Leben mit meiner Gastfamilie

– 133 Tage nach der Ankunft –

Hola queridos.
Heute kommt ein Blogbeitrag über das Zusammenleben mit meiner kolumbianischen Familie.

Wer mich kennt, weiß, dass ich schon zwei kleine Austauschprojekte erleben durfte. In der 10. Klasse hatten wir einen Dänemarkaustausch. Für eine Woche kam eine Dänin zu uns in die Familie und eine Woche habe ich in dem kleinen Städtchen Odense in ihrer Familie verbracht.
In einer Woche lernt man allerdings nicht die Personen oder Familienbräuche kennen.

2014 habe ich einen dreiwöchigen Kanadaaustausch gehabt. Im Januar kam für drei Wochen „meine“ Kanadierin Sabrina (Sabi) zu uns und im April war ich drei Wochen da. Übrigens kommt sie mich diesen Sommer für ein paar Tage besuchen, das heißt wir haben immer noch guten Kontakt.
Damals erschienen mir drei Wochen seeeehr lange, denn ich war noch nie so lange von meiner Familie getrennt.
Heute sind drei Wochen für mich nicht viel 😀

Bei beiden Austauschprojekten hatte ich meine Freunde in der Nähe und es war nicht lange Zeit. Hier in Kolumbien bin ich für ein Jahr. Natürlich habe ich die anderen Freiwilligen als Freunde und wir machen fast jeden Tag etwas zusammen, aber meine Freunde in Deutschland kenne ich schon viiieel länger.
Ich würde schon sagen, dass ich nach dem Kanadaaustausch die Kultur besser kennengelernt habe. Mit einem ganzen Jahr kann man das aber nicht vergleichen.

Bevor ich mich für dieses Freiwillige Soziale Jahr entschieden habe, habe ich mir Gedanken gemacht, wie das ist, wenn man ein ganzes Jahr bei „fremden“ Menschen lebt. So begeistert war ich ehrlich gesagt nicht; was wenn man die Familie nicht mag oder die Bräuche, die sie haben?
In den ersten Tagen habe ich mich ein bisschen unwohl gefühlt. Fremde Menschen, die eine andere Sprache sprechen. Die Kommunikation war schwierig und man konnte sich in der ersten Zeit nicht kennenlernen, weil man erstmal die Sprache ein bisschen beherrschen muss.
Man fühlt sich wie ein Gast, der sich 24/7 höflich benehmen muss. Man kann nicht mal soeben singend durch das Haus laufen oder an den Kühlschrank gehen, wenn man möchte.

Mittlerweile hat sich das ziemlich geändert und meine anfänglichen Bedenken waren umsonst.
Wenn man in einer Gastfamilie lebt, hat man den Vorteil, dass man sehr schnell die Sprache lernt. Ich kann hier mit niemandem Englisch reden und war gezwungen mich auf Spanisch auszudrücken, auch wenn das anfangs ein bisschen schwierig war. Außerdem lernt man viel besser die Kultur des Landes kennen und hat Menschen, die einem sehr wichtig sind.

In der ersten Zeit hatte ich ein bisschen Probleme mit meiner Gastmutter. Sie ist eine sehr führsorgliche Person, die möchte, dass es allen gut geht und alle glücklich sind.
Anfangs hat mich das ehrlich gesagt sehr genervt, weil ich mich wie ein kleines Kind gefühlt habe und ich bin mit ihrer Art nicht klargekommen. Das habe ich natürlich nie geäußert (hoffe ich zumindest). Ich hatte sogar ein bisschen überlegt die Familie zu wechseln.
Jetzt bin ich sooo froh, dass ich es nicht gemacht habe! Es hat einfach ein bisschen Zeit gebraucht, sie besser kennenzulernen. Jetzt finde ich sie total liebenswürdig und habe sie ins Herz geschlossen. Jeden Tag führen wir alltägliche Unterhaltungen, wobei ich am Anfang gar nicht gewusst hätte, worüber ich reden soll. Sie kümmert und sorgt sich nach wie vor sehr um mich, aber ich finde das jetzt sehr lieb und süß von ihr. Sie möchte einfach, dass ich rundum glücklich bin!

Mein Gastvater ist jemand, der ein bisschen zurückhaltend ist. Nicht, dass er schüchtern ist, aber er zieht sich gerne in sein Zimmer zurück und redet meist nicht so viel. Beim Essen sitzt er meist nicht am Tisch, weil bei uns jeden Tag Nachbarn da sind, die für ein bisschen Geld bei uns essen können. Er sitzt im Wohnzimmer vor dem Fernseher und isst dort. Abends darf das tägliche Wrestlinggucken nicht fehlen 😀
Wir hatten mittlerweile schon gute Unterhaltungen. Er ist sehr belesen, weiß viel und interessiert sich für Vieles, auch für meine Kultur und Europa. So kann ich mich nun auch mit ihm unterhalten.
Anfangs hatte ich das Gefühl, dass er nicht wirklich etwas mit mir anfangen kann und auch nicht weiß, inwiefern ich ihn verstehe. Nun merke ich, dass er mich auch gerne hat. Heute morgen zum Beispiel wollte ich eine Mango essen und wir hatten keine im Haus. Er ist sofort losgelaufen zu einem tienda und hat mir eine Mango gekauft.

Meine Gasteltern sind bis auf Ausnahmen immer zuhause, da sie schon ein bisschen älter sind und nicht mehr arbeiten. Das fand ich anfangs auch ein bisschen komisch, denn ich war es gewohnt nachmittags unter der Woche das Haus mal für mich alleine zu haben. Das stört mich aber auch nicht mehr. Rumsingen kann ich zwar leider nicht (außer mit meiner Gastschwester zusammen), aber das überlebe ich.
Das heißt im Wohnzimmer ist immer jemand da, wenn ich reden möchte. Ansonsten kann ich mich in mein Zimmer zurückziehen, wenn ich möchte und habe so meine Freiräume.

Besonders toll finde ich es, wenn man Gastgeschwister hat.
Ich bin so dankbar für meine Gastschwester. Sie hat mir den Anfang sehr erleichert durch ihre offene und lustige Art. Mit ihr ist es jeden Tag witzig, aber wir können auch über ernste Themen reden. Für mich ist sie eine sehr wichtige Person geworden.
Mein Gastbruder ist ein bisschen zurückhaltend und wir reden nicht so viel außer vielleicht beim Essen. Aber mit ihm kann es auch sehr lustig sein, zum Beispiel wenn meine Gastschwester noch dabei ist.
Zu dritt gucken wir öfter mal Filme, meist Horrorfilme :p

Seit einigen Wochen lebt bei uns noch jemand zuhause. Ein 17-jähriges Mädchen, die in Tunja an der Universidad Boyacá studiert und deshalb ein Zimmer bei uns gemietet hat. Sie redet nicht viel. Ich habe schon ein paar mal versucht eine Unterhaltung anzufangen, aber da ist nicht wirklich was zustande gekommen. Gegenüber meinen Gasteltern finde ich sie manchmal ein bisschen unfreundlich, aber da mische ich mich nicht ein.
Entweder ist sie in der Uni oder in ihrem Zimmer (mit geschlossener Tür).
Vielleicht lerne ich sie in den nächsten Monaten auch noch besser kennen.

Momentan bin ich sehr glücklich und verstehe mich mit allen aus der Familie richtig gut.

Nach dem Essen sitzen wir meistens noch ein bisschen am Tisch und unterhalten uns. Montags bis Mittwochs haben meine Gastgeschwister auch nachmittags Unterricht und müssen nochmal los.

Wenn ich bei irgendetwas Hilfe brauche, würde mir jeder aus der Familie helfen und andersrum werde ich auch im Hilfe gebeten. Meine Gastgeschwister wollen beispielsweise ihr Englisch verbessern und bald werde ich ihnen einmal die Woche Nachhilfe geben.

Zu meiner Gastfamilie gehören für mich auch noch der Bruder meiner Gastmutter mit Frau und zwei Söhnen, die Schwestern meiner Gastmutter (eine lebt in Bogotá, die andere hat auch Mann und zwei Töchtern) und meine Gastoma dazu.
Meine beiden Gasteltern haben jeweils neun oder zehn Geschwister, dass heißt, dass die Familie viel größer ist, aber sie leben in Kolumbien verteilt und der Kontakt zu der Familie meines Gastvaters ist nicht sehr gut.
Die genannten Personen leben in Tunja und sind deshalb oft zu Besuch. Sie sind mir alle sehr sympathisch und ich kann mich gut mit ihnen unterhalten. Mit ihnen habe ich ja auch Weihnachten verbracht.

Also bin ich momentan seehr, seeehr glücklich in meiner Gastfamilie und fühle mich pudelwohl.
Meine Gastfamilie freut sich auch schon total, wenn meine Eltern und Geschwister aus Deutschland in drei Wochen kommen und wir reden jeden Tag darüber. Mit ihrer Gastfreundlichkeit wollten sie gleich alle vier im Haus haben und ich freue mich auch, wenn sich meine Familien gegenseitig kennenlernen. Ein bisschen lustig kann das schon werden, denn ich bin die Einzige, die deutsch und spanisch spricht 😀

Hier habe ich mir viele Gedanken zu dem Thema Familie gemacht. In Kolumbien merkt man, dass das Familiengefühl sehr stark ist und man eher etwas mit der Familie unternimmt als mit Freunden.
Ich merke für mich, dass mir meine Familie unheimlich wichtig ist und möchte, wenn ich zurück bin, mehr mit ihnen unternehmen.
So sehr ich meine Familie hier auch lieb habe, sie werden niemals meine Familie in Deutschland ersetzen können.

Weisheit des Tages: für ein Jahr in einer Gastfamilie leben, ist eine tolle Erfahrung und ich weiß jetzt schon, dass mir der Abschied in fünf Monaten seeehr schwer fallen wird.

 

Religion und Drogenabhängige

– 123 Tage nach der Ankunft –

Hallo meine Lieben.
Ja, ich weiß. Jetzt fange ich auch an immer unregelmäßiger meine Blogbeiträge zu schreiben.
Ich finde das selber schade, denn ich wollte mindestens einmal die Woche etwas schreiben.

Manchmal bin ich ganz schön mit der Schule beschäftigt und dem Alltag. Nachmittags mache ich etwas mit meiner Gastfamilie oder treffe mich mit Freunden.
Manchmal bin ich aber auch einfach nur zu faul, mich vor den Laptop zu setzen und einen Blogbeitrag zu schreiben 😀

Heute hatte ich einen sehr besonderen Tag in der Schule und wollte unbedingt davon berichten.
Ich weiß gar nicht, wie ich beschreiben soll, wie ich mich gefühlt habe. Ich glaube das Wort impresionante beschreibt meinen Tag ganz gut.

Ich bin heute nur zwei Stunden in der Schule gewesen.
Meine Lehrerin hatte keinen Unterricht und da es an der secundaría (Oberstufe) nur eine Englischlehrerin gibt, hatte ich auch keinen Unterricht.
Stattdessen hatten alle Jahrgangsstufen ein besonderes Projekt, an dem sie teilhaben durften und ich zum Glück auch.

In unserer Schule waren heute fünf Männer aus den Estados Unidos (USA), die alle Drogen- und/oder Alkoholprobleme hatten. Sie wurden begleitet von zwei Pärchen; das eine lebt seit 16 Jahren in Kolumbien und diente unter Anderem als Dolmetscher. Für mich war es ganz lustig einmal den US-amerikanischen Akzent im Spanischen zu hören, denn der war ehrlich gesagt bastante.

Alle Anwesenden haben ihre historia erzählt. Von ihren Erfahrungen, die sie im Leben machen mussten. Alle haben eine schlimme Zeit durchgemacht und für mich war es schockierend zu hören, wie sie immer weiter in den Teufelskreis der Drogen reingeraten sind.
Man hat gesehen, wie schwierig es für sie war, diese Zeit, bestehend aus Drogen und Kriminalität, Revue passieren zu lassen.

Einer von ihnen erzählte, dass sein Vater Alkoholiker war und ihn geschlagen hat als Kind. Mit 13 Jahren wollte er das nicht mehr und hat auf der Straße gelebt. Er hat angefangen zu trinken, Mariuhana zu rauchen und dann sich Heroin zu spritzen.

Ein Anderer hat 20 Jahre lang Drogen konsumiert und sich das Leben damit zerstört. Entweder lebte er im Krankenhaus oder im Gefängnis, bis er dann auf der Straße gelandet ist, als Obdachloser.

Ich will gar nicht alle Geschichten aufschreiben, denn einige waren auch sehr privat und ausführlich. Aber alle hatten starke Probleme mit der Sucht und haben ihr Haus, Wertsachen, Freunde und Familie verloren, einfach alles.

Die Gruppe hat dann noch ein kleines Theaterstück aufgeführt. Ich glaube, die Jugendlichen haben das teilweise gar nicht richtig verstehen können, denn sie haben an einigen Stellen gelacht. Ich fand es sehr emotional und berührend.
Ein Mann wurde von schlechten Mächten beeinflusst und ihm wurden Ketten angelegt. An diesen Ketten wurde ständig gezogen, so dass er nicht fliehen konnte.
Das sollte die Abhängigkeit darstellen.
Der Grund, warum alle diese Menschen ihr Leben ins Positive ändern konnten, war der Glaube in Gott.
In dem Theaterstück erschien Gott und befreite den Mann von seinen Ketten und den schlechten Einflüssen.

Die Organisation, in der die Männer sind, ist eine kirchliche, die Abhängigen hilft, den richtigen Weg zu finden.
Alle diese Menschen konnten von den Drogen und dem Alkohol loskommen, indem Gott sie befreit hat und sie ihren Glauben wiedergefunden haben.

Ich finde das sehr beeindruckend, wie man durch einen Glauben in Etwas, sein Leben komplett ändern kann. Ich war sehr beeindruckt von dem Wechsel, für den sich diese Menschen entschieden haben.

Mich hat das alles ganz schön mitgenommen und ich habe lange über die Lebensgeschichten dieser Männer nachgedacht. Ich glaube mich bewegt es so sehr, weil ich noch nie mit jemandem, der solche Probleme hatte, persönlich gesprochen habe, sondern nur Interviews aus dem Fernsehen kannte.

Danach habe ich auch mit meiner Lehrerin gesprochen und sie meinte, dass es ganz besonders wichtig ist, den Kindern zu zeigen, dass sie ihre eigenen Entscheidungen machen müssen. Wenn man schlechte Entscheidungen trifft, passiert einem etwas Schlimmes und man muss mit den Konsequenzen leben. Gute Entscheidungen führen zu éxito (Erfolg).
Ich weiß, dass das Bild von Kolumbien nach wie vor vorbelastet ist. Man denkt an Kolumbien, man denkt an Drogen.
Das wissen auch die Schüler. Viele macht es traurig, dass ihr Land so schlecht gesehen wird. Viele lehnen den Drogenkonsum deshalb ab.
Aber gerade in meiner Schule gibt es auch viele Schüler, die Probleme in den Familien haben und sich deshalb mit Drogen beschäftigen.
Für die Schüler war es ganz wichtig zu hören, dass man erfolgreich werden kann, wenn man die richtigen Entscheidungen im Leben trifft und man nie den Glauben verlieren soll.

Ich habe mich etwas Komisch in dem Raum gefühlt, weil ich vermutlich, die Einzige war, die nicht an Gott glaubt.
Ihr solltet wissen, dass die meisten Kolumbianer seeeehr religiös sind, überwiegend katholisch.

Viele verstehen das überhaupt nicht, wenn ich erkläre, dass ich keine Religion habe und an nichts glaube. Das ist in Kolumbien eher ungewöhnlich, wenn jemand Atheist ist.
Es gibt viele Feierlichkeiten, die zelebriert werden, weil es etwas Religiöses ist. Mein Gastvater zum Beispiel ist seeeehr religiös.
Im März ist hier die semana santa. In Deutschland ist zu dieser Zeit Ostern. Noch weiß ich nicht, ob es da viele Parallelen gibt.
40 Tage vor der semana santa, beginnt die Fastenzeit und es wird viel gebetet. An diesem Tag sind viele Kolumbianer mit einem schwarzen Kreuz auf der Stirn rumgelaufen. Auch in meiner Schule. Es führte zu Verwirrung, warum ich kein Kreuz trug. Vielen Schülern habe ich erklärt, dass ich an nichts glaube. Ich wurde dann mit Fragen bombardiert, zum Beispiel, wie ich glaube, dass die Welt entstanden ist oder ob es für mich ein Leben nach dem Tod gibt.

Vom Vorbereitungsseminar wusste ich schon, dass „Religion“ ein sehr schwieriges, sensibles Thema ist. Bisher konnte ich es immer vermeiden.
Letzten Donnerstag bin ich dann in der primária irgendwie in diese Unterhaltung reingerutscht mit einer seeehr gläubischen Lehrerin.
Irgendwann hat sie mich gefragt, welche Religion ich habe. Ich habe ihr vorsichtig erklärt, dass ich an nichts glaube und keine Religion habe, aber alle Religionen akzeptiere und es gut finde, wenn jemand an Etwas glaubt. Daraufhin hat sie mich nahezu bemitleidet, was für ein trauriges Leben ich habe, dass ich keinen Glauben habe, dass ich mal darüber nachdenken sollte und dass sie es schrecklich findet, wenn die Eltern den Kindern den Glauben verbieten. Ich meinte, dass meine Eltern mich an alles glauben lassen und mir das überlassen ist und das ich glücklich bin, aber sie war komplett anderer Meinung. Für sie war es einfach nicht vorstellbar, an nichts zu glauben und dachte, dass ich viele Probleme habe und traurig bin.

Das war für mich eine sehr schwierige Unterhaltung. Ich habe auch gemerkt, dass diese Lehrerin, mit der ich mich sonst super verstehe, einfach kein Verständnis gezeigt hat. Am Ende habe ich ihr bei allem zugestimmt, weil sie meine Meinung gar nicht richtig hören wollte und ich keine Grunddiskussion anfangen wollte.

Das Thema Religion ist überall auf der Welt ein sensibles Thema. Ich akzeptiere jegliche Religion und freue mich für Menschen, wenn sie Kraft aus ihrem Glauben gewinnen, wie zum Beispiel die US-Amerikaner, die ich heute kennengelernt habe. Ehrlich gesagt mag ich es aber nicht, wenn mich jemand von seiner Religion so überzeugen möchte, dass ich ebenfalls daran glauben soll. Ich habe meine Meinung zu dem Thema und höre mir gerne alle Meinungen an, möchte aber nicht missioniert werden.
In Kolumbien merke ich, dass viele Menschen in der Hinsicht noch nicht so offen sind. In Europa gibt es seeehr viele verschiedene Religionen, die dicht aufeinander leben. Es gibt auch viele Atheisten. In Deutschland hat bisher noch niemand damit ein Problem gehabt, dass ich keine Religion habe, denn das ist etwas „Normales“ geworden, finde ich, denn es gibt viele Atheisten.

Alles was ich hier gesagt habe, ist meine eigene Meinung und ich habe versucht zu schildern, wie ich das Thema Religion in Kolumbien wahrgenommen habe.
Ich hoffe, dass ich damit niemandem zu nahe getreten bin oder etwas Schlechtes gesagt habe.

Noch immer denke ich an die Menschen von heute, die mithilfe ihres Glaubens auf den richtigen Weg gekommen sind.
Ich persönlich, könnte mir aber nicht vorstellen, jemals so sehr an einen Gott zu glauben.
Für mich ist es wichtig, dass alle Menschen mit ihrem Glauben oder ihrem Nicht-Glauben glücklich sind und andere Menschen damit nicht negativ beeinflussen oder verletzen.

Weisheit des Tages: Religion ist ein schwieriges, sensibles Thema, wo die Meinungen mal schnell auseinander gehen können. Ich finde es beeindruckend, wenn Menschen mithilfe ihres Glaubens aus einer schwierigen Situation herausfinden und denke jeder sollte ein bisschen Akzeptanz bei diesem Thema zeigen.

100 Tage Kolumbien!

– 108 Tage nach der Ankunft –

Oh man, ich kann es gar nicht glauben. Jetzt bin ich schon solange hier. Eigentlich wollte ich letzte Woche schon diesen Post schreiben, aber ich war so beschäftigt mit der Schule.

In den letzten 100 Tagen habe ich so viel erlebt, wie noch nie zu vor in so kurzer Zeit. Ich habe viel Neues gelernt: spanisch sprechen, offener werden, die kolumbianische Kultur zu schätzen und immer mehr auch meine eigene Kultur.
Ich denke, dass ich mich wirklich positiv entwickelt habe. Ich bin ein bisschen selbstbewusster geworden und tatsächlich zufriedener mit mir selbst, kann besser auf fremde Menschen zu gehen und habe hier so viele nette Menschen kennengelernt.

Zu diesem kleinen Jubiläum wollte ich heute einige Dinge ansprechen, die in Kolumbien anders sind, als in Deutschland.
Nach über drei Monaten habe ich mich an die meisten Dinge schon gewöhnt, denn ich erlebe es jeden Tag.
Aber fangen wir an:

Was ganz offensichtlich ist: die Kolumbianer sind freundlich.
Ich mag Stigmatisierungen nicht, aber ich habe seit meiner Ankunft vielleicht fünf Kolumbianer kennengelernt, die nicht gastfreundlich und offen waren. Die meisten Kolumbianer empfangen einen mit offenen Armen.
Was ich auch neu lernen musste, war wie man sich in Kolumbien richtig begrüßt.
Aus Deutschland bin ich es gewöhnt, fremde Menschen die Hand zu geben. Hier sagt man mucho gusto (ungefähr „freut mich dich kennenzulernen“) und die Menschen meinen es auch so.
Die typische kolumbianische Begrüßung und Verabschiedung ist ein Wangenkuss. Das machen hier fast alle, ob man sich kennt oder nicht. Familienmitglied mit Familienmitglied, Freunde mit Freunden, ich mit den Lehrern, Lehrer mit Lehrern, Schüler mit Lehrern. Fast alle. Eine Ausnahme stellen vielleicht Männer untereinander da. Die geben sich eher die Hand, wenn man nicht gut befreundet ist, weil das sonst missverstanden werden kann.
Anfangs war das für mich sehr ungewohnt, denn bei einem Wangenkuss kommt man einem Menschen schon ziemlich nah. Meine Gastmutter hat mir deshalb am Anfang auch einmal gesagt, dass ich die Menschen richtig begrüßen muss, denn ich habe immer nur die Hand gegeben.

Der zweite Punkt hat etwas mit dem Nationalstolz der Kolumbianer zu tun. Obwohl Kolumbien so ein schlechtes Bild nach außenhin hat, ist man innerhalb des Landes stolz auf die eigene Kultur. Deshalb wird zu fast jedem Anlass die Nationalhymne gesungen. Nicht nur das… Boyaca hat eine eigene Hymne, Tunja und sogar die vielen Schulen in Tunja. Die Hymne meiner Schule gefällt mir sogar sehr gut.
Es werden also viele Hymen gesungen.
Meine Gastfamilie war entsetzt, als ich ihnen gesagt habe, dass ich die deutsche Nationalhymne nicht auswendig kann und es keine Berlinhymne gibt (soweit ich weiß).

Das Nächste, worüber ich sprechen möchte, ist ein wenig ungewöhnlich… und vielleicht eklig…
Die Toilettenrohre in Kolumbien sind sehr eng. Hier verstopfen die Toiletten einfacher und schneller, als in Deutschland. Deshalb macht man das benutzte Klopapier auch nicht in die Toilette, sondern in den Mülleimer. Das hört sich wirklich eklig an, ich weiß. Meine Gastmutter musste mich auch darauf aufmerksam machen. Man ist es einfach so gewohnt, das Papier in die Toilette zu schmeißen. Mir ist zum Glück noch nicht ein derartiges Malheur passiert, aber ich möchte es auch nicht darauf ankommen lassen 😀
So eklig ich es anfangs auch fand, das benutzte Papier in teilweise offene Mülleimer zu entsporgen, das ist mir lieber als ein verstopftes Klo. Mittlerweile finde ich das ganz normal und werde, wenn ich wieder in Deutschland bin, bestimmt den Mülleimer direkt neben der Toilette suchen.

Eine weitere, mir ungewohnte Sache, war die offene Tür. Wenn man in seinem Zimmer ist, dann lässt man Tür immer wenigstens einen Spalt offen.
Ich mag es zum Beispiel gar nicht, offene Türen zu sehen. Fragt mich nicht warum 😀 Aber hier macht man die Zimmertüren nur zu, wenn man schläft oder sich umzieht. Eine geschlossene Tür ist ein Zeichen dafür, dass man nicht gestört werden möchte und die Familie ausschließt.

Wo wir gleich bei dem Thema Zimmer sind.
Ich bin kein besonders ordentlicher Mensch. Merkwürdigerweise mag ich Unordnung überhaupt nicht, aber ich kann nicht wirklich was dagegen machen. Wenn ich mein Zimmer aufräume, sieht es einige Tage später wieder genauso aus, wie vorher. Eh ich dann mal wieder Zeit oder Motivation gefunden habe, das Zimmer aufzuräumen, dauert das ein bisschen.
Die meisten Kolumbianer (gerade meine Gastfamilie) hingegen sind seeeehr ordentlich. Wenn meine Gastmutter mal kurz in meinem Zimmer ist, kann sie auch nicht anders und fängt an, Dinge, die auf dem Boden liegen, aufzuräumen 😀
Die kolumbianische Ordentlichkeit bezieht sich vor allem auf das „Bett machen“. In Kolumbien schläft man nicht mit einer dicken, sondern mit vielen, dünneren Decken. In der Nacht kommen die ganzen Decken durcheinander und jeden Morgen macht meine Gastfamilie alle Decken ab und legt jede einzelne fein säuberlich wieder hin.
Ich lege die Tagesdecke einfach so auf das Bett, dass es aussieht, als würde es darunter auch ordentlich sein 😀

Das waren fünf Punkte, die in Kolumbien anders sind, als in Deutschland.
Ich habe noch einige Andere gesammelt und werde auf jeden Fall nochmal über die Unterschiede schreiben.

Ich weiß nicht, ob diese Dinge sooo ungewöhnlich sind, denn mittlerweile finde ich das ganz normal.
Was denkt ihr? Kommen euch manche Dinge komisch vor?

Weisheit des Tages: Wenn man in einem anderen Land lebt, gewöhnt man sich wirklich schnell an vorhandene Unterschiede und schon bald kommt es einem ganz normal vor.