Zwischen Sternenhimmel, Lagerfeuer und Weinfeldern

– 76 Tage nach der Ankunft –

Es gibt magische Orte auf dieser Welt! Chile hat mich mit dem Valle del Elqui im Norden Chiles davon überzeugt. Einige Tage verbrachte ich im magischen Tal zwischen Pisco- und Weinfeldern, bunten Dörfern, in denen Kunsthandwerk verkauft wird und unter dem klarsten Sternenhimmel der Welt.

Fünf Tage verreiste ich und erlebte so viel, dass es sich wie zwei Wochen anfühlte. Aufgrund des anhaltenden Universitätsstreiks überlegte ich letzten Mittwoch eine Reise zu unternehmen. Am Donnerstagmittag saß ich schon im Bus in das sieben Stunden entfernte La Serena.

1543 wurde die Stadt von den Spanier*innen gegründet und ist somit die älteste Stadt der Region. Früher war sie eine wichtige Hafenstadt mit Verbindung zu Santiago. Heute ist sie die Hauptstadt der Region Choquimbo und zählt mit der gleichnamigen Nachbarstadt 400.000 Einwohner*innen.
Von hier aus unternahm ich einen Ausflug zu dem zwei Stunden entfernten Fischerdorf Punta Choro. Dort fahren Boote zu den Islas Damas, Heimat einer Kolonie von Humboldt-Pinguinen, Seelöwen, Walen und anderen Tieren. Als ich ankam, war der Wellengang leider zu stark und der Ausflug viel wortwörtlich ins Wasser. Zufällig traf ich auf ein chilenisches Mutter-Tochter-Gespann, mit dem ich das ausgestorbene, verstaubte Fischerdörfchen erkundete. Sobald man sich wirklich Zeit nimmt für seine Umgebung, kann man wirklich viel entdecken. Am pazifischen Strand sahen wir viele Muschelarten, Algen, ausgefressene Krabbenkörper und wilde Hunde. Eine Hündin hatte es mir besonders angetan. Sie wollte „Hol den Stein“ spielen und folgte mir die ganze Zeit.

Nach einigen Stunden fuhren wir zurück nach La Serena. Eine typische Kleinstadt mit zahlreichen Geschäften, einem grünen, weitläufigen Hauptplatz und einigen bunten Graffitis, die mich ansprachen. Ich besuchte noch den Strand von La Serena mit dem Wahrzeichen der Stadt – dem Faro Monument. Besonders schön fand ich den Strand nicht. Hochhäuser und große Hotels grenzten direkt an. Vielleicht war ich auch nicht so begeistert, weil das Wetter nicht mitspielte.

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Faro Monumental – Wahrzeichen von La Serena

Mit dem Bus fuhr ich am nächsten Tag zwei Stunden weiter ins Valle del Elqui zum hübschen 1000-Seelendorf Pisco Elqui. Auf dem Weg stiegen einige Menschen in anderen Dörfern aus, die nicht weniger Charme besitzen. Noch vor selbstgebranntem Pisco ist die Nobelpreisträgerin für Literatur, Gabriela Mistral, der Stolz der gesamten Region. 1889 wurde sie in Vicuña geboren und wuchs im Elqui-Tal auf. Hier gibt es nichts, das nicht ihren Namen trägt, ob Grundschule, Straßen oder Pisco-Destillerien.

In Pisco Elqui aß ich hausgemachtes Feigeneis auf dem überschaubaren, von Bergen umsäumten Hauptplatz. In zehn Minuten lief ich das Dorf ab und fuhr dann zu meiner Unterkunft. Ein bisschen verplant wie ich manchmal bin, staunte ich, als ich sah, dass das Cosmo Elqui Hostel nicht in Pisco Elqui, sondern praktisch im Nirgendwo zwischen Weinfeldern lag. Nach meiner anfänglichen Skepsis stellte ich schnell fest, es war die ideale Unterkunft für die Nacht!

Mit einer wunderschönen Anlage, netten Hostelleuten, weiteren Hunden und einem Lagerfeuer bei Nacht, genoss ich den klaren Sternenhimmel über mir. Ich konnte mich gar nicht sattsehen an den immer mehr werdenden Sternen. In dieser Nacht versperrte mir nichts den Blick auf das Universum. Aufgrund seines Mikroklimas, der Entfernung zu größeren Städten und folglich einer minimalen Luftverschmutzung, ist das Valle del Elqui einer der Orte mit dem klarsten Himmel der Welt.

 

Nach einer sternenreichen Nacht fuhr ich am nächsten Tag noch einmal nach Pisco Elqui. Von hier aus werden viele Touren angeboten, ob mit Fahrrad, Pferd oder Astrowanderungen bei Nacht. Ich lieh mir für 3.000 Pesos (ca. 4€) für zwei Stunden ein Fahrrad aus und bereute meine Entscheidung wenig später. Die Straße, die weiter ins Tal führte, war viel zu steil und ich kämpfte mich den Berg hoch. Nach einer Stunde suchte ich Asyl bei einem Weingut und kaufte mir zur Erfrischung einen Papayasaft, typisch für die Region. Unter einem Orangenbaum sitzend, konnte ich das erste Mal die Aussicht genießen. Unter mir tat sich ein breites Tal mit farbigen Wein- und Piscoanlagen auf, umsäumt von grauen Riesen.

 

Auf der Rückfahrt legte ich die Strecke in nur 15 Minuten zurück. Bergab legte ich so an Geschwindigkeit zu, dass mir die Tränen in die Augen schossen und das Adrenalin ins Blut. Die Aussicht zahlte sich aus!

Mit dem Bus fuhr ich weiter in den kleinen Ort Diaguitas. Aufgrund seiner magischen Kräfte lebt eine große Community der Hare Krishna im Elqui-Tal. Sonntags bieten sie ein kostenloses, veganes Essen an und kommen mit Menschen ins Gespräch. Das Essen war hervorragend und es war interessant zu sehen, wie sie leben und welche Ansichten sie vertreten.

 

Am Abend erwartete mich das letzte Highlight der Reise. Ich fuhr nach Vicuña, zur größten Stadt im Tal. Nachts wollte ich eine Tour zum Observatorium Mamalluca unternehmen. Im Internet las ich, man solle schon Tage vorher reservieren, da jedoch niemand auf Mails oder Anrufe reagierte, erreichte ich Vicuña leicht angespannt. Im Antawara Hostel wurde ich herzlich empfangen. Eine schöne Anlage mit niedlichem Innenhof und vielen Katzen und Straßenhunden, die tagsüber die Sonne, Streicheleinheiten und Futter genießen. Ich fühlte mich pudelwohl.

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Sonnenuntergang in Vicuña

Durch Kontakte im Hostel konnte ich doch noch zum Observatorium. Die zweistündige Tour kostet mit Transport 10.000 Pesos (ca. 13€). Ich hatte nicht zu große Erwartungen, da eine Frau, die einen Tag vorher die Tour unternahm, mir erzählte, in den Gruppen aus mindestens 15 Leuten können alle nur wenige Sekunden in das 30-Zentimeter-Teleskop blicken. Ich hatte unglaubliches Glück! Außer einer chilenischen Großfamilie mit quirligen Kindern, nahm auch eine andere Deutsche an der Tour teil. Zu zweit wurde uns ein Guide zugeordnet, der mit uns eine halbe Stunde lang mithilfe des Teleskops das Universum erforschte. Wir konnten all unsere – teilweise leicht beschränkten – Fragen loswerden und lernten unglaublich viel über das Universum.
Wusstet ihr, dass Sterne je nach Temperatur und Alter unterschiedliche Farben haben, die mit bloßem Auge zu erkennen sind? Weiß-blaue Sterne sind am heißesten und rote Sterne am kältesten.

Es war unglaublich die Sterne so nah zu sehen! Obwohl ich in dieser Nacht so viele, wie nie zuvor in meinem Leben sah, waren viele nicht zu sehen. Die Milchstraße konnte ich zwar erahnen, aber sonst scheint sie noch heller. In dieser Nacht war der Halbmond sehr hell und „überleuchtete“ die Sterne. So konnten wir uns jedoch den Mond ganz genau ansehen. Ich sah Details, die ich mir niemals hätte vorstellen können und selbst unser Guide, der seit über 30 Jahren Astrophysiker ist, entdeckte neue Details, die er vorher nie zu Gesicht bekam. Das Foto vom Mond habe ich über ein kleineres Teleskop mit dem Handy aufgenommen!

 

Abschließend zeigte er uns noch ein Video, das meine Faszination ins Grenzenlose katapultierte. Tausend Gedanken schossen mir durch den Kopf. Mir wurde bewusst, wie klein und unbedeutend die Erde im Vergleich zu den unbekannten Weiten ist (und wie unbedeutend erst meine Sorgen zur längst überfälligen Hausarbeit). Für die meisten Menschen wird unser Planet das Einzige sein, was sie je kennenlernen werden – und wir zerstören ihn gerade 😦

Hier könnt ihr euch das sehr empfehlenswerte Video ansehen. Ich kam aus dem Staunen nicht mehr heraus.

Ich war so begeistert von diesem wirklich magischen Ort, dass ich im Juli gerne noch einmal hinfahren möchte. In der Zeit sollen zwei Planeten und das Innere der Galaxie zu sehen sein. Für die Sonnenfinsternis am 2. Juli will ich allerdings nicht hinfahren. Davon wurde mir aufgrund des Menschenandrangs und des bevorstehenden Chaos‘ abgeraten. Schon jetzt wird überall um La Serena Werbung für das „Event des Jahres“ gemacht und es gibt T-Shirts zu kaufen, mit Aufschriften „Eclipse 2019“.

Gerade das war das Schöne im Observatorium Mamalluca. In dieser Nacht fühlte es sich so an, als hätten wir den Sternenhimmel für uns alleine.

Weisheit des Tages: Alles ist relativ. Manchmal tut es ganz gut über unseren (begrenzten) Horizont hinauszublicken!

Wohin ich gehe: Streik!

– 65 Tage in Chile –

Ich scheine rebellische, revolutionäre Vibes auszustrahlen. Wohin ich gehe wird gestreikt. Freunde sagten mir aus Spaß, ich sei die neue Che Guevara und ich dachte mir dieses Kompliment lehne ich nicht ab.

Tatsächlich bin ich gerade im Streik. Nicht ich, sondern eher meine Fakultät. Nach meinen ersten Streikerfahrungen in Lateinamerika während eines Auslandssemesters in Kolumbiens Hauptstadt Bogotá, dachte ich, mein zweites Auslandssemester in Santiago de Chile würde ein wenig ruhiger verlaufen. Falsch gedacht. Es dauerte genau fünf Wochen (genau wie in Bogotá) eh die ersten Abstimmungen über einen möglichen Streik stattfanden. Nach einer zweiwöchigen Reise mit meiner Familie, die mich aus Deutschland besuchte, in der wir Patagonien, den Süden Chiles und Argentiniens bereisten, kam ich motivationslos nach Santiago zurück und die Studierenden beschäftigte nur eine Sache: Streik.

Während ich in Deutschland nie von einem längeren Universitätsstreik mitbekam, ist Chile das zweite südamerikanische Land, in dem ich einen live miterlebe. Warum wird hier gestreikt? Was sind die Motive? Wie lange wird der Streik gehen?

Als einer der ersten Gründe für den Streik, der nur einige Fakultäten einiger Universitäten in Santiago betrifft (wie in meinem Fall die Fakultät für Kommunikation an der Universidad de Chile, Chiles wichtigster „öffentlichen“ Universität), wird die mentale Gesundheit der Studierenden genannt. Sie kritisieren, dass die Studiengänge mit zehn Semestern für einen Bachelor zu lang sind, genauso wie die Unterrichtsstunden.
Ein weiteres Problem: mehr als 40.000 Studierende sollen in Zukunft keine finanzielle Förderung mehr erhalten. In einem Land wie Chile, in dem studieren nach wie vor eher der „oberen Sozialschicht“ vorbehalten ist, sind viele Studierende auf staatliche Hilfe angewiesen. Bisher erhielten sie Zuschüsse für Studiengebühren, Miete, Essen und Transport. Gelder sollen unter dem konservativen, neoliberalen Präsidenten Sebastian Piñera für auf finanzielle Unterstützung angewiesene Studierende gestrichen werden. Das will sich niemand gefallen lassen.

Ein zweiter zentraler Grund für den Streik ist das TPP-11. Die Transpazifische Partnerschaft ist ein geplantes Handelsabkommen zwischen Australien, Brunei, Chile, Japan, Kanada, Malaysia, Mexiko, Neuseeland, Peru, Singapur, Vietnam und ursprünglich den USA. Die USA stieg aus dem Abkommen aus, als Trump Präsident wurde. Als Freihandelsabkommen sollten Zölle abgeschaffen werden und freier Wettbewerb in den Ländern ermöglicht werden. Die Integration in Freihandelszonen ist seit den 1990er Jahren ein zentraler Bestandteil der chilenischen Strategie für Wirtschaftsentwicklung und hat die von der Diktatur eingeleitete einseitige Handelsliberalisierung ergänzt. Bis heute hat Chile mehr als 26 Freihandelsabkommen unterzeichnet und damit 64 Länder erreicht, die insgesamt 85% des weltweiten BIP ausmachen. In diesem Sinne stellt das TPP-11-Abkommen den letzten Schritt in dieser allgemeinen Strategie dar, in der der Staat die Rolle eines „Architekten von Institutionen für den Freihandel“ spielt (Quelle: ciperchile.cl). TPP-11 erntet viel Kritik nicht nur in der chilenischen Bevölkerung. Warum viele Chilen*innen nun dagegen protestieren, ist unter anderem darin begründet, dass sich das TPP auf die Rechte der indigenen Völker auswirken wird. Außerdem bedrohe das TPP-Abkommen die Demokratie, untergrabe nationale Souveränität, Arbeiterrechte, Umweltschutzmaßnahmen und die Freiheit des Internets (Quelle: observatorio.cl).

Wie äußert sich der Streik?

Einige Fakultäten waren nur einen Tag im Streik. Es gab keinen Unterricht in den Universitäten; stattdessen wurde auf die Straße gegangen, um zu protestieren. Meine Fakultät, die eine links-liberale Reputation hat, befindet sich nun schon über einen längeren Zeitraum im Streik. Letzte Woche hatte ich lediglich am Montag Unterricht. Danach gab es neue Abstimmungen, die eindeutig für einen Streik standen.

Vor allem im Vergleich zu dem nationalen Studierendenstreik in Kolumbien, bin ich erstaunt, wie wenig ich als Studentin hier mitbekomme. Nicht ein einziges Mal gab es eine Mobilisierung, von der ich mitbekommen hätte, viele Studierende liegen in der Universität sich sonnend im Gras, auch dem verschuldet, dass nicht alle Fakultäten gemeinsam streiken. Ich sehe hier weniger Zusammenhalt, Solidarität. Einige Kommiliton*innen mit denen ich sprach, bestätigten meine Vermutungen. Der Streik, der einen Tag stattfindet, den nächsten nicht, erscheint mir nicht besonders politisch und noch weniger organisiert. Zwei chilenische Freunde erzählten, viele der Studierenden, die für einen Streik votierten, wollten frei haben.

Damit möchte ich den Streik auf keinen Fall herunterspielen. Die Forderungen halte ich für sehr wichtig. Sie betreffen Lebensbereiche vieler Menschen. Vielmehr bin ich über die Art und Weise des Streiks erstaunt. Es fehlt meiner Meinung nach an Organisation, Planung, Demonstrationen und Solidarität der gesamten Universität und anderen Universitäten.
Obwohl ich in der Fakultät für Kommunikation bin und hier Journalismus studiere, habe ich nicht einmal etwas von einer öffentlich organisierten Demonstration gehört. Ich bekomme nichts von politischen Treffen mit, in denen die Situation und die Vorgehensweise diskutiert werden. Dementsprechend weiß ich weder, wie der Streik weitergehen, noch, was passieren wird. Dadurch, dass meine Fakultät eine der wenigen Fakultäten meiner Uni im Streik ist, weiß ich nicht, ob ich das Semester beenden kann.
Wenn wirklich etwas erreicht werden soll, so müssten sich die Studierenden mehr mobilisieren und mehr Aktionen starten.

Bin ich einfach falsch informiert? Oder kam ich zu „politisiert“ aus dem nationalen Studierendenstreik in Kolumbien?

Ich werde es in den nächsten Wochen herausfinden.

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Foto vom Streik zum Internationalen Frauentag

Weisheit des Tages: Es gibt keine bessere Möglichkeit die politische Situation und deren Probleme kennenzulernen, als in vielen Gesprächen mit vielen unterschiedlich denkenden Menschen! Kommuniziert!

Sonntagsharmonie

– 37 Tage in Chile –

Durch die Jalousie merke ich, wie die ersten Sonnenstrahlen des Tages sich in mein Zimmer schleichen. Noch im Bett liegend ziehe ich an der Schnur, die Jalousie wird hochgezogen und die Strahlen kommen rein. Langsam kriecht die Sonne die Berge hoch. So kann ich nur die Umrisse der Anden erkennen. Jeden Morgen will sie mich so wecken. Ich liege noch ein bisschen im Bett und schaue aus dem großen Fenster runter auf die noch leere Hauptstraße. So langsam erwacht auch sie. Die Menschen kommen aus ihren Häusern und bereiten den Sonntagsmarkt vor. Stände werden aufgebaut und die Karren mit frischem Obst und Gemüse werden entladen. Mit ihnen kommt das Leben.

 

Nach dem Frühstück gehe ich aus der Wohnung. Ausgestattet mit einem Stoffbeutel und ein bisschen Bargeld. Der Markt ist keine 20 Meter von mir entfernt. Schon früh geht das bunte Treiben los. Menschen schlendern an den verschiedenen Ständen vorbei und vergleichen die Obstpreise. Während ich die Menschen beobachte, schlendere ich durch die schmale Gasse. Ich muss einigen Leuten mit ihren großen Taschen aus dem Weg gehen, die sie über den Boden ziehen. Nachdem ich einmal den Markt abgelaufen bin und mir einen Überblick verschafft habe, strebe ich die Stände an, die mir das beste und günstigste Obst und Gemüse verkaufen. Ein Kilo Pfirsiche für 800 (ca. 1 Euro) Pesos, ein Kilo Tomaten für 800, eine riesige Zucchini für 500 (ca. 65 Cent). Neben den üblichen Sachen möchte ich heute eine Wassermelone kaufen. Die letzten Sommerfrüchte geniessen, bevor der Winter in Chile anfängt. Ich erinnere mich daran, wie eine chilenische Freundin mir erzählte, Wassermelone sei für sie ein typisches Weihnachtsobst.
Der Markt ist harmonisch. Verkäufer*innen bieten ihre Ware an ohne unangenehm über die ganze Straße zu schreien. Gut gelaunt bringe ich meinen Wocheneinkauf in die Wohnung.

 

Samstags oder Sonntags gehe ich gerne zum mercado de la persa nahe der Metrostation Bío Bío. Ich liebe es hier zwischen den bunten Ständen aus Büchern, Instrumenten, Möbeln, Secondhandkleidung, alten Vinylplatten und Essen herumzulaufen. Jedes Wochenende gibt es Neues zu entdecken. Alles ist gebraucht. Das Angebot ist immer anders. Ich muss nicht immer etwas kaufen, ich komme her, um die Atmosphäre aufzunehmen. Diese riesige Markthallte wirkt trotz der vielen Menschen ruhig. Jeder Gegenstand den man hier sieht, scheint eine Geschichte zu erzählen, wenn man ganz genau hinhört. Bücher sind vergilbt und wurde bestimmt schon von fünf Menschen gelesen, wenn man Glück hat, findet man sogar Originalausgaben. Fast überlege ich eine Geige für umgerechnet 35 Euro zu kaufen. Mir fehlt das Geige spielen im Ausland.

 

Hier kommt niemand mit einem Ziel her. Die schmalen Gänge sind zum Schlendern, Beobachten, Genießen.
Manchmal koste ich eine der dicken, veganen Torten. Mit einem Kaffee setze ich mich an den Holztisch, um den bunt zusammengewürfelte Stühle stehen. Jeden Bissen der Schokoladentorte genieße ich, während die Menschen an mir vorbeilaufen. Mein Handy lasse ich in der Tasche. Das ist mein Moment. Nur der Kaffee, die Schokoladentorte, die jede meiner Geschmacksnerven anspricht und ich.

 

Bevor ich nachhause fahre, besuche ich noch das Mural (freie Übersetzung von mir: kunstvoll gemaltes Graffiti), das meine Mitbewohnerin Paula malte. Es ist das größte in Chile, das von einer Frau gemalt wurde. Mir gefällt ihr geometrischer, prägnanter Stil aus weißen und schwarzen Elementen. Das Besondere: das Mural ist auf dem Boden. Heute konnten auf dem Platz junge Künstler*innen ihre Kunst verkaufen. Der ganze Ort soll „kunstalisiert“ werden. Das erzählt mir heute ein Freund, den ich zufällig dort antraf, ebenfalls jemand aus der Kunstszene.
Abschließend gehe ich noch auf das Dach. Zur Zeit ist es noch nicht öffentlich zugänglich, aber das soll sich bald ändern, sagt mir der Freund. Von da aus sehe ich Santiago. Die Anden, die Santiago im Osten begleiten und auf der anderen Seite die Berge, die es vom Meer trennen. Zwischendrin die chaotische, versmogte Großstadt in der so viel Leben steckt.

 

Zuhause gucke ich aus dem Fenster und kann an den Spiegelungen der Hochhäuser erkennen, wie die Sonne langsam untergeht. Die Anden werden dabei rot von ihr angestrahlt. Ich schreibe diese Zeilen. Heute war ein schöner Tag. Mit dem frischen Gemüse koche ich mir etwas. Beim Essen schaue ich einen Film und genieße die letzten Stunden bevor die neue Woche mit neuen Aufgaben anfängt.

So mag ich meine Sonntage.

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Weisheit des Tages: Der Sonntag ist zum Runterkommen. Neben der Uni, die in Chile für mich sehr zeitintensiv und anstrengend ist, muss ich mir bewusst die Zeit nehmen und kleine Ruheoasen schaffen. Ich hätte nicht gedacht, dass ich sie inmitten voller antiker Möbelstücke, Vintage-Kleidung und Menschen finden würde.

Mein Norden ist der Süden

– 26 Tage in Chile –

„Mi Norte Es El Sur: Qué dice Latinoamérica“.
Durch eine Gruppe der Uni bin ich auf das „Festival de Cine de Mujeres“ im Museum Violeta Parra aufmerksam geworden. Leider konnte ich mich erst am letzten Tag, den Sonntag, motivieren einen der vielen internationalen Filme des feministischen Filmfestivals zu besuchen. Dafür hat es sich sehr gelohnt und ich bin tiefgrübelnd mit vielen Gedanken aus dem Kinosaal gegangen.

„Mein Norden ist der Süden: Was sagt Lateinamerika“ heißt der Film der audiovisuellen Produzentin Amanda Puga Salman, der am Sonntag präsentiert wurde. Im Jahr 2013 begab sich die Chilenin auf eine Reise quer durch Lateinamerika. Am Anfang beschreibt sie, wie sie raus aus dem konsumorientierten, neoliberalen Chile wollte, um zu sehen, wie andere Länder leben. Ihr Weg führte sie nach Kuba, Venezuela, Kolumbien, Ecuador, Peru und Bolivien.
Der Film war in mehrere Abschnitte geteilt: „Was ich sehe“, „Was mir gesagt wird“, „Die Wahrheit“. In jedem Abschnitt kommen verschiedene Menschen jedes Landes zu Wort und erzählen von den Problemen, mit denen sie in ihrem Land konfrontiert werden. Zwischendurch sind Landschafts- und Alltagsszenen zu sehen. Mit dem Fortschreiten des Films nimmt das Tempo zu. Abschnitte der verschiedenen Orte werden immer schneller, vermischen sich miteinander. Anfangs wurden die Zuschauenden noch
an die Hand genommen. „Jetzt sind wir in Kuba.“ „Das beschäftigt die Menschen in Venezuela.“ Gegen Ende des Films konnten die Menschen und Länder nicht mehr auseinandergehalten werden. Kuba, Venezuela, Kolumbien, Ecuador, Peru, Bolivien, sie alle wurden zu einem Land vermischt: Lateinamerika.

Der Film war deprimierend! Aber beeindruckend. Amanda sprach mit so vielen Menschen, hat so viele Geschichten gezeigt und Hintergründe verständlich gemacht. Dinge passieren, die wir uns im ordentlichen Deutschland gar nicht vorstellen können. Im Chocó, Kolumbien, erlebte sie einen Guerrillaangriff, den sie aufnahm. Die Menschen, bei denen sie unterkam, waren nicht beunruhigt, sie fingen an zu lachen.
Ausnahmesituationen und Alltagsszenen. Eine Kubanerin erzählt, wie sie niemals eine Languste kaufen dürfe. Das ist nur für die Touristen auf Kuba. Sie fing an laut zu lachen: „Stell dir vor, was sie mit mir machen würden, wenn sie mich mit zwei Langusten erwischen!“. Es ist traurig, doch durch ihre sympathische Art fängt man an zu schmunzeln. Wie albern, was sich die kubanische Regierung für ihre Menschen ausgedacht hat.
In Venezuela regt sich ein Mann auf, dass propagiert wird, wie der Imperialismus bekämpft wurde, weiterhin aber keine venezolanischen Produkte innerhalb des Landes verkauft werden. Kaffee aus Brasilien, Käse aus Uruguay, Kekse aus Chile. „Wir haben den besten Kaffee der Welt! Warum verkauft uns unsere Regierung nur ausländische Produkte?“ Venezuela ist wohl das Land, welches sich seit der Aufnahmen am meisten verändert hat. Solche Filme wären jetzt wahrscheinlich gar nicht mehr möglich.
Bei ihrer Reise in Medellín sprach Amanda mit einem Mann, der ihr von dem Bürgerkrieg Kolumbiens erzählte. Frustriert erzählt er wie die FARC damals sich das nahm, was sie wollte, ohne jegliche Konsequenzen. Auch Kolumbien hat sich seitdem sehr verändert. Mittlerweile sind Reisen auf den damals gefürchteten Landstraßen möglich ohne Überfälle. Die FARC existiert offiziell nicht mehr. Kolumbien ist auf dem Weg zum Frieden.
Auf einem kleinen Markt in Quito aß Amanada Mittag mit zwei Ecuadorianern. Sie sprechen über die Korruption und Politik des Landes.
Am Strand von Huacachina sitzt sie mit einem Peruaner, der deutlich macht, wieviel Geld in die Taschen der Regierung wandert, wo doch die Bevölkerung es am meisten bräuchte.
In Bolivien unterhält sie sich über die Probleme der indigen Bevölkerung.

Immer schneller werden die Länder vermischt, so dass am Ende ein einziges übrigbleibt. Was in dem Film gezeigt werden sollte: alle Länder des Kontinents sind Lateinamerika. In jedem Land gibt es ähnliche Probleme. In Lateinamerika ist der Unterschied zwischen Arm und Reich viel zu groß, korrupte Politik nutzt vor allem die Minderheiten aus, Landeskulturen und indigene Völker werden benachteiligt und fast vergessen. Probleme, die in allen lateinamerikanischen Ländern auftreten. Jedes Land kämft heute noch mit seiner eigenen Geschichte. Im letzten Jahrhundert durchlebten viele lateinamerikanische Länder eine rechte Militärdiktatur. Die Geschichten entwickelten sich parallel bis heute.

Für mehr Informationen zu dem Filmprojekt schaut auf Mi Norte es el Sur vorbei.

Ich war beeindruckt von dem Film. Er ließ mich mit vielen Eindrücken zurück. Anschließend gab es eine Diskussion mit der Produzentin und der Regisseurin des Films. Ein Chilene aus dem Publikum meldete sich zu Wort: „Mich macht es traurig, dass Chile sich so fernab von Lateinamerika sieht. Wir sind doch auch ein Teil davon! Immer wird es damit begründet, dass wir durch die Andengebirgskette von allen abgeschnitten sind, dabei ist Argentinien nur wenige Stunden entfernt.“ Er erzählte, wie toll er es finde, dass mit Menschen, die aus Kolumbien, Ecuador oder Venezuela kommt, auch deren Kultur herkommt. „Jetzt gibt es Arepas und venezolanische Empanadas an jeder Ecke. Wir hören kolumbianische Musik. Das ist doch etwas Tolles, wie sich die Kulturen vermischen! Eine Bereicherung!“

Seine anfänglichen Worte passen zu dem, was ich in Chile bisher erlebte. Chile ist besser und hat nicht die gleichen Probleme wie die anderen lateinamerikanischen Länder. Hier geht es den Menschen gut und sie können von internationalen Produkten zehren. Es gibt keine Armut und Gewalt oder Korruption. Alles funktioniert perfekt.
Will Chile so auf andere Länder wirken? Strebt es so sehr Europa und den USA nach, dass es seine eigenen Ursprünge vergisst?

Isabel Allende schrieb in ihrem Buch „Mein Erfundes Land“:

Die Abgeschiedenheit gibt uns Chilenen die Mentalität eines Inselvolks, und die großartige Schönheit des Landes macht uns überheblich. Wir halten uns für den Nabel der Welt […] und kehren Lateinamerika den Rücken, da wir uns von jeher mit Europa vergleichen. Wir sind egozentrisch und brauchen den Rest des Universums einzig, damit er unsere Weine trinkt und Fußballmannschaften zusammenstellt, die wir besiegen können.

In Kolumbien war das immer etwas, was ich sehr bewundert und genossen habe. Dort spürte ich lateinamerikanisches Temparement. Ich habe das Gefühl, dass vor allem die mittel- und nordsüdamerikanischen Länder sich gegenseitig stärken wollen (auf gesellschaftlicher Ebene, nicht politisch). Ein Thema, dass in Street Art, Kunst und Musik häufig aufgegriffen wird. Hört euch das Lied von Calle 13 – Latinoamérica an.
Chile will sich bewusst davon abgrenzen. Vor allem an der Uni und in jüngeren Generationen merke ich, dass sie sich mehr Lateinamerika zugehörig fühlen wollen. Sie wollen auch mit Stolz sagen: Ich bin Latinx.

Ich finde es toll, dass ich die Möglichkeit hatte, so viel von Südamerika zu sehen. Während der Film lief, verglich ich das Gehörte mit eigenen Erfahrungen. Besonders musste ich mich an die Peru– und Bolivienreise zurückerinnern, die ich 2017 unternahm.
Als Europäerin fühle ich mich ein bisschen außen vor, so als ob ich zu dem Thema nichts sagen dürfte. Aber vielleicht ist das auch nur mein persönliches Empfinden, denn bisher haben sich die meisten darüber gefreut zu hören, dass ich mich colomboalemana (kolumbianischdeutsch) fühle.

Graffiti an der Universidad Nacional de Colombia
Graffiti an der Universidad Nacional de Colombia

Weisheit des Tages: Lateinamerika ist eins. Und doch so unglaublich groß, vielfältig und verschieden. Je mehr wir versuchen Länder auf ihre Unterschiede zu vergleichen, desto mehr Gemeinsamkeiten können wir entdecken und wertschätzen.

Chi Chi Chi! Le Le Le! Viva Chile?

– 19 Tage in Chile –

Ohne viel Vorwissen und Erwartungen, aber mit viel Abenteuerlust nahm ich vor fast drei Wochen den Bus von Mendoza, Argentinien, nach Santiago de Chile. Jetzt sind schon drei Wochen vergangen und so langsam fügt sich mir ein Bild aus den Dingen zusammen, die ich hier sehe und erlebe.

Warum Chile? – wurde ich oft gefragt.
Bei so einer Frage fühle ich mich schnell unter Druck gesetzt. Jetzt muss ich die perfekte Antwort abliefern. Also.
Mein Gedankengang zwei Auslandssemester hintereinander in zwei verschiedenen südamerikanischen Ländern zu machen, war der, dass ich neben Kolumbien noch ein anderes Land kennenlernen wollte. Ich hatte das Gefühl (und merke es immer noch), dass ich sehr fokussiert auf Kolumbien bin. Um es ein bisschen spiritueller auszudrücken: ich wollte meinen (kolumbianisch-deutschen) Horizont erweitern. Und warum in Chile?

  • Als Kind habe ich einige Kinderbücher der chilenischen Schriftstellerin Isabel Allende gelesen. So hörte ich wohl das erste Mal von dem fernen, langgestreckten Land in Südamerika.
  • Zwei meiner besten Freundinnen waren einige Zeit in Chile und haben das Land in den Himmel gelobt.
  • Mit meiner Uni in Deutschland gibt es eine Fakultätspartnerschaft in Santiago de Chile.
  • Die Geschichte Chiles ist sehr interessant. Ich wollte verstehen, wie das Land nach 17 Jahren Militärdiktatur, die erst 1990 endete, zu dem wirtschaftlich stärksten Land Lateinamerikas wurde. Pinochet hinterließ ein Trauma, das die Gesellschaft von heute noch begleitet und spaltet. Wie sich das im chilenischen Alltag bemerkbar macht, möchte ich herausfinden.
  • Chile, so stellte ich es mir von den wenigen Dingen, die ich über das Land wusste vor, ist ganz anders als der Rest von Südamerika. Eine Mischung aus europäischer Ordnung und lateinamerikanischer Lebensfreude. So dachte ich…

Es war keine Liebe auf den ersten Blick. Chile wollte mich erst nicht so richtig empfangen. Umso mehr freue ich mich, dass ich mich langsam einlebe und wohlfühle.
Bis Anfang August werde ich in Santiago de Chile wohnen und an der Universidad de Chile Journalismus studieren. Während es am Anfang so schien, dass niemand an der Uni wusste, das ich kommen würde und ich mir meinen Studienplatz ein bisschen erkämpfen musste, habe ich jetzt einen festen Stundenplan und kann mich einleben.
Von den Uniproblemen abgesehen, war es erst ein wenig schwierig eine schöne Unterkunft zu finden. Über Facebook habe ich eine Wohnung gefunden, die mir sehr gefiel, doch als wir ankamen, wollte ich sofort wieder weg. So eine verdreckte Wohnung habe ich wirklich noch nie gesehen. Nach einer Nacht auf einer Matraze ohne Laken oder Bettdecke nutzte ich den nächsten Tag eine Wohnung zu suchen, in der ich gerne bleiben würde. Jetzt bin ich schon seit über zwei Wochen in einer sehr schönen, minimalistisch eingerichteten Wohnung, mit netten Leuten und in einer lebendigen Wohngegend.

Abgesehen von den angfänglichen Problemen, die aufkamen, konnte mich Chile nicht wirklich mit seiner Kultur, Architektur und sagen wir mal Politik überzeugen. Ich bin ein bisschen naiv hergekommen und dachte, ich lasse mich überraschen. Vorher wollte ich mich nicht über Chile informieren, um alles aus erster Hand zu erleben.
Ich weiß nicht, wie mein erster Eindruck gewesen wäre, wenn ich von Deutschland hierhergekommen wäre. Dadurch, dass ich seit Juli in Kolumbien gelebt habe, wurde ich schnell wieder „kolumbianisiert“. Der Kulturschock von Kolumbien nach Chile ist riesig!

  1. Chile ist unglaublich teuer!
    Klar. Ich war ein bisschen an die kolumbianischen Preise gewöhnt. 2€ für ein Mittagsmenü mit Saft, Suppe, einem riesen Teller Hauptgang und einem Nachtisch ist woanders einfach nicht möglich. Aber selbst im Vergleich zu Deutschland erscheint mir Santiago sehr teuer! Ein Bier in einem Lokal kostet umgerechnet dann auch mal 5€. Supermarktpreise übersteigen die in Deutschland. Anfangs habe ich mich gefragt, wie ich mich hier überhaupt ernähren sollte! 3€ für einen Kilo gespritzte, unnatürliche Äpfel. 8€ für ein vegetarisches Hot Dog mit drei Kartoffelchips und 20€ für einen Liter Cocktail (für zwei Personen). Ein Schock.
    Mittlerweile entdecke ich immer mehr günstigere Alternativen. Günstig bedeutet dann Preise wie in Deutschland. Anstatt Obst im Supermarkt einzukaufen, warte ich immer den Sonntag ab, wo die grauen Straßen vor meiner Haustür, durch die die Hauptstädtler*innen hetzen, sich in einen bunten Obst- und Gemüsemarkt verwandeln. Der Markt macht Spaß! Dort kaufe ich gerne ein und decke mich für die Woche ein. Das einzige Problem: ich kann nicht einen Kilo Pfirsiche oder Tomaten in einer Woche essen. Da diese Produkte wirklich frisch sind, werden sie auch schnell schlecht. Aber so langsam habe ich den Dreh raus.

Was mich gerade im Vergleich zu Kolumbien sehr verwunderte: Chile scheint kaum nationale Produkte zu haben. Hier gibt es nicht den kleinen Laden nebenan, wo nur chilenische Produkte verkauft werden. Im Gegenteil! Wo ich wohne, gibt es viele Einwander*innen aus Kolumbien und Venezuela, die Produkte aus Nordsüdamerika mitbringen. Ich freue mich, wenn ich bekannte Marken, wie Chocoramo, Sol-Trinkschokolade oder anderes sehe.
Noch erstaunter war ich, als ich zahlreiche deutsche Produkte in den Supermärkten sah! Milka- oder RitterSportschokolade ist ja gar nicht so ungewöhnlich. Aber die gleichen Kekse, die ich in Deutschland esse, Rotkohl und Sauerkraut in großen Gläsern und Kräutersenf? Alles komplett auf deutsch. Chile scheint Produkte, aller möglichen Länder zu haben, nur kaum eigene. Damit kommen wir zum nächsten Punkt:

2. Imperalismus. Auf mich wirkt es so, als hätte die USA ihre große mächtige Hand über Chile. Schon die chilenische Flagge sieht aus wie eine reduzierte Version der USA. Anstatt Ähnllichkeiten mit Europa zu entdecken, sehe ich eher welche zur USA. Als wir Santiago de Chile vom Weiten sahen, hätte ich es auch für eine kalifornische Großstadt mit Wolkenkratzern halten können. Architektur und die vielen riesen Malls, auf die die Chilenen besonders stolz sind, sind sehr US-amerikanisch. Das Zentrum der Hauptstadt ist ein reines (noch überteurteres) Bankenviertel. Ein Reichtum reiht sich an das andere.
McDonalds, Starbucks und Co. findet man an jeder Ecke. Während es in vielen lateinamerikanischen Ländern nicht eine Starbucksfiliale gibt und nationalen Coffeehäusern somit die Chance auf Erfolg im eigenen Land gegeben wird (Juan Valdéz in Kolumbien), scheint es hier nichts anderes zu geben. Die großen (US-amerikanischen) Marken sind hier voll drin und bestimmen den Markt. Nescafé, Nestlé und Coca-Cola ganz vorne mit dabei. Ich weiß nicht, ob chilenische Eigenmarken und Alternativen verdrängt und aufgekauft wurden, oder ob sie nie existierten.

3. Kommerz und Konsum. Beides spielt eine große Rolle. Es wird viel darüber geredet, schließlich: Geld regiert die Welt. In Kolumbien erlebte ich, dass man auch ohne Geld eine gute Zeit haben kann und das komplette Finanzielle für einen Abend ausblenden kann. Hier ist es stets präsent. Öffentliche Universitäten? Genauso teuer wir Privatunis. Es gibt nichts, was nicht kostet.
Meine Mitbewohnerin ist Künstlerin, wodurch ich ein bisschen in die Kunstszene Santiagos reingerutscht bin. Das finde ich toll! Doch schnell merkte ich, auch hier ist das Kapital Thema Nummer Eins. Das kritisiert meine Mitbewohnerin übrigens genauso sehr wie ich. Ihrer Meinung nach wird das in der chilenischen Kunstszene viel zu wenig hinterfragt und Künstler*innen lassen sich und ihre Kunst zu schnell kommerzialisieren.

4. Mit dem Kommerzdenken und dem starken, chilenischen Markt kommt auch das „Chile-Denken“ mit, von dem ich schon vorher hörte. Chile ist anders als Lateinamerika. Chile ist besser als Lateinamerika. So sehen sich die Chilenen (Achtung! Provokante Verallgemeinerung). So beschrieb es auch Isabel Allende in ihrem Buch „Mein erfundenes Land“.
Was macht Chile besser als Argentinien, Venezuela, Kolumbien? Eine starke Wirtschaft mit Preisen, die man sich kaum leisten kann? Der Mindestlohn in Chile liegt bei umgerechnet 400€. Bei den Preisen, die ich oben genannt habe, wie soll man sich da über Wasser halten, wenn noch Miete, Sozial-, Krankenversicherungen und Bildung für die Kinder bezahlt werden müssen (ein Monat an einer öffentlichen Universität kostet umgerechnet 400€)?
Chile ist das neoliberalste Land, das ich kenne. Gestern, nachdem ich ein wenig recherchierte, fand ich heraus, dass der Neoliberalismus in Chile entstand, als jemand zu Zeiten Pinochets das Wort Liberalismus sporadisch verwendete. So entwickelte sich der Neoliberalismus. In Chile.

Hinter der Facette dieses angesehenen Landes steckt auf jeden Fall eine Menge mehr! Ich habe bisher nur einen kleinen Eindruck in die Kultur, Geschichte und Politik des Landes erhalten, lerne aber täglich dazu. Ich habe interessante Unterhaltungen mit verschiedenen Menschen, die mich mehr hinter die Facetten blicken lassen.

Vielleicht ist dieser Blogbeitrag zu negativ für den ersten aus meiner neuen temporären Wahlheimat. Der erste Eindruck kann täuschen! Ich bin gespannt, was ich am Ende der fünf Monate über Chile denken werde.
Demnächst werde ich auch sicher noch die positiven Seiten zeigen.
Was würdet ihre gerne lesen? Was interessiert euch an Chile

Weisheit des Tages: Chile ist ein sehr komplexes, vielseitiges Land! Der erste Eindruck kann täuschen, also zeig mir, was du zu bieten hast, Chile 😉

Abenteuer im Amazonas und Tanzen im Regenwald

– 112 Tage nach der Ankunft –

Ein kleiner Traum ist in Erfüllung gegangen. Im Regen im Amazonas tanzen, mitten in der Wildnis zwischen Bananenbäumen, Affen und Urwaldgeräuschen!

Meine Eltern und meine Geschwister haben mich Mitte Oktober für zwei Wochen besucht.
Die gemeinsame Zeit mit meiner Familie begann in Tunja. Einen Tag sind wir nach Boyacá gefahren und haben mit meiner Gastfamilie zusammen Mittag gegessen. Für mich ein sehr besonderer Moment, weil meine beiden Familien wie schon im März 2016 aufeinandertrafen. Trotz Sprachbarrieren war es ein schöner Nachmittag. Sprache scheint in manchen Situationen gar nicht so wichtig. Die Menschen werden dann kreativ und kommunizieren über andere Wege.
Der nächste Tag war für mich auch ein sehr besonderer. Einen Tag lang zeigte ich meiner Familie mein Leben in Bogotá, wo ich wohne, wo ich einkaufe, die Uni, wo ich am Liebsten tinto (Kaffee) trinke und die kleinen Dinge aus meinem kolumbianischen Alltag. In der Uni wurden wir herzlich empfangen, wohl eher zufällig, aber das minderte die Herzlichkeit jedoch nicht im Geringsten. Meine kubanische profe und ein anderer profe haben uns gleich auf einen tinto eingeladen und waren sehr interessiert an den vier großen, blonden Menschen. Ein wohliges Gefühl breitete sich in mir aus. Wieder mal wurde unter Beweis gestellt, wie herzlich und offen Kolumbianer*innen sein können. Nach den zwei Tagen ging die große Reise los!
Vom tiefsten Süden, den letzten Zipfel Kolumbiens an der Grenze zu Peru und Brasilien, über die berühmte Metropole Medellín bis nach San Andrés reisten wir. Von meiner Reise vor zwei Monaten nach San Andrés und Providencia berichtete ich vor kurzem.

In den Amazonas bin ich bisher nie gereist und war umso aufgeregter, als es von Bogotá mit dem Flieger nach Leticia ging. Schon als wir aus dem Flieger ausstiegen, legte sich die klebrig, feuchte Hitze um uns. Leticia ist die Hauptstadt des departamentos (Bundesland) Amazonas. Mit knapp 40.000 Einwohner*innen ist es die größte, kolumbianische Gemeinde im Amazonas-Gebiet.
Noch am ersten Abend konnten wir ein tolles Ereignis auf dem Hauptplatz der Stadt bestaunen! Kurz vor der artadecer (Sonnenuntergang) kehren jeden Abend Hunderte, vielleicht sogar tausende, grüne Papagein in die Bäume des Hauptplatzes zurück, um dort geschützt vor natürlichen Feinden, die Nacht zu verbringen. Es war ein wahres Naturspektakel. Über uns kreisten unzählige Vögel, die alle zusammen ein lautstarkes Orchester bildeten, sodass man sich untereinander kaum verstehen konnte.

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Am nächsten Tag startete das Dschungelabenteuer mit dem schönen Nebeneffekt eines Digital Detox, den ich (als angehende Medienwissenschaftlerin) sehr genossen und reflektiert habe 😀
Die nächsten Tage verbrachten wir in der Gemeinde Mocaguas, mit dem Boot 1:40 Stunde von Leticia entfernt. In Mocaguas leben Menschen aus fünf verschiedenen Ethnien zusammen. Jede indigene Ethnie spricht ihre eigene Sprache und lebt nach eigenen Traditionen, doch trotzdem leben alle in einer Gemeinschaft zusammen, in der untereinander Spanisch gesprochen wird. Die Gemeinschaft organisiert sich über einen Rat aus sechs Personen bestehend, der gewählt wird. Die Person, die das sagen hat und vom Rat unterstützt wird, hat die Funktionen eines Bürgermeisters. Die größte indigene Gemeinschaft sind die Ticunas. Wir sind die nächsten Tage bei einer Familie der Ticunas untergekommen. Sehr spannend, denn so haben wir einiges über die Kultur und die Geschichte des Stammes gelernt.
Ich sehe diese Art von Tourismus jedoch auch kritisch. Ich frage mich, inwiefern Touristen dort wirklich die wahre Kultur und indigene Traditionen kennenlernen. Es hat für mich ein wenig etwas von Showtourismus. Tourismus ist für die Menschen mittlerweile eine große Einnahmequelle und trotzdem möchte ich keine Ausbeutung unterstützen, denn Tourismus kann auch sehr viel kaputt machen. Gerade kulturelles Gut kann dadurch zerstört werden.
Die Tage mit unserem Guide Barto und seiner Familie haben uns sehr gefallen und ich hatte das Gefühl er und seine Familie haben Freude an ihrem Job.
Trotzdem denke ich, dass ein solcher Aufenthalt reflektiert werden sollte. Durch den kommenden Tourismus in der Gemeinde Mocaguas wurde zum Beispiel auch ein Gesetz erlassen, dass die Einwohner*innen von Montag bis Freitag keinen Alkohol trinken dürfen. Gerade in ländlichen Gegenden haben viele Menschen ein Alkoholproblem in Kolumbien.

Oft merke ich, wenn ich in Südamerika reise, dass mich die Menschen ganz anders behandeln, wenn sie merken, dass ich Spanisch spreche und gerade im Land wohne. Es ist möglich eine ganz andere Verbindung zu den Menschen aufzubauen und so kommen auch manche Unterhaltungen zustande, die ohne Spanischkenntnisse nicht möglich gewesen wären.

Nach einem kleinen Rundgang durch das Dorf, in dem wir die Riesenseerosenblättern im Teich, die primaria (Grundschule) und die bunten Häuser (jedes Haus hat Bemalungen, aus denen sich schließen lässt, was deren Bewohner*innen beruflich machen oder mögen) gesehen haben, ließen wir den Abend ausklingen mit einem Bad im Amazonas, bei dem wir uns den traumhaft schönen Sonnenuntergang ansahen.

 

An die Piranhas, Schlangen, Stachelrochen und wer weiß was noch im Wasser herumtummelt, sollte man besser nicht denken. Stattdessen genossen wir die traumhaft schöne Aussicht.

 

Die indenge Familie, bei der wir unterkamen, führen eine Stiftung, in der sie misshandelte Affen aufnehmen, aufpäppeln und auswildern. Viele Menschen halten sich Affen als Haustiere, die darunter sehr leiden können. Seit 2003 haben sie schon 700 Affen in die Wildnis gelassen. Wir haben einige Momente mit den Affen July, Helena und Camilo verbracht und waren total verzaubert von ihnen.

 

So richtig spannend wurde die Wanderung in die selva (Wildnis), die vier Stunden dauern sollte. Wir großen Europäer taten uns ziemlich schwer in der Hitze mit langen Klamotten (als Mückenschutz) über Stock, Wurzel und Überraschungen auf dem Boden zu laufen. Barto zeigte uns viele Tiere und medizinische Pflanzen, die die Indigenen noch heute nutzen. Flüsse und Bäche überquerten wir über natürliche Brücken, mehr oder weniger stabile Baumstämme, die von einem Ufer ans andere reichten. Da wir uns so sehr konzentrieren mussten, nicht auszurutschen, zu stolpern oder hinzufallen, konnte man gar nicht seine Umgebung so sehr genießen und wahrnehmen. Wir befanden uns im Primärwald, der nie berührt wurde und dementsprechend für uns viele interessante Pflanzen, Tiere, Geräusche und Geschichten beherbergte. So kämpften wir uns durch den Dschungel, vorne voran stets Barto mit seiner Machete um uns den Weg freizuräumen.

 

Nach vier Stunden kamen wir dann an der Hütte an, die Bartos Familie gehört. Die Hängematten wurden aufgehängt und fertig war unsere Unterkunft für die nächste Nacht. Da fing es auch schon an wie aus Eimern zu schütten. Anstatt uns unter dem Dach zu verkriechen, fingen wir an im Regen zu tanzen, mitten im Urwald, umgeben von nichts als exotischen Tieren, Pflanzen und den Geräuschen des Amazonas. Vielleicht ein bisschen kitschig, aber für mich ein toller Moment!

 

Abends war eine kleine Nachtwanderung geplant. Bis zum Gesicht von Kleidung bedeckt, damit so wenig Mücken wie möglich uns angreifen konnten, liefen wir ausgestattet mit Handytaschenlampe durch den Dschungel. Mir wurde bewusst, wie wenig wir für die Gegend geschaffen sind und wie unsicher wir uns bewegten, schon am Tag unsicher, umso mehr in der Nacht.
Highlight der Nachtwanderung: einen Moment lang schalteten wir die Lichter aus und konnten am Boden Sterne erkennen. Es war als ob uns der Himmel zu Füßen liegen würde. Wohin wir sahen, waren helle Punkte zu erkennen. Barto erklärte uns, dass das von Pilzen befallene Blätter wären, was dem Bodenhimmel den Zauber nicht nahm.
Nach so einem anstrengenden Tag konnte die Nacht in der Hängemätte beginnen. Barto erzählte uns bei Kerzenlicht einige, spannende Geschichten seines Stammes der ticunas und bald waren alle eingeschlafen. Am nächsten Morgen wurden wir von den Geräuschen des Dschungels wach. Ein bisschen in der Hängematte liegen, sich von den Klängen wecken lassen und die hohen Bäume um uns herum betrachten.

Nach einer solchen schönen Wildniserfahrung, bestritten wir den Heimweg in die Dorfgemeinschaft. Da es so viel geregnet hatte, mussten wir mit einem Boot ein Ufer überqueren. Meine Mutter und ich fuhren mit Barto und dem Boot vor, um die anderen einzusammeln, die vorgelaufen waren. Als wir im Boot saßen, konnten wir die Umgebung richtig wahrnehmen. Die Laute um uns herum und die verschiedenen Bäume, die man beim Laufen gar nicht richtig angucken kann. Wir sahen sogar einige wilde Affen von Baum zu Baum schwingen.
Auf dem Rückweg ins Dorf fing es wieder stark an zu regnen. Mit meiner Tollpatschigkeit musste es dann so weit kommen, dass ich auf einem nassen Baumstamm ausrutschte und mit meinem Gesicht auf einen anderen Baumstamm am Boden aufprallte . Mit einer mehr oder weniger leichten Gehirnerschütterung, die über eine Woche anhielt und einer Dschungelnarbe auf dem Kopf, habe ich den Dschungel überlebt! Der Dschungel hat mich zutiefst erschüttert, aber ich überlebte(haha).

Am letzten Tag bastelteten wir mit der Familie gemeinsam artesenles (Kunsthandwerk, in unserem Fall Armbänder). Mit dem Boot fuhren wir nach Puerto Nariño, einer größeren Gemeinde, die dank des Bürgermeisters sehr auf die Umwelt bedacht ist. Aus Plastikflaschen werden dort Mülleimer und Kunst gebastelt. Im gesamten Dorf, dass circa 8.000 Einwohner*innen zählt, gibt es nicht ein Auto oder Motorrad.
In der Nähe von Puerto Nariño gibt es einen kleinen Nebensee des Amazonas, in dem wir graue und auch rosafarbene Delfine sehen sollten. Die konnte man mehr oder weniger gut sehen. Nur für einen kurzen Augenblick kommen die Delfine aus dem Wasser. Die grauen Delfine, die nur bis 1,50 Meter lang werden, springen leicht aus dem Wasser, um Luft zu holen. Die rosafarbenen Delfine, die bis zu 3 Meter lang werden, zeigen sich nur kurz. Mit meinem angeschlagenen Kopf fiel es mir ziemlich schwer auf das sich bewegene, wölbende Wasser zu konzentrieren, aber einige Delfine konnten wir sehen.
Auf der Bootsfahrt zurück in die Gemeinschaft, hatten wir sogar noch ein kleines Angelerlebnis. Ein Fisch sprang Janin, unserer deutschen Übersetzterin, die uns die ganze Zeit begleitete, direkt ins Gesicht und hat somit sein Schicksal selbst besiegelt.

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Sehr aufgeregende Tage, die wir im Dschungel erlebten! Ich bin sehr dankbar für diese Erfahrungen und wieder mal fasziniert von Kolumbiens Viefalt.

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Weisheit des Tages: im Dschungel kann man schonmal an seine eigenen Grenzen stoßen, ob durch unheimliche Tiere, ungewohnte Situationen oder körperliche Anstrengung. Wenn man die aber erst einmal überwunden hat, wird einem eine neue Welt offenbart!

Drei Jahre Kolumbien und so viel Heimat

– 87 Tage nach der Ankunft –

Vor drei Tagen, am 17. Oktober, war ein für mich ganz besonderer Tag. Genau drei Jahre ist es her, dass ich das erste Mal kolumbianischen Boden betreten habe. Wenn ich das so schreibe, erschreckt es mich ein wenig, wie viel Zeit doch vergangen ist! Drei Jahre ist dieses Land schon ein ganz besonderer Teil von mir. Ich bin so glücklich, dass ich damals meine Vorurteile und Bedenken überwunden habe und mich dazu entschieden habe, die große Reise anzutreten.

In drei Jahren passiert viel! Ich habe mich sehr entwickelt und Kolumbien und die Erfahrungen, die ich hier gemacht habe, hatten großen Anteil daran. Auch im Land hat sich viel verändert. Seit 2016 ist der Friedensvertrag mit der FARC in Kraft getreten und Kolumbien entwickelt sich immer weiter. Seit drei Jahren verfolge ich mit, was in diesem einzigartigen Land passiert und das, obwohl ich vorher nicht einmal genau wusste, wo in Südamerika es liegt und was dort eigentlich passiert.

Ich bin demasiado feliz (unglaublich glücklich), dass ich die Möglichkeit habe, nochmal für längere Zeit hier zu leben und eine andere Seite Kolumbiens kennenzulernen. Durch das Auslandssemester habe ich sehr viel über die Politik, Gesellschaft und Strukturen in Kolumbien gelernt. Ich genieße das Leben in Bogotá sehr und jetzt, wo die Halbzeit anfängt (nein!), kommt die Panik auf. Nur noch drei Monate und ich muss Kolumbien schon wieder verlassen 😦

Vor zwei Jahren als mein Freiwilligendienst zu Ende war, habe ich mir fest vorgenommen nochmal in Kolumbien zu leben und diesen Traum erfülle ich mir gerade. Nach drei Monaten in Bogotá bin ich voll und ganz angekommen. Trotzdem habe ich nach wie vor eine starke Bindung zu Tunja. Kolumbianer*innen schmunzeln immer, wenn ich erzähle, dass ich in Tunja gelebt habe. „Tunja? Warum ausgerechnet Tunja?“
Mindestens einmal im Monat verlasse ich über das Wochenende Bogotá, um nach zwei Stunden grüner Bergfahrt in der Kleinstadt anzukommen und ein Stück zuhause zu fühlen. Jedes Mal, wenn ich nach Tunja fahre, spüre ich Freude im ganzen Körper. Wenn ich dann meine Gastfamilie und meine Nachbarn in die Arme schließe, merke ich ganz tief in mir drin: das ist ein Stück Heimat. Ich bin sehr dankbar, dass meine Gastfamilie mich jedes Mal wieder mit los brazos abiertos (offenen Armen) empfängt.

In dieser Stadt habe ich so viel erlebt, so viel gelernt. Auch wenn es vielleicht nicht viel zu tun gibt, genieße ich die Zeit mit Freunden und Familie, komme runter vom bogotaner Großstadtchaos, laufe durch die steilen Straßen im centro und frage mich, wie oft ich diese Wege schon gegangen bin. Hier treffe ich auf Straßenhunde, die sich in Gruppen versammeln und neugierig zu mir schauen. Nicht selten laufe ich jemandem über den Weg, den ich kenne und lange nicht mehr gesehen habe. In der ruhigen Stadt ist immer Zeit für einen Plausch. In Tunja kann ich meine Batterien wieder voll aufladen. Der Spaziergang in die umliegenden Berge mit Aussicht auf die ganze Stadt darf dabei nicht fehlen.

Vor einiger Zeit hätte ich niemals geglaubt, dass ich wieder hier sein würde und so oft ich möchte zu meiner zweiten Heimat fahren kann. So richtig bewusst wird mir das, wenn ich in der Küche sitze, während meine Gastmutter am rumwerkeln ist und wir uns über alles Mögliche unterhalten. Dann wird mir bewusst, das ist das, wonach du dich die letzten zwei Jahre gesehnt hast. Wieder in die zweite Heimat kommen und das Leben genießen.

Jedes Mal, wenn ich in Kolumbien bin, frage ich mich, was es ist, das mich so glücklich macht. Hier fällt es mir leicht unbeschwert zu leben. Es ist so leicht, eine gute Zeit zu haben mit Freunden oder auch alleine. Warum kann ich mich in Deutschland nicht so glücklich fühlen? Was für Hintergedanken beschäftigen mich dort, die mich davon abhalten?
Das Lebensgefühl hier ist ein anderes für mich. Die alegría (Lebensfreude) und Sorglosigkeit, die ich mit jedem Atemzug einzuatmen scheine. In Deutschland scheint jedes kleinste Problem grave (schwerwiegend). Ich kann mir wohl nicht vorstellen, für immer hier zu bleiben, aber es sind Erfahrungen, die ich hier mache, die mir zeigen, wie man das Leben genießt.
Es ist wahrscheinlich das, was mich an Kolumbien und seinen Menschen am meisten beeindruckt und fasziniert. Kolumbien ist gewiss weit davon entfernt perfekt zu funktionieren (was ist schon perfekt?), aber trotzdem packt mich die Lebenseinstellung jedes Mal, die ich dann auf mich anwende. Das ist wohl der Grund, warum ich mich in Kolumbien, vor allem in Tunja, immer zuhause fühlen werde.

Weisheit des Tages: in drei Jahren ist mir Kolumbien sehr ans Herz gewachsen und ich habe unheimlich viel über mich und mein Leben gelernt.

Traumurlaub auf San Andrés und Providencia

– 67 Tage nach der Ankunft –

Ein spontaner Traumurlaub in der Karibik. Auch das gehört wohl zum Auslandssemester in Kolumbien dazu. Wie angekündigt kommt heute ein Beitrag über meine fünftägige Reise auf die Inseln San Andrés und Providencia während der semana universitaria.
Nicht umsonst ist das Wasser um San Andrés und Providencia als el mar de los siete colores bekannt. Von dunkelblau über türkisfarben bis hellblau sahen wir die schönsten Färbungen des Wasser. Weißer, feiner Sand unter den Füßen, über uns ein Meer aus dichten Palmen an den Kokosnüsse wachsen, aus denen wir Coco Loco tranken während um uns das Rauschen des Meeres und die sanften Beats der Reggae-Musik zu hören waren. Pastellfarbene Sonnenuntergänge mit gefärbten Wolken, die aussahen als wären sie gemalt.

San Andrés ist wohl eines der beliebtesten Reiseorte Kolumbiens und obwohl während meines Freiwilligendienstes fast alle Freiwillige die Insel besuchten, bin ich nie dazu gekommen. Eine Insel mitten in der Karibik, 12 Kilometer lang und 3 Kilometer breit mit ca. 72.000 Einwohner*innen. Obwohl San Andrés nur 190 Kilometer von der nicaraguanischen Küste entfernt ist, gehört es zu dem 770 Kilometer entferntem Kolumbien, worauf viele Kolumbianer*innen sehr stolz sind. Die Inselbewohner*innen sehen das meist jedoch anders und einige sehnen sich nach Unabhängigkeit von Kolumbien. 90 Kilometer nördlich von San Andrés befinden sich Providencia und Santa Catalina, zwei weitere Inseln, die wesentlich weniger touristisch sind. Dort verbrachten wir den Großteil unserer Zeit und genossen einige Tage die Natur und Vielfalt der Karibik.

Von Bogotá aus flog ich am Sonntag zwei Stunden nach San Andrés und wurde von der tropischen Hitze erschlagen, auch wenn es schon 20 Uhr war, als ich ankam. Um nach San Andrés zu reisen, muss man eine „Tourist Card“ kaufen, die 110.000 Pesospro Person kostet (ca. 33€). Spannend wurde es, als ich nach einer überteuerten Taxifahrt (Taxi fahren auf San Andrés ist sehr teuer!) vor einem verlassenen Haus stand, das mein Hostel sein sollte. Nach langem Hin und Her stellte sich heraus, dass das Hostel umgezogen war, worüber ich allerdings nicht informiert wurde. Von einer kolumbianischen Familie, die mir bei der Suche half, wurde ich eingeladen bei ihnen zu übernachten, falls ich das Hostel nicht finden würde – also auch auf der Insel kolumbianische Gastfreundlichkeit und Hilfsbereitschaft.
Am nächsten Tag fuhr ich mit der Fähre drei Stunden nach Providencia, wo ich schon von meinen drei Mitreisenden erwartet wurde. Ich kannte zwar vor der Reise nur eine Person von den dreien und hatte sie erst eine Woche vorher über eine Freundin kennengelernt, aber genau das sind die spontanen, schönen Erlebnisse, die das Leben aufregender machen. Zu viert waren wir ein tolles Team und verstanden uns von Anfang an.

Untergekommen sind wir in einem Haus, das seit einer Woche ein Hostel werden sollte, dementsprechend waren wir die ersten Gäste und wurden sehr herzlich aufgenommen. Das Haus, direkt am Wasser, bot eine wunderschöne Aussicht. Kaum zu glauben, dass die Landschaften von Windowshintergrundbildern existieren.

Wir waren uns alle einig, dass wir keinen kompletten Strandurlaub, sondern auch die Umgebung erkunden wollten.
Am ersten Tag unternahmen wir eine Bootstour, bei der wir an verschiedenen Stellen schnorchelten. Obwohl das Wasser mehrere Meter tief war, konnte man bis auf den Grund sehen, so klar war es. Vom Boot ins Wasser gesprungen, konnte ich es nicht glauben, dass ich mich mitten im Ozean befand, das nächste Festland mehrere hundert Kilometer entfernt. Unter Wasser schwammen wir zwischen bunten Fischen und verschiedenen, bemusterten Korallen. Die Unterwasserwelt wirkte wie eine Parallelwelt auf mich und ich wollte gar nicht mehr auftauchen. Sogar eine Schildkröte habe ich gesehen, der ich ewig in ihrer natürlichen Lebensraum hätte zuschauen können.
Von einer kleinen Insel aus sahen wir das Meer von oben. Die verschiedenen Blautöne wirkten fast surreal.

Am nächsten Morgen standen wir um 3 Uhr auf, um den Sonnenaufgang von El Pico aus zu sehen, dem höchsten Punkt (360 Meter) mitten auf der Insel. Mit der hohen Luftfeuchtigkeit, der sich schon um die Uhrzeit aufbauenden Hitze und dem Aufsteigen des Berges, waren wir klitschnass als wir nach eineinhalb Stunden oben ankamen. Was wir zu sehen bekamen, war unglaublich. Um uns herum grüne, bewachsene Hügel. Weiter entfernt konnte man das türkisfarbene Wasser erkennen. Die Insel von oben ist traumhaft schön. Mich hätte es nicht gewundert auf einmal Langhälse und andere Dinosaurier zu sehen. Das Szenario erinnerte mich sehr an „Jurassic World“ oder „In einem Land vor unserer Zeit“.
Überrascht wurden wir vom starken Regen, der einmal über die Insel zog und uns noch nasser hinterließ. Das war jedoch schnell vergessen, als die Sonne sich zeigte.

Am selben Tag mieteten wir ein Golfcar mit dem wir den restlichen Tag Beach hoppten. So konnten wir die vier verschiedenen Strände der Insel erkunden und nach einem starken Coco Loco vom Barmann Rocko, wirkte alles noch surrealer und schöner. Von an Palmen befestigten Schaukeln sprangen wir ins klare Wasser. Während wir dann im Wasser lagen, den (viel zu starken) Coco Loco aus einer Kokosnuss schlürften und die Reggae-Beats im Hintergrund zuhörten, wurde uns bewusst, was für ein Privileg es ist, einen solchen Moment erleben zu dürfen.

Am letzten Tag auf Providencia liefen wir über die Brücke nach Santa Catalina, einer weiteren Insel. Dort verbrachten wir die letzten Stunden, eh wir mit der Fähre, die dieses Mal starken Wellengang hatte (was sich auf die Stimmung und das Wohlbefinden der Mitreisenden auswirkte) nach San Andrés fuhren.

In San Andrés ließen wir den gelungen, erlebnisreichen Kurzurlaub mit einem Abend im Restaurant und am Strand ausklingen, eh wir am nächsten Tag zurück nach Bogotá reisten.
Ich hätte noch einige Tage im karibischen Paradies bleiben können. Angekommen in Bogotá merkte ich jedoch, wie sehr sich die kolumbianische Großstadt schon nach zuhause anfühlt, so dass ich gar nicht so traurig über die Rückkehr war.
Das Wochenende verbrachte ich noch in Tunja mit meiner Gastfamilie und einigen Freunden, die ich lange schon nicht mehr gesehen hatte.

Es war ein traumhafter Kurzurlaub, den ich in freundlicher Gesellschaft mit tollen neuen Eindrücken und Erfahrungen erlebte. Dem karibischen Flair kann sich wohl niemand entziehen 😀

Weisheit des Tages: Spontanität ist eine der aufregendsten Dinge im Leben. Durch Offenheit in vielen Situationen haben sich mir schon so tolle Gelegenheiten geboten!

Ein Zug aus Eis und Feuer

Ich habe etwas getan, was ich immer wieder gerne tue: Neues ausprobieren!

Das Blog-Schreiben macht mir viel Spaß, obwohl ich momentan nicht viel zu berichten habe. Sobald ich wieder in Kolumbien bin, wird sich das jedoch ändern.
Um mal wieder einen anderen Text, als eine Hausarbeit zu schreiben, habe ich mich daran gewagt, eine Rezension zu verfassen, die auf dem Blog der lieben Marie veröffentlicht wurde. Schaut unbedingt bei ihr vorbei. Auf Everything is literary schreibt sie vor allem über Bücher, die sie inspirieren, sodass man direkt Lust bekommt, sie auch zu lesen!

Zu meinem letzten Geburtstag habe ich ein Buch von meinen Eltern geschenkt bekommen, welches ich in den Semesterferien endlich gelesen habe. Während des Semesters muss ich viele Texte für die Uni lesen und genieße es sehr, mich in der „freien Zeit“ mit anderer Literatur zu befassen.

Ein Zug aus Eis und Feuer ist ein Buch, das sehr zu Julumbien passt. Mir hat es so gut gefallen, dass es Gegenstand meiner ersten Rezension wurde.
Einige kennen vielleicht die Band Mano Negra, von der im Folgenden die Rede ist. Ich bin seit der 7. Klasse ein kleiner Fan von Manu Chao und seiner Musik, die wir im Spanischunterricht hörten. Die politischen Texte und unterschiedlichen Genres, die er zusammenmixt, inspiriert durch viele seiner Reisen, faszinieren mich. Weiterlesen

Tunja in Bildern und das große Nostalgieren

Mein geliebtes Tunja in Bildern

Manchmal, wenn die Nostalgie unerträglich wird, schaue ich auf meinem Blog alte Beiträge an. Das ist das Schöne am Blogschreiben. Während meines Freiwilligendienstes diente mein Blog eher dazu euch an meinem kolumbianischen Leben teilhaben zu lassen und jetzt, zwei Jahre später, sind die Beiträge für mich etwas sehr persönliches, Erinnerungen fast wie Tagebucheinträge. Ich lese sie und mir fallen Details ein, an die ich gar nicht mehr gedacht habe. Automatisch habe ich beim Lesen ein Lächeln auf den Lippen und fühle mich in den Moment zurückversetzt.

An meinen Texten merke ich auch, wie ich mich weiterentwickle. Vieles würde ich heute anders schreiben und teilweise habe ich nun andere Blickweisen auf bestimmte Dinge durch verschiedene Erfahrungen, die ich gemacht habe. Aber ich möchte nichts an alten Beiträgen ändern, denn damals wollte ich es so schreiben.

Ich muss zugeben, dass kein Tag vergeht, an dem ich nicht an Kolumbien und meine kolumbianischen Familien denke. Die Kultur, die ich dort erlebt habe, ist ein Teil von mir geworden und manchmal fällt es mir schwer, dass meine zweite Heimat so weit weg ist. Durch Salsa-Partys in Berlin, empanadas kochen oder nostalgische Wein- (manchmal auch aguardiente-) abende mit Frieda versuche ich mir einen Teil Kolumbiens nach Deutschland zu holen. Weiterlesen