Nuevas Perspectivas

– 36 Tage nach der Ankunft –

Im Rahmen unseres Schulassistenzprojektes führen wir im ersten halben Jahr ein Projekt mit einer Schulklasse durch, das Nuevas Perspectivas heißt.
Es geht darum, dass wir unsere Kultur ein wenig vorstellen und somit einen kulturellen Austausch starten.

Ich habe jetzt Ferien und habe am Freitag mein Projekt durchgeführt und das war dementsprechend der letzte Schultag.
Weil Weihnachten bald vor der Tür steht (der Plaza Bolivar ist jetzt schon ein bisschen geschmückt), dachte ich mir, dass es interessant wäre mein Projekt über Weihnachten in Deutschland zu machen.

Mein Projekt habe ich in einer 6. Klasse durchgeführt. Eine reine Mädchenklasse, die ich schon vom Unterricht kannte. Das sind ganz liebe Kinder, die mich, wie es scheint, auch mögen.
Ein bisschen schade war, dass ich das Projekt mit einer Lehrerin durchgeführt habe, mit der ich mich in letzter Zeit nicht sehr gut verstanden habe.
Ein nennenswertes Missverständnis hat dazu beigetragen, dass ich jetzt 47.000 Pesos (ca. 15€) bezahlen muss. Dazu nachher mehr.

Letzte Woche habe ich besagte Lehrerin im Unterricht gefragt, ob das die Klasse sei, mit der ich mein Projekt durchführe. Sie meinte, dass ich doch gleich mit den Kindern über mein Projekt reden kann, doch zu diesem Zeitpunkt hatte ich gerade mal festgelegt, dass ich mein Projekt über Weihnachten mache. Für die restliche halbe Stunde war ich mit den niñas alleine und musste mir spontan etwas für mein Projekt überlegen.

So ist es dann gekommen, dass es fünf Gruppen geben sollte mit fünf verschiedenen Themen (Essen, Musik, Traditionen, Dekoration und Kleidung). Die niñas sollten Plakate erstellen mit Fotos, die darstellen, wie navidad in Kolumbien gefeiert wird und die Plakate präsentieren. Im Wechsel wollte ich die gleichen Themen mit den Traditionen aus Deutschland vorstellen. Das war mein Plan, den ich mir innerhalb von zwei Minuten überlegt hatte. Ich war ein wenig überrumpelt und musste mir schnell etwas einfallen lassen. Zum Glück ist das eine Klasse, die auf mich hört und wo ich nicht allzu sehr für Ruhe sorgen muss.
Besagte Lehrerin hat mich aber innerhalb der letzten eineinhalb Wochen drei mal für eineinhalb Stunden mit einer Klasse allein gelassen ohne Aufgaben zu stellen. Das finde ich echt nicht gut, denn ich bin eine Schulassistentin und keine ausgebildete Lehrerin. Zumal ich nicht weiß, was ich mit einer Klasse ohne Aufgaben machen soll. Naja.. Das ist ein anderes Thema.

Die Kinder haben dann im Laufe der Woche zuhause die Plakate erstellt und mit dem Ergebnis bin ich mehr als zufrieden, denn alle haben sich seeeehr viel Mühe gegeben und es sind tolle Plakate entstanden.

Jetzt kommen wir zum Missverständnis:
Von meiner fundación bekomme ich ein wenig Geld, das ich für mein Projekt verwenden kann. Natürlich sollten die Kinder die Kopierkosten und Materialien, die sie für die Plakate brauchen würden, nicht von ihrem Geld bezahlen und deshalb sollten sie das Geld auslegen und ich würde es zurückgeben. Außerdem habe ich mit Patricia und meiner Gastfamilie Plätzchen gebacken am Vortag und die Zutaten für die über 200 Plätzchen wollte ich auch von dem Geld der fundación bezahlen. Das war übrigens sehr witzig und meine Familie will vor Weihnachten unbedingt nochmal ganz viele Plätzchen mit mir backen 😀

Meine Lehrerin hatte aber die tolle Idee, dass die Kinder alles selber bezahlen und das Geld meiner fundación stattdessen dafür benutzt werden kann, postres (Nachtisch) für alle zu kaufen. Das war nicht so abgesprochen und das finde ich ein bisschen doof. Dann hat sie mich noch vor allen Schülern ein bisschen kritisiert, weil ich sie nicht verstanden habe und ihre Reaktion fand ich übertrieben. Immerhin weiß sie ja, dass ich Spanisch lerne und noch nicht alles verstehe. Gerade als Englischlehrerin dachte ich, hätte man ein bisschen Verständnis, wenn man etwas in einer fremden Sprache nicht versteht.

Naja… Jedenfalls gab es dann für 40 Leute natillas y buñuelos
und so toll fanden Ronja und ich die gar nicht. Der Ball den ihr seht, schmeckt wie Quarkbällchen, das war ganz lecker. Das grüne puddingähnliche Etwas schmeckt süß und ist von der Konsistenz her etwas gewöhnungsbedürftig.

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natillas y bunuelos

Die Kinder fanden es auf jeden Fall sehr interessant, wie Weihnachten in Deutschland abläuft. Bei Schneebildern wurde besonders gestaunt, denn Schnee gibt es in Kolumbian außer auf den Bergen ja nicht. Toll fanden sie auch den echten Weihnachtsbaum, den ich gezeigt habe und vino caliente (Glühwein) hat sich für die Kinder und auch für meine Lehrerin sehr merkwürdig angehört.

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Ich war schon ein bisschen Stolz, dass die Plakate so gut geworden sind, auch wenn die Kinder beim Vorstellen ein bisschen schüchtern waren.

Anschließend habe ich die Plätzchen, die ich am Vortag gebacken habe, ausgeteilt und alle fanden sie sehr gut.

Das letzte Thema war Musik und ich habe „Alle Jahre wieder“ und „Oh, du Fröhliche“ vorgespielt. Alle Schüler und die beiden Lehrerinnen haben dann zwei spanische Weihnachtslieder gesungen, bei denen ich ehrlich gesagt die Melodie nicht wirklich erkennen konnte 😀 Aber die Begeisterung der Kolumbianer für Musik hat mich wieder beeindruckt.

Die andere Lehrerin, die mit in meinem Projekt war (weil es ihre Stunde war), wird jetzt in Rente gehen und deshalb gab es ihrer und der schülerseits einige Tränen und emotionale Abschiedsreden. Die Kinder haben sich auch bei mir für das Projekt bedankt.

So sah mein Weihnachtsprojekt also aus, dass ich spontan auf die Beine gestellt habe 😀 Den Kindern hat es auf jeden Fall gefallen und die Kleinen wachsen mir langsam ans Herz.

Weisheit des Tages: deutsche Weihnachtsplätzchen kommen super bei den Kolumbianern an!

Wasserfälle in Kolumbien

– 31 Tage nach der Ankunft –

Ich hatte mal wieder ein wunderschönes Wochenende in Kolumbien, das sogar das Villa de Leyva Wochenende übertroffen hat.

Meine Nachbarn haben mich wieder auf Reisen mitgenommen und diesmal ging es ins kleine pueblo (Dorf) Suaita im departamento Santander, 3 Stunden von Tunja entfernt. Wie beim letzten Mal sind wir schon um 6:00 morgens los (diesmal sogar pünktlich), damit wir den ganzen Tag haben.
Diesmal war ich nur mit den Eltern und dem 6-jährigen Sohn unterwegs, aber wie immer war es sehr lustig mit ihnen 🙂 Ich fühle mich einfach total wohl bei ihnen.

In Suaita lebt die Schwester vom Vater und dort haben wir noch ein kleines Frühstück bekommen.
Die Schwester war mir sofort sympathisch. Genauso ihr 8-jähriger Sohn, der für viele Lacher gesorgt hat 😀 Sie hat viele Orangenbäume und ich durfte eine Orange frisch vom Baum probieren. Noch nie habe ich so eine frische, fruchtige Orange gegessen!

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Orangenbäume

Nachdem wir uns mit Mücken- und Sonnencreme eingeschmiert hatten (woran ich als am meisten Sonnenbrandgefährdete nicht gedacht habe), sind wir losgewandert, denn unser Ziel war eine halbe Stunde entfernt. In Suaita ist es wesentlich wärmer als in Tunja und die Sonne hat ganz schön geknallt. Als Erfrischung haben wir eiskalte Cocktails aus der Dose getrunken. Das hat geholfen.

Auf dem Weg sah es so aus, wie man sich Regenwald oder Dschungel vorstellt; lianen, die von exotischen Bäumen hängen, Nebel, der um die hohen Baumkronen schwirrt und Mücken.

Als ich dann das Rauschen der Wasserfälle hörte, konnte ich es kaum erwarten, denn ich hatte schon Bilder von dem Naturspektakel gesehen.

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Die Casacadas vom Weiten

Um wirklich zu den cascadas (Wasserfällen) zu gelangen, mussten wir über nasse Steine klettern und das war ein kleines, gefährliches Abenteuer.

Die cascadas sind unglaublich hoch, mindestens 60 Meter und allein durch den Wasserdunst wurde man nass.
Ich hatte ja wirklich damit gerechnet, dass ich nass werden würde, aber nicht so nass!! Vorher war ich normal geschminkt, sogar mit wasserfestem Mascara und danach war ich komplett abgeschminkt und kein Rest ist übrig geblieben 😀 Meine Sachen waren durchgeweicht und meine Haare wie nach dem Duschen.

Man konnte direkt unter dem Wasser stehen und dadurch, dass die cascadas so hoch sind, ist der Wasserstrahl auch extrem duro (stark). Wenn man unter dem Wasser stand, konnte man echt gar nichts sehen vor lauter Wasser. Deshalb hatte ich auch meine Sonnenbrille auf, aber das hat auch nicht geholfen. Teilweise tat der starke Wasserstrahl richtig weh. Das Wasser ist mit so hoher Geschwindigkeit auf mich niedergeprasselt.

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Unter dem Wasserfall

Unter dem Wasserfall war ich total orientierungslos, aber ich musste die ganze Zeit lachen, weil es so viel Spaß gemacht hat und lustig war 😀

Einmal zum Beispiel, wollte der Vater, dass ich unter den Wasserstrahl komme und hat meine Hand genommen, damit ich den Weg finde. Ich bin aber in ein Loch reingefallen, dass man überhaupt nicht sehen konnte und davon habe ich immer noch einen miesen blauen Fleck. Aber ich musste über meine eigene Tollpatschigkeit lachen 😀
Man konnte kaum ein Wort verstehen, weil das aufprallende Wasser so laut war.

Nachdem wir eine Weile unter den Wasserfällen „gebadet“ und unendliche Gruppenfotos gemacht haben, legten wir uns auf die Felsen, die ein wenig entfernt waren vom Wasser und trockneten unter der prallen Sonne.

Als ich da so auf dem Felsen lag und auf dieses unglaubliche Naturspiel sah, war ich einfach unendlich glücklich.
Glücklich in Kolumbien zu sein, glücklich über die Entscheidung, die ich getroffen habe und das war ein Moment, in dem ich wusste, dass ich das Richtige getan habe. Ich will gar nicht in einem anderen Land sein, ob Bolivien, Nicaragua oder ganz was anderes, denn Kolumbien ist ein wunderschönes Land, in dem es viel zu entdecken gibt und ich habe die Möglichkeit das alles zu erleben.
Alles war perfekt in diesem Moment und ich war so glücklich, wie schon lange nicht mehr!

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Wunderschöner Ausblick vom Felsen

Nach einer Weile sind wir ans Ufer gegangen und haben Menschen gesehen, die sich von ganz oben am Felsen herabgeseilt haben. Das ist nichts für mich, aber es war spannend anzusehen.
Nebenbei haben wir ein kühles cerveza (Bier) getrunken und ich habe mich über die vielen Moskitostiche an den Beinen und den leichten Sonnenbrand auf den Schultern geärgert.

Später sind wir dann noch Mittagessen gegangen und ich habe das erste Mal yuca gegessen.
yuca ist eine Pflanze, die mich vom Aussehen an eine Frucht erinnert (dessen Namen ich vergessen habe :D), die weiß ist und sehr faserig. Sieht vielleicht ein bisschen wie Orange aus, schmeckt aber wie Kartoffel.

Wir waren bis 21 Uhr im Haus der Schwester und haben entspannt, Fernsehen geguckt und geredet. Zum Beispiel haben sie mir ein bisschen die verschiedenen Akzente in Lateinamerika gezeigt, aber für mich hört sich das noch alles gleich an.
Wir sind noch am gleichen Tag wieder zurück nach Tunja und sind erst 0:30 angekommen. Da ich meine Gastfamilie nicht wecken wollte (ich habe noch keinen Schlüssel), habe ich bei meinen Nachbarn geschlafen und so ging ein wunderschöner Tag zu Ende.

Die cascadas waren ein Erlebnis, das ich nie vergessen werde und mein 1. Moment, wo mir richtig bewusst wurde, wie glücklich ich bin in Kolumbien zu sein.
Was mich wunderte: es gab kaum Menschen bei den Wasserfällen, obwohl sie so beeindruckend sind und ich habe auch gefragt, warum. Anscheinend sind die Wasserfälle einfach zu unbekannt und Suaita ein Dorf, das weit entfernt von jeglicher Zivilisation ist. Ich bin auf jeden Fall froh, dass ich das sehen durfte.

Weisheit des Tages: Einmal in seinem Leben muss man unter einem Wasserfall gebadet haben 😀

Ein Monat Kolumbien!

– 29 Tage nach der Ankunft –

Jetzt bin ich schon ein Monat in Kolumbien! Wer hätte gedacht, dass ein Monat so schnell vergehen kann.

Mir geht es hier richtig gut und ich bin glücklich in meinem neuen Zuhause.

Seit Freitag komme ich mir aber komisch vor, wenn ich total glücklich und zufrieden bin. Die Horrornachrichten aus Paris sind auch nicht an Kolumbien vorbeigegangen 😥 In den Medien hier wird viel berichtet und die Kolumbianer finden es auch ganz schlimm, was passiert ist. Allerdings fühle ich mich ganz merkwürdig, dass ich jetzt so weit weg bin von Europa, wenn so etwas Schlimmes passiert. Ich war selber zweimal in Paris und habe einen ganz anderen Bezug zu den Ereignissen, als die Menschen hier. Für sie ist es doch ziemlich weit weg und es beschäftigt sie verständlicherweise nicht so sehr wie mich.
Auch ich bin in Gedanken bei den Opfern und Betroffenen der schrecklichen Terrorattacke und hoffe, dass man in Zukunft wieder Hoffnung in die Menschheit haben kann, dass so etwas nicht noch einmal passiert!

#prayforparis

Mein letztes Thema auf meinem Blog war auch ein etwas ernsteres, deshalb möchte ich euch heute nur Positives berichten.

Ich habe mich eingelebt. Für mich ist es ganz normal geworden in meinem Zimmer zu wohnen und die gemeinsamen Mahlzeiten mit meiner Gastfamilie. Mit dem Spanisch wird es auch besser und ich verstehe schon mehr, als am Anfang. In der Schule kennen mich fast alle Schüler und ich werde freudig begrüßt. Mir geht es also wirklich gut hier.

Ich habe etwas sehr Witziges in Kolumbien erlebt, was absolut typisch für Deutschland ist. Ich habe mein erstes Oktoberfest in Kolumbien erlebt 😀 Das können sicherlich nicht viele Deutsche von sich behaupten.
Ehrlich gesagt war es aber nicht so gut oder wahrscheinlich hatten wir eine falsche Vorstellung.

In Tunja gibt es einen Club, der (zufälligerweise) Bruder heißt und dort fand das Oktoberfest statt. Es gab das Angebot, dass man für 20.000 Pesos (ca. 7€) ein Dirndl, Bier und Brezel bekommt und es wurde mit deutscher Musik geworben.
Es war echt lustig, die ganzen kolumbianischen Menschen in Lederhosen und bayerischer Tracht zu sehen 😀 Allerdings war es nicht besonders voll. Die ganze Zeit lief spanische Musik, obwohl wir uns mehrmals etwas Deutsches gewünscht haben 😦
Das Dirndl war kein Kleid, sondern nur eine Bluse mit einem Rock, aber es sah trotzdem gut aus. Leider mussten wir das Dirndl nachdem wir gegangen sind wieder abgeben. Aber wir haben ein schönes Erinnerungsfoto 🙂

 

Die Brezeln haben wie normales, hartes, kolumbianisches Brot geschmeckt, aber es wäre ja auch sehr verwunderlich gewesen, wenn man eine echte, deutsche Brezel bekommen hätte.
Vom Bier war ich positiv überrascht! Eigentlich mag ich Bier nicht so gerne, aber wir haben Maracujabier getrunken und das hat seeeehr gut geschmeckt!

Auch wenn das Oktoberfest etwas anders als erwartet war, hatten wir viel Spaß und ich werde nie vergessen, dass ich das in Kolumbien erlebt habe.

Außerdem gehe ich jetzt immer ins Fitnessstudio. Das habe ich vorher auch noch nie in Berlin gemacht, da ich lieber in den Wald joggen gegangen bin, wo mich niemand sieht 😀
Ich muss sagen, es macht echt Spaß sich an verschiedenen Geräten auszupowern und vor allem finde ich es gut, dass ich mit Ronja und Pauline zusammen Sport mache, denn so spornt man sich gegenseitig an.

Also habe ich schon ein klein wenig Alltag hier. Aber in einer Woche habe ich Ferien und sehe dann hoffentlich ganz viel von Kolumbien.

Wenn ihr Vorschläge habt, worüber ich noch aus Kolumbien berichten kann oder ihr euch für etwas besonders interessiert, dann schreibt mir das doch in die Kommentare oder auch privat. Freue mich über Fragen und Anmerkungen 🙂

Weisheit des Tages: Ich muss auf jeden Fall ein deutsches Oktoberfest mal erleben 😀

Gedanken zur Zeit

– 21 Tage nach der Ankunft –

In den letzten Tagen habe ich mir einige Gedanken zur Zeit gemacht.
Was ist Zeit eigentlich?

Laut Wikipedia:

„Die Zeit beschreibt die Abfolge von Ereignissen, hat also im Gegensatz zu anderen physikalischen Größen eine eindeutige, unumkehrbare Richtung.

Nach Immanuel Kant ist die Zeit ebenso wie der Raum eine „reine Anschauungsform“ des inneren Sinnes. Sie seien unser Zugang zur Welt, gehörten also zu den subjektiv-menschlichen Bedingungen der Welterkenntnis, in deren Form das menschliche Bewusstsein die Sinneseindrücke erlebt.“

Das mit der Zeit fand ich schon immer sehr verwirrend.

Natürlich kann man Zeit bestimmen durch Sekunden, Minuten, Stunden, Tage und diese ganzen Begriffe. Aber eine Minute Schlaf vergeht doch viel schneller, als zum Beispiel eine Minute unter Wasser, wenn man die Luft anhalten muss. Das sind zwar die gleichen 60 Sekunden, aber sie werden so unterschiedlich wahrgenommen.

Ich bin jetzt seit 21 Tagen hier. Das sind drei Wochen. Ich erinnere mich noch an den ersten Tag, als wäre es gestern gewesen. An alle Details kann ich mich erinnern. Sind also wirklich schon 21 Tage vergangen?

Andererseits habe ich das Gefühl, dass ich schon Ewigkeiten hier bin. Ich kann mir nicht mehr vorstellen, wie ich in Deutschland die letzten Monate gelebt habe Tag für Tag. Und so lange sind 21 Tage doch auch wieder nicht?

Im April 2014 habe ich einen dreiwöchigen Kanadaaustausch gemacht von meiner Schule aus. Jetzt bin ich genauso lange in Kolumbien, wie ich in Kanada war. Das heißt, heute würde ich wieder nachhause fliegen. Die Zeit in Kanada kommt mir im Nachhinein viel länger vor. Vielleicht weil ich in der kurzen Zeit viel mehr erlebt habe und täglich was mit Freunden unternommen habe. Ich habe ja noch neun Monate Zeit um Kolumbien näher kennenzulernen. Drei Wochen in einem fremden Land kommt mir jetzt sehr wenig vor. Da kann man doch gar nicht Zeit haben alles kennenzulernen?

Ich habe das Gefühl, dass ein einzelner Tag hier ewig dauert und nur sehr langsam vergeht. Aber die Wochen hier vergehen total schnell. Das ist so widersprüchlich, das kann doch keinen Sinn machen oder?

Auf meinem Handy habe ich eine „Countdownapp“. Dort sehe ich, wann meine Eltern und meine Geschwister mich besuchen kommen, in genau 130 Tagen. Mehr als vier Monate ohne meine Familie. Aber andererseits hört sich 130 Tage auch nicht so viel an, wenn man überlegt, dass es auch schon mal mehr als 150 Tage waren.
In Kolumbien werde ich nicht mehr als 270 Tage verbringen (das genaue Rückflugdatum wird noch festgelegt). Mehr Tage habe ich nicht mehr um Spanisch zu lernen, Kolumbianer_innen, Orte, Städte, Dörfer, meine Schule, Schüler_innen, Essen und alles Kolumbianische kennenzulernen. Das ist nicht mal ein Jahr. Und ein Jahr im Leben eines Menschen mit mindestens 80 Jahren ist so wenig Zeit und nahezu unbedeutend. Das ist ja gerade mal ein Bruchteil von meinem Leben, das ich hier bin. Aber ich kann mir vorstellen, dass es das prägendste Jahr wird und ich in dem einen Jahr am meisten lernen werde.

Wenn ich überlege, wie schnell die letzten beiden Jahre in der Abiturphase vergangen sind. Ich kann mich auch noch genau an den ersten Tag in der Oberstufe erinnern und wie ich gedacht habe: das werden die zwei längsten Jahre meines Lebens. Sie sind schneller umgegangen, als ich je gedacht hätte.

Ein Teil von mir will das die Zeit mal endlich schneller vergeht und ich hier mehr erlebe und sehe und auch irgendwie Familie und Freunde in Deutschland wiedersehe. Der andere Teil will auch nicht, dass dieses Jahr aufhört und wenn ich mit den anderen oder ehemaligen Freiwilligen rede, dann weiß ich, dass der zweite Teil immer stärker zum Ende meines Freiwilligendienstes wird.

Vor einem Jahr war es noch ganz normal jeden Tag in meiner Familie zu verbringen und in einem Jahr ist es schon wieder möglich, dass ich meine Familie viel sehe. Ich habe 17 Jahre in meiner gewohnten Umgebung verbracht, fast täglich die gleichen Menschen gesehen und bin tagein, tagaus zur Schule gegangen. Weihnachten, Ostern und alle anderen Feiertage waren im Ablauf die gleichen, mit den gleichen Menschen, mit den gleichen Ritualen. Es wird echt mal Zeit, dass sich etwas verändert und ich mich von zuhause wegtraue aus der Komfortzone raus.

Es ist komisch, dass alles was nicht Jetzt oder Zukunft ist, nur aus Erinnerung besteht. So viele Erinnerungen mit Freunden und Familie, die für mich noch ganz frisch sind, aber mehrere Jahre schon alt sind.

Ich glaube auch, dass wenn man über Zeit nicht nachdenkt, sie viel schneller vergeht. Wenn man die Zeit einfach nur gleiten lässt, dann kommt einem alles viel schneller vor.
Das zeigt mal wieder, dass ich mir nicht so viele Gedanken über alles machen sollte.

Weisheit des Tages: Zeit ist relativ und es hängt vom Betrachter ab, wie sie wahrgenommen wird. Und es ist etwas verdammt Kompliziertes…

Día del Niño in Kolumbien

– 17 Tage nach der Ankunft –

Hallo ihr Lieben!

Heute wollte ich euch vom día del niño , der letzten Freitag war, berichten.

Am Freitag versammelten sich fast alle Freiwilligen in der Schule von Johanna, weil dort der Kindertag groß gefeiert wurde. Damit die Kinder viel Spaß haben, gab es zwei Gruppen: eine Essens- und eine Spielgruppe. Spontan bin ich in die Essensgruppe gegangen und das war auf jeden Fall eine unvergessliche Aktion!

Unsere Mission war es am Donnerstag Brownies für ungefähr 150 Menschen zuzubereiten. Nachdem wir zusammen 14:30 im makro einkaufen waren (ungefähr so wie Metro in Deutschland), sind wir mit seeehr viel Zutaten in die Wohnung von Martin und Natalia gefahren.
Wir wollten das wunderbare Rezept von Angelika backen (danke nochmal für den Tipp :p), nach deren Anleitung Kaffee in den Teig muss. Erst später ist uns eingefallen, dass ja hauptsächlich Kinder die Brownies essen würden und das nicht ganz so schlau war.

Unser erstes Problem war keinen großen Topf zu haben. Ronja und Dominik sind dann zu Ronja los, da sie in der Nähe wohnt und haben große Töpfe von der Gastfamilie mitgebracht.
Da es wirklich sehr viel Teig sein sollte, haben wir das Rezept mal zehn gerechnet, das bedeutet: 40 Eier, 2kg Butter, 3kg Zucker, 500ml Kaffee, 2kg dunkle Schokolade und noch mehr.
Das hat schon zum nächsten Problem geführt. Nach ungefähr zwei Stunden war der Brownieteig fertig (!) und wir haben ihn gespannt gekostet. Das war der ekelhafteste Teig, den ich je probiert habe!! Durch die Schokolade (wir haben keine Zartbitterschokolade wie in Deutschland gefunden, sondern kolumbianische Trinkschokolade genommen, die ungesüßt ist) und den Kaffee hat das so ekelhaft bitter geschmeckt! Wir haben versucht den Teig durch mehr Zucker und Milch zu süßen, aber erst Alexis (eine andere Mitfreiwillige) konnte uns helfen, als sie einige Stunden später kam.

Unser drittes großes Problem war der Ofen. Hier gibt es keine Ober-Unterhitze und wir haben den Ofen so eingestellt, dass der Teig oben schwarz und unten flüssig war .

Erst als Martin und Natalia um 22:00 zurückkamen, haben wir erfahren, welche die richtige Backeinstellung gewesen wäre.

Kochtopf

Das ist übrigens der Kochtopf, der auf dem Bild aber gar nicht so groß aussieht.
Letztendlich saßen Martin und Natalia bis 3:00 nachts in der Küche und haben Brownies gebacken. Wir Freiwilligen sind dann um 0:00 nachhause gefahren.
Nebenbei haben wir auch Nudeln gekocht, weil es für alle 150 Menschen auch Nudelsalat geben sollte.

Am nächsten Tag waren wir dann in Johannas Schule, die eine sehr kleine primaria ist, also eine Grundschule.

Die Kinder hatten sich toll verkleidet und freuten sich, so viele große, blonde Menschen zu Besuch zu haben 😀

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Aussicht aus Johannas Schule

 

In der Küche haben wir währenddessen fleißig das Essen weitervorbereitet. Ich hatte die ehrenvolle Aufgabe die Sauce umzurühren.
Vor dem Essen gab es Spiele und verschiedene Aktivitäten. Beispielsweise hatten wir einen Parcours aufgebaut, Stuhltanz, Kinderschminken, Basteln und noch mehr.
Ich habe bei jeder Aktivität mal vorbeigeschaut und auch ein Kind geschminkt. Wer mich kennt, weiß, dass ich nicht besonders gut malen kann 😀 Trotzdem habe ich mir alle Mühe gegeben und einen kleinen Jungen als Spiderman geschminkt.
Ich war sogar ziemlich zufrieden und überrascht, dass das so gut geklappt hat. Ich habe dann ein Foto von dem Jungen gemacht, um ihm das Endergebnis zu zeigen. Für das Foto hat er noch gelächelt, doch als er es gesehen hat, war das Lächeln verschwunden und er hätte fast angefangen zu weinen 😦 Ich fand das gar nicht so schlecht, was ich ihm gemalt habe.

Als das Essen ausgeteilt wurde, wurde es nochmal stressig, weil 150 Menschen versorgt werden mussten. Es gab den Nudelsalat und Eis mit Brownies.
Nach dem Essen verewigten wir uns alle auf einem Laken, auf dem vorher schon Kinder Handabdrücke raufgemacht haben. Wenn ich sage verewigt, dann meine ich das auch so! Die Farbe ist durch das Laken durch und hinterließ Flecken auf der weißen Schulwand. Ups!

Es war also ein sehr lustiger, erfolgreicher Tag. Die Kinder und wir Freiwilligen hatten viel Spaß, auch wenn wir danach ziemlich erschöpft waren.

Meine Weisheit des Tages: probiert niemals das Brownierezept von Angelika mit Kaffee!! 😀