Chile und ich – ein Abschiedsbrief

-156 Tage in Chile –

Wenn mich die Leute, wie so oft, fragen, wie ich dich finde, suche ich nach Worten. Du bist sehr stolz und ich traue mich nicht meine Wahrheit zu sagen. Dein Ansehen im Ausland ist dir sehr wichtig. Besonders in Europa und den USA. Da möchtest du gut stehen.

Wie finde ich dich? Soll ich ehrlich sein? Du hast mich enttäuscht. Ich habe mir dich anders vorgestellt. Dachte du wärest sozialistischer, humaner, gerechter. Dein Ansehen im Ausland ist hoch, gerade im Vergleich zu anderen lateinamerikanischen Ländern. Die höchste Lebensqualität, das höchste BIP und die teuersten Produkte. Der Preis dafür scheint mir hoch. Ich wurde hier anders aufgenommen als in anderen Ländern. Du wolltest mich nicht so recht freundlich empfangen. Deine Leute haben kein Interesse gezeigt, wollten einfach nicht mit mir in den Kontakt kommen. Alle sind in ihrer eigenen Welt mit eigenen Problemen. Ob das wohl nur in deiner Hauptstadt so ist?

Viel zu viele Probleme gab es direkt am Anfang. Organisationschaos an der Universidad de Chile, die mir erst gar nicht schrieb und dann erzählte, ich dürfte nicht das Fach studieren, weswegen ich zu dir gekommen bin. Bürokratischer Kram. Wohnungsprobleme, die mir am Anfang zu schaffen machten. Angekommen bin ich in einem Drecksloch aus dem ich die Flucht ergriffen habe. Danach kam ich in meine Wohnung, in der ich mich wohl fühle und tiefe Freundschaften fand. Jedes Mal, wenn ich nach einer kurzen Reise nach Argentinien zurückkehrte, gab es neue Probleme. Einreiseproblem wegen des Visums, Schneefälle mit geschlossener Grenze und herunterstürzende Berge, die mich daran hinderten, zu dir zu kommen.

Das waren persönliche Herausforderungen, die mir gestellt wurden. Ich habe nicht aufgegeben, sondern es weiterhin mit dir versucht, wollte dich kennenlernen, aber du hast mich schockiert. Ich wusste nicht, dass in dir der Neoliberalismus geboren ist. Bis heute bist du das neoliberalste Land der Welt und das gefällt mir nicht. Die USA nutzte in den 70ern deine politisch instablie Situation aus und schickte die Chicago Boys zu dir, die ein neoliberales, ausbeutendes Wirtschaftssystem etablierten, das bis heute gilt. Ich dachte deine sozialistische Präsidentin Michelle Bachelet, die zwei Amtsperioden regierte, hätte einiges daran geändert, aber das stimmt nicht. Alles ist privatisiert. Gesundheitssystem, Agrarfläche und Bildung. Wer kein Geld hat, wird auch in der Zukunft kein Geld haben. Ist es das, was du willst? Ohne Geld können deine Kinder niemals auf eine Schule, die ihnen eine Zukunftsperspektive gibt. Nur teure Privatschulen ermöglichen das. Öffentliche Universitäten wurden auch privatisiert und erhalten kaum noch staatliche Gelder. Alles muss von deinen Bürger*innen gezahlt werden. Alles wurde während der Militärdiktatur privatisiert. Und wer profitiert davon? Ich mag keine Ungerechtigkeit. Ich mag es nicht, wenn Reiche noch reicher werden und Arme noch ärmer. Wie soll ich dich dann mögen?

Als ich mich mit deiner Vergangenheit beschäftigte, merkte ich, ein grausames Kapitel ist noch nicht abgeschlossen. Wahrscheinlich ist das der Teil, der mich am meisten an dir stört. In vielen Gesprächen und Diskussionen, Büchern und Dokumentarfilmen, dem „Museum für Menschenrechte und Erinnerung“ und der Universität lernte ich über deine Vergangenheit. In einem Interview, das ich führte, sagte mir ein Dozent der Universidad de Chile, „alle Länder haben Ereignisse ihrer Vergangenheit, die Schande generieren. Die chilenische Verfassung ist Teil dieser Schande“.

Von 1970 bis 1973 regierte dich der vom Volk gewählte, sozialistische Doktor Salvador Allende. Firmen und Kupferminen im Norden des Landes wurden enteignet, Bildung wurde allen unter gleichen Bedingungen zugänglich gemacht und die Agrarreform fand statt. Bäuer*innen erhielten das erste Mal einen Lohn, der keine Kekse, sondern Geld war. Allende war ein Mann, der Gutes wollte, gegen den aber viel gehetzt wurde. Ökonomisch ging es dir in der Zeit nicht sehr gut. Die USA mischte sich ein und half dem Militär bei den Vorbereitungen eines Putsches. Erinnerst du dich an den 11. September 1973? Vom Militär wurde der Regierungspalast bombadiert, Menschen, die in linken Parteien aktiv waren, wurden verschleppt, auf die Straßen gezerrt, ermordet und im Estadio Nacional mehrere Tage festgenommen. Allende, der von den Putschisten umzingelt war, beging Suizid, weil es keinen Ausweg gab. In seiner letzten Rede an das Volk, die von der letzten, nicht von den Putschisten eingenommenen Radiostation Magallanes live übertragen wurde, sagte er, er würde im Namen des Volkes sterben. „In eine historische Situation gestellt, werde ich meine Loyalität gegenüber dem Volk mit meinem Leben bezahlen.“ Was auf diesen Tag folgte, war eine 17 Jahre andauernde Militärdiktatur unter dem Diktator Augusto Pinochet. In den 17 Jahren wurden Tausende Menschen, politische Gegner*innen, Mitglieder der sozialistischen und kommunistischen Parteien und Andersdenkende verschleppt, gefoltert und ermordet. Einige von ihnen sind bis heute verschwunden und ihre Familien suchen sie noch. Fast zwei Jahrzehnte wurdest du von einer rechten, repressiven Macht regiert. Allendes Änderungen wurden rückgängig gemacht, staatliche Eigentümer wurden privatisiert. 1980 wurde nach einem Volksentscheid eine neue Verfassung geschrieben unter dem Diktator. Was mich am meisten schockierte: sie gilt mit Veränderungen noch heute. Wie kann es sein, dass eine Verfassung, die unter einem Diktator, der mehrere Tausende Menschen ermorden und foltern ließ, heute noch aktuell ist? Wie kann mit der Vergangenheit abgeschlossen werden, wenn sie noch nicht vergangen ist?

Ich habe versucht Antworten auf diese Fragen zu finden, aber es gelang mir nicht. Ich merkte in den letzten Monaten, dass deine Gesellschaft noch immer gespalten ist. Da sind jene, die das Geschehene verharmlosen, runterspielen oder sogar befürworten, die sich Pinochet und jenes Regime zurückwünschen. Und da sind die anderen, deren Familien auseinandergerissen, ins Exil getrieben oder ermordet wurden. Du bist gespalten. Noch heute, nach fast 30 Jahren der „Demokratie“ wurde mit dem düsteren Kapitel deiner Vergangenheit nicht abgeschlossen. Du hast nicht versucht, Geschehenes zu behandeln und dich damit auseinanderzusetzen. „Un pueblo sin memoria es un pueblo sin futuro“ (Ein Land ohne Erinnerung ist ein Land ohne Zukunft) so steht es an den groß inszenierten Denkmälern der Opfer der Militärdiktatur. Davon sah ich aber wenig in der Gesellschaft.

Überall, wohin ich gehe, sehe ich deine Flaggen und frage mich, warum die Leute sie stolz hinaustragen. Weiß-rot und auf blauem Hintergrund ein weißer Stern. Mich erinnert sie an die Flagge der USA und ich spüre sie überall, hinter den großen Supermarktketten, den noch größeren Malls. Du bist stolz auf deine Malls. Das weiß ich. Mir gefallen sie nicht. Ich möchte nicht mehr sinnlos konsumieren. Ich habe mich davon abgewendet und mich kannst du nicht davon überzeugen. Konsum wird gefördert und scheint bei dir ein Zeichen von Wohlstand zu sein.

Vielleicht bin ich zu hart zu dir. Aber das ist meine ehrliche Meinung über dich. Ich kann mein kritisches Denken nicht ausschalten. Ich weiß, dass du sehr vielfältig bist – zumindest geografisch. Deine Form, die sich entlang des Pazifiks erstreckt, sieht auf der Karte witzig aus. Im Norden siehst du ganz anders aus, als im Süden. Kilometerweite Wüsten mit kakteenbewachsener Flora und dem klarsten Himmel auf der ganzen Welt, südlicher grüne, seenreiche Landschaften, die den roten Sonnenuntergang widerspiegeln und ganz im Süden gewaltige Eisgletscher in einem zarten hellblau. Ich bin dankbar, dass ich so viel von deiner Natur sehen konnte. Sie gefällt mir. Aber ich verstehe nicht, warum auch sie privatisiert und ökonomisch ausgebeutet wird. Warum hat dein jetziger Präsident Sebastian Pinera ein Drittel der mystischen Insel Chiloé aufgekauft (und privatisiert)? Die Begründung, er schütze somit die Natur vor den zerstörenden Mapuches (Chiles Indigene), kaufe ich nicht ab. Ihnen wird das Land weggenommen, auf dem sie Jahrhunderte lang lebten und ihre Traditionen pflegten? Warum behandelst du sie so schlecht? Warum werden sie unterdrückt, ausgebeutet und diskriminiert? Ein Freund sagte mir, dass 94% aller Chilen*innen Mapucheblut haben. Warum werden die Mapuches nicht von dir unterstützt, wenn sie doch ein so wichtiger und großer Teil deiner Identität und Kultur sind?

Es gibt vieles, das mir aufgefallen ist. Ich habe versucht dich besser kennenzulernen. In dem halben Jahr, das ich mit dir verbrachte, konnte ich nur an der Oberfläche kratzen. Du bist schön zum Reisen, aber ich möchte nicht in dir leben. Es gibt zu vieles, das ich nicht verstehe, kritisiere und ablehne.

Du hast mir auf viele Möglichkeiten eröffnet. Durch dich konnte ich persönliche Erfolge erzielen. Du bietest mir Themen an, über die ich berichten kann. Ich bin dankbar, dass ich Text veröffentlichen konnte. Im lowerclassmagazine, bei amerika21 und der Taz. Das hat mir gezeigt, vielleicht ist der Weg, den ich gehe doch der richtige. Ich weiß, dass du ein Teil meines Weges warst. Ich musste dich kennenlernen, um mehr über meine eigenen Wertvorstellungen und Wünsche kennenzulernen. Durch dich habe ich viel gelernt. Das kann ich nicht leugnen. Aber es hat nicht immer Spaß gemacht.

Wenn sie mich fragen, ob du mir gefällst, muss ich das mit Nein beantworten. Ich habe meine Gründe und sie erscheinen mir plausibel. Wenn sie mich fragen, ob ich es bereue zu dir gegangen zu sein, dann muss ich das mit Nein beantworten. Ich bin froh, dass ich dich kennenlernte und so viel gelernt habe. Ich habe mich durchgebissen, auch wenn du es mir nicht leicht gemacht hast. Und ich bin auch froh, wenn ich mich von dir verabschieden kann.

Mein erster Sonnenaufgang in Chile

Von der Kunst alleine glücklich zu sein

– 153 Tage in Chile –

Oft wurde ich gefragt, ob ich ganz alleine reise und unterwegs bin. Menschen wirkten nahezu fassungslos. Alleine in Südamerika? Ganz alleine? Es stimmt, dass ich vor über einem Jahr alleine losgezogen bin, aber ich hatte nie Zweifel daran alleine zu reisen. Sehr schnell lernte ich neue Menschen kennen, die mich auf meinem Weg begleiteten. In Kolumbien schloss ich viele Freundschaften, die auch in Zukunft lange bestehen werden. Geblendet von der lebensfrohen Art in Kolumbien stürzte ich mich im März ins nächste Abenteuer: Chile – und fiel ordentlich auf die Nase.

Chile war mein persönlicher Kampf. Immer ein großes Hin und Her. Zwischen Tage zählen und Zeit genießen, wechselten sich meine Stimmungen ab. Mal gefiel es mir, dann war wieder alles unerträglich. Bedingungsloses Glücklichsein, wie in Kolumbien, habe ich hier nicht erlebt.

Diese Aufregung, die ich am Anfang spürte, als ich das erste Mal Santiago de Chile sah und wusste, hier würde ich die nächsten Monate verbringen, verflog schnell. Ich habe mir mein Leben in der Metropole ausgemalt und wollte mit Abenteuerlust alles erkunden. Mit der Zeit bekam ich einen Überblick über die Millionenstadt. Orte, die ich bereits kannte, verbanden sich zu einem Netz. Ich wollte mir in den sechs Monaten in Chile mal so schnell ein Leben aufbauen, wie es mir zuvor in Kolumbien gelang und merkte, ganz so einfach ist es hier nicht. Obwohl ich Leute kennenlernte und interessante Dinge unternahm, war ich so einsam, wie noch nie. Ich bin eine sehr soziale Person, immer von Menschen umgeben und in Santiago war es das erste Mal anders. Eine Zeit, in der ich viel über mich und das Allein-Sein lernte.

Ich dachte immer, ich würde alleine ganz gut klar kommen. Einige Male bin ich in die Welt losgezogen und machte mir nie Gedanken darüber mich einsam zu fühlen. In Chile merkte ich dann auf die harte Tour, dass ich noch einiges lernen musste. Ich stand mir selber im Weg und versuchte mir ausweichen. Ich versuchte meinem eigenen Schatten auszuweichen und merkte, das ist unmöglich. Er ist immer da, also musste ich ihn akzeptieren und besser kennenzulernen.

Als ich eine Zeit hatte, in der ich mich ein bisschen mehr aufraffen musste, erstellte ich mir eine Liste mit Dingen, die ich tun konnte, wenn ich gelangweilt, einsam oder deprimiert war.

Santiago und Umgebung erkunden
Manchmal gehe ich in eine Richtung los und laufe so lange, bis ich eine Ecke entdecke, die ich noch nicht kannte. Ich mag es kleine Szenerien zu beobachten, die vielen Menschen gar nicht auffallen. Begegnungen, die schnell wieder vergessen werden. Je mehr ich von Santiago sah, desto größer und bunter wurde das Bild, das ich von der Großstadt hatte. Obwohl ich Natur liebe und ab und zu in diese flüchten muss, bin ich ein Großstadtkind. Großstädte sind faszinierend. Irgendwo ist immer etwas los. Jederzeit konnte ich das Haus verlassen und eine kleine Entdeckungstour starten.

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Straße ohne Ausgang

Kulturprogramm to its fullest
Ich weiß, dass nicht alle Menschen sich darin wiederfinden, aber ich konnte viel freie Zeit dazu nutzen, in Museen, Ausstellungen und Veranstaltungen zu gehen. Hervorragend traf es sich, dass meine Mitbewohnerin Künstlerin ist und immer Bescheid wusste, wo gerade was läuft. Über Facebookveranstaltungen wurden mir immer mehr Veranstaltungen angezeigt. Wenn man einmal seinen Algorhitmus trainiert hat, so kann man auf interessante Dinge stoßen. Auch bei meinen Spaziergängen, wurde ich auf kleinere, unbekanntere Museen und Galerien aufmerksam. Ich lernte immer mit offenen Augen durch die Straßen zu laufen.

Lesen, lesen, lesen
Wer mich kennt, weiß, ich lese gerne und habe immer ein Buch bei mir! Mir fällt es schwer auf dem Markt, wo ich jedes Wochenendebin, an den gebrauchten Büchern vorbeizugehen ohne gleich fünf neue Bücher mitzunehmen. Jedes verbirgt eine interessante Geschichte in sich. Im letzten Jahr habe ich mich mehr mit südamerikanischer Literatur beschäftigt. Habt ihr Lust, dass ich euch einige meiner Lieblingswerke vorstelle?
Für die Uni musste ich viele Texte lesen, deshalb ist das private Lesen ein bisschen zu kurz gekommen. Spanische Literatur möchte ich gerne in Originalsprache lesen, aber nach einem langen, anstrengenden Unitag, habe ich mich dann doch über deutsche Sprache gefreut.
Lesen ist eine schöne Form der Alltagsflucht. Für paar Stunden abtauchen um sich mit den Geschichten anderer zu beschäftigen.7329B053-CC2A-4F93-A1A9-39EF824D8F38

Kreativ sein
Hört sich an wie ein schlechter Ratgeber, aber ich habe viele Dinge ausprobiert, die ich noch nie gemacht habe. Beispielsweise war ich bei einem Nähworkshop einer chilenischen Künstlerin und erlernte so etwas, was ich gerne öfter machen möchte.
Mit kreativ sein kann aber Vieles gemeint sein. Ich habe viel Zeit genutzt, um zu schreiben. Als Kind habe ich so viele Geschichten geschrieben und bin mit der Zeit leider ein wenig davon abgekommen. Dieses Semester war aufgrund der Unikurse, aber auch aufgrund privater Motivationen ein erfolgreiches Schreibsemester. Schreiben macht mir Spaß und danach fühle ich mich leichter. Bei dem Gedankenknäuel, das sich in meinem Kopf manchmal ansammelt, muss ich die Gedanken ordnen und loswerden.0AF42B2F-AABE-48FE-B3C2-C8FD044D1347

Briefe schreiben
Bevor ich für ein Jahr nach Südamerika ging, schrieb ich zwei Briefe an mich. Den ersten adressierte ich an mein Ich, das Kolumbien verlassen würde (und wie erwartet Schwierigkeiten dabei haben würde) und den zweiten, wenn ich nach Deutschland zurückkehre. In einer Woche bin ich schon zurück. Ich bin gespannt, was ich vor über einem Jahr an mich geschrieben habe. In manchen Situationen im Leben, wenn wir uns die Zukunft nicht vorstellen können, hilft es diese Bedenken in einem Brief zusammenzufassen. Vielleicht werde ich über den Brief, den ich damals geschrieben habe, schmunzeln. Andere Dinge beschäftigen mich heute, ich habe mich weiterentwickelt und trotzdem werde ich mich in der Person, die den Brief schrieb, wiederfinden.

Alleine essen gehen und viel kochen
Essen macht glücklich. Ob mit anderen Personen oder alleine. Ich hatte nie ein Problem damit mich alleine in ein Café oder Restaurant zu setzen. Zuhause esse ich ja auch meistens alleine.
Ich habe fast jeden Tag gekocht und mich bei den ferias (Märkten) in den Straßen Santiagos ausgetobt. Restaurants in Santiago fand ich sehr teuer, aber andere Foodspots, StreetFood und neue Rezepte probierte ich gerne aus. Das Kochen begleitet von lautstarker Musik oder einem Podcast, wurde für mich zu einem Hobby und fester Bestandteil meines Alltags. Eine Routine, die mich glücklich macht.

Thrifting und Second Hand
Meine neue Leidenschaft, die ich aus Chile mitnehme, ist das Thrifting. In Chile gibt es sehr viel gebrauchte Kleidung, die aus Europa und den USA eingeschifft wird. Diese Art von Konsum kritisiere ich. In der Straße Banders im Zentrum gibt es verschiedene Läden, die die ganzen Klamotten aufnehmen. Meterhohe Berge an Klamotten werden da auf dem Boden gesammelt und die Menschen erklettern diesen Berg, um das beste Teil herauszufischen. Könnte mit dem Neoliberalismus und neukapitalistischen Konsum in Chile zusammenhängen. Mich schockierte das und davon möchte ich mich distanzieren. Woran ich jedoch Gefallen finde, sind die kleinen Märkte, die sich auf Straßen öffnen, in denen Menschen ihre aussortierte Kleidung verkaufen. Thrifting kann richtig Spaß machen. Gebrauchte Klamotten, Bücher und andere Dinge zu erstehen, an denen andere Menschen schon Gefallen hatten und die nun mich begleiten werden.

Dance it out
Manchmal musste ich die schlechte Laune tatsächlich austanzen. Also Dirty Dancing an und schlechte Laune raus. Klingt sehr klischeehaft? Mir hat es geholfen und danach waren viele der dunklen Gedanken ganz weit weg. Probiert es aus! Tanzen kann mehr helfen, als man denken würde.

Telefonieren und die tiefen Unterhaltungen weiterhin führen
Der Kontakt zu meinen Freund*innen und meiner Familie in Deutschland und Kolumbien ist mir sehr wichtig. Ich liebe es im Moment zu leben und gleichzeitig möchte ich meine Liebsten daran teilhaben lassen und auch an ihrem Leben teilnehmen. An so einem Tag, an dem ich Redebedarf hatte, konnte ich Freund*innen oder Familie anrufen und stundenlang meine geliebten tiefgründigen Gespräche führen über die Dinge, die mich oder sie gerade so beschäftigten. Mit engen Freund*innen stellte ich immer wieder fest, ein Jahr ist eine sehr lange Zeit, aber durch WhatsApp und Co. kam es uns nie so vor, als wäre ich ein Jahr vom Erdboden verschwunden. Ein Hoch auf das Internet!
Das ist wirklich eine schöne Sache! Ich weiß, dass ich Menschen habe, auf die ich mich verlassen kann, die auch für mich da sind, wenn ich mehrere tausende Kilometer entfernt bin. Nur einen Anruf entfernt!
Danke an dieser Stelle an alle Leute, die mich während der gesamten Zeit von der Ferne aus begleitet haben!


Was ich wirklich gelernt habe, wenn ich mit mir alleine klar komme, dann habe ich echt viel erreicht im Leben. Menschen können mein Leben begleiten, gemeinsam mit mir Erinnerungen schaffen, aber letztendlich müssen wir doch alle alleine durch das große Labyrinth, das sich Leben nennt.
Mich hat eine Freundin sehr beeindruckt, die sich dazu entschied ein Auslandssemester in Santiago zu machen. Seit fünf Jahren ist sie in einer festen Beziehung und hängt sehr an ihrem Freund. Ich meinte zu ihr, ich finde es sehr mutig, dass sie sich von der gewohnten, glücklichen Situation loslöst und ein Abenteuer wagt. Sie hätte sich zu viel auf andere Personen gestützt und wollte sehen, ob sie auch alleine alles schaffen könne. Ich war schon immer eine unabhängige Person, die das macht, was sie für richtig hält. Diese Unabhängigkeit ist für mich sehr wichtig. Ich verstehe aber, dass viele Menschen sich sehr an andere Menschen binden. Deshalb war ich beeindruckt, dass sie sich traute aus dem Gewohnten auszusteigen, um etwas anderes kennenzulernen und in Kauf nahm, ihre Beziehung aufgrund der Distanz oder Veränderungen zu riskieren.

Alleine sein kann richtig Spaß machen! Mal das machen, wofür man nie Zeit hat. Sich die Gedanken machen, die man immer weggeschoben hat.
Ich bin ein Mensch, der viel Zeit für sich braucht. Während meines Aufenthaltes in Chile merkte ich jedoch den Unterschied. Ich mag es, wenn ich mich bewusst für Me-Time entscheide. Wenn ich dazu gezwungen werde, weil niemand Zeit oder Lust für ein Treffen hat, dann ist es schwierig damit umzugehen. Ich habe gelernt, dass ich die Dinge nicht immer ändern kann. Wenn es nicht klappt, dann klappt es halt nicht. Wenn etwas sein soll, dann wird es sich schon ergeben. Auf meinen ausgeübten Druck können Dinge kaputt gehen. Hinterherrennen, wenn jemand gar nicht will, mache ich nicht mehr. Nach einigen Versuchen, die ich starte, habe ich genug. Kostbare Zeit, die ich damit verschwende andere dazu zu bekommen, etwas mit mir zu unternehmen um Spaß zu haben, kann ich einfach mit mir selber verbringen.

Ich bin gerne alleine und habe Zeit für mich. Was für mich neu war, war allein-sein, obwohl ich gerade lieber mit anderen unterwegs war. Aus dieser Situation habe ich viel gelernt. Ich habe (oder musste) mich mit mir selbst beschäftigen und glaube, dass dieser Lernprozess mich sehr stark gemacht hat.

Allein-Sein in Chile

Weisheit des Tages: Allein sein ist wichtig! Es sollte nicht negativ konnotiert werden, denn allein sein ist nicht das Gleiche wie einsam sein. In der Zeit mit sich selbst, entdeckt man manchmal mehr, als man mit anderen Menschen entdecken könnte.

Vom Minimalismus und dem Füllen der großen Leere

– 109 Tage in Chile –

Die Berge in Santiago de Chile sind jetzt mit Schnee bedeckt. Der Herbst ist da und der Winter rückt näher. Auf dem Markt gibt es kaum noch Obst, zu kalt ist es geworden. Mir war nicht bewusst, dass es so kalt hier werden würde! Als ich vor fast einem Jahr meinen Rucksack packte, bereitete ich mich auf fast alle Klimavariationen vor, bis auf den Winter. Nun fehlen mir dicke Pullis und Winterjacken. Schon jetzt freue ich mich auf den Sommer in Berlin.

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Ausblick aus meinem Fenster

Im letzten Jahr, bevor ich meine zwei Auslandssemester in Südamerika startete, habe ich eine interessante Erkenntnis gehabt, die sich mit einem vorbelasteten Wort benennen lässt: Minimalismus. Jede*r kann sich etwas unter dem Begriff vorstellen. Weiße, sterile Wohnungen ausgestattet mit einem Möbelstück pro Raum und der perfekten, grünen Zimmerpflanzen. Ein Bilderbuch wie vom Instagramprofil.

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Minimalismus ist nicht gleich Minimalismus. Das einmal vorab. Was bedeutet es für mich? Wie kam ich dazu? Wie passt Minimalismus mit einem Jahr im Ausland zusammen?


Meine Mutter kann es wohl bestätigen, ich hatte ein kleines Shoppingproblem als ich in Teeniezeiten jedes Wochenende in Läden unterwegs war und (jedes Mal) das neunundsiebzigste Shirt kaufte. Der Kleiderschrank wurde voller, die Zeit jeden Morgen, die ich vor dem vollen Schrank stand ohne etwas zum Anziehen zu finden, länger. Paradox und doch wahr. Hand auf’s Herz. Wer beobachtet dieses Phänomen bei sich? Die naheliegendste Lösung: mehr kaufen, damit es mehr Optionen gibt!

So funktionierte es für mich nicht. Bei einer Kleidertauschparty im letzten Jahr fing ich bei den Massen an Klamotten, die alle mitbrachten, an, mich selbst zu hinterfragen. Wieviele von den Kleidungsstücken hortete ich schon seit Jahren ohne an sie zu denken oder sie anzuziehen? Wir alle haben dieses eine Oberteil, dessen Anlass noch kommen wird! Eines Tages… Nicht!
Während der Kleidertauschparty, bei der alle loswerden und niemand mitnehmen wollte, legte sich in meinem Kopf ein Schalter um. Ich fing an mich mit dem Thema zu beschäftigen, sah Videos auf YouTube und Dokumentationen auf Netflix. „The True Cost“ ist wohl eine der bekanntesten Dokus, die einiges in mir bewegte. Sehr empfehlenswert! Dieser Einblick in die Modeindustrie ließ mich schockiert zurück und mir wurde klar, ich will nicht länger Teil dieses toxischen Kreislaufs sein. Den wahren Preis möchte ich nicht mehr zahlen.

Vor einem Jahr fing ich an mehr auszusortieren, als neu zu kaufen. Der radikale Minimalismus begann, als ich im Juli 2018 meinen 65 Liter Reiserucksack für zwei Auslandssemester und ein Jahr reisen, packte. Was werde ich in einem Jahr brauchen? Was möchte ich anziehen?
Aus der Vielfalt an Kleidung kamen nur die Stücke mit, die ich wirklich liebe und in denen ich mich wohlfühle. Ich schaffte es für ein Jahr 18 Kilogramm zu packen, Kleidung, Kosmetik und alles, was man sonst zum Leben braucht.

In Kolumbien merkte ich schnell, ich brauche das andere Zeug, das noch immer in den Tiefen meines Zimmers in Berlin schlummert gar nicht. Mir wurde bewusst, alles was ich brauchte, hatte ich bei mir. Ein wenig cheesy, aber ich war begeistert und fühlte mich wohl damit.
Wer meine Beiträge aus Kolumbien gelesen hat, weiß, ich war rundum glücklich. Meine Zeit verbrachte ich mit interessanten Menschen, abwechslungsreichen Unternehmungen und der Verarbeitung neuer Eindrücke. Ich verspürte nicht das Bedürfnis zu kaufen. Alles, was ich brauchte, hatte ich bereits.

Wenn das Leben erfüllt ist, muss der Kleiderschrank nicht gefüllt werden. Mein Bedürfnis nach Glück erfüllte ich mit Freude am Leben in Kolumbien. In Chile hingegen verfalle ich in alte Muster. Seit dreieinhalb Monaten lebe ich in Santiago de Chile und trotz toller Aktivitäten und neuen Erfahrungen, versuche ich mit Käufen etwas zu kompensieren. Glücklich kaufen klappte doch früher auch?
Heute weiß ich, dass es mich nur kurzfristig glücklich macht und später ärgere ich mich, dass ich wieder ein Teil mehr besitze, dass ich gar nicht brauche.
Es gibt einen Unterschied zwischen brauchen, wenn beispielsweise Löcher in Socken nicht mehr zu stopfen sind und glauben zu brauchen. Einen schlechten Tag gehabt? Schnell zu H&M rein und sich einen Moment lang glücklich kaufen. Kapitalismus lässt grüßen.

Ganz unbewusst sehne ich mich hier nach Dingen. Klamotten, Büchern und was mir sonst noch so über den Weg läuft. Irgendetwas kaufen. Vorher fiel es mir leichter. Ich hatte einfach nicht das Bedürfnis zu kaufen. Das Leben füllte mich so aus, dass ich nichts weiteres brauchte. Ich war erfüllt. Glück in jeder Körperzelle. Es war ein schönes Gefühl. Ich fühlte mich so lebendig.

Hier in Chile merke ich, ich komme dem Bedürfnis zu kaufen wieder nach. Eigentlich wollte ich neulich nur mein Ladekabel umtauschen. Als ich mich dann im Flohmarktviertel Santiagos umgeben von gebrauchten Klamotten und Büchern wiederfand, wollte ich nur fünf Minuten gucken. 15 Minuten später waren 11€ weg und vier neue Teile da. Ist doch halb so wild, versuche ich mich zu beruhigen. Doch es klappt nicht. Ich weiß, dass ich die zwei Pullis und zwei T-Shirts nicht brauche. Ich habe genug.
Die Klamotten gefallen mir wirklich. Aber warum, wenn ich sie nicht brauche? Ich habe mich aus einem inneren Bedürfnis heraus leiten lassen und griff ins Portmonee. Eine große farbenlose Leere, die wartet gefüllt zu werden. Vorher war sie nicht da und jetzt muss ich sie irgendwie füllen, unbewusst.

Zum Minimalismus gehört für mich auch ein bewusster Umgang mit den Dingen, die ich besitze. Ich möchte keine Fast Fashion Industrie mehr unterstützen. Bei der Produktion von Kleidung werden sehr viele Ressourcen benutzt. Ich werde auch nicht mehr dem halbjährlichen Modetrend, den die Industrie ins Leben ruft, um Geld aus den Taschen zu ziehen, hinterherrennen.
In Kolumbien und Chile bin ich auf den Second Hand Geschmack gekommen. „Shoppen“ macht so viel mehr Spaß, denn ich wertschätze die Teile, die ich finde mehr. Jeder Fund ist eine kleine Errungenschaft. Und wenn ich nichts finde, was mir gefällt? Ist auch nicht schlimm. Es hängen immer noch genug Teile im Schrank.

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Fünf von sieben sind Second Hand

Zu sein und nur die Dinge zu besitzen, die ich wirklich brauche, das ist für mich Minimalismus. Im Idealzustand sehne ich mich nicht nach mehr, sondern wertschätze die Dinge, die ich bereits habe. Mit weniger Gegenständen und Kleidung habe ich mehr Zeit für’s Leben. Ich möchte mich nicht über meiner Kleidung definieren, sondern über meine Charakterzüge und Eigenschaften, Erlebnisse und Erfahrungen.
Zwar machen Kleider Leute, aber auch Selbstbewusstsein, Auftreten, Humor und Umgang mit den Mitmenschen machen Leute. Ich bezweifle, das meine Freunde sich aufgrund meines Kleidungsstils mit mir anfreundeten.

Schöne Momente genießen

Ich freue mich darauf meinen Kleiderschrank, Bücher & Co. auszusortieren, wenn ich wieder zurück bin. Nach einem Jahr wird mir erst so richtig auffallen, wieviel Zeug ich wirklich habe und nicht brauche. Ich möchte mich nicht mehr permanent nach etwas zu sehnen, was ich besitzen will. Das ist nämlich echt anstrengend. Stattdessen möchte ich einfach sein und erleben, egal, ob ich nach der neuesten Mode gekleidet bin oder nicht.

Weisheit des Tages: Manchmal brauchen wir weniger zum Leben, als wir gedacht hätten.

Sonntagsharmonie

– 37 Tage in Chile –

Durch die Jalousie merke ich, wie die ersten Sonnenstrahlen des Tages sich in mein Zimmer schleichen. Noch im Bett liegend ziehe ich an der Schnur, die Jalousie wird hochgezogen und die Strahlen kommen rein. Langsam kriecht die Sonne die Berge hoch. So kann ich nur die Umrisse der Anden erkennen. Jeden Morgen will sie mich so wecken. Ich liege noch ein bisschen im Bett und schaue aus dem großen Fenster runter auf die noch leere Hauptstraße. So langsam erwacht auch sie. Die Menschen kommen aus ihren Häusern und bereiten den Sonntagsmarkt vor. Stände werden aufgebaut und die Karren mit frischem Obst und Gemüse werden entladen. Mit ihnen kommt das Leben.

 

Nach dem Frühstück gehe ich aus der Wohnung. Ausgestattet mit einem Stoffbeutel und ein bisschen Bargeld. Der Markt ist keine 20 Meter von mir entfernt. Schon früh geht das bunte Treiben los. Menschen schlendern an den verschiedenen Ständen vorbei und vergleichen die Obstpreise. Während ich die Menschen beobachte, schlendere ich durch die schmale Gasse. Ich muss einigen Leuten mit ihren großen Taschen aus dem Weg gehen, die sie über den Boden ziehen. Nachdem ich einmal den Markt abgelaufen bin und mir einen Überblick verschafft habe, strebe ich die Stände an, die mir das beste und günstigste Obst und Gemüse verkaufen. Ein Kilo Pfirsiche für 800 (ca. 1 Euro) Pesos, ein Kilo Tomaten für 800, eine riesige Zucchini für 500 (ca. 65 Cent). Neben den üblichen Sachen möchte ich heute eine Wassermelone kaufen. Die letzten Sommerfrüchte geniessen, bevor der Winter in Chile anfängt. Ich erinnere mich daran, wie eine chilenische Freundin mir erzählte, Wassermelone sei für sie ein typisches Weihnachtsobst.
Der Markt ist harmonisch. Verkäufer*innen bieten ihre Ware an ohne unangenehm über die ganze Straße zu schreien. Gut gelaunt bringe ich meinen Wocheneinkauf in die Wohnung.

 

Samstags oder Sonntags gehe ich gerne zum mercado de la persa nahe der Metrostation Bío Bío. Ich liebe es hier zwischen den bunten Ständen aus Büchern, Instrumenten, Möbeln, Secondhandkleidung, alten Vinylplatten und Essen herumzulaufen. Jedes Wochenende gibt es Neues zu entdecken. Alles ist gebraucht. Das Angebot ist immer anders. Ich muss nicht immer etwas kaufen, ich komme her, um die Atmosphäre aufzunehmen. Diese riesige Markthallte wirkt trotz der vielen Menschen ruhig. Jeder Gegenstand den man hier sieht, scheint eine Geschichte zu erzählen, wenn man ganz genau hinhört. Bücher sind vergilbt und wurde bestimmt schon von fünf Menschen gelesen, wenn man Glück hat, findet man sogar Originalausgaben. Fast überlege ich eine Geige für umgerechnet 35 Euro zu kaufen. Mir fehlt das Geige spielen im Ausland.

 

Hier kommt niemand mit einem Ziel her. Die schmalen Gänge sind zum Schlendern, Beobachten, Genießen.
Manchmal koste ich eine der dicken, veganen Torten. Mit einem Kaffee setze ich mich an den Holztisch, um den bunt zusammengewürfelte Stühle stehen. Jeden Bissen der Schokoladentorte genieße ich, während die Menschen an mir vorbeilaufen. Mein Handy lasse ich in der Tasche. Das ist mein Moment. Nur der Kaffee, die Schokoladentorte, die jede meiner Geschmacksnerven anspricht und ich.

 

Bevor ich nachhause fahre, besuche ich noch das Mural (freie Übersetzung von mir: kunstvoll gemaltes Graffiti), das meine Mitbewohnerin Paula malte. Es ist das größte in Chile, das von einer Frau gemalt wurde. Mir gefällt ihr geometrischer, prägnanter Stil aus weißen und schwarzen Elementen. Das Besondere: das Mural ist auf dem Boden. Heute konnten auf dem Platz junge Künstler*innen ihre Kunst verkaufen. Der ganze Ort soll „kunstalisiert“ werden. Das erzählt mir heute ein Freund, den ich zufällig dort antraf, ebenfalls jemand aus der Kunstszene.
Abschließend gehe ich noch auf das Dach. Zur Zeit ist es noch nicht öffentlich zugänglich, aber das soll sich bald ändern, sagt mir der Freund. Von da aus sehe ich Santiago. Die Anden, die Santiago im Osten begleiten und auf der anderen Seite die Berge, die es vom Meer trennen. Zwischendrin die chaotische, versmogte Großstadt in der so viel Leben steckt.

 

Zuhause gucke ich aus dem Fenster und kann an den Spiegelungen der Hochhäuser erkennen, wie die Sonne langsam untergeht. Die Anden werden dabei rot von ihr angestrahlt. Ich schreibe diese Zeilen. Heute war ein schöner Tag. Mit dem frischen Gemüse koche ich mir etwas. Beim Essen schaue ich einen Film und genieße die letzten Stunden bevor die neue Woche mit neuen Aufgaben anfängt.

So mag ich meine Sonntage.

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Weisheit des Tages: Der Sonntag ist zum Runterkommen. Neben der Uni, die in Chile für mich sehr zeitintensiv und anstrengend ist, muss ich mir bewusst die Zeit nehmen und kleine Ruheoasen schaffen. Ich hätte nicht gedacht, dass ich sie inmitten voller antiker Möbelstücke, Vintage-Kleidung und Menschen finden würde.

Drei Jahre Kolumbien und so viel Heimat

– 87 Tage nach der Ankunft –

Vor drei Tagen, am 17. Oktober, war ein für mich ganz besonderer Tag. Genau drei Jahre ist es her, dass ich das erste Mal kolumbianischen Boden betreten habe. Wenn ich das so schreibe, erschreckt es mich ein wenig, wie viel Zeit doch vergangen ist! Drei Jahre ist dieses Land schon ein ganz besonderer Teil von mir. Ich bin so glücklich, dass ich damals meine Vorurteile und Bedenken überwunden habe und mich dazu entschieden habe, die große Reise anzutreten.

In drei Jahren passiert viel! Ich habe mich sehr entwickelt und Kolumbien und die Erfahrungen, die ich hier gemacht habe, hatten großen Anteil daran. Auch im Land hat sich viel verändert. Seit 2016 ist der Friedensvertrag mit der FARC in Kraft getreten und Kolumbien entwickelt sich immer weiter. Seit drei Jahren verfolge ich mit, was in diesem einzigartigen Land passiert und das, obwohl ich vorher nicht einmal genau wusste, wo in Südamerika es liegt und was dort eigentlich passiert.

Ich bin demasiado feliz (unglaublich glücklich), dass ich die Möglichkeit habe, nochmal für längere Zeit hier zu leben und eine andere Seite Kolumbiens kennenzulernen. Durch das Auslandssemester habe ich sehr viel über die Politik, Gesellschaft und Strukturen in Kolumbien gelernt. Ich genieße das Leben in Bogotá sehr und jetzt, wo die Halbzeit anfängt (nein!), kommt die Panik auf. Nur noch drei Monate und ich muss Kolumbien schon wieder verlassen 😦

Vor zwei Jahren als mein Freiwilligendienst zu Ende war, habe ich mir fest vorgenommen nochmal in Kolumbien zu leben und diesen Traum erfülle ich mir gerade. Nach drei Monaten in Bogotá bin ich voll und ganz angekommen. Trotzdem habe ich nach wie vor eine starke Bindung zu Tunja. Kolumbianer*innen schmunzeln immer, wenn ich erzähle, dass ich in Tunja gelebt habe. „Tunja? Warum ausgerechnet Tunja?“
Mindestens einmal im Monat verlasse ich über das Wochenende Bogotá, um nach zwei Stunden grüner Bergfahrt in der Kleinstadt anzukommen und ein Stück zuhause zu fühlen. Jedes Mal, wenn ich nach Tunja fahre, spüre ich Freude im ganzen Körper. Wenn ich dann meine Gastfamilie und meine Nachbarn in die Arme schließe, merke ich ganz tief in mir drin: das ist ein Stück Heimat. Ich bin sehr dankbar, dass meine Gastfamilie mich jedes Mal wieder mit los brazos abiertos (offenen Armen) empfängt.

In dieser Stadt habe ich so viel erlebt, so viel gelernt. Auch wenn es vielleicht nicht viel zu tun gibt, genieße ich die Zeit mit Freunden und Familie, komme runter vom bogotaner Großstadtchaos, laufe durch die steilen Straßen im centro und frage mich, wie oft ich diese Wege schon gegangen bin. Hier treffe ich auf Straßenhunde, die sich in Gruppen versammeln und neugierig zu mir schauen. Nicht selten laufe ich jemandem über den Weg, den ich kenne und lange nicht mehr gesehen habe. In der ruhigen Stadt ist immer Zeit für einen Plausch. In Tunja kann ich meine Batterien wieder voll aufladen. Der Spaziergang in die umliegenden Berge mit Aussicht auf die ganze Stadt darf dabei nicht fehlen.

Vor einiger Zeit hätte ich niemals geglaubt, dass ich wieder hier sein würde und so oft ich möchte zu meiner zweiten Heimat fahren kann. So richtig bewusst wird mir das, wenn ich in der Küche sitze, während meine Gastmutter am rumwerkeln ist und wir uns über alles Mögliche unterhalten. Dann wird mir bewusst, das ist das, wonach du dich die letzten zwei Jahre gesehnt hast. Wieder in die zweite Heimat kommen und das Leben genießen.

Jedes Mal, wenn ich in Kolumbien bin, frage ich mich, was es ist, das mich so glücklich macht. Hier fällt es mir leicht unbeschwert zu leben. Es ist so leicht, eine gute Zeit zu haben mit Freunden oder auch alleine. Warum kann ich mich in Deutschland nicht so glücklich fühlen? Was für Hintergedanken beschäftigen mich dort, die mich davon abhalten?
Das Lebensgefühl hier ist ein anderes für mich. Die alegría (Lebensfreude) und Sorglosigkeit, die ich mit jedem Atemzug einzuatmen scheine. In Deutschland scheint jedes kleinste Problem grave (schwerwiegend). Ich kann mir wohl nicht vorstellen, für immer hier zu bleiben, aber es sind Erfahrungen, die ich hier mache, die mir zeigen, wie man das Leben genießt.
Es ist wahrscheinlich das, was mich an Kolumbien und seinen Menschen am meisten beeindruckt und fasziniert. Kolumbien ist gewiss weit davon entfernt perfekt zu funktionieren (was ist schon perfekt?), aber trotzdem packt mich die Lebenseinstellung jedes Mal, die ich dann auf mich anwende. Das ist wohl der Grund, warum ich mich in Kolumbien, vor allem in Tunja, immer zuhause fühlen werde.

Weisheit des Tages: in drei Jahren ist mir Kolumbien sehr ans Herz gewachsen und ich habe unheimlich viel über mich und mein Leben gelernt.