Vom Karneval in Pasto über Quito bis zur Küste

– 186 Tage nach der Ankunft –

Kolumbien ist wunderschön und reich an Kultur! Da die Universidad Nacional die Klassen erst für den 21. Januar angesetzt hatte, habe ich die freie Zeit genutzt, um in eine Ecke Kolumbiens zu reisen, die ich noch gar nicht kannte.
Nariño im Süden Kolumbiens. Einer der Gründe, warum ich bisher nicht da war, ist die Sicherheit. Nariño war während meines Freiwilligendienstes rote Zone (und ist es heute wahrscheinlich auch noch). Das departamento ist deshalb unsicher, weil dort heute noch Guerrilla und Paramilitärs präsent sind. Nah an der Grenze zu Ecuador ist es ein geeigneter Ort, um Drogen und andere Güter zu schmuggeln. Die Hauptstadt Nariños, San Juan de Pasto, eine Kleinstadt mit rund 380.000 Einwohner*innen, ist auch deshalb gefährlich, da sie fernab von jeglichen anderen großen Städten ist. Ganz nach dem Motto: was in Pasto passiert, bleibt in Pasto.

Warum tratt ich trotzdem am 4. Januar eine 18-stündige Busfahrt von Bogotá nach Pasto an?
Vom 2. bis zum 7. Januar findet in Pasto der zweitgrößte Karneval Kolumbiens (nach dem in Barranquilla) statt: Carnaval de Negros y Blancos (Karneval der Schwarzen und Weißen). Der Karneval hat seinen Ursprung in der Fusion verschiedenster Kulturen. Im Jahr 1546 wurde er das erste Mal zelebriert und wurde 2002 von der UNESCO als Immaterielles Kulturerbe ausgezeichnet.
Nach der langen Busfahrt kam ich am 5. Januar an, am día de los negros (Tag der Schwarzen). Dieser Tag ist den schwarzen Sklaven gewidmet, die nach Kolumbien kamen. 14% der kolumbianischen Bevölkerung sind Nachkommen der schwarzafrikanischen Sklaven. Heute leben viele Dunkelhäutige vor allem in den Küstenregionen des Landes. In Kolumbien gibt es sehr viel Rassismus und Diskriminierung gegenüber Schwarzen. Am 5. Januar in Pasto ist das nicht der Fall. An dem Tag malen sich die Menschen gegenseitig schwarz an. Motto des Tages ist: ¡Que vivan lxs negros! Ich wusste nicht, was mich beim Festival erwarten würde, war aber auf jeden Fall überrascht. Auf dem Plaza Nariño stürmten Menschen aufeinander zu, um sich bunte und schwarze Farbe ins Gesicht zu schmieren, Mehl wird herumgeworfen und Schaum gesprüht. Alle fünf Minuten sah ich anders aus. Nebenbei traten verschiedene Musikgruppen aus der Pazifikregion Kolumbiens auf zu deren Musik getanzt wurde. Ein Riesenspaß!

 

 

 

Am 6. Januar ist der Karnevalsumzug. Durch ganz Pasto ziehen Tänzer*innen, Musiker*innen und die verschiedensten Leute mit ihren bunten Karnevalswägen, einer umwerfender als der andere. Am Ende des Karnevals wird ein Gewinner für den einfallsreichsten Karnvealswagen gekürt und bekommt ein Preisgeld. In den ausgefallen, aufwendigen Wägen stecken Monate Arbeit drin! Kolumbiens kulturelle Vielfalt wurde in diesen Stunden ausgelebt. Tänze aus allen Regionen des bunten Landes. Kinder, Frauen und Männer, alle tanzten zusammen, sangen und feierten. Alle Menschen machten mit. Wenn kein Platz zum Tanzen in den Menschenmassen war, so musste mindestens mit dem Kopf oder dem großen Zeh mitgewippt werden. Ich war überwältigt von der Kultur, die an dem Tag präsentiert wurde. Der Carneval de Negros y Blanco ist ein tolles Ereignis, dass mir die Lebensfreude und Vielfalt Kolumbiens mal wieder gezeigt hat. Kolumbien verzaubert!

 

 

 

Nach so einem guten Start in die Reise ging es aufregend weiter. Nach dem Karneval stellte ich fest, dass einige Freunde von mir auch in Pasto waren. Wir unternahmen einen Ausflug zur Laguna de la Cocha. Während des Ausfluges stellten wir fest, dass wir die gleiche Reiseroute hatten und reisten die nächste Woche gemeinsam. Die schönen Zufälle des Lebens.

La Laguna de la Cocha ist ein 40km2 großer, natürlicher aus Gletschereis bestehender See, ca. 40 Minuten von Pasto entfernt. Nach der Laguna de Tota en Boyacá, die ich 2016 besuchte, ist sie die größte Lagune Kolumbiens und mit 2.800 Metern über dem Meeresspiegel auch die zweithöchste. El Encano, der letzte Ort vor der Lagune, ist voll mit Restaurants, touristischen Ständen und Verkäufer*innen. Vor Jahren kam wohl eine holländische Frau in den Ort und gestaltete die Häuser nach holländischem Stil. Ein kleiner, bunter Ort mit vielen Leckereien, die man probieren kann.

 

 

 

Von dort aus nahmen wir ein Boot zur Isla la Corota. Auf der Insel betritt man für einen Eintrittspreis das Naturreservat mit den verschiedensten Pflanzen. Während wir zum Aussichtspunkt liefen, wurden die Bäume um uns dichter und wir fühlten uns wie im tiefsten Dschungel!

 

 

 

La Cocha erinnert mich ein wenig an die künstlich angelegte Laguna de Guatavita, in der Nähe von Medellín. Auch hier zeichneten sich große Berge rund um uns herum in der Landschaft ab. Der Ausblick war wunderschön.

Am nächsten Tag ging es weiter nach Las Lajas, eine katholische Basilika, die Anfang des 20. Jahrhunderts gebaut wurde . Von Pasto aus nahmen wir den Bus nach Ipiales. Drei Stunden und eine 20-minütige Taxifahrt später, sahen wir die eindrucksvolle Kathedrale, die zwischen die Berge gebaut wurde. Schon vom Weiten, sah Las Lajas sehr eindrucksvoll aus! Für Kolumbien als sehr katholisches Land, ist es ein besonderer Ort, der sehr touristisch geworden ist. Im Ort gibt es geschmückte Lamas, mit denen Fotos gemacht werden können. Ein Restaurant folgt dem anderen und katholische Souvenirs, so wie Kreuz- und Jesusketten werden an jeder Ecke zu Hunderten verkauft. Rund um die Kathedrale sind in die Felsen lauter „Dankessteine“ eingebaut, mit denen Personen der Señora des Las Lajas, deren zu Ehren die Kathedrale erbaut wurde, für Gesundheit, Glück und Wunder danken.

 

 

 

Las Lajas ist ein beeindruckender Ort! Die Architektur der Basilika ist sehr interessant. In der Kathedrale gibt es ein kleines Museum zur Architektur und Geschichte der Kathedrale. Für mich wurde jedoch ein bisschen zu viel Wirbel um diesen Ort gemacht. Vielleicht hat es auch damit zu tun, dass ich als nicht-religiöse Person nicht den gleichen Zugang finde, wie viele andere katholische Menschen. Auch wenn es beeindruckend ist, die riesige Kathedrale zwischen den Felsen zu sehen und über die 20 Meter lange Brücke über die Schlucht zu laufen, lohnt es sich meiner Meinung nach nicht, extra dafür die lange Fahrt bis in den Süden Kolumbiens auf sich zu nehmen. Das mit dem Karneval in Pasto zu verbinden, war auf jeden Fall eine gute Idee!

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Das typische Foto von Las Lajas

Von Las Lajas aus ging es direkt weiter nach Ecuador. Ich hatte nicht damit gerechnet in den sechs Monaten Kolumbien zu verlassen und hatte nie ernsthaft darüber nachgedacht nach Ecuador zu reisen. Im Nachhinein war es eine tolle Idee und Ecuador hat mir in den wenigen Tagen, die wir dort verbrachten, sehr gut gefallen! Gerne würde ich wieder zurück und noch mehr des kleinen Landes kennenlernen.

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An der Grenze gab es drei verschiedene Schlangen zur Migration. Eine für Kolumbianer*innen, eine für Ausländer*innen und eine für Venezueler*innen. Die Krise in Venezuela ist in Kolumbien sehr präsent. Während meiner Zeit in Bogotá sah ich viele Venezueler*innen, oft in der TransMilenio um Süßigkeiten zu verkaufen oder anders Geld zu verdienen. Es ist ein sehr komplexes Thema!

Von Tulcán, dem ersten ecuadorianischen Ort nach der Grenze, sind wir 6 Stunden mit dem Bus in die ecuadorianische Hauptstadt Quito. Mit 2,2 Millionen Einwohner*innen ist es die zweitgrößte Stadt Ecuadors nach Guayaquil im Süden Ecuadors. Quito hat mich überrascht und begeistert! Ohne Erwartungen kam ich an, mit vielen Eindrücken verließ ich die vielseitige Stadt! Durch Kontakte kamen wir bei der Architekturstudentin Gisell und ihrer Familie in der Altstadt unter. Sieben Leute waren wir, die sie für zwei Nächte aufnahmen! Gastfreundschaft wird also auch in Ecuador groß geschrieben. Ihre Familie war sehr herzlich und offen, zeigte uns die Stadt und bereitete typisches Essen zu. Mein Favorit: empanadas verdes, meist mit Käse gefüllte Empanadas, deren Teig aus grünen Kochbanen zubereitet wird. Durch die Kochbananen sind die Empanadas ein bisschen süßer als die in Kolumbien typischen Maisempanadas.

Quito zeichnet sich durch seine große Altstadt aus, die 1978 als erste Stadt überhaupt zum UNESCO-Weltkulturerbe ernannt wurde. In der Altstadt gibt es sehr viele Kirchen und Klöster im Stil des kolonialen Barocks. Durch die Altstadt zu schlendern und die Architektur und das Treiben in den Straßen aufzunehmen, war sehr interessant. So kamen wir an einem Schokoladenladen vorbei, República del Cacao. Ecuador ist weltweit bekannt für seine qualitativ hochwertige Schokolade. In diesem Laden aß ich das beste Schokoeis meines Lebens! 70-prozentige Schokolade setzte in mir Dopamine frei! Ich habe noch nie so viele Glückshormone durch Schokolade in meinem Körper gemerkt, wie nach diesem Eis! Große Empfehlung!

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Das nächste Highlight war die Basílica del Voto Nacional. Ihre zwei Kirchtürme, die mich aufgrund des gothischen Architekturstils an Notre Dame in Paris erinnerten, ragen über die Stadt hinaus. Wenn man den Kirchturm besteigt, erwartet eine*n ein wunderschöner Ausblick über die Hauptstadt. 360 Grad-Panorama! Quito ist umgeben von Bergen an die sich die Wolken anzuschmiegen scheinen. Die Stadt ist riesig! Wohin man schaut, stehen Gebäude. Mich wundert es, dass „nur“ 2,2 Millionen Menschen hier leben.

 

 

 

Ein anderer sehenswerter Blick auf die Stadt ist vom Hügel El Panecillo aus. Mit dem Taxi fuhren wir hoch, wo uns eine riesige, 45 Meter hohe Jungfrauenstatue erwartete, die von der Altstadt aus zu sehen ist. Religion ist in Ecuador ein wichtiges Thema, gerade in Quito findet man viele katholische Kirchen. Gisell erzählte mir, dass anstatt der Jungfrauenstatue ein indigenes Monument auf den Hügel gebaut werden sollte. Ich fand es sehr traurig, dass die katholische Religion, die von den Spaniern ins Land gebracht wurde, die indigene Kultur (zumindest an diesem Ort) überschattete.
Vom Panecillo aus betrachteten wir den pastellfarbenen Sonnenuntergang über Quito.
In Quito gibt es noch viel mehr zu entdecken. Wir wären gerne mit der Teleférico gefahren, einer Seilbahn, die über Quito in die Berge führt. Leider hatten wir nur einen Tag in Quito, den wir jedoch gut genutzt haben.

Am nächsten Tag ging es mit dem Bus eine Stunde weiter zur Mitad del Mundo (Mitte der Welt). Wir liefen auf dem Äquator entlang, mal im Norden, mal im Süden der Welt. Gekennzeichnet ist der Äquator durch eine gelbe Linie, die genau genommen, nicht genau auf dem Äquator liegt. Mitten auf dem Platz steht ein 30 Meter hohes Monument mit einer 4,5 Meter Durchmesser Kugel, die die Erde symbolisiert. Vom Monument aus hat man einen wunderschönen Ausblick.
Das Monument liegt ca. 23 Kilometer nördlich von Quito und markiert den Ort, an dem Charles Marie de La Condamine mit einer französischen Expedition 1736 als erster Europäer eine (auf 240 m) genaue Position des Äquators bestimmte.
Gerade als wir das Monument bestiegen und im Museum waren, regnete es stark. Als wir wieder rausgingen, sahen wir einen intensiven Doppelregenbogen. Ein kleines Wunder mitten in der Mitte der Welt.

 

 

Rund um das Monument gibt es viel zu sehen. In dem kleinen Kolonialdorf, das drum herum gebaut wurde, gibt es Restaurants, Shops, ein Planetarium, ein Bier- und Schokoladenmuseum und auch einen Stall mit cuys (Meerschweinchen), die im Süden Kolumbiens und Ecuador Spezialität sind. Ich habe noch nie so riesige und überfütterte Meerschweinchen gesehen!
Interessant war auch das Ei, dass auf einer Spitze balanciert werden musste. Viel Geduld ist hierbei gefragt! Auf Äquatorhöhe ist die Erdanziehungskraft geringer, als auf dem Rest der Welt. Woanders wäre es unmöglich das Ei zu balancieren. Im Museum stand auch eine Waage, die anzeigte, wieviel man normalerweise wiegt und wieviel auf dem Äquator (zwei Kilogramm weniger).

 

 

Von Quito ging es mit dem Nachtbus weiter in den Westen Ecuadors, an die Küste.
Der Transport in Ecuador ist unheimlich günstig! Für eine 8-stündige Busfahrt zahlten wir 12 Dollar. Mir war vorher gar nicht bewusst, dass die Währung in Ecuador US-Dollar sind. Aufgrund zahlreicher wirtschaftlichen Krisen wurde 2000 der Sucre abgeschafft und der Dollar als offizielles Zahlungsmittel im Land eingeführt. Gerade der Transport und auch Nahrungsmittel sind günstiger als in Kolumbien. Für Kolumbianer*innen ist der Umtausch von Pesos in Dollar jedoch teuer.

Die letzten Tage der Reise verbrachten wir an der Küste Ecuadors ganz nach dem Motto „Vamos pa‘ la playa“ (definitiv Ohrwurm dieses Urlaubes!).
Den ersten Tag verbrachten wir in Mompiche und am Playa Negra. An der Pazifikküste Südamerikas sind die Strände oft sehr mineralhaltig. Der schwarze Sand, der funkelt und glitzert, ist sehr wertvoll aufgrund der vielen Mineralien. Aus ihm werden Computer und andere technologische Geräte hergestellt (so der Guide vom nächsten Tag).
Die Strandtage genossen wir sehr nach den vielen Busfahrten. Alle, sowohl meine kolumbianische Freunde, die von Natur aus morenxs (braun) sind, als auch ich, verbrannten uns mit der knallenden Sonne. Auf Äquatorhöhe kann ich gefühlt nur fünf Minuten in der Sonne sein, eh ich rot werde.
Abkühlung holten wir uns im salzigen Meer, dessen Wellen wilder sind, als an der karibischen Küste. Ein Paradies für alle, die surfen lieben.
Am nächsten Tag sind wir zum nächsten Strand, Portete. Wir hatten eine kleine Bootstour und lernten interessante Dinge über Flora, Fauna und den Ort.

 

 

Nach zwei Tagen Strand ging es schon wieder zurück zur Grenze. Das bedeutete wieder eine lange Busnachtfahrt. Unsere letzte Station auf dem Weg war das cementerio (Friedhof) in Tulcán. Nach einem kleinen Unfall einer Freundin, die umgeknickt war und von der ambulancia behandelt wurde, humpelten wir solidarisch zum Friedhof. Ich finde es immer ein bisschen merkwürdig Friedhöfe als touristische Attraktion zu besuchen. Dieser war in sofern besonders, da die vielen Büsche als indigene Figuren und Tiere beschnitten waren.

 

 

Mit einer letzten Nacht in Pasto nahmen mein Unifreund und ich die 18-stündige Busfahrt zurück nach Bogotá in Anlauf. Meine anderen Freunde flogen von Pasto aus zurück.
Im Bus rechneten wir aus, wieviel Busstunden wir in 10 Tagen hinter uns hatten. 65 Stunden! So schlimm und lang kam es mir gar nicht vor! Vielleicht auch, weil wir so viel erlebt und gesehen haben. Es hat sich auf jeden Fall gelohnt und ich bin froh, dass ich die Möglichkeit hatte, in so kurzer Zeit so viel zu sehen.

Wieder in Bogotá angekommen, merkte ich, wie sehr Bogotá ein Zuhause für mich geworden ist. Ich fühle mich wohl hier!
Deshalb fällt es mir umso schwerer schon in fünf Tagen Abschied von dieser tollen Stadt und Kolumbien zu nehmen. Mein Abenteuer in Kolumbien hört auf 😦 Am Freitag geht es nach Brasilien!

Weisheit des Tages: vom bunten Karneval in Pasto (¡Que viva Pasto, carajo!), die beeindruckende KathedraleLas Lajas  mitten in der Schlucht, Ecuadors vielseitige, lebendige Hauptstadt Quito bis zur pazifischen Küste Ecuadors. In zehn Tagen haben wir sehr viel erlebt! Die Reiselust in Südamerika wird wohl nie gestillt sein!

Feliz Navidad, Weihnachten in Kolumbien

– 184 Tage nach der Ankunft –

Mit reichlich Verspätung kommt heute noch ein kleiner Beitrag über die Weihnachtszeit in Kolumbien, auch wenn jetzt wohl niemand mehr an Weihnachten denkt. Es war das zweite Weihnachten, was ich in Kolumbien verbracht habe (das erste Mal 2015).

Etwas sehr Erstaunliches ist, wie Bogotá, je näher die Feiertage rücken, leerer und leerer wird. Die Millionenstadt wirkt wie ausgestorben und das bis Mitte Januar. Dann kehren die Menschen aus ihren Dörfern und entfernteren Städten wieder zurück. Die ersten Januartage war es wirklich schwer einzukaufen, weil kaum Läden geöffnet waren. Im Dezember flüchten die Menschen aus der Großstadt, um das Weihnachtsfest im Rahmen der Familie zu verbringen.
Trotzdem ist die Stadt mit übertriebenen Lichtern in den „neonsten“ Farben dekoriert. Blinken, Glitzern, Leuchten. Das Motto der Kolumbianer*innen in jeder Stadt. Überall wird man erschlagen von Lichterdekoration. Besonders auffallend ist es an der puente de Boyacá, an der man von der Strecke von Bogotá nach Tunja vorbeifährt. Rund um die glorreiche Brücke auf der angeblich die letzte große Schlacht Simon Bolívars stattfand, sind unzähliche Leuchtfiguren aufgestellt mit den weihnachtlichsten Motiven: Palmen, Schmetterlinge und mehr.

 

 

Obwohl Tannenbäume in Kolumbien eher selten zu finden sind, stellen sich so gut wie alle Kolumbianer*innen einen Plastikbaum mit vielen Lichtern und Hinguckern ins Wohnzimmer. Der Weihnachtsbaum ist eine deutsche Tradition ist, die sich im 19. Jahrhundert über die ganze Welt verbreitete und auch beim kolumbianischen Weihnachtsfest nicht fehlen darf.

In Kolumbien gibt es zur Weihnachtszeit zwei (christliche) Traditionen, die mir sehr gefallen.
1. Noche de las velitas. Am 7. Dezember trifft sich die Familie (oder Freunde) um velitas zu feiern. Ursprünglich wurde diese Nacht als „Unbefleckte Empfängnis der Jungfrau Maria“ gefeiert. Ich verbrachte den Abend mit der Familie einer Freundin in Bogotá und niemand wusste so wirklich, warum velitas eigentlich gefeiert wird. Gemeinsam aßen wir Burritos (nicht besonders typisch, weder für velitas, noch für Kolumbien) und als es dunkel war, zündeten wir viele Kerzen an. Beim Entzünden jeder Kerze, wünscht man sich etwas.

 

 

2. Novena. Neun Abende vor Weihnachten trifft sich die gesamte Familie zum gemeinsamen Beten und Essen. Jeden Abend findet die novena im Haus eines anderen Familienmitgliedes statt. Je nach Religiösität der Familie spielt das Beten mehr oder weniger eine Rolle. Für mich ist das Schöne, dass viel Zeit mit der Familie verbracht wird, wobei nach neun Tagen in Folge jede*r auch mal seine Ruhe will. Meine Gastfamilie in Tunja veranstaltete letztes Jahr leider keine novena. Dafür versammelten sich in meinem barrio jede Nacht Nachbarn und beteten und aßen gemeinsam. Einen Abend verbrachte ich mit Natalia und Martin und deren Familie.

Ich bin zwar nicht religiös und Weihnachten war für in meiner Familie nie ein christliches Fest, aber ich finde es schön zu sehen, wie der Dezember sowohl in Deutschland, als auch in Kolumbien dazu genutzt wird, Zeit mit der Familie zu verbringen. Das ist natürlich von der Familie abhängig.

Ich hatte mich sehr gefreut zwei Wochen im Dezember in Tunja mit meiner Gastfamilie zu verbringen. Tunja ist für mich ein Ort, wo ich mich vom Großstadttrubel Bogotás in familiärer Atmosphäre erholen kann.
Ein weiterer Grund Tunja im Dezember zu besuchen, sind die Konzerte, die einige Tage vor Weihnachten stattfinden. Wie genau die alcaldía (Stadtregierung) das jedes Mal organisiert bekommt, sowohl bekannte nationale, als auch internationale Musiker*innen nach Tunja zu locken, frage ich mich immer noch. Sechs Abende fanden Konzerte statt. Jeder Abend war einem Musikgenre gewidmet, z.B. Rock, Vallenato oder Popular. Die Konzerte sind gratis, abgesehen vom VIP-Bereich, in dem eine Karte umgerechnet 7€ kostet. So bekam ich 2018 die Chance unter anderem Manu Chao, Manuel Turizo, Paola Jara und Kevin Florez zu sehen. Mit den Namen könnt ihr vielleicht nicht wirklich etwas anfangen, in Kolumbien sind das bekannte Sänger*innen. Ich habe mich vor allem gefreut Manuel Turizo zu sehen, da ich seine Musik schon seit einigen Jahren sehr gerne mag. Der französische Sänger Manu Chao ist auch in Europa sehr bekannt. In einem älteren Blogbeitrag habe ich über ihn geschrieben. Ich war begeistert von seinem Auftritt!

In Kolumbien wird Weihnachten nur am 24. Dezember spät in der Nacht gefeiert. Es ist ein ganz normaler Tag bis man sich 20 oder 21 oder vielleicht sogar 22 Uhr mit der Familie trifft. Der Abend besteht eigentlich darin, dass alle bis 0 Uhr warten, woraufhin wilde „FELIZ NAVIDAD“-Rufe aller und Umarmungen ausbrechen. Die Kinder leiden ein wenig, da sie den ganzen Abend die Geschenke unter dem Baum liegen sehen und Stunden warten müssen, eh sie auspacken dürfen. Ein typisches, nationales Weihnachtsessen für den Tag gibt es nicht. Das variiert von Familie zu Familie. Was bei meiner Familie nicht fehlen darf: Reis.
0 Uhr ist Bescherung und anschließend wird bis in die Nacht hinein getanzt, getrunken und gefeiert.

 

 

Ich hatte leider eine Mandelentzündung und war nicht wirklich in Tanzlaune, was die Onkels und Tanten nicht davon abhielt, mich trotzdem zu den Klängen von Merengue, Vallenato und Salsa durch den Raum zu wirbeln.

Auch wenn ich mich ein bisschen dagegen sträube, vergleiche ich nach solchen Ereignissen ganz automatisch kolumbianisches und deutsches Weihnachtsfest. Was ich aus meinen Erfahrungen feststelle, während der Dezember in Deutschland für mich der ruhigste Monat des Jahres ist (abgesehen vom Geschenke- und Konsumstress), in dem man Zeit mit der Familie verbringt und in den letzten Tagen des Jahres sich vom Trubel des Jahres erholt, ist in Kolumbien Weihnachten die Party des Jahres. Die Entspannung beginnt dann erst im Januar. Weihnachten in Deutschland ist für mich Harmonie, Entspannung, Familienzeit. In Kolumbien ist es Party, Musik, Tanzen und Alkohol (gut. auch das spielt beim deutschen Weihnachtsfest eine große Rolle).

El Año Nuevo wird in Kolumbien mit der Familie verbracht. Hier dreht sich der Spieß um. Während ich Silvester als die Party des Jahres sehe, die überwiegend mit Freunden gefeiert wird, ist es in Kolumbien ein Familienfest und verhältnismäßig ruhig. Es gibt einige Traditionen zum Neuen Jahr, die teilweise den spanischen ähnlen.
1. 0 Uhr werden mit jedem Glockenschlag 12 Weintrauben gegessen. Beim Schlucken jeder Traube wünscht man sich etwas.
2. Wer in der Neujahrsnacht gelbe Unterwäsche trägt, erhält Glück fürs Neue Jahr.
3. Mit ein bisschen Geld in den Hosentaschen ist der Geldfluss fürs Neue Jahr gesichert.
4. 0 Uhr geht man mit einer Reisetasche raus und läuft eine Runde um die Häuser. Damit wird man im neuen Jahr viel reisen. Das habe ich gleich mal ausprobiert!

Am 1.1 habe ich mir ein bisschen Zeit genommen und bin in die umliegenden Berge Tunjas gegangen. Für mich war es ein aufregendes Jahr, in dem ich sehr viel gelernt und erlebt habe! Ich bin gespannt, was mich 2019 erwartet. Das Jahr fing gut an mit einer Reise in den Süden Kolumbiens und Ecuador! Bald mehr dazu.

 

 

Ich wünsche allen ein spannendes 2019!

Weisheit des Tages: Vor allem der Monat Dezember mit den Weihnachts- und Neujahrstraditionen ist in Kolumbien und Deutschland sehr unterschiedlich. In Kolumbien wird jeder Tag zum Feiern genutzt. In Deutschland erlebe ich eher eine ruhige, harmonische Atmosphäre. Dieses Jahr gerne wieder in Deutschland!

Bombenattentat in Bogotá und Kolumbiens Bild

– 179 Tage nach der Ankunft –

Nach einer sehr langen Pause melde ich mich mal wieder. Wie immer ist sehr viel passiert, bei mir, im Streik und in Kolumbien.

Heute schreibe ich über ein Thema, was ich für sehr wichtig halte!
Am 17. Januar wurden durch eine Autobombe in der General-Santander-Polizeioffiziersschule im Süden der Hauptstadt, 21 Menschen getötet und 68 Menschen verletzt. Bei der Tat handelte es sich um ein Attentat durch die linke Guerrillagruppe ELN. Auch der Täter, unter dem Kämpfernamen Mocho Kico bekannt, starb. 17 Jahre lang war er Sprengstoffexperte der letzten Guerrillagruppe Kolumbiens, die 1.500 Mitglieder*innen zählt. Präsident Duque hat drei Tage Staatstrauer ausgerufen.
Für Kolumbien ist es ein großer Rückschlag. Nach dem „Frieden“ mit der FARC, der größten Guerrillagruppe Kolumbiens, im Jahr 2016, schien der Bürgerkrieg in Kolumbien sich zu beruhigen. Leider ist die FARC nicht die einzige Gruppe, die aktiv war. Wie das Attentat sich das auf die in Kuba laufenden Friedensverhandlungen mit der ELN auswirken wird, bleibt abzuwarten.

In den deutschen Medien wurde umfangreich über den Anschlag berichtet. Ein Attentat hat natürlich ein internationales Interesse in Zeiten des internationalen Terrorismus. Diese Meldung passt auch noch perfekt in das Bild Kolumbiens rein. Tote, Verletzte, Anschlag, Gewalt und Guerrilla.
Als ich Donnerstagmorgen von dem Attentat mitbekam, fragte ich mich, ob wohl auch in Deutschland darüber berichtet werden würde. Natürlich!
Was passiert ist, ist schrecklich und zeigt, dass Kolumbien noch einen langen Weg vor sich hat, eh wirklich Frieden einkehrt. Ich bin sehr traurig und denke an die Betroffenen des Attentates. Ein Freund erzählte mir, er kannte einen der gestorbenen, jungen Polizeischüler.

Es ist eine Meldung, die Menschen schockt und in ihrem Denken über Kolumbien bestätigt. Mich macht es traurig, dass über so viele andere wichtige Themen aus diesem vielfältigen Land nicht berichtet wird.
Am Donnerstag sollte eine Demonstrationen der Studierenden stattfinden. Aufgrund des Attentates wurde sie auf den 24. Januar verschoben. Eine von vielen weiteren Demos im Studierendenstreik. Nachdem am 10. Dezember ein Abkommen mit der Regierung ausgehandelt wurde und das Geld für die nächsten vier Jahre den Universitäten bestätigt wurde, haben sich die Studierenden nun zum Ziel gesetzt so lange zu streiken, bis das Universitätsgesetz der 90er Jahre geändert und die ESMAD (Spezialeinheit zur Aufstandsbekämpfung) abgeschafft wird. Aufgrund der gewaltvollen, agressiven Eingriffe der ESMAD wollten die Studierenden am Donnerstag streiken. Eine institutionelle Einrichtung abzuschaffen, ist leider ohne fehlende Unterstützung der gesamten Bevölkerung sehr unrealistisch.

Mich machte es sehr traurig, dass solche Schockernachrichten sofort in den deutschen Medien erscheinen und der Studierendenstreik, der seit drei Monaten mit Enthusiasmus der Studierenden und Unterstützung von Teilen der Bevölkerung geführt wird, nicht erwähnt wird. Um dem entgegenzuwirken, schrieb ich einen Artikel für das Lower Class Magazine  und ein Interview für die Junge Welt. Solche Nachrichten schaffen es leider nicht in die „großen“ Medien.

Aufgrund des Bombenanschlages und der anhaltenden Gewalt in Kolumbien schrieben einige Fakultäten der Universidad Nacional de Colombia an die Rektorin der Universität, dass sie so lange keine Klassen fortsetzen werden, bis sie in einem friedvollen Land leben und studieren werden.
Ob das wirklich umgesetzt wird, bezweifle ich. Planmäßig wird morgen das Semester fortgesetzt. Am Dienstag gibt es eine reunión mit der gesamten Universität um zu entscheiden, wie es weitergeht im Streik.

Weisheit des Tages: Es wird noch dauern, bis wirklich bedingungsloser Frieden in Kolumbien herrscht. Bis es so weit ist, werden große Teile Kolumbiens Bevölkerung die Hoffnung nicht aufgeben.