Gedanken zur Zeit

– 21 Tage nach der Ankunft –

In den letzten Tagen habe ich mir einige Gedanken zur Zeit gemacht.
Was ist Zeit eigentlich?

Laut Wikipedia:

„Die Zeit beschreibt die Abfolge von Ereignissen, hat also im Gegensatz zu anderen physikalischen Größen eine eindeutige, unumkehrbare Richtung.

Nach Immanuel Kant ist die Zeit ebenso wie der Raum eine „reine Anschauungsform“ des inneren Sinnes. Sie seien unser Zugang zur Welt, gehörten also zu den subjektiv-menschlichen Bedingungen der Welterkenntnis, in deren Form das menschliche Bewusstsein die Sinneseindrücke erlebt.“

Das mit der Zeit fand ich schon immer sehr verwirrend.

Natürlich kann man Zeit bestimmen durch Sekunden, Minuten, Stunden, Tage und diese ganzen Begriffe. Aber eine Minute Schlaf vergeht doch viel schneller, als zum Beispiel eine Minute unter Wasser, wenn man die Luft anhalten muss. Das sind zwar die gleichen 60 Sekunden, aber sie werden so unterschiedlich wahrgenommen.

Ich bin jetzt seit 21 Tagen hier. Das sind drei Wochen. Ich erinnere mich noch an den ersten Tag, als wäre es gestern gewesen. An alle Details kann ich mich erinnern. Sind also wirklich schon 21 Tage vergangen?

Andererseits habe ich das Gefühl, dass ich schon Ewigkeiten hier bin. Ich kann mir nicht mehr vorstellen, wie ich in Deutschland die letzten Monate gelebt habe Tag für Tag. Und so lange sind 21 Tage doch auch wieder nicht?

Im April 2014 habe ich einen dreiwöchigen Kanadaaustausch gemacht von meiner Schule aus. Jetzt bin ich genauso lange in Kolumbien, wie ich in Kanada war. Das heißt, heute würde ich wieder nachhause fliegen. Die Zeit in Kanada kommt mir im Nachhinein viel länger vor. Vielleicht weil ich in der kurzen Zeit viel mehr erlebt habe und täglich was mit Freunden unternommen habe. Ich habe ja noch neun Monate Zeit um Kolumbien näher kennenzulernen. Drei Wochen in einem fremden Land kommt mir jetzt sehr wenig vor. Da kann man doch gar nicht Zeit haben alles kennenzulernen?

Ich habe das Gefühl, dass ein einzelner Tag hier ewig dauert und nur sehr langsam vergeht. Aber die Wochen hier vergehen total schnell. Das ist so widersprüchlich, das kann doch keinen Sinn machen oder?

Auf meinem Handy habe ich eine „Countdownapp“. Dort sehe ich, wann meine Eltern und meine Geschwister mich besuchen kommen, in genau 130 Tagen. Mehr als vier Monate ohne meine Familie. Aber andererseits hört sich 130 Tage auch nicht so viel an, wenn man überlegt, dass es auch schon mal mehr als 150 Tage waren.
In Kolumbien werde ich nicht mehr als 270 Tage verbringen (das genaue Rückflugdatum wird noch festgelegt). Mehr Tage habe ich nicht mehr um Spanisch zu lernen, Kolumbianer_innen, Orte, Städte, Dörfer, meine Schule, Schüler_innen, Essen und alles Kolumbianische kennenzulernen. Das ist nicht mal ein Jahr. Und ein Jahr im Leben eines Menschen mit mindestens 80 Jahren ist so wenig Zeit und nahezu unbedeutend. Das ist ja gerade mal ein Bruchteil von meinem Leben, das ich hier bin. Aber ich kann mir vorstellen, dass es das prägendste Jahr wird und ich in dem einen Jahr am meisten lernen werde.

Wenn ich überlege, wie schnell die letzten beiden Jahre in der Abiturphase vergangen sind. Ich kann mich auch noch genau an den ersten Tag in der Oberstufe erinnern und wie ich gedacht habe: das werden die zwei längsten Jahre meines Lebens. Sie sind schneller umgegangen, als ich je gedacht hätte.

Ein Teil von mir will das die Zeit mal endlich schneller vergeht und ich hier mehr erlebe und sehe und auch irgendwie Familie und Freunde in Deutschland wiedersehe. Der andere Teil will auch nicht, dass dieses Jahr aufhört und wenn ich mit den anderen oder ehemaligen Freiwilligen rede, dann weiß ich, dass der zweite Teil immer stärker zum Ende meines Freiwilligendienstes wird.

Vor einem Jahr war es noch ganz normal jeden Tag in meiner Familie zu verbringen und in einem Jahr ist es schon wieder möglich, dass ich meine Familie viel sehe. Ich habe 17 Jahre in meiner gewohnten Umgebung verbracht, fast täglich die gleichen Menschen gesehen und bin tagein, tagaus zur Schule gegangen. Weihnachten, Ostern und alle anderen Feiertage waren im Ablauf die gleichen, mit den gleichen Menschen, mit den gleichen Ritualen. Es wird echt mal Zeit, dass sich etwas verändert und ich mich von zuhause wegtraue aus der Komfortzone raus.

Es ist komisch, dass alles was nicht Jetzt oder Zukunft ist, nur aus Erinnerung besteht. So viele Erinnerungen mit Freunden und Familie, die für mich noch ganz frisch sind, aber mehrere Jahre schon alt sind.

Ich glaube auch, dass wenn man über Zeit nicht nachdenkt, sie viel schneller vergeht. Wenn man die Zeit einfach nur gleiten lässt, dann kommt einem alles viel schneller vor.
Das zeigt mal wieder, dass ich mir nicht so viele Gedanken über alles machen sollte.

Weisheit des Tages: Zeit ist relativ und es hängt vom Betrachter ab, wie sie wahrgenommen wird. Und es ist etwas verdammt Kompliziertes…

2 Gedanken zu “Gedanken zur Zeit

  1. Sarah Kamenarov 16. November 2015 / 5:14

    „Ein Teil von mir will das die Zeit mal endlich schneller vergeht und ich (…) irgendwie Familie und Freunde in Deutschland wiedersehe. Der andere Teil will auch nicht, dass dieses Jahr aufhört (…).“

    Du sprichst mir aus der Seele. Ich habe nach 2 Wochen irgendwie die selben Gedanken. Heimweh, Glücksgefühl, weil es so toll ist, neue Wahrnehmung von Zeit…

    Und am komischsten ist das Gefühl was du hast, weil dir alle Leute gesagt haben, dass das hier die Zeit deines Lebens ist („Nutz das!“). Jetzt bin ich hier -mache ich das richtige daraus?- mir bleibt ja kaum noch Zeit, die muss ich nutzen!
    Aber oh! SOOO lange noch

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