. Ich habe genug.
Die Klamotten gefallen mir wirklich. Aber warum, wenn ich sie nicht brauche? Ich habe mich aus einem inneren Bedürfnis heraus leiten lassen und griff ins Portmonee. Eine große farbenlose Leere, die wartet gefüllt zu werden. Vorher war sie nicht da und jetzt muss ich sie irgendwie füllen, unbewusst.

Zum Minimalismus gehört für mich auch ein bewusster Umgang mit den Dingen, die ich besitze. Ich möchte keine Fast Fashion Industrie mehr unterstützen. Bei der Produktion von Kleidung werden sehr viele Ressourcen benutzt. Ich werde auch nicht mehr dem halbjährlichen Modetrend, den die Industrie ins Leben ruft, um Geld aus den Taschen zu ziehen, hinterherrennen.
In Kolumbien und Chile bin ich auf den Second Hand Geschmack gekommen. „Shoppen“ macht so viel mehr Spaß, denn ich wertschätze die Teile, die ich finde mehr. Jeder Fund ist eine kleine Errungenschaft. Und wenn ich nichts finde, was mir gefällt? Ist auch nicht schlimm. Es hängen immer noch genug Teile im Schrank.

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Fünf von sieben sind Second Hand

Zu sein und nur die Dinge zu besitzen, die ich wirklich brauche, das ist für mich Minimalismus. Im Idealzustand sehne ich mich nicht nach mehr, sondern wertschätze die Dinge, die ich bereits habe. Mit weniger Gegenständen und Kleidung habe ich mehr Zeit für’s Leben. Ich möchte mich nicht über meiner Kleidung definieren, sondern über meine Charakterzüge und Eigenschaften, Erlebnisse und Erfahrungen.
Zwar machen Kleider Leute, aber auch Selbstbewusstsein, Auftreten, Humor und Umgang mit den Mitmenschen machen Leute. Ich bezweifle, das meine Freunde sich aufgrund meines Kleidungsstils mit mir anfreundeten.

Schöne Momente genießen

Ich freue mich darauf meinen Kleiderschrank, Bücher & Co. auszusortieren, wenn ich wieder zurück bin. Nach einem Jahr wird mir erst so richtig auffallen, wieviel Zeug ich wirklich habe und nicht brauche. Ich möchte mich nicht mehr permanent nach etwas zu sehnen, was ich besitzen will. Das ist nämlich echt anstrengend. Stattdessen möchte ich einfach sein und erleben, egal, ob ich nach der neuesten Mode gekleidet bin oder nicht.

Weisheit des Tages: Manchmal brauchen wir weniger zum Leben, als wir gedacht hätten.

Mein Norden ist der Süden

– 26 Tage in Chile –

„Mi Norte Es El Sur: Qué dice Latinoamérica“.
Durch eine Gruppe der Uni bin ich auf das „Festival de Cine de Mujeres“ im Museum Violeta Parra aufmerksam geworden. Leider konnte ich mich erst am letzten Tag, den Sonntag, motivieren einen der vielen internationalen Filme des feministischen Filmfestivals zu besuchen. Dafür hat es sich sehr gelohnt und ich bin tiefgrübelnd mit vielen Gedanken aus dem Kinosaal gegangen.

„Mein Norden ist der Süden: Was sagt Lateinamerika“ heißt der Film der audiovisuellen Produzentin Amanda Puga Salman, der am Sonntag präsentiert wurde. Im Jahr 2013 begab sich die Chilenin auf eine Reise quer durch Lateinamerika. Am Anfang beschreibt sie, wie sie raus aus dem konsumorientierten, neoliberalen Chile wollte, um zu sehen, wie andere Länder leben. Ihr Weg führte sie nach Kuba, Venezuela, Kolumbien, Ecuador, Peru und Bolivien.
Der Film war in mehrere Abschnitte geteilt: „Was ich sehe“, „Was mir gesagt wird“, „Die Wahrheit“. In jedem Abschnitt kommen verschiedene Menschen jedes Landes zu Wort und erzählen von den Problemen, mit denen sie in ihrem Land konfrontiert werden. Zwischendurch sind Landschafts- und Alltagsszenen zu sehen. Mit dem Fortschreiten des Films nimmt das Tempo zu. Abschnitte der verschiedenen Orte werden immer schneller, vermischen sich miteinander. Anfangs wurden die Zuschauenden noch
an die Hand genommen. „Jetzt sind wir in Kuba.“ „Das beschäftigt die Menschen in Venezuela.“ Gegen Ende des Films konnten die Menschen und Länder nicht mehr auseinandergehalten werden. Kuba, Venezuela, Kolumbien, Ecuador, Peru, Bolivien, sie alle wurden zu einem Land vermischt: Lateinamerika.

Der Film war deprimierend! Aber beeindruckend. Amanda sprach mit so vielen Menschen, hat so viele Geschichten gezeigt und Hintergründe verständlich gemacht. Dinge passieren, die wir uns im ordentlichen Deutschland gar nicht vorstellen können. Im Chocó, Kolumbien, erlebte sie einen Guerrillaangriff, den sie aufnahm. Die Menschen, bei denen sie unterkam, waren nicht beunruhigt, sie fingen an zu lachen.
Ausnahmesituationen und Alltagsszenen. Eine Kubanerin erzählt, wie sie niemals eine Languste kaufen dürfe. Das ist nur für die Touristen auf Kuba. Sie fing an laut zu lachen: „Stell dir vor, was sie mit mir machen würden, wenn sie mich mit zwei Langusten erwischen!“. Es ist traurig, doch durch ihre sympathische Art fängt man an zu schmunzeln. Wie albern, was sich die kubanische Regierung für ihre Menschen ausgedacht hat.
In Venezuela regt sich ein Mann auf, dass propagiert wird, wie der Imperialismus bekämpft wurde, weiterhin aber keine venezolanischen Produkte innerhalb des Landes verkauft werden. Kaffee aus Brasilien, Käse aus Uruguay, Kekse aus Chile. „Wir haben den besten Kaffee der Welt! Warum verkauft uns unsere Regierung nur ausländische Produkte?“ Venezuela ist wohl das Land, welches sich seit der Aufnahmen am meisten verändert hat. Solche Filme wären jetzt wahrscheinlich gar nicht mehr möglich.
Bei ihrer Reise in Medellín sprach Amanda mit einem Mann, der ihr von dem Bürgerkrieg Kolumbiens erzählte. Frustriert erzählt er wie die FARC damals sich das nahm, was sie wollte, ohne jegliche Konsequenzen. Auch Kolumbien hat sich seitdem sehr verändert. Mittlerweile sind Reisen auf den damals gefürchteten Landstraßen möglich ohne Überfälle. Die FARC existiert offiziell nicht mehr. Kolumbien ist auf dem Weg zum Frieden.
Auf einem kleinen Markt in Quito aß Amanada Mittag mit zwei Ecuadorianern. Sie sprechen über die Korruption und Politik des Landes.
Am Strand von Huacachina sitzt sie mit einem Peruaner, der deutlich macht, wieviel Geld in die Taschen der Regierung wandert, wo doch die Bevölkerung es am meisten bräuchte.
In Bolivien unterhält sie sich über die Probleme der indigen Bevölkerung.

Immer schneller werden die Länder vermischt, so dass am Ende ein einziges übrigbleibt. Was in dem Film gezeigt werden sollte: alle Länder des Kontinents sind Lateinamerika. In jedem Land gibt es ähnliche Probleme. In Lateinamerika ist der Unterschied zwischen Arm und Reich viel zu groß, korrupte Politik nutzt vor allem die Minderheiten aus, Landeskulturen und indigene Völker werden benachteiligt und fast vergessen. Probleme, die in allen lateinamerikanischen Ländern auftreten. Jedes Land kämft heute noch mit seiner eigenen Geschichte. Im letzten Jahrhundert durchlebten viele lateinamerikanische Länder eine rechte Militärdiktatur. Die Geschichten entwickelten sich parallel bis heute.

Für mehr Informationen zu dem Filmprojekt schaut auf Mi Norte es el Sur vorbei.

Ich war beeindruckt von dem Film. Er ließ mich mit vielen Eindrücken zurück. Anschließend gab es eine Diskussion mit der Produzentin und der Regisseurin des Films. Ein Chilene aus dem Publikum meldete sich zu Wort: „Mich macht es traurig, dass Chile sich so fernab von Lateinamerika sieht. Wir sind doch auch ein Teil davon! Immer wird es damit begründet, dass wir durch die Andengebirgskette von allen abgeschnitten sind, dabei ist Argentinien nur wenige Stunden entfernt.“ Er erzählte, wie toll er es finde, dass mit Menschen, die aus Kolumbien, Ecuador oder Venezuela kommt, auch deren Kultur herkommt. „Jetzt gibt es Arepas und venezolanische Empanadas an jeder Ecke. Wir hören kolumbianische Musik. Das ist doch etwas Tolles, wie sich die Kulturen vermischen! Eine Bereicherung!“

Seine anfänglichen Worte passen zu dem, was ich in Chile bisher erlebte. Chile ist besser und hat nicht die gleichen Probleme wie die anderen lateinamerikanischen Länder. Hier geht es den Menschen gut und sie können von internationalen Produkten zehren. Es gibt keine Armut und Gewalt oder Korruption. Alles funktioniert perfekt.
Will Chile so auf andere Länder wirken? Strebt es so sehr Europa und den USA nach, dass es seine eigenen Ursprünge vergisst?

Isabel Allende schrieb in ihrem Buch „Mein Erfundes Land“:

Die Abgeschiedenheit gibt uns Chilenen die Mentalität eines Inselvolks, und die großartige Schönheit des Landes macht uns überheblich. Wir halten uns für den Nabel der Welt […] und kehren Lateinamerika den Rücken, da wir uns von jeher mit Europa vergleichen. Wir sind egozentrisch und brauchen den Rest des Universums einzig, damit er unsere Weine trinkt und Fußballmannschaften zusammenstellt, die wir besiegen können.

In Kolumbien war das immer etwas, was ich sehr bewundert und genossen habe. Dort spürte ich lateinamerikanisches Temparement. Ich habe das Gefühl, dass vor allem die mittel- und nordsüdamerikanischen Länder sich gegenseitig stärken wollen (auf gesellschaftlicher Ebene, nicht politisch). Ein Thema, dass in Street Art, Kunst und Musik häufig aufgegriffen wird. Hört euch das Lied von Calle 13 – Latinoamérica an.
Chile will sich bewusst davon abgrenzen. Vor allem an der Uni und in jüngeren Generationen merke ich, dass sie sich mehr Lateinamerika zugehörig fühlen wollen. Sie wollen auch mit Stolz sagen: Ich bin Latinx.

Ich finde es toll, dass ich die Möglichkeit hatte, so viel von Südamerika zu sehen. Während der Film lief, verglich ich das Gehörte mit eigenen Erfahrungen. Besonders musste ich mich an die Peru– und Bolivienreise zurückerinnern, die ich 2017 unternahm.
Als Europäerin fühle ich mich ein bisschen außen vor, so als ob ich zu dem Thema nichts sagen dürfte. Aber vielleicht ist das auch nur mein persönliches Empfinden, denn bisher haben sich die meisten darüber gefreut zu hören, dass ich mich colomboalemana (kolumbianischdeutsch) fühle.

Graffiti an der Universidad Nacional de Colombia
Graffiti an der Universidad Nacional de Colombia

Weisheit des Tages: Lateinamerika ist eins. Und doch so unglaublich groß, vielfältig und verschieden. Je mehr wir versuchen Länder auf ihre Unterschiede zu vergleichen, desto mehr Gemeinsamkeiten können wir entdecken und wertschätzen.

Bogotá, eine Liebe

– 1 Tag nach der Abreise –

Das Schwerste zum Schluss: Abschied nehmen!
Nie hätte ich gedacht, dass 190 Tage so schnell vergehen könnten. Ich erinnere mich noch genau, als die Zusage der Universidad Nacional de Colombia Mitte Juni kam. Alles ging ganz schnell und nach einem Monat saß ich schon im Flieger nach Bogotá, voller Erwartungen, Vorstellungen und Träume.

Damals dachte ich, es wäre gewagt mit so vielen Erwartungen in das Auslandssemester zu starten. Nach einem Jahr in Kolumbien und weiteren Besuchen zwischendurch, war es für mich nicht ein komplett unvorhersehbares Abenteuer. Ich wusste schon ein wenig, was mich erwarten würde, kannte Kolumbianer*innen, die mir helfen würden. Es war ein bisschen wie nachhause kommen.

Bogotá, hat mir nie gefallen. Von Tunja aus war ich einige Male in der chaotischen Millionenstadt und ich konnte ihr nichts abgewinnen. Zu grau, zu viele Menschen, zu unsicher. Die ersten Tage dachte ich, ich würde mich nie sicher und wohl fühlen können. Gerade in der TransMilenio fühlte ich mich fremd, ausländlisch, angreifbar.
Schneller als gedacht, fing ich dann doch an die Stadt zu schätzen.
Das erste Mal in meinem Leben fühlte ich mich an einer Universität wohl und verbrachte selbst vor und nach den Klassen Zeit dort. Die Atmosphäre an der Nacional ist einzigartig. So viel passiert hinter den Zäunen der Nacho. Jedes Mal, wenn ich das Gelände betratt, stieg ich in eine andere Welt. Vor jedem Gebäude versammeln sich Menschen, die in kleinen Gruppen zusammenstehen und reden. Direkt wenn man die Uni über den Eingang der Calle 26 betritt, ist das erste Gebäude zur rechten Diseno Gráfico. Auch wenn die Räume kalt und kaputt wirken und das Dach herunterkommt, hier habe ich gerne Klassen besucht!
Weiter geradeaus laufe ich direkt auf die Plaza Che zu. Zur linken sehe ich das Wandgemälde, an dem ich mitgemalt habe. Dort verbrachte ich angeregte Diskussionen mit meinen Freunden der Politikwissenschaften und Jura.
Auf der Plaza Che betrachtete ich gerne das Treiben. Zwischen den vielen Essensständen und chazas (kleine Läden, wo Studierende Süßigkeiten und Zigaretten verkaufen) wurden hier die marchas vorbereitet. Hier versammelte sich die Masse, um dann mit gesammelter Kraft ins Regierungsviertel oder andere Orte der Stadt zu marschieren.

 

 

 

Es war ein besonderes Semester! In einigen Jahren werden die Studierenden noch davon reden. Der Streik dauerte lange und doch ist noch ungewiss, ob er seinen Zweck erfüllt hat und auf lange Sicht das Denken der kolumbianischen Bildung verändern kann.
Ich habe zwar nur fünf Wochen lang wirklich studiert, aber die Erfahrungen, die ich danach sammelte, waren auf jeden Fall einzigartig! Das wäre mir an einer Uni in Deutschland wohl nie passiert. Ich habe viel gelernt! Über Politik, über Bildung, über Kolumbien, über Deutschland, über mich!

Auf dem Weg zum Eingang der Calle 45 höre ich schon von Weitem die Musikstudierenden. Täglich üben sie auf den verschiedensten Instrumenten, mal mehr, mal weniger gut. Vor allem das Saxofon hört man von der Distanz aus. Rechts ist das bunt bemalte Museum der Uni. Alle paar Wochen wird die Ausstellung geändert. Ich bin gerne hingegangen, wenn es etwas Neues gab.
Überall riecht es nach frisch gemähtem Rasen und Gras. Unter den schattenspendenden Bäumen liegen kuschelnde Pärchen und Freundesgruppen essen das von zuhause mitgebrachte Essen aus Büchsen. Drum herum sind Gruppen von Menschen, die jonglieren, balancieren, tanzen, Sportübungen und Yoga praktizieren, rappen oder sonstige Arten von Kursen veranstalten.

 

 

Die UNAL ist für mich ein besonderer Ort! Auf dem Weg zum Flughafen war es der erste Ort, an dem ich anfing zu weinen. Jeden Tag, den ich zur Uni ging, lief ich über die große Brücke der 26ten und genoß den schönen Anblick Bogotás. Das war immer der Moment, als ich dachte: ja, hier bin ich glücklich! Eine bunte, chaotische Großstadt, die im Hintergrund von hohen Bergen umsäumt wird. Ganz oben an der Spitze der Berge sieht man el monserrate.

 

 

Ich werde Vieles vermissen aus Bogotá!
Die Uni, tolle Menschen, die ich während der Zeit kennenlernen durfte, interessante Unterhaltungen über Politik, menschliche Beziehungen und kulturelle Unterschiede, Kolumbiens Vielfalt an Musik und Tänzen, die ausgelassenen Partys im Theatron, lateinamerikas größtem Schwulenclub, und anderen Clubs oder auch spontane Unternehmungen mit Freunden, die ciclovía an den Sonntagen, an denen die Stadt voll mit fahrrad- und rollschuhfahrenden Menschen ist, die bunten Märkte, die eine Vielfalt an frischem Obst und Gemüse aus dem campo anbieten, der mercado de las pulgas an den Sonntagen in der Séptima, auf dem es nichts gibt, das es nicht gibt, eine schöne Aussicht auf die Stadt, ob vom monserrate oder Torre de Colpatria aus, bunte Graffitis und Häuser mit viel Geschichte in der Candelaria, Picknicks in einem der vielen grünen Parks, wie dem Parque Simon Bolívar, die vielen Bars und Restaurants in der Calle 85, internationale Restaurants im barrio Macarena, kleine Leckereien aus den zahlreichen panaderías (Bäckerei) und tiendas (Laden), die es unheimlich günstig gibt, ja, vielleicht sogar das typisch kolumbianische Essen und die überfüllten TransMilenios werden mir fehlen.

 

 

Bogotá sprüht vor Leben! An jeder Ecke gibt es etwas zu entdecken. Nie werde ich die Stadt komplett gesehen haben. Ständig gibt es Neues zu erleben und zu sehen. Bogotá ist reich an Kultur und Veranstaltungen. Zu kurz war die Zeit, um alles zu sehen. Trotzdem weiß ich ganz genau: ich liebe diese Stadt! Ich habe mich noch nicht sattgelebt an Bogotá. Ich weiß jetzt schon, ich will wiederkommen.

Der Abschied von Bogotá fühlt sich an wie ein Schlag ins Gesicht. Über sechs Monate habe ich mir ein Leben aufgebaut, eine Routine (trotz Streik) und Freundschaften entwickelt. Jetzt werde ich aus dem Leben herausgezerrt und weiß nicht, wann ich wiederzurückkommen kann.
Geplant hatte ich, dieses Semester zu nutzen, um mich ein bisschen von Kolumbien zu verabschieden. Stattdessen habe ich mich mehr verliebt! Für immer wird es ein zweites Zuhause für mich sein! So viele Dinge gibt es, die ich an Land und Leuten schätze.

Ich bin dankbar! Dankbar für all die Erfahrungen die ich sammeln konnte, alle wunderschönen Orte, die ich kennenlernte und vor allem dankbar für die Menschen, die mich während der Zeit begleitet haben und mich zu der Person gemacht haben, die ich heute bin.

¡Gracias Colombia!
¡Gracias por todo!

Weisheit des Tages: ein Teil von mir wird immer in Kolumbien sein!

Vom Karneval in Pasto über Quito bis zur Küste

– 186 Tage nach der Ankunft –

Kolumbien ist wunderschön und reich an Kultur! Da die Universidad Nacional die Klassen erst für den 21. Januar angesetzt hatte, habe ich die freie Zeit genutzt, um in eine Ecke Kolumbiens zu reisen, die ich noch gar nicht kannte.
Nariño im Süden Kolumbiens. Einer der Gründe, warum ich bisher nicht da war, ist die Sicherheit. Nariño war während meines Freiwilligendienstes rote Zone (und ist es heute wahrscheinlich auch noch). Das departamento ist deshalb unsicher, weil dort heute noch Guerrilla und Paramilitärs präsent sind. Nah an der Grenze zu Ecuador ist es ein geeigneter Ort, um Drogen und andere Güter zu schmuggeln. Die Hauptstadt Nariños, San Juan de Pasto, eine Kleinstadt mit rund 380.000 Einwohner*innen, ist auch deshalb gefährlich, da sie fernab von jeglichen anderen großen Städten ist. Ganz nach dem Motto: was in Pasto passiert, bleibt in Pasto.

Warum tratt ich trotzdem am 4. Januar eine 18-stündige Busfahrt von Bogotá nach Pasto an?
Vom 2. bis zum 7. Januar findet in Pasto der zweitgrößte Karneval Kolumbiens (nach dem in Barranquilla) statt: Carnaval de Negros y Blancos (Karneval der Schwarzen und Weißen). Der Karneval hat seinen Ursprung in der Fusion verschiedenster Kulturen. Im Jahr 1546 wurde er das erste Mal zelebriert und wurde 2002 von der UNESCO als Immaterielles Kulturerbe ausgezeichnet.
Nach der langen Busfahrt kam ich am 5. Januar an, am día de los negros (Tag der Schwarzen). Dieser Tag ist den schwarzen Sklaven gewidmet, die nach Kolumbien kamen. 14% der kolumbianischen Bevölkerung sind Nachkommen der schwarzafrikanischen Sklaven. Heute leben viele Dunkelhäutige vor allem in den Küstenregionen des Landes. In Kolumbien gibt es sehr viel Rassismus und Diskriminierung gegenüber Schwarzen. Am 5. Januar in Pasto ist das nicht der Fall. An dem Tag malen sich die Menschen gegenseitig schwarz an. Motto des Tages ist: ¡Que vivan lxs negros! Ich wusste nicht, was mich beim Festival erwarten würde, war aber auf jeden Fall überrascht. Auf dem Plaza Nariño stürmten Menschen aufeinander zu, um sich bunte und schwarze Farbe ins Gesicht zu schmieren, Mehl wird herumgeworfen und Schaum gesprüht. Alle fünf Minuten sah ich anders aus. Nebenbei traten verschiedene Musikgruppen aus der Pazifikregion Kolumbiens auf zu deren Musik getanzt wurde. Ein Riesenspaß!

 

 

 

Am 6. Januar ist der Karnevalsumzug. Durch ganz Pasto ziehen Tänzer*innen, Musiker*innen und die verschiedensten Leute mit ihren bunten Karnevalswägen, einer umwerfender als der andere. Am Ende des Karnevals wird ein Gewinner für den einfallsreichsten Karnvealswagen gekürt und bekommt ein Preisgeld. In den ausgefallen, aufwendigen Wägen stecken Monate Arbeit drin! Kolumbiens kulturelle Vielfalt wurde in diesen Stunden ausgelebt. Tänze aus allen Regionen des bunten Landes. Kinder, Frauen und Männer, alle tanzten zusammen, sangen und feierten. Alle Menschen machten mit. Wenn kein Platz zum Tanzen in den Menschenmassen war, so musste mindestens mit dem Kopf oder dem großen Zeh mitgewippt werden. Ich war überwältigt von der Kultur, die an dem Tag präsentiert wurde. Der Carneval de Negros y Blanco ist ein tolles Ereignis, dass mir die Lebensfreude und Vielfalt Kolumbiens mal wieder gezeigt hat. Kolumbien verzaubert!

 

 

 

Nach so einem guten Start in die Reise ging es aufregend weiter. Nach dem Karneval stellte ich fest, dass einige Freunde von mir auch in Pasto waren. Wir unternahmen einen Ausflug zur Laguna de la Cocha. Während des Ausfluges stellten wir fest, dass wir die gleiche Reiseroute hatten und reisten die nächste Woche gemeinsam. Die schönen Zufälle des Lebens.

La Laguna de la Cocha ist ein 40km2 großer, natürlicher aus Gletschereis bestehender See, ca. 40 Minuten von Pasto entfernt. Nach der Laguna de Tota en Boyacá, die ich 2016 besuchte, ist sie die größte Lagune Kolumbiens und mit 2.800 Metern über dem Meeresspiegel auch die zweithöchste. El Encano, der letzte Ort vor der Lagune, ist voll mit Restaurants, touristischen Ständen und Verkäufer*innen. Vor Jahren kam wohl eine holländische Frau in den Ort und gestaltete die Häuser nach holländischem Stil. Ein kleiner, bunter Ort mit vielen Leckereien, die man probieren kann.

 

 

 

Von dort aus nahmen wir ein Boot zur Isla la Corota. Auf der Insel betritt man für einen Eintrittspreis das Naturreservat mit den verschiedensten Pflanzen. Während wir zum Aussichtspunkt liefen, wurden die Bäume um uns dichter und wir fühlten uns wie im tiefsten Dschungel!

 

 

 

La Cocha erinnert mich ein wenig an die künstlich angelegte Laguna de Guatavita, in der Nähe von Medellín. Auch hier zeichneten sich große Berge rund um uns herum in der Landschaft ab. Der Ausblick war wunderschön.

Am nächsten Tag ging es weiter nach Las Lajas, eine katholische Basilika, die Anfang des 20. Jahrhunderts gebaut wurde . Von Pasto aus nahmen wir den Bus nach Ipiales. Drei Stunden und eine 20-minütige Taxifahrt später, sahen wir die eindrucksvolle Kathedrale, die zwischen die Berge gebaut wurde. Schon vom Weiten, sah Las Lajas sehr eindrucksvoll aus! Für Kolumbien als sehr katholisches Land, ist es ein besonderer Ort, der sehr touristisch geworden ist. Im Ort gibt es geschmückte Lamas, mit denen Fotos gemacht werden können. Ein Restaurant folgt dem anderen und katholische Souvenirs, so wie Kreuz- und Jesusketten werden an jeder Ecke zu Hunderten verkauft. Rund um die Kathedrale sind in die Felsen lauter „Dankessteine“ eingebaut, mit denen Personen der Señora des Las Lajas, deren zu Ehren die Kathedrale erbaut wurde, für Gesundheit, Glück und Wunder danken.

 

 

 

Las Lajas ist ein beeindruckender Ort! Die Architektur der Basilika ist sehr interessant. In der Kathedrale gibt es ein kleines Museum zur Architektur und Geschichte der Kathedrale. Für mich wurde jedoch ein bisschen zu viel Wirbel um diesen Ort gemacht. Vielleicht hat es auch damit zu tun, dass ich als nicht-religiöse Person nicht den gleichen Zugang finde, wie viele andere katholische Menschen. Auch wenn es beeindruckend ist, die riesige Kathedrale zwischen den Felsen zu sehen und über die 20 Meter lange Brücke über die Schlucht zu laufen, lohnt es sich meiner Meinung nach nicht, extra dafür die lange Fahrt bis in den Süden Kolumbiens auf sich zu nehmen. Das mit dem Karneval in Pasto zu verbinden, war auf jeden Fall eine gute Idee!

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Das typische Foto von Las Lajas

Von Las Lajas aus ging es direkt weiter nach Ecuador. Ich hatte nicht damit gerechnet in den sechs Monaten Kolumbien zu verlassen und hatte nie ernsthaft darüber nachgedacht nach Ecuador zu reisen. Im Nachhinein war es eine tolle Idee und Ecuador hat mir in den wenigen Tagen, die wir dort verbrachten, sehr gut gefallen! Gerne würde ich wieder zurück und noch mehr des kleinen Landes kennenlernen.

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An der Grenze gab es drei verschiedene Schlangen zur Migration. Eine für Kolumbianer*innen, eine für Ausländer*innen und eine für Venezueler*innen. Die Krise in Venezuela ist in Kolumbien sehr präsent. Während meiner Zeit in Bogotá sah ich viele Venezueler*innen, oft in der TransMilenio um Süßigkeiten zu verkaufen oder anders Geld zu verdienen. Es ist ein sehr komplexes Thema!

Von Tulcán, dem ersten ecuadorianischen Ort nach der Grenze, sind wir 6 Stunden mit dem Bus in die ecuadorianische Hauptstadt Quito. Mit 2,2 Millionen Einwohner*innen ist es die zweitgrößte Stadt Ecuadors nach Guayaquil im Süden Ecuadors. Quito hat mich überrascht und begeistert! Ohne Erwartungen kam ich an, mit vielen Eindrücken verließ ich die vielseitige Stadt! Durch Kontakte kamen wir bei der Architekturstudentin Gisell und ihrer Familie in der Altstadt unter. Sieben Leute waren wir, die sie für zwei Nächte aufnahmen! Gastfreundschaft wird also auch in Ecuador groß geschrieben. Ihre Familie war sehr herzlich und offen, zeigte uns die Stadt und bereitete typisches Essen zu. Mein Favorit: empanadas verdes, meist mit Käse gefüllte Empanadas, deren Teig aus grünen Kochbanen zubereitet wird. Durch die Kochbananen sind die Empanadas ein bisschen süßer als die in Kolumbien typischen Maisempanadas.

Quito zeichnet sich durch seine große Altstadt aus, die 1978 als erste Stadt überhaupt zum UNESCO-Weltkulturerbe ernannt wurde. In der Altstadt gibt es sehr viele Kirchen und Klöster im Stil des kolonialen Barocks. Durch die Altstadt zu schlendern und die Architektur und das Treiben in den Straßen aufzunehmen, war sehr interessant. So kamen wir an einem Schokoladenladen vorbei, República del Cacao. Ecuador ist weltweit bekannt für seine qualitativ hochwertige Schokolade. In diesem Laden aß ich das beste Schokoeis meines Lebens! 70-prozentige Schokolade setzte in mir Dopamine frei! Ich habe noch nie so viele Glückshormone durch Schokolade in meinem Körper gemerkt, wie nach diesem Eis! Große Empfehlung!

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Das nächste Highlight war die Basílica del Voto Nacional. Ihre zwei Kirchtürme, die mich aufgrund des gothischen Architekturstils an Notre Dame in Paris erinnerten, ragen über die Stadt hinaus. Wenn man den Kirchturm besteigt, erwartet eine*n ein wunderschöner Ausblick über die Hauptstadt. 360 Grad-Panorama! Quito ist umgeben von Bergen an die sich die Wolken anzuschmiegen scheinen. Die Stadt ist riesig! Wohin man schaut, stehen Gebäude. Mich wundert es, dass „nur“ 2,2 Millionen Menschen hier leben.

 

 

 

Ein anderer sehenswerter Blick auf die Stadt ist vom Hügel El Panecillo aus. Mit dem Taxi fuhren wir hoch, wo uns eine riesige, 45 Meter hohe Jungfrauenstatue erwartete, die von der Altstadt aus zu sehen ist. Religion ist in Ecuador ein wichtiges Thema, gerade in Quito findet man viele katholische Kirchen. Gisell erzählte mir, dass anstatt der Jungfrauenstatue ein indigenes Monument auf den Hügel gebaut werden sollte. Ich fand es sehr traurig, dass die katholische Religion, die von den Spaniern ins Land gebracht wurde, die indigene Kultur (zumindest an diesem Ort) überschattete.
Vom Panecillo aus betrachteten wir den pastellfarbenen Sonnenuntergang über Quito.
In Quito gibt es noch viel mehr zu entdecken. Wir wären gerne mit der Teleférico gefahren, einer Seilbahn, die über Quito in die Berge führt. Leider hatten wir nur einen Tag in Quito, den wir jedoch gut genutzt haben.

Am nächsten Tag ging es mit dem Bus eine Stunde weiter zur Mitad del Mundo (Mitte der Welt). Wir liefen auf dem Äquator entlang, mal im Norden, mal im Süden der Welt. Gekennzeichnet ist der Äquator durch eine gelbe Linie, die genau genommen, nicht genau auf dem Äquator liegt. Mitten auf dem Platz steht ein 30 Meter hohes Monument mit einer 4,5 Meter Durchmesser Kugel, die die Erde symbolisiert. Vom Monument aus hat man einen wunderschönen Ausblick.
Das Monument liegt ca. 23 Kilometer nördlich von Quito und markiert den Ort, an dem Charles Marie de La Condamine mit einer französischen Expedition 1736 als erster Europäer eine (auf 240 m) genaue Position des Äquators bestimmte.
Gerade als wir das Monument bestiegen und im Museum waren, regnete es stark. Als wir wieder rausgingen, sahen wir einen intensiven Doppelregenbogen. Ein kleines Wunder mitten in der Mitte der Welt.

 

 

Rund um das Monument gibt es viel zu sehen. In dem kleinen Kolonialdorf, das drum herum gebaut wurde, gibt es Restaurants, Shops, ein Planetarium, ein Bier- und Schokoladenmuseum und auch einen Stall mit cuys (Meerschweinchen), die im Süden Kolumbiens und Ecuador Spezialität sind. Ich habe noch nie so riesige und überfütterte Meerschweinchen gesehen!
Interessant war auch das Ei, dass auf einer Spitze balanciert werden musste. Viel Geduld ist hierbei gefragt! Auf Äquatorhöhe ist die Erdanziehungskraft geringer, als auf dem Rest der Welt. Woanders wäre es unmöglich das Ei zu balancieren. Im Museum stand auch eine Waage, die anzeigte, wieviel man normalerweise wiegt und wieviel auf dem Äquator (zwei Kilogramm weniger).

 

 

Von Quito ging es mit dem Nachtbus weiter in den Westen Ecuadors, an die Küste.
Der Transport in Ecuador ist unheimlich günstig! Für eine 8-stündige Busfahrt zahlten wir 12 Dollar. Mir war vorher gar nicht bewusst, dass die Währung in Ecuador US-Dollar sind. Aufgrund zahlreicher wirtschaftlichen Krisen wurde 2000 der Sucre abgeschafft und der Dollar als offizielles Zahlungsmittel im Land eingeführt. Gerade der Transport und auch Nahrungsmittel sind günstiger als in Kolumbien. Für Kolumbianer*innen ist der Umtausch von Pesos in Dollar jedoch teuer.

Die letzten Tage der Reise verbrachten wir an der Küste Ecuadors ganz nach dem Motto „Vamos pa‘ la playa“ (definitiv Ohrwurm dieses Urlaubes!).
Den ersten Tag verbrachten wir in Mompiche und am Playa Negra. An der Pazifikküste Südamerikas sind die Strände oft sehr mineralhaltig. Der schwarze Sand, der funkelt und glitzert, ist sehr wertvoll aufgrund der vielen Mineralien. Aus ihm werden Computer und andere technologische Geräte hergestellt (so der Guide vom nächsten Tag).
Die Strandtage genossen wir sehr nach den vielen Busfahrten. Alle, sowohl meine kolumbianische Freunde, die von Natur aus morenxs (braun) sind, als auch ich, verbrannten uns mit der knallenden Sonne. Auf Äquatorhöhe kann ich gefühlt nur fünf Minuten in der Sonne sein, eh ich rot werde.
Abkühlung holten wir uns im salzigen Meer, dessen Wellen wilder sind, als an der karibischen Küste. Ein Paradies für alle, die surfen lieben.
Am nächsten Tag sind wir zum nächsten Strand, Portete. Wir hatten eine kleine Bootstour und lernten interessante Dinge über Flora, Fauna und den Ort.

 

 

Nach zwei Tagen Strand ging es schon wieder zurück zur Grenze. Das bedeutete wieder eine lange Busnachtfahrt. Unsere letzte Station auf dem Weg war das cementerio (Friedhof) in Tulcán. Nach einem kleinen Unfall einer Freundin, die umgeknickt war und von der ambulancia behandelt wurde, humpelten wir solidarisch zum Friedhof. Ich finde es immer ein bisschen merkwürdig Friedhöfe als touristische Attraktion zu besuchen. Dieser war in sofern besonders, da die vielen Büsche als indigene Figuren und Tiere beschnitten waren.

 

 

Mit einer letzten Nacht in Pasto nahmen mein Unifreund und ich die 18-stündige Busfahrt zurück nach Bogotá in Anlauf. Meine anderen Freunde flogen von Pasto aus zurück.
Im Bus rechneten wir aus, wieviel Busstunden wir in 10 Tagen hinter uns hatten. 65 Stunden! So schlimm und lang kam es mir gar nicht vor! Vielleicht auch, weil wir so viel erlebt und gesehen haben. Es hat sich auf jeden Fall gelohnt und ich bin froh, dass ich die Möglichkeit hatte, in so kurzer Zeit so viel zu sehen.

Wieder in Bogotá angekommen, merkte ich, wie sehr Bogotá ein Zuhause für mich geworden ist. Ich fühle mich wohl hier!
Deshalb fällt es mir umso schwerer schon in fünf Tagen Abschied von dieser tollen Stadt und Kolumbien zu nehmen. Mein Abenteuer in Kolumbien hört auf 😦 Am Freitag geht es nach Brasilien!

Weisheit des Tages: vom bunten Karneval in Pasto (¡Que viva Pasto, carajo!), die beeindruckende KathedraleLas Lajas  mitten in der Schlucht, Ecuadors vielseitige, lebendige Hauptstadt Quito bis zur pazifischen Küste Ecuadors. In zehn Tagen haben wir sehr viel erlebt! Die Reiselust in Südamerika wird wohl nie gestillt sein!

Feliz Navidad, Weihnachten in Kolumbien

– 184 Tage nach der Ankunft –

Mit reichlich Verspätung kommt heute noch ein kleiner Beitrag über die Weihnachtszeit in Kolumbien, auch wenn jetzt wohl niemand mehr an Weihnachten denkt. Es war das zweite Weihnachten, was ich in Kolumbien verbracht habe (das erste Mal 2015).

Etwas sehr Erstaunliches ist, wie Bogotá, je näher die Feiertage rücken, leerer und leerer wird. Die Millionenstadt wirkt wie ausgestorben und das bis Mitte Januar. Dann kehren die Menschen aus ihren Dörfern und entfernteren Städten wieder zurück. Die ersten Januartage war es wirklich schwer einzukaufen, weil kaum Läden geöffnet waren. Im Dezember flüchten die Menschen aus der Großstadt, um das Weihnachtsfest im Rahmen der Familie zu verbringen.
Trotzdem ist die Stadt mit übertriebenen Lichtern in den „neonsten“ Farben dekoriert. Blinken, Glitzern, Leuchten. Das Motto der Kolumbianer*innen in jeder Stadt. Überall wird man erschlagen von Lichterdekoration. Besonders auffallend ist es an der puente de Boyacá, an der man von der Strecke von Bogotá nach Tunja vorbeifährt. Rund um die glorreiche Brücke auf der angeblich die letzte große Schlacht Simon Bolívars stattfand, sind unzähliche Leuchtfiguren aufgestellt mit den weihnachtlichsten Motiven: Palmen, Schmetterlinge und mehr.

 

 

Obwohl Tannenbäume in Kolumbien eher selten zu finden sind, stellen sich so gut wie alle Kolumbianer*innen einen Plastikbaum mit vielen Lichtern und Hinguckern ins Wohnzimmer. Der Weihnachtsbaum ist eine deutsche Tradition ist, die sich im 19. Jahrhundert über die ganze Welt verbreitete und auch beim kolumbianischen Weihnachtsfest nicht fehlen darf.

In Kolumbien gibt es zur Weihnachtszeit zwei (christliche) Traditionen, die mir sehr gefallen.
1. Noche de las velitas. Am 7. Dezember trifft sich die Familie (oder Freunde) um velitas zu feiern. Ursprünglich wurde diese Nacht als „Unbefleckte Empfängnis der Jungfrau Maria“ gefeiert. Ich verbrachte den Abend mit der Familie einer Freundin in Bogotá und niemand wusste so wirklich, warum velitas eigentlich gefeiert wird. Gemeinsam aßen wir Burritos (nicht besonders typisch, weder für velitas, noch für Kolumbien) und als es dunkel war, zündeten wir viele Kerzen an. Beim Entzünden jeder Kerze, wünscht man sich etwas.

 

 

2. Novena. Neun Abende vor Weihnachten trifft sich die gesamte Familie zum gemeinsamen Beten und Essen. Jeden Abend findet die novena im Haus eines anderen Familienmitgliedes statt. Je nach Religiösität der Familie spielt das Beten mehr oder weniger eine Rolle. Für mich ist das Schöne, dass viel Zeit mit der Familie verbracht wird, wobei nach neun Tagen in Folge jede*r auch mal seine Ruhe will. Meine Gastfamilie in Tunja veranstaltete letztes Jahr leider keine novena. Dafür versammelten sich in meinem barrio jede Nacht Nachbarn und beteten und aßen gemeinsam. Einen Abend verbrachte ich mit Natalia und Martin und deren Familie.

Ich bin zwar nicht religiös und Weihnachten war für in meiner Familie nie ein christliches Fest, aber ich finde es schön zu sehen, wie der Dezember sowohl in Deutschland, als auch in Kolumbien dazu genutzt wird, Zeit mit der Familie zu verbringen. Das ist natürlich von der Familie abhängig.

Ich hatte mich sehr gefreut zwei Wochen im Dezember in Tunja mit meiner Gastfamilie zu verbringen. Tunja ist für mich ein Ort, wo ich mich vom Großstadttrubel Bogotás in familiärer Atmosphäre erholen kann.
Ein weiterer Grund Tunja im Dezember zu besuchen, sind die Konzerte, die einige Tage vor Weihnachten stattfinden. Wie genau die alcaldía (Stadtregierung) das jedes Mal organisiert bekommt, sowohl bekannte nationale, als auch internationale Musiker*innen nach Tunja zu locken, frage ich mich immer noch. Sechs Abende fanden Konzerte statt. Jeder Abend war einem Musikgenre gewidmet, z.B. Rock, Vallenato oder Popular. Die Konzerte sind gratis, abgesehen vom VIP-Bereich, in dem eine Karte umgerechnet 7€ kostet. So bekam ich 2018 die Chance unter anderem Manu Chao, Manuel Turizo, Paola Jara und Kevin Florez zu sehen. Mit den Namen könnt ihr vielleicht nicht wirklich etwas anfangen, in Kolumbien sind das bekannte Sänger*innen. Ich habe mich vor allem gefreut Manuel Turizo zu sehen, da ich seine Musik schon seit einigen Jahren sehr gerne mag. Der französische Sänger Manu Chao ist auch in Europa sehr bekannt. In einem älteren Blogbeitrag habe ich über ihn geschrieben. Ich war begeistert von seinem Auftritt!

In Kolumbien wird Weihnachten nur am 24. Dezember spät in der Nacht gefeiert. Es ist ein ganz normaler Tag bis man sich 20 oder 21 oder vielleicht sogar 22 Uhr mit der Familie trifft. Der Abend besteht eigentlich darin, dass alle bis 0 Uhr warten, woraufhin wilde „FELIZ NAVIDAD“-Rufe aller und Umarmungen ausbrechen. Die Kinder leiden ein wenig, da sie den ganzen Abend die Geschenke unter dem Baum liegen sehen und Stunden warten müssen, eh sie auspacken dürfen. Ein typisches, nationales Weihnachtsessen für den Tag gibt es nicht. Das variiert von Familie zu Familie. Was bei meiner Familie nicht fehlen darf: Reis.
0 Uhr ist Bescherung und anschließend wird bis in die Nacht hinein getanzt, getrunken und gefeiert.

 

 

Ich hatte leider eine Mandelentzündung und war nicht wirklich in Tanzlaune, was die Onkels und Tanten nicht davon abhielt, mich trotzdem zu den Klängen von Merengue, Vallenato und Salsa durch den Raum zu wirbeln.

Auch wenn ich mich ein bisschen dagegen sträube, vergleiche ich nach solchen Ereignissen ganz automatisch kolumbianisches und deutsches Weihnachtsfest. Was ich aus meinen Erfahrungen feststelle, während der Dezember in Deutschland für mich der ruhigste Monat des Jahres ist (abgesehen vom Geschenke- und Konsumstress), in dem man Zeit mit der Familie verbringt und in den letzten Tagen des Jahres sich vom Trubel des Jahres erholt, ist in Kolumbien Weihnachten die Party des Jahres. Die Entspannung beginnt dann erst im Januar. Weihnachten in Deutschland ist für mich Harmonie, Entspannung, Familienzeit. In Kolumbien ist es Party, Musik, Tanzen und Alkohol (gut. auch das spielt beim deutschen Weihnachtsfest eine große Rolle).

El Año Nuevo wird in Kolumbien mit der Familie verbracht. Hier dreht sich der Spieß um. Während ich Silvester als die Party des Jahres sehe, die überwiegend mit Freunden gefeiert wird, ist es in Kolumbien ein Familienfest und verhältnismäßig ruhig. Es gibt einige Traditionen zum Neuen Jahr, die teilweise den spanischen ähnlen.
1. 0 Uhr werden mit jedem Glockenschlag 12 Weintrauben gegessen. Beim Schlucken jeder Traube wünscht man sich etwas.
2. Wer in der Neujahrsnacht gelbe Unterwäsche trägt, erhält Glück fürs Neue Jahr.
3. Mit ein bisschen Geld in den Hosentaschen ist der Geldfluss fürs Neue Jahr gesichert.
4. 0 Uhr geht man mit einer Reisetasche raus und läuft eine Runde um die Häuser. Damit wird man im neuen Jahr viel reisen. Das habe ich gleich mal ausprobiert!

Am 1.1 habe ich mir ein bisschen Zeit genommen und bin in die umliegenden Berge Tunjas gegangen. Für mich war es ein aufregendes Jahr, in dem ich sehr viel gelernt und erlebt habe! Ich bin gespannt, was mich 2019 erwartet. Das Jahr fing gut an mit einer Reise in den Süden Kolumbiens und Ecuador! Bald mehr dazu.

 

 

Ich wünsche allen ein spannendes 2019!

Weisheit des Tages: Vor allem der Monat Dezember mit den Weihnachts- und Neujahrstraditionen ist in Kolumbien und Deutschland sehr unterschiedlich. In Kolumbien wird jeder Tag zum Feiern genutzt. In Deutschland erlebe ich eher eine ruhige, harmonische Atmosphäre. Dieses Jahr gerne wieder in Deutschland!

Bombenattentat in Bogotá und Kolumbiens Bild

– 179 Tage nach der Ankunft –

Nach einer sehr langen Pause melde ich mich mal wieder. Wie immer ist sehr viel passiert, bei mir, im Streik und in Kolumbien.

Heute schreibe ich über ein Thema, was ich für sehr wichtig halte!
Am 17. Januar wurden durch eine Autobombe in der General-Santander-Polizeioffiziersschule im Süden der Hauptstadt, 21 Menschen getötet und 68 Menschen verletzt. Bei der Tat handelte es sich um ein Attentat durch die linke Guerrillagruppe ELN. Auch der Täter, unter dem Kämpfernamen Mocho Kico bekannt, starb. 17 Jahre lang war er Sprengstoffexperte der letzten Guerrillagruppe Kolumbiens, die 1.500 Mitglieder*innen zählt. Präsident Duque hat drei Tage Staatstrauer ausgerufen.
Für Kolumbien ist es ein großer Rückschlag. Nach dem „Frieden“ mit der FARC, der größten Guerrillagruppe Kolumbiens, im Jahr 2016, schien der Bürgerkrieg in Kolumbien sich zu beruhigen. Leider ist die FARC nicht die einzige Gruppe, die aktiv war. Wie das Attentat sich das auf die in Kuba laufenden Friedensverhandlungen mit der ELN auswirken wird, bleibt abzuwarten.

In den deutschen Medien wurde umfangreich über den Anschlag berichtet. Ein Attentat hat natürlich ein internationales Interesse in Zeiten des internationalen Terrorismus. Diese Meldung passt auch noch perfekt in das Bild Kolumbiens rein. Tote, Verletzte, Anschlag, Gewalt und Guerrilla.
Als ich Donnerstagmorgen von dem Attentat mitbekam, fragte ich mich, ob wohl auch in Deutschland darüber berichtet werden würde. Natürlich!
Was passiert ist, ist schrecklich und zeigt, dass Kolumbien noch einen langen Weg vor sich hat, eh wirklich Frieden einkehrt. Ich bin sehr traurig und denke an die Betroffenen des Attentates. Ein Freund erzählte mir, er kannte einen der gestorbenen, jungen Polizeischüler.

Es ist eine Meldung, die Menschen schockt und in ihrem Denken über Kolumbien bestätigt. Mich macht es traurig, dass über so viele andere wichtige Themen aus diesem vielfältigen Land nicht berichtet wird.
Am Donnerstag sollte eine Demonstrationen der Studierenden stattfinden. Aufgrund des Attentates wurde sie auf den 24. Januar verschoben. Eine von vielen weiteren Demos im Studierendenstreik. Nachdem am 10. Dezember ein Abkommen mit der Regierung ausgehandelt wurde und das Geld für die nächsten vier Jahre den Universitäten bestätigt wurde, haben sich die Studierenden nun zum Ziel gesetzt so lange zu streiken, bis das Universitätsgesetz der 90er Jahre geändert und die ESMAD (Spezialeinheit zur Aufstandsbekämpfung) abgeschafft wird. Aufgrund der gewaltvollen, agressiven Eingriffe der ESMAD wollten die Studierenden am Donnerstag streiken. Eine institutionelle Einrichtung abzuschaffen, ist leider ohne fehlende Unterstützung der gesamten Bevölkerung sehr unrealistisch.

Mich machte es sehr traurig, dass solche Schockernachrichten sofort in den deutschen Medien erscheinen und der Studierendenstreik, der seit drei Monaten mit Enthusiasmus der Studierenden und Unterstützung von Teilen der Bevölkerung geführt wird, nicht erwähnt wird. Um dem entgegenzuwirken, schrieb ich einen Artikel für das Lower Class Magazine  und ein Interview für die Junge Welt. Solche Nachrichten schaffen es leider nicht in die „großen“ Medien.

Aufgrund des Bombenanschlages und der anhaltenden Gewalt in Kolumbien schrieben einige Fakultäten der Universidad Nacional de Colombia an die Rektorin der Universität, dass sie so lange keine Klassen fortsetzen werden, bis sie in einem friedvollen Land leben und studieren werden.
Ob das wirklich umgesetzt wird, bezweifle ich. Planmäßig wird morgen das Semester fortgesetzt. Am Dienstag gibt es eine reunión mit der gesamten Universität um zu entscheiden, wie es weitergeht im Streik.

Weisheit des Tages: Es wird noch dauern, bis wirklich bedingungsloser Frieden in Kolumbien herrscht. Bis es so weit ist, werden große Teile Kolumbiens Bevölkerung die Hoffnung nicht aufgeben.

Abenteuer im Amazonas und Tanzen im Regenwald

– 112 Tage nach der Ankunft –

Ein kleiner Traum ist in Erfüllung gegangen. Im Regen im Amazonas tanzen, mitten in der Wildnis zwischen Bananenbäumen, Affen und Urwaldgeräuschen!

Meine Eltern und meine Geschwister haben mich Mitte Oktober für zwei Wochen besucht.
Die gemeinsame Zeit mit meiner Familie begann in Tunja. Einen Tag sind wir nach Boyacá gefahren und haben mit meiner Gastfamilie zusammen Mittag gegessen. Für mich ein sehr besonderer Moment, weil meine beiden Familien wie schon im März 2016 aufeinandertrafen. Trotz Sprachbarrieren war es ein schöner Nachmittag. Sprache scheint in manchen Situationen gar nicht so wichtig. Die Menschen werden dann kreativ und kommunizieren über andere Wege.
Der nächste Tag war für mich auch ein sehr besonderer. Einen Tag lang zeigte ich meiner Familie mein Leben in Bogotá, wo ich wohne, wo ich einkaufe, die Uni, wo ich am Liebsten tinto (Kaffee) trinke und die kleinen Dinge aus meinem kolumbianischen Alltag. In der Uni wurden wir herzlich empfangen, wohl eher zufällig, aber das minderte die Herzlichkeit jedoch nicht im Geringsten. Meine kubanische profe und ein anderer profe haben uns gleich auf einen tinto eingeladen und waren sehr interessiert an den vier großen, blonden Menschen. Ein wohliges Gefühl breitete sich in mir aus. Wieder mal wurde unter Beweis gestellt, wie herzlich und offen Kolumbianer*innen sein können. Nach den zwei Tagen ging die große Reise los!
Vom tiefsten Süden, den letzten Zipfel Kolumbiens an der Grenze zu Peru und Brasilien, über die berühmte Metropole Medellín bis nach San Andrés reisten wir. Von meiner Reise vor zwei Monaten nach San Andrés und Providencia berichtete ich vor kurzem.

In den Amazonas bin ich bisher nie gereist und war umso aufgeregter, als es von Bogotá mit dem Flieger nach Leticia ging. Schon als wir aus dem Flieger ausstiegen, legte sich die klebrig, feuchte Hitze um uns. Leticia ist die Hauptstadt des departamentos (Bundesland) Amazonas. Mit knapp 40.000 Einwohner*innen ist es die größte, kolumbianische Gemeinde im Amazonas-Gebiet.
Noch am ersten Abend konnten wir ein tolles Ereignis auf dem Hauptplatz der Stadt bestaunen! Kurz vor der artadecer (Sonnenuntergang) kehren jeden Abend Hunderte, vielleicht sogar tausende, grüne Papagein in die Bäume des Hauptplatzes zurück, um dort geschützt vor natürlichen Feinden, die Nacht zu verbringen. Es war ein wahres Naturspektakel. Über uns kreisten unzählige Vögel, die alle zusammen ein lautstarkes Orchester bildeten, sodass man sich untereinander kaum verstehen konnte.

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Am nächsten Tag startete das Dschungelabenteuer mit dem schönen Nebeneffekt eines Digital Detox, den ich (als angehende Medienwissenschaftlerin) sehr genossen und reflektiert habe 😀
Die nächsten Tage verbrachten wir in der Gemeinde Mocaguas, mit dem Boot 1:40 Stunde von Leticia entfernt. In Mocaguas leben Menschen aus fünf verschiedenen Ethnien zusammen. Jede indigene Ethnie spricht ihre eigene Sprache und lebt nach eigenen Traditionen, doch trotzdem leben alle in einer Gemeinschaft zusammen, in der untereinander Spanisch gesprochen wird. Die Gemeinschaft organisiert sich über einen Rat aus sechs Personen bestehend, der gewählt wird. Die Person, die das sagen hat und vom Rat unterstützt wird, hat die Funktionen eines Bürgermeisters. Die größte indigene Gemeinschaft sind die Ticunas. Wir sind die nächsten Tage bei einer Familie der Ticunas untergekommen. Sehr spannend, denn so haben wir einiges über die Kultur und die Geschichte des Stammes gelernt.
Ich sehe diese Art von Tourismus jedoch auch kritisch. Ich frage mich, inwiefern Touristen dort wirklich die wahre Kultur und indigene Traditionen kennenlernen. Es hat für mich ein wenig etwas von Showtourismus. Tourismus ist für die Menschen mittlerweile eine große Einnahmequelle und trotzdem möchte ich keine Ausbeutung unterstützen, denn Tourismus kann auch sehr viel kaputt machen. Gerade kulturelles Gut kann dadurch zerstört werden.
Die Tage mit unserem Guide Barto und seiner Familie haben uns sehr gefallen und ich hatte das Gefühl er und seine Familie haben Freude an ihrem Job.
Trotzdem denke ich, dass ein solcher Aufenthalt reflektiert werden sollte. Durch den kommenden Tourismus in der Gemeinde Mocaguas wurde zum Beispiel auch ein Gesetz erlassen, dass die Einwohner*innen von Montag bis Freitag keinen Alkohol trinken dürfen. Gerade in ländlichen Gegenden haben viele Menschen ein Alkoholproblem in Kolumbien.

Oft merke ich, wenn ich in Südamerika reise, dass mich die Menschen ganz anders behandeln, wenn sie merken, dass ich Spanisch spreche und gerade im Land wohne. Es ist möglich eine ganz andere Verbindung zu den Menschen aufzubauen und so kommen auch manche Unterhaltungen zustande, die ohne Spanischkenntnisse nicht möglich gewesen wären.

Nach einem kleinen Rundgang durch das Dorf, in dem wir die Riesenseerosenblättern im Teich, die primaria (Grundschule) und die bunten Häuser (jedes Haus hat Bemalungen, aus denen sich schließen lässt, was deren Bewohner*innen beruflich machen oder mögen) gesehen haben, ließen wir den Abend ausklingen mit einem Bad im Amazonas, bei dem wir uns den traumhaft schönen Sonnenuntergang ansahen.

 

An die Piranhas, Schlangen, Stachelrochen und wer weiß was noch im Wasser herumtummelt, sollte man besser nicht denken. Stattdessen genossen wir die traumhaft schöne Aussicht.

 

Die indenge Familie, bei der wir unterkamen, führen eine Stiftung, in der sie misshandelte Affen aufnehmen, aufpäppeln und auswildern. Viele Menschen halten sich Affen als Haustiere, die darunter sehr leiden können. Seit 2003 haben sie schon 700 Affen in die Wildnis gelassen. Wir haben einige Momente mit den Affen July, Helena und Camilo verbracht und waren total verzaubert von ihnen.

 

So richtig spannend wurde die Wanderung in die selva (Wildnis), die vier Stunden dauern sollte. Wir großen Europäer taten uns ziemlich schwer in der Hitze mit langen Klamotten (als Mückenschutz) über Stock, Wurzel und Überraschungen auf dem Boden zu laufen. Barto zeigte uns viele Tiere und medizinische Pflanzen, die die Indigenen noch heute nutzen. Flüsse und Bäche überquerten wir über natürliche Brücken, mehr oder weniger stabile Baumstämme, die von einem Ufer ans andere reichten. Da wir uns so sehr konzentrieren mussten, nicht auszurutschen, zu stolpern oder hinzufallen, konnte man gar nicht seine Umgebung so sehr genießen und wahrnehmen. Wir befanden uns im Primärwald, der nie berührt wurde und dementsprechend für uns viele interessante Pflanzen, Tiere, Geräusche und Geschichten beherbergte. So kämpften wir uns durch den Dschungel, vorne voran stets Barto mit seiner Machete um uns den Weg freizuräumen.

 

Nach vier Stunden kamen wir dann an der Hütte an, die Bartos Familie gehört. Die Hängematten wurden aufgehängt und fertig war unsere Unterkunft für die nächste Nacht. Da fing es auch schon an wie aus Eimern zu schütten. Anstatt uns unter dem Dach zu verkriechen, fingen wir an im Regen zu tanzen, mitten im Urwald, umgeben von nichts als exotischen Tieren, Pflanzen und den Geräuschen des Amazonas. Vielleicht ein bisschen kitschig, aber für mich ein toller Moment!

 

Abends war eine kleine Nachtwanderung geplant. Bis zum Gesicht von Kleidung bedeckt, damit so wenig Mücken wie möglich uns angreifen konnten, liefen wir ausgestattet mit Handytaschenlampe durch den Dschungel. Mir wurde bewusst, wie wenig wir für die Gegend geschaffen sind und wie unsicher wir uns bewegten, schon am Tag unsicher, umso mehr in der Nacht.
Highlight der Nachtwanderung: einen Moment lang schalteten wir die Lichter aus und konnten am Boden Sterne erkennen. Es war als ob uns der Himmel zu Füßen liegen würde. Wohin wir sahen, waren helle Punkte zu erkennen. Barto erklärte uns, dass das von Pilzen befallene Blätter wären, was dem Bodenhimmel den Zauber nicht nahm.
Nach so einem anstrengenden Tag konnte die Nacht in der Hängemätte beginnen. Barto erzählte uns bei Kerzenlicht einige, spannende Geschichten seines Stammes der ticunas und bald waren alle eingeschlafen. Am nächsten Morgen wurden wir von den Geräuschen des Dschungels wach. Ein bisschen in der Hängematte liegen, sich von den Klängen wecken lassen und die hohen Bäume um uns herum betrachten.

Nach einer solchen schönen Wildniserfahrung, bestritten wir den Heimweg in die Dorfgemeinschaft. Da es so viel geregnet hatte, mussten wir mit einem Boot ein Ufer überqueren. Meine Mutter und ich fuhren mit Barto und dem Boot vor, um die anderen einzusammeln, die vorgelaufen waren. Als wir im Boot saßen, konnten wir die Umgebung richtig wahrnehmen. Die Laute um uns herum und die verschiedenen Bäume, die man beim Laufen gar nicht richtig angucken kann. Wir sahen sogar einige wilde Affen von Baum zu Baum schwingen.
Auf dem Rückweg ins Dorf fing es wieder stark an zu regnen. Mit meiner Tollpatschigkeit musste es dann so weit kommen, dass ich auf einem nassen Baumstamm ausrutschte und mit meinem Gesicht auf einen anderen Baumstamm am Boden aufprallte . Mit einer mehr oder weniger leichten Gehirnerschütterung, die über eine Woche anhielt und einer Dschungelnarbe auf dem Kopf, habe ich den Dschungel überlebt! Der Dschungel hat mich zutiefst erschüttert, aber ich überlebte(haha).

Am letzten Tag bastelteten wir mit der Familie gemeinsam artesenles (Kunsthandwerk, in unserem Fall Armbänder). Mit dem Boot fuhren wir nach Puerto Nariño, einer größeren Gemeinde, die dank des Bürgermeisters sehr auf die Umwelt bedacht ist. Aus Plastikflaschen werden dort Mülleimer und Kunst gebastelt. Im gesamten Dorf, dass circa 8.000 Einwohner*innen zählt, gibt es nicht ein Auto oder Motorrad.
In der Nähe von Puerto Nariño gibt es einen kleinen Nebensee des Amazonas, in dem wir graue und auch rosafarbene Delfine sehen sollten. Die konnte man mehr oder weniger gut sehen. Nur für einen kurzen Augenblick kommen die Delfine aus dem Wasser. Die grauen Delfine, die nur bis 1,50 Meter lang werden, springen leicht aus dem Wasser, um Luft zu holen. Die rosafarbenen Delfine, die bis zu 3 Meter lang werden, zeigen sich nur kurz. Mit meinem angeschlagenen Kopf fiel es mir ziemlich schwer auf das sich bewegene, wölbende Wasser zu konzentrieren, aber einige Delfine konnten wir sehen.
Auf der Bootsfahrt zurück in die Gemeinschaft, hatten wir sogar noch ein kleines Angelerlebnis. Ein Fisch sprang Janin, unserer deutschen Übersetzterin, die uns die ganze Zeit begleitete, direkt ins Gesicht und hat somit sein Schicksal selbst besiegelt.

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Sehr aufgeregende Tage, die wir im Dschungel erlebten! Ich bin sehr dankbar für diese Erfahrungen und wieder mal fasziniert von Kolumbiens Viefalt.

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Weisheit des Tages: im Dschungel kann man schonmal an seine eigenen Grenzen stoßen, ob durch unheimliche Tiere, ungewohnte Situationen oder körperliche Anstrengung. Wenn man die aber erst einmal überwunden hat, wird einem eine neue Welt offenbart!

Drei Jahre Kolumbien und so viel Heimat

– 87 Tage nach der Ankunft –

Vor drei Tagen, am 17. Oktober, war ein für mich ganz besonderer Tag. Genau drei Jahre ist es her, dass ich das erste Mal kolumbianischen Boden betreten habe. Wenn ich das so schreibe, erschreckt es mich ein wenig, wie viel Zeit doch vergangen ist! Drei Jahre ist dieses Land schon ein ganz besonderer Teil von mir. Ich bin so glücklich, dass ich damals meine Vorurteile und Bedenken überwunden habe und mich dazu entschieden habe, die große Reise anzutreten.

In drei Jahren passiert viel! Ich habe mich sehr entwickelt und Kolumbien und die Erfahrungen, die ich hier gemacht habe, hatten großen Anteil daran. Auch im Land hat sich viel verändert. Seit 2016 ist der Friedensvertrag mit der FARC in Kraft getreten und Kolumbien entwickelt sich immer weiter. Seit drei Jahren verfolge ich mit, was in diesem einzigartigen Land passiert und das, obwohl ich vorher nicht einmal genau wusste, wo in Südamerika es liegt und was dort eigentlich passiert.

Ich bin demasiado feliz (unglaublich glücklich), dass ich die Möglichkeit habe, nochmal für längere Zeit hier zu leben und eine andere Seite Kolumbiens kennenzulernen. Durch das Auslandssemester habe ich sehr viel über die Politik, Gesellschaft und Strukturen in Kolumbien gelernt. Ich genieße das Leben in Bogotá sehr und jetzt, wo die Halbzeit anfängt (nein!), kommt die Panik auf. Nur noch drei Monate und ich muss Kolumbien schon wieder verlassen 😦

Vor zwei Jahren als mein Freiwilligendienst zu Ende war, habe ich mir fest vorgenommen nochmal in Kolumbien zu leben und diesen Traum erfülle ich mir gerade. Nach drei Monaten in Bogotá bin ich voll und ganz angekommen. Trotzdem habe ich nach wie vor eine starke Bindung zu Tunja. Kolumbianer*innen schmunzeln immer, wenn ich erzähle, dass ich in Tunja gelebt habe. „Tunja? Warum ausgerechnet Tunja?“
Mindestens einmal im Monat verlasse ich über das Wochenende Bogotá, um nach zwei Stunden grüner Bergfahrt in der Kleinstadt anzukommen und ein Stück zuhause zu fühlen. Jedes Mal, wenn ich nach Tunja fahre, spüre ich Freude im ganzen Körper. Wenn ich dann meine Gastfamilie und meine Nachbarn in die Arme schließe, merke ich ganz tief in mir drin: das ist ein Stück Heimat. Ich bin sehr dankbar, dass meine Gastfamilie mich jedes Mal wieder mit los brazos abiertos (offenen Armen) empfängt.

In dieser Stadt habe ich so viel erlebt, so viel gelernt. Auch wenn es vielleicht nicht viel zu tun gibt, genieße ich die Zeit mit Freunden und Familie, komme runter vom bogotaner Großstadtchaos, laufe durch die steilen Straßen im centro und frage mich, wie oft ich diese Wege schon gegangen bin. Hier treffe ich auf Straßenhunde, die sich in Gruppen versammeln und neugierig zu mir schauen. Nicht selten laufe ich jemandem über den Weg, den ich kenne und lange nicht mehr gesehen habe. In der ruhigen Stadt ist immer Zeit für einen Plausch. In Tunja kann ich meine Batterien wieder voll aufladen. Der Spaziergang in die umliegenden Berge mit Aussicht auf die ganze Stadt darf dabei nicht fehlen.

Vor einiger Zeit hätte ich niemals geglaubt, dass ich wieder hier sein würde und so oft ich möchte zu meiner zweiten Heimat fahren kann. So richtig bewusst wird mir das, wenn ich in der Küche sitze, während meine Gastmutter am rumwerkeln ist und wir uns über alles Mögliche unterhalten. Dann wird mir bewusst, das ist das, wonach du dich die letzten zwei Jahre gesehnt hast. Wieder in die zweite Heimat kommen und das Leben genießen.

Jedes Mal, wenn ich in Kolumbien bin, frage ich mich, was es ist, das mich so glücklich macht. Hier fällt es mir leicht unbeschwert zu leben. Es ist so leicht, eine gute Zeit zu haben mit Freunden oder auch alleine. Warum kann ich mich in Deutschland nicht so glücklich fühlen? Was für Hintergedanken beschäftigen mich dort, die mich davon abhalten?
Das Lebensgefühl hier ist ein anderes für mich. Die alegría (Lebensfreude) und Sorglosigkeit, die ich mit jedem Atemzug einzuatmen scheine. In Deutschland scheint jedes kleinste Problem grave (schwerwiegend). Ich kann mir wohl nicht vorstellen, für immer hier zu bleiben, aber es sind Erfahrungen, die ich hier mache, die mir zeigen, wie man das Leben genießt.
Es ist wahrscheinlich das, was mich an Kolumbien und seinen Menschen am meisten beeindruckt und fasziniert. Kolumbien ist gewiss weit davon entfernt perfekt zu funktionieren (was ist schon perfekt?), aber trotzdem packt mich die Lebenseinstellung jedes Mal, die ich dann auf mich anwende. Das ist wohl der Grund, warum ich mich in Kolumbien, vor allem in Tunja, immer zuhause fühlen werde.

Weisheit des Tages: in drei Jahren ist mir Kolumbien sehr ans Herz gewachsen und ich habe unheimlich viel über mich und mein Leben gelernt.

Studierendenstreik in ganz Kolumbien

– 82 Tage nach der Ankunft –

In Kolumbien ist gerade einiges los! Mit dem Präsidentschaftswechsel Anfang August habe ich das auch nicht anders erwartet. Kolumbiens Studierende versammelten sich am Mittwoch, den 10. Oktober auf den Straßen, um für ihr Recht auf Bildung zu kämpfen.
Iván Duque, der neue rechts-konservative Präsident Kolumbiens, möchte mit dem Geld da sparen, wo es am Nötigsten ist: im Bildungsbereich. Mir erschien es schon immer ein wenig merkwürdig, dass Studierene der öffentlichen Universitäten einen höheren Semesterbeitrag zahlen, als ich in vier Semestern insgesamt. Während an den Privatunis ein bestimmter Betrag für die carreras (Studiengänge) festgelegt ist, richtet sich dieser an staatlichen Unis nach den Gehältern der Eltern. So kann ein Semester an der Nacional auch schonmal 3.000.000 Pesos (ca. 900€) kosten. Erstaunt zeigen sich die Studierenden dann, wenn ich ihnen erzähle, dass ein Semester an meiner Uni rund 250€ inklusive Transport, der in Deutschland teuer ist, kostet.

Duque, escuche, el pueblo despertó
Agarre el presupuesto y denos financiación

Duque, hör zu, das Dorf ist aufgewacht
Klammer dich an den Finanzplan und gib uns die Finanzierung

Da fängt es also schon an. Die vermeintlich öffentlichen Universitäten sind nicht kostenlos und somit nicht allen zugänglich. Nun stelle man sich einmal vor, dass diese Universitäten auch noch privatisiert werden. Studieren wäre somit ein Privileg und kein Recht, wie es selbstverständlich sein sollte.

Si los derechos que yo tengo no los tienen los demás, no son derechos, son privilegios.

Wenn die Rechte, die ich habe, andere Personen nicht haben, dann sind es keine Rechte, sondern Privilegien.

 

Viva la U ¡Viva!
Viva la U ¡Viva!
Viva la Universidad
No la dejés ¡No! No la dejés ¡No!
No la dejés privatizar

Es lebe die Uni! Lebe!
Es lebe die Uni! Lebe!
Es lebe die Universität
Lasst sie nicht, nein, Lasst sie nicht, nein
Lasst sie nicht privatisieren

Um einmal zu den Fakten zu kommen: momentan fehlen 3,2 Billionen Pesos (ca. 1.000.000.000) für Gehälter von Angestellten der öffentlichen Universitäten und 15 Billionen Pesos in der Infrastruktur, das sind satte 4.500.000.000€. An der Nacional merkt man, dass dieses Geld fehlt. Viele Gebäude sind schon seit Jahren einsturzgefährdet, das Gebäude der Bellas Artes ist schon lange gesperrt und das von Architektur existiert gar nicht erst. Duque möchte das Geld lieber in die Verteidigung des Landes stecken und kürzt leichterhands in der Bildung. Hängen bleibt das an den Mitarbeitenden und Studierenden der öffentlichen Universitäten. Ich habe viele Kolumbianer*innen kennengelernt, die nicht studieren können, da sie sich keine private Uni leisten können und es mittlerweile nahezu unmöglich ist an die beliebten Plätze der öffentlichen Unis heranzukommen. Beispiel: in Diseño Gráfico gibt es pro Semester 30 Plätze für die Besten des Landes. Auf diese 30 Plätze bewerben sich Tausende.

¿Y dónde está La Nacho?, ¿La Nacho dónde está?

La Nacho está en las calles haciéndose escuchar

Und wo ist die Nacho? Die Nacho, wo ist sie?

Die Nacho ist in den Straßen und macht sich hörbar

Für das Jahr 2019 sollen alle öffentlichen Universitäten insgesamt 4,3 Billionen Pesos erhalten. Studierende fordern jedoch 15 Billionen Pesos, um das Defizit der letzten 20 Jahre aufzuholen.  Seit 1992 erhalten die Universitäten nur einen Teil von dem, was sie eigentlich bräuchten. Unis sehen die Privatisierung als bald einzige Möglichkeit sich zu finanzieren. Die Studierendenzahlen sanken dadurch in den letzten 26 Jahren stark.

Schon in den letzten Wochen sammelten sich die Studierenden um die marcha vorzubereiten. Vor einer Woche traf sich meine Fakultät – facultad de artes – um die Forderungen durchzugehen und klar zu formulieren. Überall wurden Plakate gebastelt und T-Shirts per Hand bedruckt, die am Mittwoch getragen wurden.

32 öffentliche und 28 private Universitäten nahmen teil an der marcha. Kolumbienweit gingen 450.000 Menschen auf die Straßen, um für ihr Recht auf Bildung zu kämpfen. In Cali, Medellín, sogar Tunja, Bogotá und vielen weiteren Metropolen versammelten sich Studierende, Dozierende und weitere Betroffene auf den Straßen. Um 11 Uhr versammelten sich die Studierenden der Nacional mit Schildern, Plakaten und Sprüchen auf dem Hauptplatz, der Plaza Che, um dann vier Stunden bis ins Centro auf die Plaza Bolívar zu marschieren. Straßen wurden gesperrt und keine transmilenio fuhr mehr in dem Zeitraum. Je näher wir dem Centro kamen, auf desto mehr Universitäten stießen wir, unter anderem auch die großen Privatunis der Stadt Los Andes und die Javeriana, die die öffentlichen Unis im Protest unterstützen. Über uns kreiste ein News-Hubschrauber, der die Dimensionen der Menschenmasse sichtbar machte.

¿Quién es usted? – Soy estudiante
No lo escuché – Soy estudiante
Una vez más – Soy estudiante

Soy, soy estudiante, yo quiero estudiar, para cambiar la sociedad, ¡Vamo‘ a la lucha!

Wer bist du? – Ich bin Student*in
Ich habe es nicht gehört – Ich bin Student*in
Noch einmal – Ich bin Student*in

Ich, ich bin Student*in, ich will studieren, um die Gesellschaft zu verändern, wir gehen in den Kampf!

Ich lasse einige Fotos sprechen:

Auf der Plaza Bolívar angekommen, schon mit Halsschmerzen und steifen Beinen, hörten wir eine Rede des linksliberalen Präsidentschaftskandidaten und Zweitplatzierten Gustavo Petro. Ich habe mich sehr gefreut ihn en vivo (live) zu sehen und zu hören. Gleichzeitig macht es mich auch traurig, da ich mich frage, was gewesen wäre, wenn er die Präsidentschaftswahl gewonnen hätte.

Ich war erstaunt, wie ruhig die Demonstration ablief. Ich habe mit Steinen und anderen Dingen gerechnet, aber es war sehr friedlich. Merkwürdigerweise haben wir die Polizei kaum zu Gesicht bekommen. Ob die sich bei den Massen nicht getraut haben? Ich habe von keinem Zwischenfall mitbekommen. In den Tagen danach habe ich jedoch bei Facebook gesehen, wie sich Fake News über das Event verbreiteten. Linksextreme Gruppen, die gewaltvoll gegen die Regierung aufhetzen. Bilder von Vandalismus und vermummten Gruppen, die mit papabombas durch die Straßen ziehen. Plakate, die die Legalisierung von Drogen fordern. Von all dem habe ich NICHTS mitbekommen und ich bin mir nicht mal sicher, ob die Fotos überhaupt aktuell waren. Es schockierte mich, wie Rechts-Konservative so etwas Wichtiges, wie die #marchaporlaeducación (Marsch für die Bildung) zu so etwas missbrauchen können.

Auch wenn ich mich nur für ein Semester an der Nacional befinde, wollte ich Solidarität zeigen und die Studierenden unterstützen. In einem Land wie Deutschland, in dem die öffentliche Bildung gesichert ist, musste ich mir nie Sorgen um meine Bildung machen. Ich war sehr berührt, wieviele Menschen mit so viel Herz dabei waren und dachte darüber nach, warum in Deutschland so etwas in dem Ausmaß nicht passiert. Nach einigen Überlegungen bin ich zu dem Schluss gekommen, dass wir eben doch sehr privilegiert leben. Bildung ist ein Grundrecht in Deutschland, das (fast) allen zur Verfügung steht. Ich habe bisher von keiner Uni in Deutschland gehört, die starke finanzielle Schwierigkeiten hat, da die Universitäten sehr vom Staat unterstützt werden. Auch wenn einiges verbessert werden könnte, sehen viele nicht den Grund dafür auf die Straße zu gehen und zu demonstrieren. So schlimm ist es dann doch wieder nicht.

Bis zum 21. Oktober gehen die Unis mindestens in den Streik. Bis dahin haben wir keinen Unterricht. Möglich ist, dass der Streik verlängert wird. Das kann bedeuten, dass die fehlenden Wochen an das Semesterende im Dezember oder Januar rangehangen werden. Ich bin gespannt, wie sich alles entwickelt!

Weisheit des Tages: Bildung ist ein Grundrecht, das jedem Menschen dieser Welt zustehen sollte. In Kolumbien tun die Studierenden, Dozierenden und anderen Mitarbeitenden gerade alles daran, dass das in diesem Land umgesetzt wird.

Traumurlaub auf San Andrés und Providencia

– 67 Tage nach der Ankunft –

Ein spontaner Traumurlaub in der Karibik. Auch das gehört wohl zum Auslandssemester in Kolumbien dazu. Wie angekündigt kommt heute ein Beitrag über meine fünftägige Reise auf die Inseln San Andrés und Providencia während der semana universitaria.
Nicht umsonst ist das Wasser um San Andrés und Providencia als el mar de los siete colores bekannt. Von dunkelblau über türkisfarben bis hellblau sahen wir die schönsten Färbungen des Wasser. Weißer, feiner Sand unter den Füßen, über uns ein Meer aus dichten Palmen an den Kokosnüsse wachsen, aus denen wir Coco Loco tranken während um uns das Rauschen des Meeres und die sanften Beats der Reggae-Musik zu hören waren. Pastellfarbene Sonnenuntergänge mit gefärbten Wolken, die aussahen als wären sie gemalt.

San Andrés ist wohl eines der beliebtesten Reiseorte Kolumbiens und obwohl während meines Freiwilligendienstes fast alle Freiwillige die Insel besuchten, bin ich nie dazu gekommen. Eine Insel mitten in der Karibik, 12 Kilometer lang und 3 Kilometer breit mit ca. 72.000 Einwohner*innen. Obwohl San Andrés nur 190 Kilometer von der nicaraguanischen Küste entfernt ist, gehört es zu dem 770 Kilometer entferntem Kolumbien, worauf viele Kolumbianer*innen sehr stolz sind. Die Inselbewohner*innen sehen das meist jedoch anders und einige sehnen sich nach Unabhängigkeit von Kolumbien. 90 Kilometer nördlich von San Andrés befinden sich Providencia und Santa Catalina, zwei weitere Inseln, die wesentlich weniger touristisch sind. Dort verbrachten wir den Großteil unserer Zeit und genossen einige Tage die Natur und Vielfalt der Karibik.

Von Bogotá aus flog ich am Sonntag zwei Stunden nach San Andrés und wurde von der tropischen Hitze erschlagen, auch wenn es schon 20 Uhr war, als ich ankam. Um nach San Andrés zu reisen, muss man eine „Tourist Card“ kaufen, die 110.000 Pesospro Person kostet (ca. 33€). Spannend wurde es, als ich nach einer überteuerten Taxifahrt (Taxi fahren auf San Andrés ist sehr teuer!) vor einem verlassenen Haus stand, das mein Hostel sein sollte. Nach langem Hin und Her stellte sich heraus, dass das Hostel umgezogen war, worüber ich allerdings nicht informiert wurde. Von einer kolumbianischen Familie, die mir bei der Suche half, wurde ich eingeladen bei ihnen zu übernachten, falls ich das Hostel nicht finden würde – also auch auf der Insel kolumbianische Gastfreundlichkeit und Hilfsbereitschaft.
Am nächsten Tag fuhr ich mit der Fähre drei Stunden nach Providencia, wo ich schon von meinen drei Mitreisenden erwartet wurde. Ich kannte zwar vor der Reise nur eine Person von den dreien und hatte sie erst eine Woche vorher über eine Freundin kennengelernt, aber genau das sind die spontanen, schönen Erlebnisse, die das Leben aufregender machen. Zu viert waren wir ein tolles Team und verstanden uns von Anfang an.

Untergekommen sind wir in einem Haus, das seit einer Woche ein Hostel werden sollte, dementsprechend waren wir die ersten Gäste und wurden sehr herzlich aufgenommen. Das Haus, direkt am Wasser, bot eine wunderschöne Aussicht. Kaum zu glauben, dass die Landschaften von Windowshintergrundbildern existieren.

Wir waren uns alle einig, dass wir keinen kompletten Strandurlaub, sondern auch die Umgebung erkunden wollten.
Am ersten Tag unternahmen wir eine Bootstour, bei der wir an verschiedenen Stellen schnorchelten. Obwohl das Wasser mehrere Meter tief war, konnte man bis auf den Grund sehen, so klar war es. Vom Boot ins Wasser gesprungen, konnte ich es nicht glauben, dass ich mich mitten im Ozean befand, das nächste Festland mehrere hundert Kilometer entfernt. Unter Wasser schwammen wir zwischen bunten Fischen und verschiedenen, bemusterten Korallen. Die Unterwasserwelt wirkte wie eine Parallelwelt auf mich und ich wollte gar nicht mehr auftauchen. Sogar eine Schildkröte habe ich gesehen, der ich ewig in ihrer natürlichen Lebensraum hätte zuschauen können.
Von einer kleinen Insel aus sahen wir das Meer von oben. Die verschiedenen Blautöne wirkten fast surreal.

Am nächsten Morgen standen wir um 3 Uhr auf, um den Sonnenaufgang von El Pico aus zu sehen, dem höchsten Punkt (360 Meter) mitten auf der Insel. Mit der hohen Luftfeuchtigkeit, der sich schon um die Uhrzeit aufbauenden Hitze und dem Aufsteigen des Berges, waren wir klitschnass als wir nach eineinhalb Stunden oben ankamen. Was wir zu sehen bekamen, war unglaublich. Um uns herum grüne, bewachsene Hügel. Weiter entfernt konnte man das türkisfarbene Wasser erkennen. Die Insel von oben ist traumhaft schön. Mich hätte es nicht gewundert auf einmal Langhälse und andere Dinosaurier zu sehen. Das Szenario erinnerte mich sehr an „Jurassic World“ oder „In einem Land vor unserer Zeit“.
Überrascht wurden wir vom starken Regen, der einmal über die Insel zog und uns noch nasser hinterließ. Das war jedoch schnell vergessen, als die Sonne sich zeigte.

Am selben Tag mieteten wir ein Golfcar mit dem wir den restlichen Tag Beach hoppten. So konnten wir die vier verschiedenen Strände der Insel erkunden und nach einem starken Coco Loco vom Barmann Rocko, wirkte alles noch surrealer und schöner. Von an Palmen befestigten Schaukeln sprangen wir ins klare Wasser. Während wir dann im Wasser lagen, den (viel zu starken) Coco Loco aus einer Kokosnuss schlürften und die Reggae-Beats im Hintergrund zuhörten, wurde uns bewusst, was für ein Privileg es ist, einen solchen Moment erleben zu dürfen.

Am letzten Tag auf Providencia liefen wir über die Brücke nach Santa Catalina, einer weiteren Insel. Dort verbrachten wir die letzten Stunden, eh wir mit der Fähre, die dieses Mal starken Wellengang hatte (was sich auf die Stimmung und das Wohlbefinden der Mitreisenden auswirkte) nach San Andrés fuhren.

In San Andrés ließen wir den gelungen, erlebnisreichen Kurzurlaub mit einem Abend im Restaurant und am Strand ausklingen, eh wir am nächsten Tag zurück nach Bogotá reisten.
Ich hätte noch einige Tage im karibischen Paradies bleiben können. Angekommen in Bogotá merkte ich jedoch, wie sehr sich die kolumbianische Großstadt schon nach zuhause anfühlt, so dass ich gar nicht so traurig über die Rückkehr war.
Das Wochenende verbrachte ich noch in Tunja mit meiner Gastfamilie und einigen Freunden, die ich lange schon nicht mehr gesehen hatte.

Es war ein traumhafter Kurzurlaub, den ich in freundlicher Gesellschaft mit tollen neuen Eindrücken und Erfahrungen erlebte. Dem karibischen Flair kann sich wohl niemand entziehen 😀

Weisheit des Tages: Spontanität ist eine der aufregendsten Dinge im Leben. Durch Offenheit in vielen Situationen haben sich mir schon so tolle Gelegenheiten geboten!