Alles nur ein Traum – ein wunderschöner Traum

Bald ist es zwei Monate her, dass ich wieder in Deutschland bin. Wie zwei Monate hat es sich gar nicht angefühlt. Viel eher, als wenn ich nie weggewesen wäre. Hier ist alles so wie immer. Kaum Veränderungen. Berlin ist ständig in Bewegung. Mal wird dort neu gebaut, neue Menschen ziehen hinzu oder weg – aber eigentlich ist es noch genau das Gleiche, wie vor einem Jahr.

Über ein Jahr ist es her, dass ich diese bunte Stadt verließ und mein Abenteuer Richtung Südamerika startete. Das Jahr, die Zeit in Südamerika, die vielen Erfahrungen, ständig Neues – ich habe es sehr genoßen. Ich habe viel gelernt. Konnte viel mitnehmen. Und jetzt fühlt es sich doch so an, als wäre es nie passiert. Habe ich mir das alles eingebildet? Die große, quirlige Hauptstadt Bogotá, die mich täglich neu begeisterte? Die traumhaften Reisen, durch den Amazonas, entlang der Pazifikküste, durch die Gletscherlandschaften in Chile und Argentinien. War das wirklich real? Landschaften, die jeden Reisekalender übertreffen. War ich wirklich dort gewesen?

Seit ich im August in Berlin wieder ankam, wurde ich direkt in den Alltagsstress gezogen. Arbeiten, Uni, Zukunft planen. Es ging viel schneller, als erwartet. Der süße Geschmack des Ankommens nach einer langen, anstrengenden, erlebnisreichen Reise, das Erste mal seine Familie und Freunde wiedersehen. Wenn die Gerüche der Großstadt, der U-Bahn, des eigenen Zimmers und des Haustiers nach so langer Zeit wieder in die Nase strömen und so viele Bilder und Erinnerungen im Kopf abgerufen werden. Dieses Gefühl – zurückzukommen – ist bittersüß. Ich fühlte mich wie in mehrere Teile getrennt. Ein Teil war wieder zuhause, so glücklich, das Gewohnte wiederzusehen – alles so wie immer. Andere Teile von mir waren noch an den Orten verteilt, wo ich lebte, lernte. Es wirkte gar nicht so einfach die Psyche mit dem physischen Körper in Einklang zu bringen. Und doch kannte mein Körper noch jedes Detail. Es war einfach wieder nachhause zu kommen. Ich wurde liebevoll erwartet, ich freute mich, wieder da zu sein. Trotzdem fiel es mir nicht leicht. Ein Teil fehlte.

Viel zu schnell ging diese anfängliche Freude, das erste Erleben des gewohnten Alten nach so langer Zeit, über in einen schnelllebigen Alltag. Es gab viel zu tun und ich war überfordert mit den ganzen Verpflichtungen, die aufploppten. Mir blieb keine Zeit anzukommen, zu reflektieren, was gerade mit mir passierte. Von mir wurde erwartet, gleich wieder die gewohnte Person zu sein. So wie immer, wie der Rest auch. Ich merkte, das ging nicht. Ich war nicht mehr die gleiche Person, die vor einem Jahr Deutschland verließ. Jene fernen Teile, die ich irgendwo zwischen Kolumbien und Chile verloren hatte, fühlten sich unverstanden. Ich nahm mir keine Zeit für sie.

Vielleicht sind das wirre, unverständliche Gedanken, die mir durch den Kopf gehen. Ein erster ehrlicher Moment, wo ich versuche zu sammeln, was in mir vor sich geht. Viel zu schnell vergeht die Zeit. Viel zu weit weg wirkt das Erlebte. Jetzt schon kann ich mir nicht mehr vorstellen, dass ich wirklich in Kolumbien war, in Chile lebte, so viele Menschen kennenlernte und so viele Orte sah. Jetzt fühlt es sich an, als wäre es nur ein Traum gewesen, der sich zunehmend verdunkelt. Bald schon werde ich mich nicht mehr an ihn erinnern können, so wie Träume nach dem Aufwachen immer unklarer werden. Wie kann ich dagegen ankämpfen?

Immer wieder sage ich mir, dass ich wirklich dort war und lebte. Ich lebte in jenen Momenten. Und das will ich auch heute tun. Momentan bin ich glücklich. Ich weiß, dass ich am richtigen Ort bin, an der richtigen Stelle. Es fühlt sich richtig an. Denke ich…
Momentan spüre ich keine unerträgliche Sehnsucht nach einem Ort, der so weit weg ist. Keine Sehnsucht nach dem Lebensgefühl, das mich immer wieder aufs Neue nach Kolumbien zog. Momentan will ich hier sein, wo ich bin. Gleichzeitig möchte ich, dass mir bewusst ist, dass die anderen Teile von mir existiert haben. Ich habe sie mir nicht ausgedacht.

Ankommen ins Alt-Neue kann schwieriger sein, als gedacht. Sich in eine Welt einzugliedern, in die man einmal so gut gepasst hat, die sich jetzt ein wenig verkehrt anfühlt. Südamerika ist für mich kein abgeschlossenes Kapitel. Es ist noch nicht vorbei. Irgendwo tief in mir drin, steckt es. Ich möchte es nicht unterdrücken und Kleinreden, wie ich es die letzten Wochen getan habe. Als Teil von mir, möchte ich mich an bewusster an das erlebte erinnern.

Ich weiß nicht, ob sich jemand in diesem Text wiederfindet. Gefühle sind so kompliziert zu beschreiben. Und trotzdem versuche ich es.

Weisheit des Tages: Ein bisschen in schönen Erinnerungen schwelgen, kann gut tun. Das möchte ich zulassen, auch wenn es gleichzeitig weh tut.

Ein Jahr Südamerika, zwei Semester im Ausland

-377 Tage in Südamerika –
– 158 Tage in Chile –

Heute ist es so weit! Nach über einem Jahr in Südamerika und zwei absolvierten Auslandssemestern in Bogotá und Santiago de Chile, fliege ich heute zurück nach Berlin. Was ich fühle, lässt sich dieses Mal klar definieren, im Gegensatz zu meiner Abreise aus Kolumbien vor drei Jahren. Innerlich brodle ich vor Freude und Aufregung. Ich bin froh, dass ich jetzt zurückkehre.


Weitere Puzzleteil kommen zu meiner Welt hinzu. In einem Jahr habe ich unglaublich viel gelernt. Ich habe angefangen mich für Themen zu interessieren, die vorher weit von meiner Realität entfernt waren. Sowohl in Kolumbien, als auch in Chile habe ich die studentischen Bewegungen miterlebt und darüber berichtet.

Es war ein Jahr mit vielen Auf und Abs. Seit ich 2016 Kolumbien verließ, hatte ich mir in den Kopf gesetzt für längere Zeit an meinen Sehnsuchtsort zurückzukehren. Als ich im Juni 2018 (sehr spontan) Bescheid bekam, ich könne an der Universidad Nacional de Colombia in Bogotá studieren, realisierte ich, dass mein Traum wahr wurde. Sechs Monate verbrachte ich in Kolumbiens Hauptstadt, lernte viele, interessante Menschen kennen, schloss Freundschaften, besuchte regelmäßig  meine kolumbianische Familie und Freunde in Tunja und beschäftigte mich intensiver mit der Politik des Landes. Mit der Idee nach Kolumbien zu kommen, um es ein bisschen für mich abzuschließen, verliebte ich mich mehr ins Land und seine Menschen. Wieder denke ich, ich würde gerne längere Zeit dort leben.
In Chile wollte ich studieren, um ein anderes südamerikanisches Land intensiver kennenzulernen. Mein Gedanke war auch, dass ich mich durch das Kennenlernen eines anderen Landes ein bisschen von Kolumbien „entfernen“ könnte. Wie gut das geklappt hat, könnt ihr in den Blogposts der letzten Wochen lesen. Chile ist nicht mein Ort um glücklich zu sein und das ist okay. Umso mehr Interesse habe ich nun andere südamerikanische Länder intensiver kennenzulernen.
Neben kleinen Reisen in Kolumbien und Chile, reiste ich in dem vergangenen Jahr nach Ecuador, Brasilien, Argentinien und Uruguay. Vor allem Uruguay verzauberte mich! Vielleicht wird es mein nächster Wohnort in Südamerika?


Wie fühlt es sich nun an nach über einem Jahr Südamerika zurück nach Deutschland zu reisen?

Kann ich das mit einem Wort beantworten? Unmöglich.
Zu viel ist passiert. Es fühlt sich an als hätte ich zehn Jahre in einem Jahr gelebt.
Bogotá ist schon so lange her! Es war eine tolle Zeit. Hat sich so gut angefühlt. Der Moment als ich aus dem Flieger stieg und mir der typische Geruch entgegenkam. Kolumbien ist mein Sehnsuchtsort. Ich hatte Bedenken. Vielleicht träumte ich einer Zeit nach, die bereits vergangen war. Vielleicht würde es mir beim zweiten Mal nicht so gut gefallen. Nach kurzer Zeit baute ich mir ein Leben in Bogotá auf und wusste, ich könnte hier noch länger bleiben.
Es war eine aufregende Zeit! Alleine wohnen, wieder Spanisch sprechen, Schritte in die Selbstständigkeit, in die Politik und viele andere Themen. Ich weiß jetzt schon, eines Tages will ich wieder zurück!

Wie ich zu Chile stehe, ist noch sehr frisch und ich habe es oft beschrieben. Chile ist anders. Ich habe gekämpft und so lange die Tage gezählt. Jetzt ist es vorbei und ich bin froh es hinter mir zu lassen.

Immer wieder wurde mir gesagt, wie mutig ich sei, dass ich mich traue, was ich mache. Dabei habe ich das gemacht, was ich wollte und was ich für richtig hielt. Dinge haben sich ergeben und ich bin Wegen gefolgt, die sich mit der Zeit auftaten. Es gab die eine oder andere Komplikation, aber ich habe nicht aufgegeben. Mir macht es Spaß immer Neues kennenzulernen, aus meiner Komfortzone zu kommen und an meine Grenzen zu stoßen, um mich selber besser kennenzulernen. Ich will so viel wie möglich davon sehen und erkunden. Alles ausprobieren und immer Veränderungen erleben – das macht mir Spaß. Immer neu, immer anders gefällt mir. Ich möchte nicht auf der gleichen Stelle laufen, sondern immer weiter und in alle Ecken, um alles zu erkunden. Dinge ausprobieren, die ich schon immer mal machen wollte. An Demos teilnehmen, auf spanisch studieren, spanische Texte schreiben und lesen, Grafikdesign und Journalismus studieren, alleine reisen, ein Leben ohne jemanden zu kennen in einer fremden Stadt aufzubauen, an die eigenen Grenzen kommen, um dann zu bemerken, dass ich stärker bin, als ich gedacht hätte.

Unglaublich. So schnell vergeht die Zeit und gleichzeitig so langsam.
Eine paradoxe Aussage, in der sich alle mal wiederfinden.
Die Zeit fliegt hin und ich fliege mit ihr.
Vor über einem Jahr ging mein Abenteuer los. Vor über einem Jahr stieg ich in Berlin in den Flieger mit einem Gepäckstück und so viel Neugierde, Wünschen und Abenteuerlust. In einem Jahr ist viel passiert. Ich habe so viel gelernt, gesehen, erlebt, viele Menschen kennengelernt, mich von einigen entfernt. Ich bin dankbar, dass ich diese Erfahrungen machen durfte, dass ich die Möglichkeit hatte gleich in zwei südamerikanischen Ländern zu studieren und so viel über Geschichte, Gesellschaft und Politik in Kolumbien und Chile zu lernen.

377 ereignisreiche Tage. In diesem Moment spüre ich Glück. Ich bin stolz auf mich und das, was ich in der Zeit gelernt und erreicht habe. Ich fühle mich erfüllt und bin unendlich dankbar.
Die letzten Monate waren manchmal hart. Ich bin erleichtert, dass nun die Zeit gekommen ist, zu gehen und Chile hinter mir zu lassen. Ein großes Kapitel geht zu Ende und ich bin bereit für das nächste! Südamerika wird mir fehlen. Über ein Jahr hier und auf einmal ist es ganz weit weg. Ich werde es vermissen Spanisch zu sprechen und die vielfältigen Kulturen, Tänze, Menschen und Musik zu erleben. Die kolumbianische Leichtigkeit lebt noch in mir, aber ich weiß nicht, wie lange ich sie mit nach Deutschland nehmen kann.
Ein bisschen besorgt bin ich zurückzukommen. Deutschland entwickelt sich gerade in eine Richtung, die mir Angst macht. Vielleicht hat sich sehr viel verändert. Vielleicht ist Vieles so geblieben, wie es vor einem Jahr war. Ich werde es herausfinden und euch weiterhin berichten.

Ich gehe mit positiven Gefühlen. Ich weiß, in Berlin warten Menschen auf mich, bei denen ich mich fallen lassen kann. Ich freue mich unendlich alle wiederzusehen (und in meinem eigenen Bett zu schlafen). Das Erlebte werde ich nie vergessen.

Vor einem Jahr

Weisheit des Tages: Nach zwei Jahren, die ich in den letzten vier Jahren in Südamerika lebte, merke ich wie es ein Teil meiner Identität wurde. Sprache, Musik, Kultur und Menschen begleiten mich seit längerer Zeit und ich weiß, dass ein Teil von mir immer Südamerika (insbesondere Kolumbien) vermissen wird. Aber ich werde wiederkommen!

Chile und ich – ein Abschiedsbrief

-156 Tage in Chile –

Wenn mich die Leute, wie so oft, fragen, wie ich dich finde, suche ich nach Worten. Du bist sehr stolz und ich traue mich nicht meine Wahrheit zu sagen. Dein Ansehen im Ausland ist dir sehr wichtig. Besonders in Europa und den USA. Da möchtest du gut stehen.

Wie finde ich dich? Soll ich ehrlich sein? Du hast mich enttäuscht. Ich habe mir dich anders vorgestellt. Dachte du wärest sozialistischer, humaner, gerechter. Dein Ansehen im Ausland ist hoch, gerade im Vergleich zu anderen lateinamerikanischen Ländern. Die höchste Lebensqualität, das höchste BIP und die teuersten Produkte. Der Preis dafür scheint mir hoch. Ich wurde hier anders aufgenommen als in anderen Ländern. Du wolltest mich nicht so recht freundlich empfangen. Deine Leute haben kein Interesse gezeigt, wollten einfach nicht mit mir in den Kontakt kommen. Alle sind in ihrer eigenen Welt mit eigenen Problemen. Ob das wohl nur in deiner Hauptstadt so ist?

Viel zu viele Probleme gab es direkt am Anfang. Organisationschaos an der Universidad de Chile, die mir erst gar nicht schrieb und dann erzählte, ich dürfte nicht das Fach studieren, weswegen ich zu dir gekommen bin. Bürokratischer Kram. Wohnungsprobleme, die mir am Anfang zu schaffen machten. Angekommen bin ich in einem Drecksloch aus dem ich die Flucht ergriffen habe. Danach kam ich in meine Wohnung, in der ich mich wohl fühle und tiefe Freundschaften fand. Jedes Mal, wenn ich nach einer kurzen Reise nach Argentinien zurückkehrte, gab es neue Probleme. Einreiseproblem wegen des Visums, Schneefälle mit geschlossener Grenze und herunterstürzende Berge, die mich daran hinderten, zu dir zu kommen.

Das waren persönliche Herausforderungen, die mir gestellt wurden. Ich habe nicht aufgegeben, sondern es weiterhin mit dir versucht, wollte dich kennenlernen, aber du hast mich schockiert. Ich wusste nicht, dass in dir der Neoliberalismus geboren ist. Bis heute bist du das neoliberalste Land der Welt und das gefällt mir nicht. Die USA nutzte in den 70ern deine politisch instablie Situation aus und schickte die Chicago Boys zu dir, die ein neoliberales, ausbeutendes Wirtschaftssystem etablierten, das bis heute gilt. Ich dachte deine sozialistische Präsidentin Michelle Bachelet, die zwei Amtsperioden regierte, hätte einiges daran geändert, aber das stimmt nicht. Alles ist privatisiert. Gesundheitssystem, Agrarfläche und Bildung. Wer kein Geld hat, wird auch in der Zukunft kein Geld haben. Ist es das, was du willst? Ohne Geld können deine Kinder niemals auf eine Schule, die ihnen eine Zukunftsperspektive gibt. Nur teure Privatschulen ermöglichen das. Öffentliche Universitäten wurden auch privatisiert und erhalten kaum noch staatliche Gelder. Alles muss von deinen Bürger*innen gezahlt werden. Alles wurde während der Militärdiktatur privatisiert. Und wer profitiert davon? Ich mag keine Ungerechtigkeit. Ich mag es nicht, wenn Reiche noch reicher werden und Arme noch ärmer. Wie soll ich dich dann mögen?

Als ich mich mit deiner Vergangenheit beschäftigte, merkte ich, ein grausames Kapitel ist noch nicht abgeschlossen. Wahrscheinlich ist das der Teil, der mich am meisten an dir stört. In vielen Gesprächen und Diskussionen, Büchern und Dokumentarfilmen, dem „Museum für Menschenrechte und Erinnerung“ und der Universität lernte ich über deine Vergangenheit. In einem Interview, das ich führte, sagte mir ein Dozent der Universidad de Chile, „alle Länder haben Ereignisse ihrer Vergangenheit, die Schande generieren. Die chilenische Verfassung ist Teil dieser Schande“.

Von 1970 bis 1973 regierte dich der vom Volk gewählte, sozialistische Doktor Salvador Allende. Firmen und Kupferminen im Norden des Landes wurden enteignet, Bildung wurde allen unter gleichen Bedingungen zugänglich gemacht und die Agrarreform fand statt. Bäuer*innen erhielten das erste Mal einen Lohn, der keine Kekse, sondern Geld war. Allende war ein Mann, der Gutes wollte, gegen den aber viel gehetzt wurde. Ökonomisch ging es dir in der Zeit nicht sehr gut. Die USA mischte sich ein und half dem Militär bei den Vorbereitungen eines Putsches. Erinnerst du dich an den 11. September 1973? Vom Militär wurde der Regierungspalast bombadiert, Menschen, die in linken Parteien aktiv waren, wurden verschleppt, auf die Straßen gezerrt, ermordet und im Estadio Nacional mehrere Tage festgenommen. Allende, der von den Putschisten umzingelt war, beging Suizid, weil es keinen Ausweg gab. In seiner letzten Rede an das Volk, die von der letzten, nicht von den Putschisten eingenommenen Radiostation Magallanes live übertragen wurde, sagte er, er würde im Namen des Volkes sterben. „In eine historische Situation gestellt, werde ich meine Loyalität gegenüber dem Volk mit meinem Leben bezahlen.“ Was auf diesen Tag folgte, war eine 17 Jahre andauernde Militärdiktatur unter dem Diktator Augusto Pinochet. In den 17 Jahren wurden Tausende Menschen, politische Gegner*innen, Mitglieder der sozialistischen und kommunistischen Parteien und Andersdenkende verschleppt, gefoltert und ermordet. Einige von ihnen sind bis heute verschwunden und ihre Familien suchen sie noch. Fast zwei Jahrzehnte wurdest du von einer rechten, repressiven Macht regiert. Allendes Änderungen wurden rückgängig gemacht, staatliche Eigentümer wurden privatisiert. 1980 wurde nach einem Volksentscheid eine neue Verfassung geschrieben unter dem Diktator. Was mich am meisten schockierte: sie gilt mit Veränderungen noch heute. Wie kann es sein, dass eine Verfassung, die unter einem Diktator, der mehrere Tausende Menschen ermorden und foltern ließ, heute noch aktuell ist? Wie kann mit der Vergangenheit abgeschlossen werden, wenn sie noch nicht vergangen ist?

Ich habe versucht Antworten auf diese Fragen zu finden, aber es gelang mir nicht. Ich merkte in den letzten Monaten, dass deine Gesellschaft noch immer gespalten ist. Da sind jene, die das Geschehene verharmlosen, runterspielen oder sogar befürworten, die sich Pinochet und jenes Regime zurückwünschen. Und da sind die anderen, deren Familien auseinandergerissen, ins Exil getrieben oder ermordet wurden. Du bist gespalten. Noch heute, nach fast 30 Jahren der „Demokratie“ wurde mit dem düsteren Kapitel deiner Vergangenheit nicht abgeschlossen. Du hast nicht versucht, Geschehenes zu behandeln und dich damit auseinanderzusetzen. „Un pueblo sin memoria es un pueblo sin futuro“ (Ein Land ohne Erinnerung ist ein Land ohne Zukunft) so steht es an den groß inszenierten Denkmälern der Opfer der Militärdiktatur. Davon sah ich aber wenig in der Gesellschaft.

Überall, wohin ich gehe, sehe ich deine Flaggen und frage mich, warum die Leute sie stolz hinaustragen. Weiß-rot und auf blauem Hintergrund ein weißer Stern. Mich erinnert sie an die Flagge der USA und ich spüre sie überall, hinter den großen Supermarktketten, den noch größeren Malls. Du bist stolz auf deine Malls. Das weiß ich. Mir gefallen sie nicht. Ich möchte nicht mehr sinnlos konsumieren. Ich habe mich davon abgewendet und mich kannst du nicht davon überzeugen. Konsum wird gefördert und scheint bei dir ein Zeichen von Wohlstand zu sein.

Vielleicht bin ich zu hart zu dir. Aber das ist meine ehrliche Meinung über dich. Ich kann mein kritisches Denken nicht ausschalten. Ich weiß, dass du sehr vielfältig bist – zumindest geografisch. Deine Form, die sich entlang des Pazifiks erstreckt, sieht auf der Karte witzig aus. Im Norden siehst du ganz anders aus, als im Süden. Kilometerweite Wüsten mit kakteenbewachsener Flora und dem klarsten Himmel auf der ganzen Welt, südlicher grüne, seenreiche Landschaften, die den roten Sonnenuntergang widerspiegeln und ganz im Süden gewaltige Eisgletscher in einem zarten hellblau. Ich bin dankbar, dass ich so viel von deiner Natur sehen konnte. Sie gefällt mir. Aber ich verstehe nicht, warum auch sie privatisiert und ökonomisch ausgebeutet wird. Warum hat dein jetziger Präsident Sebastian Pinera ein Drittel der mystischen Insel Chiloé aufgekauft (und privatisiert)? Die Begründung, er schütze somit die Natur vor den zerstörenden Mapuches (Chiles Indigene), kaufe ich nicht ab. Ihnen wird das Land weggenommen, auf dem sie Jahrhunderte lang lebten und ihre Traditionen pflegten? Warum behandelst du sie so schlecht? Warum werden sie unterdrückt, ausgebeutet und diskriminiert? Ein Freund sagte mir, dass 94% aller Chilen*innen Mapucheblut haben. Warum werden die Mapuches nicht von dir unterstützt, wenn sie doch ein so wichtiger und großer Teil deiner Identität und Kultur sind?

Es gibt vieles, das mir aufgefallen ist. Ich habe versucht dich besser kennenzulernen. In dem halben Jahr, das ich mit dir verbrachte, konnte ich nur an der Oberfläche kratzen. Du bist schön zum Reisen, aber ich möchte nicht in dir leben. Es gibt zu vieles, das ich nicht verstehe, kritisiere und ablehne.

Du hast mir auf viele Möglichkeiten eröffnet. Durch dich konnte ich persönliche Erfolge erzielen. Du bietest mir Themen an, über die ich berichten kann. Ich bin dankbar, dass ich Text veröffentlichen konnte. Im lowerclassmagazine, bei amerika21 und der Taz. Das hat mir gezeigt, vielleicht ist der Weg, den ich gehe doch der richtige. Ich weiß, dass du ein Teil meines Weges warst. Ich musste dich kennenlernen, um mehr über meine eigenen Wertvorstellungen und Wünsche kennenzulernen. Durch dich habe ich viel gelernt. Das kann ich nicht leugnen. Aber es hat nicht immer Spaß gemacht.

Wenn sie mich fragen, ob du mir gefällst, muss ich das mit Nein beantworten. Ich habe meine Gründe und sie erscheinen mir plausibel. Wenn sie mich fragen, ob ich es bereue zu dir gegangen zu sein, dann muss ich das mit Nein beantworten. Ich bin froh, dass ich dich kennenlernte und so viel gelernt habe. Ich habe mich durchgebissen, auch wenn du es mir nicht leicht gemacht hast. Und ich bin auch froh, wenn ich mich von dir verabschieden kann.

Mein erster Sonnenaufgang in Chile

Von der Kunst alleine glücklich zu sein

– 153 Tage in Chile –

Oft wurde ich gefragt, ob ich ganz alleine reise und unterwegs bin. Menschen wirkten nahezu fassungslos. Alleine in Südamerika? Ganz alleine? Es stimmt, dass ich vor über einem Jahr alleine losgezogen bin, aber ich hatte nie Zweifel daran alleine zu reisen. Sehr schnell lernte ich neue Menschen kennen, die mich auf meinem Weg begleiteten. In Kolumbien schloss ich viele Freundschaften, die auch in Zukunft lange bestehen werden. Geblendet von der lebensfrohen Art in Kolumbien stürzte ich mich im März ins nächste Abenteuer: Chile – und fiel ordentlich auf die Nase.

Chile war mein persönlicher Kampf. Immer ein großes Hin und Her. Zwischen Tage zählen und Zeit genießen, wechselten sich meine Stimmungen ab. Mal gefiel es mir, dann war wieder alles unerträglich. Bedingungsloses Glücklichsein, wie in Kolumbien, habe ich hier nicht erlebt.

Diese Aufregung, die ich am Anfang spürte, als ich das erste Mal Santiago de Chile sah und wusste, hier würde ich die nächsten Monate verbringen, verflog schnell. Ich habe mir mein Leben in der Metropole ausgemalt und wollte mit Abenteuerlust alles erkunden. Mit der Zeit bekam ich einen Überblick über die Millionenstadt. Orte, die ich bereits kannte, verbanden sich zu einem Netz. Ich wollte mir in den sechs Monaten in Chile mal so schnell ein Leben aufbauen, wie es mir zuvor in Kolumbien gelang und merkte, ganz so einfach ist es hier nicht. Obwohl ich Leute kennenlernte und interessante Dinge unternahm, war ich so einsam, wie noch nie. Ich bin eine sehr soziale Person, immer von Menschen umgeben und in Santiago war es das erste Mal anders. Eine Zeit, in der ich viel über mich und das Allein-Sein lernte.

Ich dachte immer, ich würde alleine ganz gut klar kommen. Einige Male bin ich in die Welt losgezogen und machte mir nie Gedanken darüber mich einsam zu fühlen. In Chile merkte ich dann auf die harte Tour, dass ich noch einiges lernen musste. Ich stand mir selber im Weg und versuchte mir ausweichen. Ich versuchte meinem eigenen Schatten auszuweichen und merkte, das ist unmöglich. Er ist immer da, also musste ich ihn akzeptieren und besser kennenzulernen.

Als ich eine Zeit hatte, in der ich mich ein bisschen mehr aufraffen musste, erstellte ich mir eine Liste mit Dingen, die ich tun konnte, wenn ich gelangweilt, einsam oder deprimiert war.

Santiago und Umgebung erkunden
Manchmal gehe ich in eine Richtung los und laufe so lange, bis ich eine Ecke entdecke, die ich noch nicht kannte. Ich mag es kleine Szenerien zu beobachten, die vielen Menschen gar nicht auffallen. Begegnungen, die schnell wieder vergessen werden. Je mehr ich von Santiago sah, desto größer und bunter wurde das Bild, das ich von der Großstadt hatte. Obwohl ich Natur liebe und ab und zu in diese flüchten muss, bin ich ein Großstadtkind. Großstädte sind faszinierend. Irgendwo ist immer etwas los. Jederzeit konnte ich das Haus verlassen und eine kleine Entdeckungstour starten.

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Straße ohne Ausgang

Kulturprogramm to its fullest
Ich weiß, dass nicht alle Menschen sich darin wiederfinden, aber ich konnte viel freie Zeit dazu nutzen, in Museen, Ausstellungen und Veranstaltungen zu gehen. Hervorragend traf es sich, dass meine Mitbewohnerin Künstlerin ist und immer Bescheid wusste, wo gerade was läuft. Über Facebookveranstaltungen wurden mir immer mehr Veranstaltungen angezeigt. Wenn man einmal seinen Algorhitmus trainiert hat, so kann man auf interessante Dinge stoßen. Auch bei meinen Spaziergängen, wurde ich auf kleinere, unbekanntere Museen und Galerien aufmerksam. Ich lernte immer mit offenen Augen durch die Straßen zu laufen.

Lesen, lesen, lesen
Wer mich kennt, weiß, ich lese gerne und habe immer ein Buch bei mir! Mir fällt es schwer auf dem Markt, wo ich jedes Wochenendebin, an den gebrauchten Büchern vorbeizugehen ohne gleich fünf neue Bücher mitzunehmen. Jedes verbirgt eine interessante Geschichte in sich. Im letzten Jahr habe ich mich mehr mit südamerikanischer Literatur beschäftigt. Habt ihr Lust, dass ich euch einige meiner Lieblingswerke vorstelle?
Für die Uni musste ich viele Texte lesen, deshalb ist das private Lesen ein bisschen zu kurz gekommen. Spanische Literatur möchte ich gerne in Originalsprache lesen, aber nach einem langen, anstrengenden Unitag, habe ich mich dann doch über deutsche Sprache gefreut.
Lesen ist eine schöne Form der Alltagsflucht. Für paar Stunden abtauchen um sich mit den Geschichten anderer zu beschäftigen.7329B053-CC2A-4F93-A1A9-39EF824D8F38

Kreativ sein
Hört sich an wie ein schlechter Ratgeber, aber ich habe viele Dinge ausprobiert, die ich noch nie gemacht habe. Beispielsweise war ich bei einem Nähworkshop einer chilenischen Künstlerin und erlernte so etwas, was ich gerne öfter machen möchte.
Mit kreativ sein kann aber Vieles gemeint sein. Ich habe viel Zeit genutzt, um zu schreiben. Als Kind habe ich so viele Geschichten geschrieben und bin mit der Zeit leider ein wenig davon abgekommen. Dieses Semester war aufgrund der Unikurse, aber auch aufgrund privater Motivationen ein erfolgreiches Schreibsemester. Schreiben macht mir Spaß und danach fühle ich mich leichter. Bei dem Gedankenknäuel, das sich in meinem Kopf manchmal ansammelt, muss ich die Gedanken ordnen und loswerden.0AF42B2F-AABE-48FE-B3C2-C8FD044D1347

Briefe schreiben
Bevor ich für ein Jahr nach Südamerika ging, schrieb ich zwei Briefe an mich. Den ersten adressierte ich an mein Ich, das Kolumbien verlassen würde (und wie erwartet Schwierigkeiten dabei haben würde) und den zweiten, wenn ich nach Deutschland zurückkehre. In einer Woche bin ich schon zurück. Ich bin gespannt, was ich vor über einem Jahr an mich geschrieben habe. In manchen Situationen im Leben, wenn wir uns die Zukunft nicht vorstellen können, hilft es diese Bedenken in einem Brief zusammenzufassen. Vielleicht werde ich über den Brief, den ich damals geschrieben habe, schmunzeln. Andere Dinge beschäftigen mich heute, ich habe mich weiterentwickelt und trotzdem werde ich mich in der Person, die den Brief schrieb, wiederfinden.

Alleine essen gehen und viel kochen
Essen macht glücklich. Ob mit anderen Personen oder alleine. Ich hatte nie ein Problem damit mich alleine in ein Café oder Restaurant zu setzen. Zuhause esse ich ja auch meistens alleine.
Ich habe fast jeden Tag gekocht und mich bei den ferias (Märkten) in den Straßen Santiagos ausgetobt. Restaurants in Santiago fand ich sehr teuer, aber andere Foodspots, StreetFood und neue Rezepte probierte ich gerne aus. Das Kochen begleitet von lautstarker Musik oder einem Podcast, wurde für mich zu einem Hobby und fester Bestandteil meines Alltags. Eine Routine, die mich glücklich macht.

Thrifting und Second Hand
Meine neue Leidenschaft, die ich aus Chile mitnehme, ist das Thrifting. In Chile gibt es sehr viel gebrauchte Kleidung, die aus Europa und den USA eingeschifft wird. Diese Art von Konsum kritisiere ich. In der Straße Banders im Zentrum gibt es verschiedene Läden, die die ganzen Klamotten aufnehmen. Meterhohe Berge an Klamotten werden da auf dem Boden gesammelt und die Menschen erklettern diesen Berg, um das beste Teil herauszufischen. Könnte mit dem Neoliberalismus und neukapitalistischen Konsum in Chile zusammenhängen. Mich schockierte das und davon möchte ich mich distanzieren. Woran ich jedoch Gefallen finde, sind die kleinen Märkte, die sich auf Straßen öffnen, in denen Menschen ihre aussortierte Kleidung verkaufen. Thrifting kann richtig Spaß machen. Gebrauchte Klamotten, Bücher und andere Dinge zu erstehen, an denen andere Menschen schon Gefallen hatten und die nun mich begleiten werden.

Dance it out
Manchmal musste ich die schlechte Laune tatsächlich austanzen. Also Dirty Dancing an und schlechte Laune raus. Klingt sehr klischeehaft? Mir hat es geholfen und danach waren viele der dunklen Gedanken ganz weit weg. Probiert es aus! Tanzen kann mehr helfen, als man denken würde.

Telefonieren und die tiefen Unterhaltungen weiterhin führen
Der Kontakt zu meinen Freund*innen und meiner Familie in Deutschland und Kolumbien ist mir sehr wichtig. Ich liebe es im Moment zu leben und gleichzeitig möchte ich meine Liebsten daran teilhaben lassen und auch an ihrem Leben teilnehmen. An so einem Tag, an dem ich Redebedarf hatte, konnte ich Freund*innen oder Familie anrufen und stundenlang meine geliebten tiefgründigen Gespräche führen über die Dinge, die mich oder sie gerade so beschäftigten. Mit engen Freund*innen stellte ich immer wieder fest, ein Jahr ist eine sehr lange Zeit, aber durch WhatsApp und Co. kam es uns nie so vor, als wäre ich ein Jahr vom Erdboden verschwunden. Ein Hoch auf das Internet!
Das ist wirklich eine schöne Sache! Ich weiß, dass ich Menschen habe, auf die ich mich verlassen kann, die auch für mich da sind, wenn ich mehrere tausende Kilometer entfernt bin. Nur einen Anruf entfernt!
Danke an dieser Stelle an alle Leute, die mich während der gesamten Zeit von der Ferne aus begleitet haben!


Was ich wirklich gelernt habe, wenn ich mit mir alleine klar komme, dann habe ich echt viel erreicht im Leben. Menschen können mein Leben begleiten, gemeinsam mit mir Erinnerungen schaffen, aber letztendlich müssen wir doch alle alleine durch das große Labyrinth, das sich Leben nennt.
Mich hat eine Freundin sehr beeindruckt, die sich dazu entschied ein Auslandssemester in Santiago zu machen. Seit fünf Jahren ist sie in einer festen Beziehung und hängt sehr an ihrem Freund. Ich meinte zu ihr, ich finde es sehr mutig, dass sie sich von der gewohnten, glücklichen Situation loslöst und ein Abenteuer wagt. Sie hätte sich zu viel auf andere Personen gestützt und wollte sehen, ob sie auch alleine alles schaffen könne. Ich war schon immer eine unabhängige Person, die das macht, was sie für richtig hält. Diese Unabhängigkeit ist für mich sehr wichtig. Ich verstehe aber, dass viele Menschen sich sehr an andere Menschen binden. Deshalb war ich beeindruckt, dass sie sich traute aus dem Gewohnten auszusteigen, um etwas anderes kennenzulernen und in Kauf nahm, ihre Beziehung aufgrund der Distanz oder Veränderungen zu riskieren.

Alleine sein kann richtig Spaß machen! Mal das machen, wofür man nie Zeit hat. Sich die Gedanken machen, die man immer weggeschoben hat.
Ich bin ein Mensch, der viel Zeit für sich braucht. Während meines Aufenthaltes in Chile merkte ich jedoch den Unterschied. Ich mag es, wenn ich mich bewusst für Me-Time entscheide. Wenn ich dazu gezwungen werde, weil niemand Zeit oder Lust für ein Treffen hat, dann ist es schwierig damit umzugehen. Ich habe gelernt, dass ich die Dinge nicht immer ändern kann. Wenn es nicht klappt, dann klappt es halt nicht. Wenn etwas sein soll, dann wird es sich schon ergeben. Auf meinen ausgeübten Druck können Dinge kaputt gehen. Hinterherrennen, wenn jemand gar nicht will, mache ich nicht mehr. Nach einigen Versuchen, die ich starte, habe ich genug. Kostbare Zeit, die ich damit verschwende andere dazu zu bekommen, etwas mit mir zu unternehmen um Spaß zu haben, kann ich einfach mit mir selber verbringen.

Ich bin gerne alleine und habe Zeit für mich. Was für mich neu war, war allein-sein, obwohl ich gerade lieber mit anderen unterwegs war. Aus dieser Situation habe ich viel gelernt. Ich habe (oder musste) mich mit mir selbst beschäftigen und glaube, dass dieser Lernprozess mich sehr stark gemacht hat.

Allein-Sein in Chile

Weisheit des Tages: Allein sein ist wichtig! Es sollte nicht negativ konnotiert werden, denn allein sein ist nicht das Gleiche wie einsam sein. In der Zeit mit sich selbst, entdeckt man manchmal mehr, als man mit anderen Menschen entdecken könnte.

Von Hot Dogs und vielen Avocados – chilenisches Essen

– 134 Tage in Chile –

Der letzte Monat ist angebrochen und meine Vorfreude auf die Rückkehr steigt jeden Tag mehr. Trotzdem genieße ich hier die letzte Zeit noch und wie geht das besser als mit Essen? Lust auf eine kleine Foodliste aus Chile? Viel Spaß. Und guten Hunger.


Wie in vielen lateinamerikanischen Ländern ist Reis ein großer Bestandteil der chilenischen Esskultur. Ich bin immer noch kein Reisfan. Umso besser, dass es auch viele Alternativgerichte gibt. Grundsätzlich ist das Essen sehr fleischlastig und es gibt auch viele Fischgerichte. Da ich weder das eine, noch das andere esse, werde ich euch von meinen persönlichen Highlights erzählen.
Chilenisches Essen war für mich gewöhnungsbedürftig. Wie sehr ich mich in den letzten Monaten doch an die Essgewohnheiten anpasste, merke ich an meinem Avocadokonsum, der mittlerweile auf mindestens fünf Avocados pro Woche angestiegen ist. Defintiv werde ich Avocados vermissen, die auf keinem Wochenmarkt, in Restaurants, Essensständen oder dem chilenischen Haushalt fehlen dürfen. Überall wird Avocado raufgeschmiert und ich liebe es!
Bisher habe ich noch nicht ein*e Chilen*in getroffen, die nicht verrückt nach paltas (Avocados) ist. Ich wurde von der Obsession angesteckt!

Wozu passt palta am Besten? Richtig. Zu Hot Dogs. Irgendwie scheint Chile den completo (Hot Dog) zum inoffiziellen Nationalsnack gekürt zu haben. An jeder Straßenecke gibt es ihn zu kaufen. Am liebsten nach chilenischer Art mit Würstchen, Tomate, viel Mayo und noch mehr palta. Typischer geht es nicht. Doch auch andere ausgefallene Varianten sind beliebt, so z.B. der Hot Dog mit Sauerkraut. Lecker, oder…?
Die Hot-Dog-Kette Dominó bietet günstig auch vegane Hot Dogs an.

Veganer completo (Hot Dog)

Chorrillana (auch a lo pobre, nach armer Art) ist wohl eines der typischsten Gerichte. Es ist eine Platte mit Pommes, einem Mix von verschiedenem Fleisch und Würstchen, Ei und Zwiebel. Beliebig werden aber noch allerhand andere Zutaten dazugepackt. Chorrillana ist ein Gemeinschaftsding. Man trifft sich mit Freund*innen und die ganze Runde isst von der Chorrillana. Hier zum Beispiel bereiteten Unifreund*innen und ich eine vegane Chorrillana zu mit Sojafleisch, Mais und Pilzen.

Vegane Chorrillana

Pastel del choclo ist ein Gericht, das ich bis heute noch nicht probiert habe. Ein leicht süßer Maisbrei, der auf Hackfleisch serviert wird. Es gibt verschiedene Variationen vom pastel del choclo.

Sopaipillas gibt es an jeder Ecke und ist mein Lieblingssnack. Kleine Kürbisfladen fritiert mit zahlreichen Saucenvariationen bestrichen oder auch in süßer Variante mit panela (Rohrzucker) findet man sie an jeder Ecke für 200 Pesos, rund 25 Cent. Esst sie, wenn sie euch über den Weg laufen!

Wie in vielen südamerikanischen Ländern gibt es in Chile eine Varietät an Empanadas. Im Gegensatz zu den kolumbianischen Empanadas, die fritiert werden, werden sie nach chilenischer Art im Ofen gebacken. Empanada de pino ist die typischste Empanada mit Hackfleisch. In Pomaire, einem Dorf mit verschiedenen Kunsthandwerken in der Nähe von Santiago, gibt es Ein-Kilo-Empanadas! Leider nur mit Fleisch. Die sind riesig und passen auf keinen Teller rauf.
In der Nähe meiner Wohnung fand ich einige vegane Empanadarías, die Variationen mit Sojafleisch und Tofu anbieten. Love it!

Chile ist weltweit bekannt für seinen Wein. Rund um Santiago gibt es verschiedene Weinfelder und Weinereien, die Touren und Verkostungen anbieten. Neben hochwertigem Wein, der bis nach Deutschland exportiert wird, gibt es hier auch den guten, alten Tetrapakwein. Dieser wird gerne mit einer süßen Brause gemischt und von jungen Leuten getrunken. Kopfschmerzen für den nächsten Tag sind vorprogrammiert!
Ein beliebtes, nicht-alkoholisches Getränk ist mote con huesillos. Mote ist ein (geschmackloses) Getreide, das in den Becher gegeben wird mit einem sehr süßen Pfirsichsaft und getrockneten Pfirsichen. Mein Geschmack ist es nicht.

Aber wo wir schon beim Süßen sind, Chile hat eine ausgebaute Kuchenkultur. Und wenn ich Kuchen sage, dann meine ich auch Kuchen, denn das ist das spanische Wort. Deutsche Einwander*innen des letzten Jahrhunderts brachten deutsche Backtraditionen mit und überall gibt es kuchen (plural kúchenes) de manzana (Apfel) oder andere Geschmäcker. Auch Streusel und Schwarzwälder Kirschtorte sind beliebt. Vor allem im Süden Chiles, wo viele der deutschen Einwanderer*innenfamilien leben, ist die Kuchenkultur ausgeprägt. Mich überraschte das anfangs sehr.

Drei weitere Lebensmittel, die mich überraschten waren pepino, cochayuyo und ajo chilote. Die violett-gelbe pepino (Gurke) ist eine Kreuzung aus Melone und Gurke. Verwirrung pur! Geschmacklich hat es genauso viel von einer Melone wie von einer Gurke, nur eben kombiniert.
Cochayuyo ist eine Alge, die vor allem entlang der Küste verkauft wird. Wenn sie gekocht wird, riecht die Küche mehrere Tage lang nach Meer.
Einer meiner Highlights ist der ajo chilote, der im Süden Chiles, hauptsächlich auf Chiloé, wächst. Ajo ist Knoblauch und ajo chilote ist ein Prachtstück, das ihr auf Fotos (oder in echt) gesehen haben müsst! Eine Knoblauchzehe ist so groß wie meine Handfläche! Ein Muss für alle Knoblauchfans.

Ach, ich könnte ewig so über Essen weiterreden! So habt ihr zumindest einen kleinen Einblick in die chilenische Kulinarik bekommen.
Großer Bestandteil meiner Ernährung sind die Einkäufe auf den vielen Märkten. Diese Woche war ich in La Vega, Santiagos größter Obst- und Gemüsemarkt. Ich liebe es zwischen den vielen Ständen herumzulaufen. Angebote werden von den Verkäufer*innen durcheinander gerufen. Ich kaufe mir einen Himbeer-Orangen-Chirimoya-Saft. Mit meinem Saft schlenderte ich an den frischen Waren vorbei und wusste in dem Moment in Deutschland würde ich die chilenischen Märkte vermissen.

Weisheit des Tages: Essen macht Spaß! Essen ist Vielfalt! Bleibt immer offen und probiert alles aus, was ungewöhnlich ist! Guten Appetit.

Nostalgieren zur Sonnenfinsternis

– 124 Tage in Chile –

Am Montag überkam mich die Nostalgie, obwohl ich Südamerika noch gar nicht verlassen habe. Als ich im Bus zu eine meiner letzten Univeranstaltungen saß, blickte ich auf die schneebedeckten, majestätischen Berge und überlegte, was ich an Santiago de Chile und am Leben in einem südamerikanischen Land vermissen würde. Die Liste wurde länger, als gedacht.

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Weg zur Uni. Berge im Hintergrund

Gestern war eine totale Sonnenfinsternis. Die Sonne wurde in Santiago zu 92% vom Mond bedeckt. Viele machten sich auf den Weg ins Valle del Elqui, wo der Sternenhimmel so klar ist, wie fast nirgendwo auf der Welt. Dort war eine totale Sonnenfinsternis zu sehen.
Als ich die Tage vor der eclipse die Schlangen von Menschen sah, die spezielle Brillen holten, um in die Sonne blicken zu können, wurde mir noch einmal bewusst, was für ein touristisches Massenereignis es werden würde. Das Valle del Elqui würde nicht der intime, menschenleere, sternenvolle Ort sein, den ich in Erinnerung habe.

Mit einer Freundin fuhr ich zum Templo Bahá’i, ein bahaitischer Tempel außerhalb von Santiago. Der Aufstieg glich einer Pilgerveranstaltung. So viele Menschen und Autos quälten sich den Berg hoch. Wir suchten uns einen ruhigen Platz. Theoretisch mit Blick auf das so versmogte Santiago, dass es eigentlich doch nicht zu sehen ist, warteten wir den Mond ab, der sich 15:20 vor die Sonne schob. 16:20 waren 92% der Sonne verdeckt und es wurde kalt. Das Licht färbte sich sepia und die Hunde in ganz Santiago fingen an zu bellen. Es war gruselig! So viele Dinge passierten in dem Moment und wir beide spürten so viele Energien in dem Moment. So wie die Hunde anfingen zu bellen, verstummten sie sobald das Spektakel zu Ende war. Ein unglaublicher Moment.

Montag erzählte mir ein Freund der Uni, dass die eclipse eine Zeit der Reflexion sei. Just an dem Tag nostalgierte ich vor mir her. Mein Unterbewusstsein wählte sich einen nicht zu übertreffenderen Zeitpunkt aus. Sonnenfinsternis und Mitte des Jahres. Sechs Monate von 2019 sind rum und mein Jahr in Südamerika fast auch.

In den schwersten Zeiten lernen wir am meisten. Meine anfänglichen „Bedenken“ gegenüber Chile sind zwar nicht vollständig verflogen, aber die fünf Monate, die ich hier lebe, waren unglaublich lehrreich. Ich lernte viel über das Land, das eine brutale und faszinierende Geschichte hat, über Freundschaften und menschliche Beziehungen, über das Allein-Sein und über mich.

Es ist zu früh, um ein Fazit zu ziehen. Dafür möchte ich die letzten fünf Wochen, die ich hier bin, noch abwarten. Stattdessen wollte ich heute über meine Unierfahrungen an der Universidad de Chile sprechen, denn mir fiel auf, dass das in den letzten Monaten untergegangen ist. Da die meisten Leute denken, dass ich nur am Reisen und Vergnügen bin (was zu einem Teil auch stimmt), möchte ich euch meinen Unialltag beschreiben.


Nach einem langen Prozedere und einigen Komplikationen fing ich Anfang März an der Universidad de Chile an periodismo (Journalismus) zu studieren. Die Universidad de Chile ist Chiles älteste, staatliche Universität (die mittlerweile gar nicht mehr so staatlich ist). 1843 gegründet, ist sie eine der ältesten Universitäten Amerikas.

Das Semester neigt sich nun dem Ende zu und ich bin sehr froh darüber. Und stolz auf mich! Morgen habe ich meine letzte Veranstaltung. Zeitweise dachte ich, es wäre unmöglich all die Aufgaben zu bewältigen. Aber hier bin ich. Lebend. Atmend. Und mit vielen neuen Erfahrungen.
Ich belegte dieses Semester lediglich drei ramos (Kurse) mit denen ich aber gut zu tun hatte!

Historia y Política de Chile Contemporáneo
Mein einziger Erstikurs, Geschichte und Politik im kontemporären Chile, der es in sich hat. Ich wählte diesen Kurs, da ich einen Überblick über das Land erhalten wollte. Ich lernte viel über die interessante Geschichte Chiles durch zahlreiche Lektüre, Dokumentationen, Vorträge des profes und Gruppenarbeiten.
Im Rahmen einer Gruppenarbeit gingen wir ins Archiv der Nationalbibliothek in Chile und durchforsteten stundenlang alte Zeitungen. Mir fiel auf, ich hatte bis dato nie in einem Archiv gearbeitet.
Durch die Gruppenarbeiten und die zwei pruebas de lectura (Literaturprüfungen) für die ich jeweils 200 bis 300 Seiten lesen musste, hatte ich ordentlich zu tun, lernte so aber auch viel über Chile, von dem ich anfangs ein ganz anderes Bild hatte. Leider war der Unterricht doch ein bisschen trocken und langweilig.
In dem Kurs lernte ich neben der Geschichte Chiles auch, dass ich nicht in jedem Kurs Freunde brauche. Die Studierenden kamen frisch aus der Schule und waren wie aufgeregte Welpen, die nun eine neue Welt erkunden würden. Mit den Leuten, mit denen ich sprach, fand ich kaum gemeinsame Interessen. Ich fühlte mich alt, als ich merkte, dass niemand älter als Jahrgang 2000 war. Dabei war ich sonst immer das Küken.

Periodismo de Investigación
Investigativer Journalismus. Ein sehr spannendes Tema, mit dem ich mich hoffentlich noch mehr beschäftigen werde. Meine anfängliche Begeisterung legte sich schnell. An der linken, staatlichen Universität erwartete ich gerade im Studiengang Journalismus weltoffene Dozierende. In diesem Kurs hatte ich den einen oder anderen Kampf mit der fast 80-jährigen, konservativen Dozentin. Ihre Meinung stand und konnte nicht in Frage gestellt werden. Ich war schockiert. Als sie mir in einer Arbeit eine schlechte Note gab, weil ich gendergerechte Sprache verwendete und laut ihr so etwas im Spanischen nicht existiere, stand für mich fest, sie und ich würden keine Freundinnen werden. Müssen wir ja auch nicht. Trotzdem wünsche ich mir gerade von Menschen, die mit Studierenden arbeiten, (kritik)offen und kommunikationsbereit zu sein. Dinge ändern sich. Natürlich hat sie Jahrzehnte lange Erfahrung im Journalismus, das heißt aber nicht, dass sie sich vor neuen globalen Entwicklungen verschließen muss, nur weil „es immer so war“.
Okay. Ihr merkt, da spricht noch der Frust aus mir. Der Kurs hat mir trotzdem viel gebracht. Ich stelle euch kurz einige der Aufgaben während des Semesters vor:

  • Eine der ersten Aufgaben war ein Interview mit einer chilenischen Oma. Da ich kurze Zeit vorher die Oma meiner Mitbewohnerin kennenlernte, hatte ich eine Interviewpartnerin für die Aufgabe. Das Ergebnis ist ein achtseitiges Interview über die Vergangenheit der Oma und ihres Landes. Es war spannend ihre subjektive Einschätzungen über die historischen Themen zu hören. Auch wie sie das Erdbeben von Valdivia im Jahr 1960, das stärkste seit der Aufzeichnung der Messungen, Salvador Allende und dessen Sturz im Jahr 1973, die folgende Militärdiktatur und persönliche Dramen erlebte.
  • Ich las das Buch „El poder de la UDI“ von (besagter Dozentin) María Olivia Mönckeberg über die Entstehung der rechtskonservativen, politischen Partei Unión Demócrata Independiente (Unabhängige Demokratische Union, UDI), die während der Militärdiktatur entstand. Ich war erschrocken, als ich feststellte, wieviel Einfluss der Diktatur in der heutigen Regierung noch steckt. Über das Buch schrieben wir eine Prüfung.
  • Der Tag an dem ich geboren wurde, ein weiteres Thema. Wir suchten Ereignisse aus Zeitungsarchiven, die an unserem Geburtstag passierten. Es ist unterhaltsam zu lesen, wie damals berichtet wurde und was so aktuell war. Guckt doch mal rein, was an eurem Geburtstag passiert ist!
  • In einer Gruppenarbeit sollten wir ein investigatives Journalismusbuch vorstellen. Die Wahl meiner Gruppe fiel auf das Buch „Operación Siglo XX. El atentado a Pinochet“ der Autorinnen Patricia Hertz und Carmen Verdugo. Detailliert wurde das Atentat vom 7. September 1986 auf den Diktator Augusto Pinochet beschrieben.

Periodismo Internacional
Mein absoluter Lieblingskurs war der, des Internationalen Journalismus‘. Jede Woche hatten wir eine pruebe de actualidad, in der wir Fragen zu einem Text beantworten mussten und die Namen von vier Personen bekamen. Wir mussten dann beschreiben, warum diese Personen in der letzten Woche in den Nachrichten waren. Also mussten wir immer gut informiert und aktuell sein. Der Dozent ermutigte uns mehr internationale Medien zu konsumieren. So gewöhnte ich es mir an neben meinem „normalen“ Nachrichtenkonsum nun noch mehr Aktuelles zu verfolgen. Nachrichtenkonsum wurde so Teil meines Alltags. Mir fiel dabei auf, wie eurozentrisch die deutschen Leitmedien sind. Neben deutschen Medien verfolge ich auch kolumbianische und chilenische, um Ereignisse aus anderen Blickwinkeln zu betrachten.
In dem Kurs lernte ich viel. Wir behandelten Themen wie Koruption, Internationale Beziehungen, Diktaturen, weltweite Pressefreiheit, … Mir fällt es schwer die vielen Themen zu benennen. Sehr viel Input!
Insgesamt schrieben wir drei Reportagen während des Semesters für die wir jeweils mindestens zwei Personen oder Organisationen interviewen mussten. Meine Themen:

  • Wilderei in Botswana
  • Der Korruptionsfall Odebrecht in Kolumbien und seine Auswirkungen
  • Juristische Folgen der Colonia Dignidad und deren Aufarbeitung

Das war also ein kleiner Überblick über die Themen mit denen ich mich während des Semesters beschäftigte. Trotz eines sechswöchigen Streiks lernte ich sehr viel und fühle mich bestärkt darin eventuell doch in den Journalismus zu gehen. Mir macht schreiben Spaß, und recherchieren, und interviewen, und fragen. Ganz viel fragen, um die Welt zu verstehen.

Weisheit des Tages: Überall schlummern interessante Themen, wenn man mit offenen Augen durch die Welt geht. Ein Auslandssemester in Chile war für mich ein weiterer Perspektivwechsel, der mich auf viele, spannende Themen aufmerksam machte und zeigte, ich lerne nie aus. Und das ist gut so.

„Paula“ – Chile und seine Literatur

– 120 Tage in Chile –

Lesen, lesen, lesen. Eines meiner liebsten Hobbys und eine der besten Möglichkeiten in eine fremde Welt einzutauchen und mit mehr Verständnis wieder aufzutauchen. Um Chile besser verstehen zu können, versuche ich in der Zeit, die ich hier lebe, viel Literatur chilenischer Autor*innen zu lesen. Gabriela Mistral (1945) und Pablo Neruda (1971) sind zwei Personen aus Chile, die den Literaturnobelpreis gewannen und die chilenische Literatur für immer prägten.
Schon als Kind las ich Bücher von Isabel Allende. Sie war die erste lateinamerikanische Schriftstellerin, die ich las und ihr fantasievoller Schreibstil entführte mich in ihre selbstgeschaffenen Welten.

Auf dem Blog von everythingisliterary habe ich eine Rezension zu ihrem Buch „Paula“ verfasst, die ihr hier lesen könnt. Das Buch hat mir geholfen das Leben der Autorin, den Militärputsch im Jahr 1973 und die darauffolgenden Entwicklungen im Land besser zu verstehen.

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Hör mir zu, Paula, ich erzähle dir eine Geschichte, damit du nicht so verloren bist, wenn du wieder aufwachst. – Isabel Allende, Paula, Suhrkamp Verlag.

WORUM GEHT ES?

Das Unfaßbare geschah im Dezember 1991, als lsabel Allendes Tochter Paula plötzlich schwer erkrankte und kurz darauf ins Koma fiel. Eine heimtückische Stoffwechselkrankheit hatte die lebensfrohe junge Frau jäh niedergeworfen, im Herbst 1992 starb sie. Das Schicksal ihrer Tochter wurde für lsabel Allende zur schwersten Prüfung ihres Lebens. Um die Hoffnung nicht zu verlieren, schrieb sie, der Tochter zur Erinnerung um sich selbst zur Tröstung, »das Buch ihres Lebens – in doppelter Hinsicht« (Bayerischer Rundfunk), ihr persönlichstes und intimstes Buch »eine Hymne auf das Leben« (stern)“. (Quelle: Suhrkamp Verlag)

MEINE MEINUNG
Es ist eine ungewöhnliche Situation, in die die Lesenden geworfen werden. Isabel Allende setzt sie direkt neben sich an das Krankenbett ihrer Tochter. Mit bildlicher Sprache scheint es, als würde ihre kranke Tochter Paula vor uns liegen. Mit eigenen Augen können wir sie betrachten.

Um nicht in Trauer zu ersticken, fing Isabel Allende 1991 an, ihre Gedanken aufzuschreiben, als ihre Tochter ins Koma fiel. Aus ihrem Brief, den sie an Paula adressierte, wurde ein Buch, das ihre Tochter nie zu lesen bekam. Auf literarische Weise erzählt die chilenische Autorin ihre Lebensgeschichte und die ihrer Tochter. Mit vielen Anekdoten nimmt sie die Lesenden mit nach Lima (Peru), Beirut (Libanon), Santiago de Chile (Chile), Caracas (Venezuela) und letztendlich ins Madrider Krankenhaus, in dem ihre Tochter Monate in einem unveränderten Zustand liegt.

Die Autorin wechselt zwischen der Vergangenheit und den Krankenhausmomenten, in denen sie durch kleinste Veränderungen neue Hoffnung im Kampf gegen die Krankheit sammelt. Sie erzählt von Trauer, Kraft und dem Gefühl ihre Tochter langsam zu verlieren.

In den Passagen aus der Vergangenheit lässt Isabel Allende ihre fantasievolle Kindheit an verschiedenen Orten der Welt in ihren Erinnerungen aufblühen, an denen sie aufgrund der diplomatischen Tätigkeit ihres Onkels lebte. Schon früh zeigte sich, Isabel würde eines Tages ihre Fantasie in Romanen ausleben. Sie beschreibt, wie sie dazu kam, ihren ersten Roman Das Geisterhaus zu schreiben und schildert auch ihren Weg in den Journalismus in Chile. Gemeinsam mit anderen Frauen gründete sie die erste feministische Zeitung des Landes: Paula.

Als am 11. September 1973 der sozialistische Präsident Salvador Allende, Cousin ihres Vaters, bei einem durch die USA geförderten Militärputsch gestürzt wurde, begann eine neue Etappe in ihrem Leben und dem ihres Landes. Zwei Jahre später, in denen sie zur Zensur gezwungen wurde und unbemerkt politischen Gegner*innen Unterschlupf anbot, flüchtete sie nach Caracas und begann ein neues Leben. Sie lebte nie wieder in ihrem Heimatland Chile. 17 Jahre lang dauerte die brutale Militärdiktatur des „Präsidenten“ Augusto Pinochet. Die Jahre im Exil fielen Isabel Allende schwer. Trotz eines liebenden Ehemannes und ihrer zwei Kinder konnte sie sich lange nicht so recht wohlfühlen. Erst mit den Jahren gewöhnte sie sich an das reiche, tropische Land und begann Bücher zu schreiben.

In Paula geht es um den Verlust einer geliebten Person, Trauer, Lebensfreude, Liebe, Heimat und die ganz persönliche Lebensgeschichte einer der wichtigsten Autorinnen Chiles. Isabel Allende blickt auf ein erfülltes Leben zurück, in dem ihre Tochter eine der bedeutendsten Personen war und im Laufe des Buches verabschiedet sie sich von ihr. Beim Lesen spürte ich ihren Schmerz, lachte über Anekdoten aus dem Leben, reflektierte mein eigenes Leben und verlor mich in den mystischen Geschichten der Autorin.

Am Ende lernt man die Personen so gut kennen, dass sich der Tod von Paula wie ein eigener Verlust anfühlt. Auch der Abschied von der Autorin und ihrer verrückt-liebenswürdigen Familie fällt am Ende schwer. Man würde am liebsten immer weiter die Lebensgeschichte der Autorin und ihrer Familie lesen und nebenbei die fernen Länder kennenlernen, in denen sie viele Jahre lebte.

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Weisheit des Tages: Literatur kann ein Weg sein, andere Länder und Kulturen ein bisschen besser kennenzulernen. Vielleicht bekommt ja jemand Lust sich mehr durch lateinamerikanische Literatur zu lesen. Ich hätte da einige Empfehlungen!

Vom Minimalismus und dem Füllen der großen Leere

– 109 Tage in Chile –

Die Berge in Santiago de Chile sind jetzt mit Schnee bedeckt. Der Herbst ist da und der Winter rückt näher. Auf dem Markt gibt es kaum noch Obst, zu kalt ist es geworden. Mir war nicht bewusst, dass es so kalt hier werden würde! Als ich vor fast einem Jahr meinen Rucksack packte, bereitete ich mich auf fast alle Klimavariationen vor, bis auf den Winter. Nun fehlen mir dicke Pullis und Winterjacken. Schon jetzt freue ich mich auf den Sommer in Berlin.

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Ausblick aus meinem Fenster

Im letzten Jahr, bevor ich meine zwei Auslandssemester in Südamerika startete, habe ich eine interessante Erkenntnis gehabt, die sich mit einem vorbelasteten Wort benennen lässt: Minimalismus. Jede*r kann sich etwas unter dem Begriff vorstellen. Weiße, sterile Wohnungen ausgestattet mit einem Möbelstück pro Raum und der perfekten, grünen Zimmerpflanzen. Ein Bilderbuch wie vom Instagramprofil.

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Minimalismus ist nicht gleich Minimalismus. Das einmal vorab. Was bedeutet es für mich? Wie kam ich dazu? Wie passt Minimalismus mit einem Jahr im Ausland zusammen?


Meine Mutter kann es wohl bestätigen, ich hatte ein kleines Shoppingproblem als ich in Teeniezeiten jedes Wochenende in Läden unterwegs war und (jedes Mal) das neunundsiebzigste Shirt kaufte. Der Kleiderschrank wurde voller, die Zeit jeden Morgen, die ich vor dem vollen Schrank stand ohne etwas zum Anziehen zu finden, länger. Paradox und doch wahr. Hand auf’s Herz. Wer beobachtet dieses Phänomen bei sich? Die naheliegendste Lösung: mehr kaufen, damit es mehr Optionen gibt!

So funktionierte es für mich nicht. Bei einer Kleidertauschparty im letzten Jahr fing ich bei den Massen an Klamotten, die alle mitbrachten, an, mich selbst zu hinterfragen. Wieviele von den Kleidungsstücken hortete ich schon seit Jahren ohne an sie zu denken oder sie anzuziehen? Wir alle haben dieses eine Oberteil, dessen Anlass noch kommen wird! Eines Tages… Nicht!
Während der Kleidertauschparty, bei der alle loswerden und niemand mitnehmen wollte, legte sich in meinem Kopf ein Schalter um. Ich fing an mich mit dem Thema zu beschäftigen, sah Videos auf YouTube und Dokumentationen auf Netflix. „The True Cost“ ist wohl eine der bekanntesten Dokus, die einiges in mir bewegte. Sehr empfehlenswert! Dieser Einblick in die Modeindustrie ließ mich schockiert zurück und mir wurde klar, ich will nicht länger Teil dieses toxischen Kreislaufs sein. Den wahren Preis möchte ich nicht mehr zahlen.

Vor einem Jahr fing ich an mehr auszusortieren, als neu zu kaufen. Der radikale Minimalismus begann, als ich im Juli 2018 meinen 65 Liter Reiserucksack für zwei Auslandssemester und ein Jahr reisen, packte. Was werde ich in einem Jahr brauchen? Was möchte ich anziehen?
Aus der Vielfalt an Kleidung kamen nur die Stücke mit, die ich wirklich liebe und in denen ich mich wohlfühle. Ich schaffte es für ein Jahr 18 Kilogramm zu packen, Kleidung, Kosmetik und alles, was man sonst zum Leben braucht.

In Kolumbien merkte ich schnell, ich brauche das andere Zeug, das noch immer in den Tiefen meines Zimmers in Berlin schlummert gar nicht. Mir wurde bewusst, alles was ich brauchte, hatte ich bei mir. Ein wenig cheesy, aber ich war begeistert und fühlte mich wohl damit.
Wer meine Beiträge aus Kolumbien gelesen hat, weiß, ich war rundum glücklich. Meine Zeit verbrachte ich mit interessanten Menschen, abwechslungsreichen Unternehmungen und der Verarbeitung neuer Eindrücke. Ich verspürte nicht das Bedürfnis zu kaufen. Alles, was ich brauchte, hatte ich bereits.

Wenn das Leben erfüllt ist, muss der Kleiderschrank nicht gefüllt werden. Mein Bedürfnis nach Glück erfüllte ich mit Freude am Leben in Kolumbien. In Chile hingegen verfalle ich in alte Muster. Seit dreieinhalb Monaten lebe ich in Santiago de Chile und trotz toller Aktivitäten und neuen Erfahrungen, versuche ich mit Käufen etwas zu kompensieren. Glücklich kaufen klappte doch früher auch?
Heute weiß ich, dass es mich nur kurzfristig glücklich macht und später ärgere ich mich, dass ich wieder ein Teil mehr besitze, dass ich gar nicht brauche.
Es gibt einen Unterschied zwischen brauchen, wenn beispielsweise Löcher in Socken nicht mehr zu stopfen sind und glauben zu brauchen. Einen schlechten Tag gehabt? Schnell zu H&M rein und sich einen Moment lang glücklich kaufen. Kapitalismus lässt grüßen.

Ganz unbewusst sehne ich mich hier nach Dingen. Klamotten, Büchern und was mir sonst noch so über den Weg läuft. Irgendetwas kaufen. Vorher fiel es mir leichter. Ich hatte einfach nicht das Bedürfnis zu kaufen. Das Leben füllte mich so aus, dass ich nichts weiteres brauchte. Ich war erfüllt. Glück in jeder Körperzelle. Es war ein schönes Gefühl. Ich fühlte mich so lebendig.

Hier in Chile merke ich, ich komme dem Bedürfnis zu kaufen wieder nach. Eigentlich wollte ich neulich nur mein Ladekabel umtauschen. Als ich mich dann im Flohmarktviertel Santiagos umgeben von gebrauchten Klamotten und Büchern wiederfand, wollte ich nur fünf Minuten gucken. 15 Minuten später waren 11€ weg und vier neue Teile da. Ist doch halb so wild, versuche ich mich zu beruhigen. Doch es klappt nicht. Ich weiß, dass ich die zwei Pullis und zwei T-Shirts nicht brauche. Ich habe genug.
Die Klamotten gefallen mir wirklich. Aber warum, wenn ich sie nicht brauche? Ich habe mich aus einem inneren Bedürfnis heraus leiten lassen und griff ins Portmonee. Eine große farbenlose Leere, die wartet gefüllt zu werden. Vorher war sie nicht da und jetzt muss ich sie irgendwie füllen, unbewusst.

Zum Minimalismus gehört für mich auch ein bewusster Umgang mit den Dingen, die ich besitze. Ich möchte keine Fast Fashion Industrie mehr unterstützen. Bei der Produktion von Kleidung werden sehr viele Ressourcen benutzt. Ich werde auch nicht mehr dem halbjährlichen Modetrend, den die Industrie ins Leben ruft, um Geld aus den Taschen zu ziehen, hinterherrennen.
In Kolumbien und Chile bin ich auf den Second Hand Geschmack gekommen. „Shoppen“ macht so viel mehr Spaß, denn ich wertschätze die Teile, die ich finde mehr. Jeder Fund ist eine kleine Errungenschaft. Und wenn ich nichts finde, was mir gefällt? Ist auch nicht schlimm. Es hängen immer noch genug Teile im Schrank.

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Fünf von sieben sind Second Hand

Zu sein und nur die Dinge zu besitzen, die ich wirklich brauche, das ist für mich Minimalismus. Im Idealzustand sehne ich mich nicht nach mehr, sondern wertschätze die Dinge, die ich bereits habe. Mit weniger Gegenständen und Kleidung habe ich mehr Zeit für’s Leben. Ich möchte mich nicht über meiner Kleidung definieren, sondern über meine Charakterzüge und Eigenschaften, Erlebnisse und Erfahrungen.
Zwar machen Kleider Leute, aber auch Selbstbewusstsein, Auftreten, Humor und Umgang mit den Mitmenschen machen Leute. Ich bezweifle, das meine Freunde sich aufgrund meines Kleidungsstils mit mir anfreundeten.

Schöne Momente genießen

Ich freue mich darauf meinen Kleiderschrank, Bücher & Co. auszusortieren, wenn ich wieder zurück bin. Nach einem Jahr wird mir erst so richtig auffallen, wieviel Zeug ich wirklich habe und nicht brauche. Ich möchte mich nicht mehr permanent nach etwas zu sehnen, was ich besitzen will. Das ist nämlich echt anstrengend. Stattdessen möchte ich einfach sein und erleben, egal, ob ich nach der neuesten Mode gekleidet bin oder nicht.

Weisheit des Tages: Manchmal brauchen wir weniger zum Leben, als wir gedacht hätten.

Santiago, Chiles Kulturhauptstadt

– 86 Tage in Chile –

Vor fast drei Monaten kam ich nach Santiago de Chile, eine Millionenstadt, ohne große Vorstellungen und doch irgendwie mit Erwartungen. Kaum war ich da, dachte ich: hier bin ich, jetzt kann es losgehen! Doch in Santiago wartete natürlich niemand auf mich. Mir fiel es schwer mich einzufinden. Ständig tauchte ein neues Problem auf. Einige Wochen wusste ich echt nichts mit mir anzufangen. Alles war doof. Die Stadt war mir zu grau und exkludierend, chilenische Politik machte mich fassungslos, sogar chilenisches Essen konnte mich nicht überzeugen (dazu bald mehr). Ich fing an die Tage zu zählen bis ich die Stadt und das Land verlassen könnte. Einer meiner einzigen Lichtpunkte: der Besuch meiner Familie Mitte April. Für zwei Wochen reisten wir durch Patagonien in Argentinien und Chile. Als ich zurück nach Santiago kam, wollte ich der Stadt eine zweite Chance geben.DF682124-95A2-48A7-B51A-02EAA4DB217C

Da der Unistreik mich begrüßte, als ich wiederkam, nahm ich mir vor, die Zeit in Santiago bewusst für mich und meine Interessen zu nutzen. Ich tauchte ein in die kulturelle Welt der Hauptstadt, entdeckte langsam Ecken, die mir wirklich gefielen, probierte neue Dinge aus und lebte kleine Momente des Glücks. Lesen, schreiben, Ausstellungen, kulturelle Veranstaltungen und reisen füllten meine Wochen. Dieses Wochenende öffneten viele Museen in ganz Chile kostenlos ihre Türen. Überall waren Veranstaltungen, Diskussionsrunden und Workshops. Ich besuchte einige Museen und sah Tänze auf öffentlichen Plätzen.

Das Museum für chilenische Naturkundemuseum (Museo de Historia Natural) war unser erster Stop. Mir gefiel es, da es Chiles Flora und Fauna vom Norden bis in den Süden erklärt. Chile ist eines der vielfältigsten Länder der Welt mit der trockensten Wüste im Norden bis zu den riesigen (schmelzenden) Gletschern im Süden.
Im Parque Quinta Normal befinden sich mehrere interessante, teilweise kostenlose Museen. Weiter gingen wir ins Tonmuseum (Museo del Sonido), in dem die Geschichte des Tons gezeigt wird. Mich hinterließ es mit einem wohligen Gefühl. Damals konnten die Menschen so glücklich gemacht werden mit der Erfindung den Ton einzufangen und unterwegs mit portablen Schallplattenspielern Musik zu hören. Leute versammelten sich um einen Plattenspieler und lauschten gemeinsam den Klängen. So einfach kann – oder konnte – es sein, schöne Momente zu kreieren.

Heute besuchte ich das Museo de Violeta Para, einer chilenischen Künstlerin, die in den Bereichen Malerei, Weberei, Musik und Poesie aktiv war. Tagsüber fanden verschiedene Veranstaltungen statt. Nachmittags tratt auf dem Platz vor dem Museum eine Frauenband auf, zu denen die Menschen Cueca tanzten, Chiles traditionellem Nationaltanz, bei dem das Tanzpaar Tücher einsetzt. Als ich zum Tanz aufgefordert wurde, musste ich ablehnen, weil Cueca noch nicht zu meinem Tanzrepertoire gehört – und wahrscheinlich auch nie wird.

Abends ging ich zu einem Jazzmusikevent im Ausgehviertel Bella Vista. Niemand hatte so wirklich Zeit am Abend. Trotzdem wollte ich unbedingt hingehen. Eine Sache, die ich definitiv während der Zeit im Ausland gelernt habe: alleine sein und alleine Dinge unternehmen. Viel zu schade wäre es gewesen, mir diesen schönen Abend entgehen zu lassen. Was ich sah, löste unglaublich schöne Gefühle in mir aus. Jazzmusik der 20er Jahre wurde von einem Live-Orchester gespielt. Eine Tanzgruppe, die sich auf Swing spezialisierte, schwingte die Hüften, Haare und Gliedmaßen in einem solchen Tempo, das es unmöglich war, eine Choreografie zu erkennen. Menschen wirbelten sich gegenseitig über den improvisierten Tanzfloor. Egal, ob jung oder alt, dick oder dünn, schwarz oder weiß, Frau oder Mann oder alles zwischen dem genannten, alle tanzten mit allen. Es war ein Abend voller Energie und Lebensfreude. Die Tanzenden strahlten über das ganze Gesicht und steckten damit alle im Kreis um sie stehenden Menschen an. Niemand konnte sich ein Lachen verkneifen und Augen strahlten. Die Körper der Tanzenden schienen eins mit der Musik zu werden. Sie wussten genau, an welcher Stelle sie als nächstes den Fuß stellen, die Hüfte bewegen oder den Kopf nach hinten werfen mussten. Mit der Musik schien das Glück in sie zu strömen, so viel, dass sie durch gewagte Tanzschritte einen Teil wieder rausschüttelten und auf die Zuschauenden warfen. Für einige Stunden sah ich einfach zu und war glücklich Teil der Leidenschaft der Tanzenden zu werden.

Der Mai verging wie im Flug. Nachdem ich mich nach Veranstaltungen und Orten umschaute, wurde Santiago eine aufregende Stadt für mich. Nicht weit von mir gibt es immer etwas zu sehen und zu erleben. Die Stadt steckt voller Leben, Kunst und Abenteuer. Santiago ist hip, modern und aufregend. Einmal hineingestürzt in das Innere der Stadt, verborgen hinter den Tourifassaden, blüht das Leben. So viel ist los. Die Stadt lebt nie aus.

In meinem letzten Auslandssemester in Bogotá entwickelte ich eine Theorie, die ich in Chile bestätigt sehen wollte. „Ich kann überall glücklich sein, dafür brauche ich nur mich selbst.“ Der Anfang in Chile war wirklich kein leichter. Alles, was schief laufen könnte, lief auch schief. Mit der Zeit und einer anderen Einstellung, die ich mir erst anlegen musste, habe ich es geschafft, Santiago für mich zu entdecken. Es ist bei Weitem nicht meine Lieblingsstadt, aber mittlerweile verstehen wir uns ganz gut. Ich bin nicht mehr bei jeder Kleinigkeit genervt und schiebe es auf die Stadt. Ich finde mich jetzt besser zu Recht und lerne Dinge und Momente zu schätzen.
(Mir ist bewusst, dass ich in einer privilegierten Situation bin und mir nach Lust und Laune meinen Wohnort aussuche. Ein großes Privileg, das Millionen von Menschen nicht haben.)

Hier beginnt jetzt der Winter (oder ist es noch Herbst?). Ich stelle fest, dass ich darauf eindeutig nicht vorbereitet war. Ich friere in der Altbauwohnung! Kommentare wie: „Du bist deutsch! Das ist doch gar nichts für dich“ muss ich über mich ergehen lassen. Seit einigen Tagen habe ich jetzt eine kleine, elektrische Heizung. Erst weigerte ich mich eine zu benutzen, weil sie eindeutig nicht klimafreundlich ist. Wenn die Alternative aber eine kalte Wohnung ist, die kälter ist als vor der Haustür und Dauererkältungen sich anbahnen, dann versuche ich meinen beschmutzten ökologischen Fußabdruck anders auszugleichen.
Ich bin gespannt, wie sich die nächste Zeit hier entwickelt! Nun weiß ich, ich habe darauf einen Einfluss – wenn ich möchte. Der Streik ist jetzt erstmal beendet und morgen geht die Uni wieder regulär los.

Weisheit des Tages: Je mehr ich anfange, mein Leben in Santiago zu mögen, desto schneller vergeht die Zeit. Zeit, die man gut verbringt, vergeht schneller – scheint ein ungeschriebenes Naturgesetz sein.

Zwischen Sternenhimmel, Lagerfeuer und Weinfeldern

– 76 Tage nach der Ankunft –

Es gibt magische Orte auf dieser Welt! Chile hat mich mit dem Valle del Elqui im Norden Chiles davon überzeugt. Einige Tage verbrachte ich im magischen Tal zwischen Pisco- und Weinfeldern, bunten Dörfern, in denen Kunsthandwerk verkauft wird und unter dem klarsten Sternenhimmel der Welt.

Fünf Tage verreiste ich und erlebte so viel, dass es sich wie zwei Wochen anfühlte. Aufgrund des anhaltenden Universitätsstreiks überlegte ich letzten Mittwoch eine Reise zu unternehmen. Am Donnerstagmittag saß ich schon im Bus in das sieben Stunden entfernte La Serena.

1543 wurde die Stadt von den Spanier*innen gegründet und ist somit die älteste Stadt der Region. Früher war sie eine wichtige Hafenstadt mit Verbindung zu Santiago. Heute ist sie die Hauptstadt der Region Choquimbo und zählt mit der gleichnamigen Nachbarstadt 400.000 Einwohner*innen.
Von hier aus unternahm ich einen Ausflug zu dem zwei Stunden entfernten Fischerdorf Punta Choro. Dort fahren Boote zu den Islas Damas, Heimat einer Kolonie von Humboldt-Pinguinen, Seelöwen, Walen und anderen Tieren. Als ich ankam, war der Wellengang leider zu stark und der Ausflug viel wortwörtlich ins Wasser. Zufällig traf ich auf ein chilenisches Mutter-Tochter-Gespann, mit dem ich das ausgestorbene, verstaubte Fischerdörfchen erkundete. Sobald man sich wirklich Zeit nimmt für seine Umgebung, kann man wirklich viel entdecken. Am pazifischen Strand sahen wir viele Muschelarten, Algen, ausgefressene Krabbenkörper und wilde Hunde. Eine Hündin hatte es mir besonders angetan. Sie wollte „Hol den Stein“ spielen und folgte mir die ganze Zeit.

Nach einigen Stunden fuhren wir zurück nach La Serena. Eine typische Kleinstadt mit zahlreichen Geschäften, einem grünen, weitläufigen Hauptplatz und einigen bunten Graffitis, die mich ansprachen. Ich besuchte noch den Strand von La Serena mit dem Wahrzeichen der Stadt – dem Faro Monument. Besonders schön fand ich den Strand nicht. Hochhäuser und große Hotels grenzten direkt an. Vielleicht war ich auch nicht so begeistert, weil das Wetter nicht mitspielte.

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Faro Monumental – Wahrzeichen von La Serena

Mit dem Bus fuhr ich am nächsten Tag zwei Stunden weiter ins Valle del Elqui zum hübschen 1000-Seelendorf Pisco Elqui. Auf dem Weg stiegen einige Menschen in anderen Dörfern aus, die nicht weniger Charme besitzen. Noch vor selbstgebranntem Pisco ist die Nobelpreisträgerin für Literatur, Gabriela Mistral, der Stolz der gesamten Region. 1889 wurde sie in Vicuña geboren und wuchs im Elqui-Tal auf. Hier gibt es nichts, das nicht ihren Namen trägt, ob Grundschule, Straßen oder Pisco-Destillerien.

In Pisco Elqui aß ich hausgemachtes Feigeneis auf dem überschaubaren, von Bergen umsäumten Hauptplatz. In zehn Minuten lief ich das Dorf ab und fuhr dann zu meiner Unterkunft. Ein bisschen verplant wie ich manchmal bin, staunte ich, als ich sah, dass das Cosmo Elqui Hostel nicht in Pisco Elqui, sondern praktisch im Nirgendwo zwischen Weinfeldern lag. Nach meiner anfänglichen Skepsis stellte ich schnell fest, es war die ideale Unterkunft für die Nacht!

Mit einer wunderschönen Anlage, netten Hostelleuten, weiteren Hunden und einem Lagerfeuer bei Nacht, genoss ich den klaren Sternenhimmel über mir. Ich konnte mich gar nicht sattsehen an den immer mehr werdenden Sternen. In dieser Nacht versperrte mir nichts den Blick auf das Universum. Aufgrund seines Mikroklimas, der Entfernung zu größeren Städten und folglich einer minimalen Luftverschmutzung, ist das Valle del Elqui einer der Orte mit dem klarsten Himmel der Welt.

 

Nach einer sternenreichen Nacht fuhr ich am nächsten Tag noch einmal nach Pisco Elqui. Von hier aus werden viele Touren angeboten, ob mit Fahrrad, Pferd oder Astrowanderungen bei Nacht. Ich lieh mir für 3.000 Pesos (ca. 4€) für zwei Stunden ein Fahrrad aus und bereute meine Entscheidung wenig später. Die Straße, die weiter ins Tal führte, war viel zu steil und ich kämpfte mich den Berg hoch. Nach einer Stunde suchte ich Asyl bei einem Weingut und kaufte mir zur Erfrischung einen Papayasaft, typisch für die Region. Unter einem Orangenbaum sitzend, konnte ich das erste Mal die Aussicht genießen. Unter mir tat sich ein breites Tal mit farbigen Wein- und Piscoanlagen auf, umsäumt von grauen Riesen.

 

Auf der Rückfahrt legte ich die Strecke in nur 15 Minuten zurück. Bergab legte ich so an Geschwindigkeit zu, dass mir die Tränen in die Augen schossen und das Adrenalin ins Blut. Die Aussicht zahlte sich aus!

Mit dem Bus fuhr ich weiter in den kleinen Ort Diaguitas. Aufgrund seiner magischen Kräfte lebt eine große Community der Hare Krishna im Elqui-Tal. Sonntags bieten sie ein kostenloses, veganes Essen an und kommen mit Menschen ins Gespräch. Das Essen war hervorragend und es war interessant zu sehen, wie sie leben und welche Ansichten sie vertreten.

 

Am Abend erwartete mich das letzte Highlight der Reise. Ich fuhr nach Vicuña, zur größten Stadt im Tal. Nachts wollte ich eine Tour zum Observatorium Mamalluca unternehmen. Im Internet las ich, man solle schon Tage vorher reservieren, da jedoch niemand auf Mails oder Anrufe reagierte, erreichte ich Vicuña leicht angespannt. Im Antawara Hostel wurde ich herzlich empfangen. Eine schöne Anlage mit niedlichem Innenhof und vielen Katzen und Straßenhunden, die tagsüber die Sonne, Streicheleinheiten und Futter genießen. Ich fühlte mich pudelwohl.

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Sonnenuntergang in Vicuña

Durch Kontakte im Hostel konnte ich doch noch zum Observatorium. Die zweistündige Tour kostet mit Transport 10.000 Pesos (ca. 13€). Ich hatte nicht zu große Erwartungen, da eine Frau, die einen Tag vorher die Tour unternahm, mir erzählte, in den Gruppen aus mindestens 15 Leuten können alle nur wenige Sekunden in das 30-Zentimeter-Teleskop blicken. Ich hatte unglaubliches Glück! Außer einer chilenischen Großfamilie mit quirligen Kindern, nahm auch eine andere Deutsche an der Tour teil. Zu zweit wurde uns ein Guide zugeordnet, der mit uns eine halbe Stunde lang mithilfe des Teleskops das Universum erforschte. Wir konnten all unsere – teilweise leicht beschränkten – Fragen loswerden und lernten unglaublich viel über das Universum.
Wusstet ihr, dass Sterne je nach Temperatur und Alter unterschiedliche Farben haben, die mit bloßem Auge zu erkennen sind? Weiß-blaue Sterne sind am heißesten und rote Sterne am kältesten.

Es war unglaublich die Sterne so nah zu sehen! Obwohl ich in dieser Nacht so viele, wie nie zuvor in meinem Leben sah, waren viele nicht zu sehen. Die Milchstraße konnte ich zwar erahnen, aber sonst scheint sie noch heller. In dieser Nacht war der Halbmond sehr hell und „überleuchtete“ die Sterne. So konnten wir uns jedoch den Mond ganz genau ansehen. Ich sah Details, die ich mir niemals hätte vorstellen können und selbst unser Guide, der seit über 30 Jahren Astrophysiker ist, entdeckte neue Details, die er vorher nie zu Gesicht bekam. Das Foto vom Mond habe ich über ein kleineres Teleskop mit dem Handy aufgenommen!

 

Abschließend zeigte er uns noch ein Video, das meine Faszination ins Grenzenlose katapultierte. Tausend Gedanken schossen mir durch den Kopf. Mir wurde bewusst, wie klein und unbedeutend die Erde im Vergleich zu den unbekannten Weiten ist (und wie unbedeutend erst meine Sorgen zur längst überfälligen Hausarbeit). Für die meisten Menschen wird unser Planet das Einzige sein, was sie je kennenlernen werden – und wir zerstören ihn gerade 😦

Hier könnt ihr euch das sehr empfehlenswerte Video ansehen. Ich kam aus dem Staunen nicht mehr heraus.

Ich war so begeistert von diesem wirklich magischen Ort, dass ich im Juli gerne noch einmal hinfahren möchte. In der Zeit sollen zwei Planeten und das Innere der Galaxie zu sehen sein. Für die Sonnenfinsternis am 2. Juli will ich allerdings nicht hinfahren. Davon wurde mir aufgrund des Menschenandrangs und des bevorstehenden Chaos‘ abgeraten. Schon jetzt wird überall um La Serena Werbung für das „Event des Jahres“ gemacht und es gibt T-Shirts zu kaufen, mit Aufschriften „Eclipse 2019“.

Gerade das war das Schöne im Observatorium Mamalluca. In dieser Nacht fühlte es sich so an, als hätten wir den Sternenhimmel für uns alleine.

Weisheit des Tages: Alles ist relativ. Manchmal tut es ganz gut über unseren (begrenzten) Horizont hinauszublicken!