Von Hot Dogs und vielen Avocados – chilenisches Essen

– 134 Tage in Chile –

Der letzte Monat ist angebrochen und meine Vorfreude auf die Rückkehr steigt jeden Tag mehr. Trotzdem genieße ich hier die letzte Zeit noch und wie geht das besser als mit Essen? Lust auf eine kleine Foodliste aus Chile? Viel Spaß. Und guten Hunger.


Wie in vielen lateinamerikanischen Ländern ist Reis ein großer Bestandteil der chilenischen Esskultur. Ich bin immer noch kein Reisfan. Umso besser, dass es auch viele Alternativgerichte gibt. Grundsätzlich ist das Essen sehr fleischlastig und es gibt auch viele Fischgerichte. Da ich weder das eine, noch das andere esse, werde ich euch von meinen persönlichen Highlights erzählen.
Chilenisches Essen war für mich gewöhnungsbedürftig. Wie sehr ich mich in den letzten Monaten doch an die Essgewohnheiten anpasste, merke ich an meinem Avocadokonsum, der mittlerweile auf mindestens fünf Avocados pro Woche angestiegen ist. Defintiv werde ich Avocados vermissen, die auf keinem Wochenmarkt, in Restaurants, Essensständen oder dem chilenischen Haushalt fehlen dürfen. Überall wird Avocado raufgeschmiert und ich liebe es!
Bisher habe ich noch nicht ein*e Chilen*in getroffen, die nicht verrückt nach paltas (Avocados) ist. Ich wurde von der Obsession angesteckt!

Wozu passt palta am Besten? Richtig. Zu Hot Dogs. Irgendwie scheint Chile den completo (Hot Dog) zum inoffiziellen Nationalsnack gekürt zu haben. An jeder Straßenecke gibt es ihn zu kaufen. Am liebsten nach chilenischer Art mit Würstchen, Tomate, viel Mayo und noch mehr palta. Typischer geht es nicht. Doch auch andere ausgefallene Varianten sind beliebt, so z.B. der Hot Dog mit Sauerkraut. Lecker, oder…?
Die Hot-Dog-Kette Dominó bietet günstig auch vegane Hot Dogs an.

Veganer completo (Hot Dog)

Chorrillana (auch a lo pobre, nach armer Art) ist wohl eines der typischsten Gerichte. Es ist eine Platte mit Pommes, einem Mix von verschiedenem Fleisch und Würstchen, Ei und Zwiebel. Beliebig werden aber noch allerhand andere Zutaten dazugepackt. Chorrillana ist ein Gemeinschaftsding. Man trifft sich mit Freund*innen und die ganze Runde isst von der Chorrillana. Hier zum Beispiel bereiteten Unifreund*innen und ich eine vegane Chorrillana zu mit Sojafleisch, Mais und Pilzen.

Vegane Chorrillana

Pastel del choclo ist ein Gericht, das ich bis heute noch nicht probiert habe. Ein leicht süßer Maisbrei, der auf Hackfleisch serviert wird. Es gibt verschiedene Variationen vom pastel del choclo.

Sopaipillas gibt es an jeder Ecke und ist mein Lieblingssnack. Kleine Kürbisfladen fritiert mit zahlreichen Saucenvariationen bestrichen oder auch in süßer Variante mit panela (Rohrzucker) findet man sie an jeder Ecke für 200 Pesos, rund 25 Cent. Esst sie, wenn sie euch über den Weg laufen!

Wie in vielen südamerikanischen Ländern gibt es in Chile eine Varietät an Empanadas. Im Gegensatz zu den kolumbianischen Empanadas, die fritiert werden, werden sie nach chilenischer Art im Ofen gebacken. Empanada de pino ist die typischste Empanada mit Hackfleisch. In Pomaire, einem Dorf mit verschiedenen Kunsthandwerken in der Nähe von Santiago, gibt es Ein-Kilo-Empanadas! Leider nur mit Fleisch. Die sind riesig und passen auf keinen Teller rauf.
In der Nähe meiner Wohnung fand ich einige vegane Empanadarías, die Variationen mit Sojafleisch und Tofu anbieten. Love it!

Chile ist weltweit bekannt für seinen Wein. Rund um Santiago gibt es verschiedene Weinfelder und Weinereien, die Touren und Verkostungen anbieten. Neben hochwertigem Wein, der bis nach Deutschland exportiert wird, gibt es hier auch den guten, alten Tetrapakwein. Dieser wird gerne mit einer süßen Brause gemischt und von jungen Leuten getrunken. Kopfschmerzen für den nächsten Tag sind vorprogrammiert!
Ein beliebtes, nicht-alkoholisches Getränk ist mote con huesillos. Mote ist ein (geschmackloses) Getreide, das in den Becher gegeben wird mit einem sehr süßen Pfirsichsaft und getrockneten Pfirsichen. Mein Geschmack ist es nicht.

Aber wo wir schon beim Süßen sind, Chile hat eine ausgebaute Kuchenkultur. Und wenn ich Kuchen sage, dann meine ich auch Kuchen, denn das ist das spanische Wort. Deutsche Einwander*innen des letzten Jahrhunderts brachten deutsche Backtraditionen mit und überall gibt es kuchen (plural kúchenes) de manzana (Apfel) oder andere Geschmäcker. Auch Streusel und Schwarzwälder Kirschtorte sind beliebt. Vor allem im Süden Chiles, wo viele der deutschen Einwanderer*innenfamilien leben, ist die Kuchenkultur ausgeprägt. Mich überraschte das anfangs sehr.

Drei weitere Lebensmittel, die mich überraschten waren pepino, cochayuyo und ajo chilote. Die violett-gelbe pepino (Gurke) ist eine Kreuzung aus Melone und Gurke. Verwirrung pur! Geschmacklich hat es genauso viel von einer Melone wie von einer Gurke, nur eben kombiniert.
Cochayuyo ist eine Alge, die vor allem entlang der Küste verkauft wird. Wenn sie gekocht wird, riecht die Küche mehrere Tage lang nach Meer.
Einer meiner Highlights ist der ajo chilote, der im Süden Chiles, hauptsächlich auf Chiloé, wächst. Ajo ist Knoblauch und ajo chilote ist ein Prachtstück, das ihr auf Fotos (oder in echt) gesehen haben müsst! Eine Knoblauchzehe ist so groß wie meine Handfläche! Ein Muss für alle Knoblauchfans.

Ach, ich könnte ewig so über Essen weiterreden! So habt ihr zumindest einen kleinen Einblick in die chilenische Kulinarik bekommen.
Großer Bestandteil meiner Ernährung sind die Einkäufe auf den vielen Märkten. Diese Woche war ich in La Vega, Santiagos größter Obst- und Gemüsemarkt. Ich liebe es zwischen den vielen Ständen herumzulaufen. Angebote werden von den Verkäufer*innen durcheinander gerufen. Ich kaufe mir einen Himbeer-Orangen-Chirimoya-Saft. Mit meinem Saft schlenderte ich an den frischen Waren vorbei und wusste in dem Moment in Deutschland würde ich die chilenischen Märkte vermissen.

Weisheit des Tages: Essen macht Spaß! Essen ist Vielfalt! Bleibt immer offen und probiert alles aus, was ungewöhnlich ist! Guten Appetit.

Nostalgieren zur Sonnenfinsternis

– 124 Tage in Chile –

Am Montag überkam mich die Nostalgie, obwohl ich Südamerika noch gar nicht verlassen habe. Als ich im Bus zu eine meiner letzten Univeranstaltungen saß, blickte ich auf die schneebedeckten, majestätischen Berge und überlegte, was ich an Santiago de Chile und am Leben in einem südamerikanischen Land vermissen würde. Die Liste wurde länger, als gedacht.

67B73171-0BAA-4284-9E7B-16B199B1C4BE
Weg zur Uni. Berge im Hintergrund

Gestern war eine totale Sonnenfinsternis. Die Sonne wurde in Santiago zu 92% vom Mond bedeckt. Viele machten sich auf den Weg ins Valle del Elqui, wo der Sternenhimmel so klar ist, wie fast nirgendwo auf der Welt. Dort war eine totale Sonnenfinsternis zu sehen.
Als ich die Tage vor der eclipse die Schlangen von Menschen sah, die spezielle Brillen holten, um in die Sonne blicken zu können, wurde mir noch einmal bewusst, was für ein touristisches Massenereignis es werden würde. Das Valle del Elqui würde nicht der intime, menschenleere, sternenvolle Ort sein, den ich in Erinnerung habe.

Mit einer Freundin fuhr ich zum Templo Bahá’i, ein bahaitischer Tempel außerhalb von Santiago. Der Aufstieg glich einer Pilgerveranstaltung. So viele Menschen und Autos quälten sich den Berg hoch. Wir suchten uns einen ruhigen Platz. Theoretisch mit Blick auf das so versmogte Santiago, dass es eigentlich doch nicht zu sehen ist, warteten wir den Mond ab, der sich 15:20 vor die Sonne schob. 16:20 waren 92% der Sonne verdeckt und es wurde kalt. Das Licht färbte sich sepia und die Hunde in ganz Santiago fingen an zu bellen. Es war gruselig! So viele Dinge passierten in dem Moment und wir beide spürten so viele Energien in dem Moment. So wie die Hunde anfingen zu bellen, verstummten sie sobald das Spektakel zu Ende war. Ein unglaublicher Moment.

Montag erzählte mir ein Freund der Uni, dass die eclipse eine Zeit der Reflexion sei. Just an dem Tag nostalgierte ich vor mir her. Mein Unterbewusstsein wählte sich einen nicht zu übertreffenderen Zeitpunkt aus. Sonnenfinsternis und Mitte des Jahres. Sechs Monate von 2019 sind rum und mein Jahr in Südamerika fast auch.

In den schwersten Zeiten lernen wir am meisten. Meine anfänglichen „Bedenken“ gegenüber Chile sind zwar nicht vollständig verflogen, aber die fünf Monate, die ich hier lebe, waren unglaublich lehrreich. Ich lernte viel über das Land, das eine brutale und faszinierende Geschichte hat, über Freundschaften und menschliche Beziehungen, über das Allein-Sein und über mich.

Es ist zu früh, um ein Fazit zu ziehen. Dafür möchte ich die letzten fünf Wochen, die ich hier bin, noch abwarten. Stattdessen wollte ich heute über meine Unierfahrungen an der Universidad de Chile sprechen, denn mir fiel auf, dass das in den letzten Monaten untergegangen ist. Da die meisten Leute denken, dass ich nur am Reisen und Vergnügen bin (was zu einem Teil auch stimmt), möchte ich euch meinen Unialltag beschreiben.


Nach einem langen Prozedere und einigen Komplikationen fing ich Anfang März an der Universidad de Chile an periodismo (Journalismus) zu studieren. Die Universidad de Chile ist Chiles älteste, staatliche Universität (die mittlerweile gar nicht mehr so staatlich ist). 1843 gegründet, ist sie eine der ältesten Universitäten Amerikas.

Das Semester neigt sich nun dem Ende zu und ich bin sehr froh darüber. Und stolz auf mich! Morgen habe ich meine letzte Veranstaltung. Zeitweise dachte ich, es wäre unmöglich all die Aufgaben zu bewältigen. Aber hier bin ich. Lebend. Atmend. Und mit vielen neuen Erfahrungen.
Ich belegte dieses Semester lediglich drei ramos (Kurse) mit denen ich aber gut zu tun hatte!

Historia y Política de Chile Contemporáneo
Mein einziger Erstikurs, Geschichte und Politik im kontemporären Chile, der es in sich hat. Ich wählte diesen Kurs, da ich einen Überblick über das Land erhalten wollte. Ich lernte viel über die interessante Geschichte Chiles durch zahlreiche Lektüre, Dokumentationen, Vorträge des profes und Gruppenarbeiten.
Im Rahmen einer Gruppenarbeit gingen wir ins Archiv der Nationalbibliothek in Chile und durchforsteten stundenlang alte Zeitungen. Mir fiel auf, ich hatte bis dato nie in einem Archiv gearbeitet.
Durch die Gruppenarbeiten und die zwei pruebas de lectura (Literaturprüfungen) für die ich jeweils 200 bis 300 Seiten lesen musste, hatte ich ordentlich zu tun, lernte so aber auch viel über Chile, von dem ich anfangs ein ganz anderes Bild hatte. Leider war der Unterricht doch ein bisschen trocken und langweilig.
In dem Kurs lernte ich neben der Geschichte Chiles auch, dass ich nicht in jedem Kurs Freunde brauche. Die Studierenden kamen frisch aus der Schule und waren wie aufgeregte Welpen, die nun eine neue Welt erkunden würden. Mit den Leuten, mit denen ich sprach, fand ich kaum gemeinsame Interessen. Ich fühlte mich alt, als ich merkte, dass niemand älter als Jahrgang 2000 war. Dabei war ich sonst immer das Küken.

Periodismo de Investigación
Investigativer Journalismus. Ein sehr spannendes Tema, mit dem ich mich hoffentlich noch mehr beschäftigen werde. Meine anfängliche Begeisterung legte sich schnell. An der linken, staatlichen Universität erwartete ich gerade im Studiengang Journalismus weltoffene Dozierende. In diesem Kurs hatte ich den einen oder anderen Kampf mit der fast 80-jährigen, konservativen Dozentin. Ihre Meinung stand und konnte nicht in Frage gestellt werden. Ich war schockiert. Als sie mir in einer Arbeit eine schlechte Note gab, weil ich gendergerechte Sprache verwendete und laut ihr so etwas im Spanischen nicht existiere, stand für mich fest, sie und ich würden keine Freundinnen werden. Müssen wir ja auch nicht. Trotzdem wünsche ich mir gerade von Menschen, die mit Studierenden arbeiten, (kritik)offen und kommunikationsbereit zu sein. Dinge ändern sich. Natürlich hat sie Jahrzehnte lange Erfahrung im Journalismus, das heißt aber nicht, dass sie sich vor neuen globalen Entwicklungen verschließen muss, nur weil „es immer so war“.
Okay. Ihr merkt, da spricht noch der Frust aus mir. Der Kurs hat mir trotzdem viel gebracht. Ich stelle euch kurz einige der Aufgaben während des Semesters vor:

  • Eine der ersten Aufgaben war ein Interview mit einer chilenischen Oma. Da ich kurze Zeit vorher die Oma meiner Mitbewohnerin kennenlernte, hatte ich eine Interviewpartnerin für die Aufgabe. Das Ergebnis ist ein achtseitiges Interview über die Vergangenheit der Oma und ihres Landes. Es war spannend ihre subjektive Einschätzungen über die historischen Themen zu hören. Auch wie sie das Erdbeben von Valdivia im Jahr 1960, das stärkste seit der Aufzeichnung der Messungen, Salvador Allende und dessen Sturz im Jahr 1973, die folgende Militärdiktatur und persönliche Dramen erlebte.
  • Ich las das Buch „El poder de la UDI“ von (besagter Dozentin) María Olivia Mönckeberg über die Entstehung der rechtskonservativen, politischen Partei Unión Demócrata Independiente (Unabhängige Demokratische Union, UDI), die während der Militärdiktatur entstand. Ich war erschrocken, als ich feststellte, wieviel Einfluss der Diktatur in der heutigen Regierung noch steckt. Über das Buch schrieben wir eine Prüfung.
  • Der Tag an dem ich geboren wurde, ein weiteres Thema. Wir suchten Ereignisse aus Zeitungsarchiven, die an unserem Geburtstag passierten. Es ist unterhaltsam zu lesen, wie damals berichtet wurde und was so aktuell war. Guckt doch mal rein, was an eurem Geburtstag passiert ist!
  • In einer Gruppenarbeit sollten wir ein investigatives Journalismusbuch vorstellen. Die Wahl meiner Gruppe fiel auf das Buch „Operación Siglo XX. El atentado a Pinochet“ der Autorinnen Patricia Hertz und Carmen Verdugo. Detailliert wurde das Atentat vom 7. September 1986 auf den Diktator Augusto Pinochet beschrieben.

Periodismo Internacional
Mein absoluter Lieblingskurs war der, des Internationalen Journalismus‘. Jede Woche hatten wir eine pruebe de actualidad, in der wir Fragen zu einem Text beantworten mussten und die Namen von vier Personen bekamen. Wir mussten dann beschreiben, warum diese Personen in der letzten Woche in den Nachrichten waren. Also mussten wir immer gut informiert und aktuell sein. Der Dozent ermutigte uns mehr internationale Medien zu konsumieren. So gewöhnte ich es mir an neben meinem „normalen“ Nachrichtenkonsum nun noch mehr Aktuelles zu verfolgen. Nachrichtenkonsum wurde so Teil meines Alltags. Mir fiel dabei auf, wie eurozentrisch die deutschen Leitmedien sind. Neben deutschen Medien verfolge ich auch kolumbianische und chilenische, um Ereignisse aus anderen Blickwinkeln zu betrachten.
In dem Kurs lernte ich viel. Wir behandelten Themen wie Koruption, Internationale Beziehungen, Diktaturen, weltweite Pressefreiheit, … Mir fällt es schwer die vielen Themen zu benennen. Sehr viel Input!
Insgesamt schrieben wir drei Reportagen während des Semesters für die wir jeweils mindestens zwei Personen oder Organisationen interviewen mussten. Meine Themen:

  • Wilderei in Botswana
  • Der Korruptionsfall Odebrecht in Kolumbien und seine Auswirkungen
  • Juristische Folgen der Colonia Dignidad und deren Aufarbeitung

Das war also ein kleiner Überblick über die Themen mit denen ich mich während des Semesters beschäftigte. Trotz eines sechswöchigen Streiks lernte ich sehr viel und fühle mich bestärkt darin eventuell doch in den Journalismus zu gehen. Mir macht schreiben Spaß, und recherchieren, und interviewen, und fragen. Ganz viel fragen, um die Welt zu verstehen.

Weisheit des Tages: Überall schlummern interessante Themen, wenn man mit offenen Augen durch die Welt geht. Ein Auslandssemester in Chile war für mich ein weiterer Perspektivwechsel, der mich auf viele, spannende Themen aufmerksam machte und zeigte, ich lerne nie aus. Und das ist gut so.

„Paula“ – Chile und seine Literatur

– 120 Tage in Chile –

Lesen, lesen, lesen. Eines meiner liebsten Hobbys und eine der besten Möglichkeiten in eine fremde Welt einzutauchen und mit mehr Verständnis wieder aufzutauchen. Um Chile besser verstehen zu können, versuche ich in der Zeit, die ich hier lebe, viel Literatur chilenischer Autor*innen zu lesen. Gabriela Mistral (1945) und Pablo Neruda (1971) sind zwei Personen aus Chile, die den Literaturnobelpreis gewannen und die chilenische Literatur für immer prägten.
Schon als Kind las ich Bücher von Isabel Allende. Sie war die erste lateinamerikanische Schriftstellerin, die ich las und ihr fantasievoller Schreibstil entführte mich in ihre selbstgeschaffenen Welten.

Auf dem Blog von everythingisliterary habe ich eine Rezension zu ihrem Buch „Paula“ verfasst, die ihr hier lesen könnt. Das Buch hat mir geholfen das Leben der Autorin, den Militärputsch im Jahr 1973 und die darauffolgenden Entwicklungen im Land besser zu verstehen.

IMG_6057


Hör mir zu, Paula, ich erzähle dir eine Geschichte, damit du nicht so verloren bist, wenn du wieder aufwachst. – Isabel Allende, Paula, Suhrkamp Verlag.

WORUM GEHT ES?

Das Unfaßbare geschah im Dezember 1991, als lsabel Allendes Tochter Paula plötzlich schwer erkrankte und kurz darauf ins Koma fiel. Eine heimtückische Stoffwechselkrankheit hatte die lebensfrohe junge Frau jäh niedergeworfen, im Herbst 1992 starb sie. Das Schicksal ihrer Tochter wurde für lsabel Allende zur schwersten Prüfung ihres Lebens. Um die Hoffnung nicht zu verlieren, schrieb sie, der Tochter zur Erinnerung um sich selbst zur Tröstung, »das Buch ihres Lebens – in doppelter Hinsicht« (Bayerischer Rundfunk), ihr persönlichstes und intimstes Buch »eine Hymne auf das Leben« (stern)“. (Quelle: Suhrkamp Verlag)

MEINE MEINUNG
Es ist eine ungewöhnliche Situation, in die die Lesenden geworfen werden. Isabel Allende setzt sie direkt neben sich an das Krankenbett ihrer Tochter. Mit bildlicher Sprache scheint es, als würde ihre kranke Tochter Paula vor uns liegen. Mit eigenen Augen können wir sie betrachten.

Um nicht in Trauer zu ersticken, fing Isabel Allende 1991 an, ihre Gedanken aufzuschreiben, als ihre Tochter ins Koma fiel. Aus ihrem Brief, den sie an Paula adressierte, wurde ein Buch, das ihre Tochter nie zu lesen bekam. Auf literarische Weise erzählt die chilenische Autorin ihre Lebensgeschichte und die ihrer Tochter. Mit vielen Anekdoten nimmt sie die Lesenden mit nach Lima (Peru), Beirut (Libanon), Santiago de Chile (Chile), Caracas (Venezuela) und letztendlich ins Madrider Krankenhaus, in dem ihre Tochter Monate in einem unveränderten Zustand liegt.

Die Autorin wechselt zwischen der Vergangenheit und den Krankenhausmomenten, in denen sie durch kleinste Veränderungen neue Hoffnung im Kampf gegen die Krankheit sammelt. Sie erzählt von Trauer, Kraft und dem Gefühl ihre Tochter langsam zu verlieren.

In den Passagen aus der Vergangenheit lässt Isabel Allende ihre fantasievolle Kindheit an verschiedenen Orten der Welt in ihren Erinnerungen aufblühen, an denen sie aufgrund der diplomatischen Tätigkeit ihres Onkels lebte. Schon früh zeigte sich, Isabel würde eines Tages ihre Fantasie in Romanen ausleben. Sie beschreibt, wie sie dazu kam, ihren ersten Roman Das Geisterhaus zu schreiben und schildert auch ihren Weg in den Journalismus in Chile. Gemeinsam mit anderen Frauen gründete sie die erste feministische Zeitung des Landes: Paula.

Als am 11. September 1973 der sozialistische Präsident Salvador Allende, Cousin ihres Vaters, bei einem durch die USA geförderten Militärputsch gestürzt wurde, begann eine neue Etappe in ihrem Leben und dem ihres Landes. Zwei Jahre später, in denen sie zur Zensur gezwungen wurde und unbemerkt politischen Gegner*innen Unterschlupf anbot, flüchtete sie nach Caracas und begann ein neues Leben. Sie lebte nie wieder in ihrem Heimatland Chile. 17 Jahre lang dauerte die brutale Militärdiktatur des „Präsidenten“ Augusto Pinochet. Die Jahre im Exil fielen Isabel Allende schwer. Trotz eines liebenden Ehemannes und ihrer zwei Kinder konnte sie sich lange nicht so recht wohlfühlen. Erst mit den Jahren gewöhnte sie sich an das reiche, tropische Land und begann Bücher zu schreiben.

In Paula geht es um den Verlust einer geliebten Person, Trauer, Lebensfreude, Liebe, Heimat und die ganz persönliche Lebensgeschichte einer der wichtigsten Autorinnen Chiles. Isabel Allende blickt auf ein erfülltes Leben zurück, in dem ihre Tochter eine der bedeutendsten Personen war und im Laufe des Buches verabschiedet sie sich von ihr. Beim Lesen spürte ich ihren Schmerz, lachte über Anekdoten aus dem Leben, reflektierte mein eigenes Leben und verlor mich in den mystischen Geschichten der Autorin.

Am Ende lernt man die Personen so gut kennen, dass sich der Tod von Paula wie ein eigener Verlust anfühlt. Auch der Abschied von der Autorin und ihrer verrückt-liebenswürdigen Familie fällt am Ende schwer. Man würde am liebsten immer weiter die Lebensgeschichte der Autorin und ihrer Familie lesen und nebenbei die fernen Länder kennenlernen, in denen sie viele Jahre lebte.

IMG_6053

Weisheit des Tages: Literatur kann ein Weg sein, andere Länder und Kulturen ein bisschen besser kennenzulernen. Vielleicht bekommt ja jemand Lust sich mehr durch lateinamerikanische Literatur zu lesen. Ich hätte da einige Empfehlungen!

Vom Minimalismus und dem Füllen der großen Leere

– 109 Tage in Chile –

Die Berge in Santiago de Chile sind jetzt mit Schnee bedeckt. Der Herbst ist da und der Winter rückt näher. Auf dem Markt gibt es kaum noch Obst, zu kalt ist es geworden. Mir war nicht bewusst, dass es so kalt hier werden würde! Als ich vor fast einem Jahr meinen Rucksack packte, bereitete ich mich auf fast alle Klimavariationen vor, bis auf den Winter. Nun fehlen mir dicke Pullis und Winterjacken. Schon jetzt freue ich mich auf den Sommer in Berlin.

3081F844-985F-4B6D-AC0B-6B59C1C2EA16
Ausblick aus meinem Fenster

Im letzten Jahr, bevor ich meine zwei Auslandssemester in Südamerika startete, habe ich eine interessante Erkenntnis gehabt, die sich mit einem vorbelasteten Wort benennen lässt: Minimalismus. Jede*r kann sich etwas unter dem Begriff vorstellen. Weiße, sterile Wohnungen ausgestattet mit einem Möbelstück pro Raum und der perfekten, grünen Zimmerpflanzen. Ein Bilderbuch wie vom Instagramprofil.

9095B487-1E9E-464F-90FA-73D0CFC18E7C

Minimalismus ist nicht gleich Minimalismus. Das einmal vorab. Was bedeutet es für mich? Wie kam ich dazu? Wie passt Minimalismus mit einem Jahr im Ausland zusammen?


Meine Mutter kann es wohl bestätigen, ich hatte ein kleines Shoppingproblem als ich in Teeniezeiten jedes Wochenende in Läden unterwegs war und (jedes Mal) das neunundsiebzigste Shirt kaufte. Der Kleiderschrank wurde voller, die Zeit jeden Morgen, die ich vor dem vollen Schrank stand ohne etwas zum Anziehen zu finden, länger. Paradox und doch wahr. Hand auf’s Herz. Wer beobachtet dieses Phänomen bei sich? Die naheliegendste Lösung: mehr kaufen, damit es mehr Optionen gibt!

So funktionierte es für mich nicht. Bei einer Kleidertauschparty im letzten Jahr fing ich bei den Massen an Klamotten, die alle mitbrachten, an, mich selbst zu hinterfragen. Wieviele von den Kleidungsstücken hortete ich schon seit Jahren ohne an sie zu denken oder sie anzuziehen? Wir alle haben dieses eine Oberteil, dessen Anlass noch kommen wird! Eines Tages… Nicht!
Während der Kleidertauschparty, bei der alle loswerden und niemand mitnehmen wollte, legte sich in meinem Kopf ein Schalter um. Ich fing an mich mit dem Thema zu beschäftigen, sah Videos auf YouTube und Dokumentationen auf Netflix. „The True Cost“ ist wohl eine der bekanntesten Dokus, die einiges in mir bewegte. Sehr empfehlenswert! Dieser Einblick in die Modeindustrie ließ mich schockiert zurück und mir wurde klar, ich will nicht länger Teil dieses toxischen Kreislaufs sein. Den wahren Preis möchte ich nicht mehr zahlen.

Vor einem Jahr fing ich an mehr auszusortieren, als neu zu kaufen. Der radikale Minimalismus begann, als ich im Juli 2018 meinen 65 Liter Reiserucksack für zwei Auslandssemester und ein Jahr reisen, packte. Was werde ich in einem Jahr brauchen? Was möchte ich anziehen?
Aus der Vielfalt an Kleidung kamen nur die Stücke mit, die ich wirklich liebe und in denen ich mich wohlfühle. Ich schaffte es für ein Jahr 18 Kilogramm zu packen, Kleidung, Kosmetik und alles, was man sonst zum Leben braucht.

In Kolumbien merkte ich schnell, ich brauche das andere Zeug, das noch immer in den Tiefen meines Zimmers in Berlin schlummert gar nicht. Mir wurde bewusst, alles was ich brauchte, hatte ich bei mir. Ein wenig cheesy, aber ich war begeistert und fühlte mich wohl damit.
Wer meine Beiträge aus Kolumbien gelesen hat, weiß, ich war rundum glücklich. Meine Zeit verbrachte ich mit interessanten Menschen, abwechslungsreichen Unternehmungen und der Verarbeitung neuer Eindrücke. Ich verspürte nicht das Bedürfnis zu kaufen. Alles, was ich brauchte, hatte ich bereits.

Wenn das Leben erfüllt ist, muss der Kleiderschrank nicht gefüllt werden. Mein Bedürfnis nach Glück erfüllte ich mit Freude am Leben in Kolumbien. In Chile hingegen verfalle ich in alte Muster. Seit dreieinhalb Monaten lebe ich in Santiago de Chile und trotz toller Aktivitäten und neuen Erfahrungen, versuche ich mit Käufen etwas zu kompensieren. Glücklich kaufen klappte doch früher auch?
Heute weiß ich, dass es mich nur kurzfristig glücklich macht und später ärgere ich mich, dass ich wieder ein Teil mehr besitze, dass ich gar nicht brauche.
Es gibt einen Unterschied zwischen brauchen, wenn beispielsweise Löcher in Socken nicht mehr zu stopfen sind und glauben zu brauchen. Einen schlechten Tag gehabt? Schnell zu H&M rein und sich einen Moment lang glücklich kaufen. Kapitalismus lässt grüßen.

Ganz unbewusst sehne ich mich hier nach Dingen. Klamotten, Büchern und was mir sonst noch so über den Weg läuft. Irgendetwas kaufen. Vorher fiel es mir leichter. Ich hatte einfach nicht das Bedürfnis zu kaufen. Das Leben füllte mich so aus, dass ich nichts weiteres brauchte. Ich war erfüllt. Glück in jeder Körperzelle. Es war ein schönes Gefühl. Ich fühlte mich so lebendig.

Hier in Chile merke ich, ich komme dem Bedürfnis zu kaufen wieder nach. Eigentlich wollte ich neulich nur mein Ladekabel umtauschen. Als ich mich dann im Flohmarktviertel Santiagos umgeben von gebrauchten Klamotten und Büchern wiederfand, wollte ich nur fünf Minuten gucken. 15 Minuten später waren 11€ weg und vier neue Teile da. Ist doch halb so wild, versuche ich mich zu beruhigen. Doch es klappt nicht. Ich weiß, dass ich die zwei Pullis und zwei T-Shirts nicht brauche. Ich habe genug.
Die Klamotten gefallen mir wirklich. Aber warum, wenn ich sie nicht brauche? Ich habe mich aus einem inneren Bedürfnis heraus leiten lassen und griff ins Portmonee. Eine große farbenlose Leere, die wartet gefüllt zu werden. Vorher war sie nicht da und jetzt muss ich sie irgendwie füllen, unbewusst.

Zum Minimalismus gehört für mich auch ein bewusster Umgang mit den Dingen, die ich besitze. Ich möchte keine Fast Fashion Industrie mehr unterstützen. Bei der Produktion von Kleidung werden sehr viele Ressourcen benutzt. Ich werde auch nicht mehr dem halbjährlichen Modetrend, den die Industrie ins Leben ruft, um Geld aus den Taschen zu ziehen, hinterherrennen.
In Kolumbien und Chile bin ich auf den Second Hand Geschmack gekommen. „Shoppen“ macht so viel mehr Spaß, denn ich wertschätze die Teile, die ich finde mehr. Jeder Fund ist eine kleine Errungenschaft. Und wenn ich nichts finde, was mir gefällt? Ist auch nicht schlimm. Es hängen immer noch genug Teile im Schrank.

5671D647-925C-46F2-B8CA-0AB457211184
Fünf von sieben sind Second Hand

Zu sein und nur die Dinge zu besitzen, die ich wirklich brauche, das ist für mich Minimalismus. Im Idealzustand sehne ich mich nicht nach mehr, sondern wertschätze die Dinge, die ich bereits habe. Mit weniger Gegenständen und Kleidung habe ich mehr Zeit für’s Leben. Ich möchte mich nicht über meiner Kleidung definieren, sondern über meine Charakterzüge und Eigenschaften, Erlebnisse und Erfahrungen.
Zwar machen Kleider Leute, aber auch Selbstbewusstsein, Auftreten, Humor und Umgang mit den Mitmenschen machen Leute. Ich bezweifle, das meine Freunde sich aufgrund meines Kleidungsstils mit mir anfreundeten.

Schöne Momente genießen

Ich freue mich darauf meinen Kleiderschrank, Bücher & Co. auszusortieren, wenn ich wieder zurück bin. Nach einem Jahr wird mir erst so richtig auffallen, wieviel Zeug ich wirklich habe und nicht brauche. Ich möchte mich nicht mehr permanent nach etwas zu sehnen, was ich besitzen will. Das ist nämlich echt anstrengend. Stattdessen möchte ich einfach sein und erleben, egal, ob ich nach der neuesten Mode gekleidet bin oder nicht.

Weisheit des Tages: Manchmal brauchen wir weniger zum Leben, als wir gedacht hätten.

Santiago, Chiles Kulturhauptstadt

– 86 Tage in Chile –

Vor fast drei Monaten kam ich nach Santiago de Chile, eine Millionenstadt, ohne große Vorstellungen und doch irgendwie mit Erwartungen. Kaum war ich da, dachte ich: hier bin ich, jetzt kann es losgehen! Doch in Santiago wartete natürlich niemand auf mich. Mir fiel es schwer mich einzufinden. Ständig tauchte ein neues Problem auf. Einige Wochen wusste ich echt nichts mit mir anzufangen. Alles war doof. Die Stadt war mir zu grau und exkludierend, chilenische Politik machte mich fassungslos, sogar chilenisches Essen konnte mich nicht überzeugen (dazu bald mehr). Ich fing an die Tage zu zählen bis ich die Stadt und das Land verlassen könnte. Einer meiner einzigen Lichtpunkte: der Besuch meiner Familie Mitte April. Für zwei Wochen reisten wir durch Patagonien in Argentinien und Chile. Als ich zurück nach Santiago kam, wollte ich der Stadt eine zweite Chance geben.DF682124-95A2-48A7-B51A-02EAA4DB217C

Da der Unistreik mich begrüßte, als ich wiederkam, nahm ich mir vor, die Zeit in Santiago bewusst für mich und meine Interessen zu nutzen. Ich tauchte ein in die kulturelle Welt der Hauptstadt, entdeckte langsam Ecken, die mir wirklich gefielen, probierte neue Dinge aus und lebte kleine Momente des Glücks. Lesen, schreiben, Ausstellungen, kulturelle Veranstaltungen und reisen füllten meine Wochen. Dieses Wochenende öffneten viele Museen in ganz Chile kostenlos ihre Türen. Überall waren Veranstaltungen, Diskussionsrunden und Workshops. Ich besuchte einige Museen und sah Tänze auf öffentlichen Plätzen.

Das Museum für chilenische Naturkundemuseum (Museo de Historia Natural) war unser erster Stop. Mir gefiel es, da es Chiles Flora und Fauna vom Norden bis in den Süden erklärt. Chile ist eines der vielfältigsten Länder der Welt mit der trockensten Wüste im Norden bis zu den riesigen (schmelzenden) Gletschern im Süden.
Im Parque Quinta Normal befinden sich mehrere interessante, teilweise kostenlose Museen. Weiter gingen wir ins Tonmuseum (Museo del Sonido), in dem die Geschichte des Tons gezeigt wird. Mich hinterließ es mit einem wohligen Gefühl. Damals konnten die Menschen so glücklich gemacht werden mit der Erfindung den Ton einzufangen und unterwegs mit portablen Schallplattenspielern Musik zu hören. Leute versammelten sich um einen Plattenspieler und lauschten gemeinsam den Klängen. So einfach kann – oder konnte – es sein, schöne Momente zu kreieren.

Heute besuchte ich das Museo de Violeta Para, einer chilenischen Künstlerin, die in den Bereichen Malerei, Weberei, Musik und Poesie aktiv war. Tagsüber fanden verschiedene Veranstaltungen statt. Nachmittags tratt auf dem Platz vor dem Museum eine Frauenband auf, zu denen die Menschen Cueca tanzten, Chiles traditionellem Nationaltanz, bei dem das Tanzpaar Tücher einsetzt. Als ich zum Tanz aufgefordert wurde, musste ich ablehnen, weil Cueca noch nicht zu meinem Tanzrepertoire gehört – und wahrscheinlich auch nie wird.

Abends ging ich zu einem Jazzmusikevent im Ausgehviertel Bella Vista. Niemand hatte so wirklich Zeit am Abend. Trotzdem wollte ich unbedingt hingehen. Eine Sache, die ich definitiv während der Zeit im Ausland gelernt habe: alleine sein und alleine Dinge unternehmen. Viel zu schade wäre es gewesen, mir diesen schönen Abend entgehen zu lassen. Was ich sah, löste unglaublich schöne Gefühle in mir aus. Jazzmusik der 20er Jahre wurde von einem Live-Orchester gespielt. Eine Tanzgruppe, die sich auf Swing spezialisierte, schwingte die Hüften, Haare und Gliedmaßen in einem solchen Tempo, das es unmöglich war, eine Choreografie zu erkennen. Menschen wirbelten sich gegenseitig über den improvisierten Tanzfloor. Egal, ob jung oder alt, dick oder dünn, schwarz oder weiß, Frau oder Mann oder alles zwischen dem genannten, alle tanzten mit allen. Es war ein Abend voller Energie und Lebensfreude. Die Tanzenden strahlten über das ganze Gesicht und steckten damit alle im Kreis um sie stehenden Menschen an. Niemand konnte sich ein Lachen verkneifen und Augen strahlten. Die Körper der Tanzenden schienen eins mit der Musik zu werden. Sie wussten genau, an welcher Stelle sie als nächstes den Fuß stellen, die Hüfte bewegen oder den Kopf nach hinten werfen mussten. Mit der Musik schien das Glück in sie zu strömen, so viel, dass sie durch gewagte Tanzschritte einen Teil wieder rausschüttelten und auf die Zuschauenden warfen. Für einige Stunden sah ich einfach zu und war glücklich Teil der Leidenschaft der Tanzenden zu werden.

Der Mai verging wie im Flug. Nachdem ich mich nach Veranstaltungen und Orten umschaute, wurde Santiago eine aufregende Stadt für mich. Nicht weit von mir gibt es immer etwas zu sehen und zu erleben. Die Stadt steckt voller Leben, Kunst und Abenteuer. Santiago ist hip, modern und aufregend. Einmal hineingestürzt in das Innere der Stadt, verborgen hinter den Tourifassaden, blüht das Leben. So viel ist los. Die Stadt lebt nie aus.

In meinem letzten Auslandssemester in Bogotá entwickelte ich eine Theorie, die ich in Chile bestätigt sehen wollte. „Ich kann überall glücklich sein, dafür brauche ich nur mich selbst.“ Der Anfang in Chile war wirklich kein leichter. Alles, was schief laufen könnte, lief auch schief. Mit der Zeit und einer anderen Einstellung, die ich mir erst anlegen musste, habe ich es geschafft, Santiago für mich zu entdecken. Es ist bei Weitem nicht meine Lieblingsstadt, aber mittlerweile verstehen wir uns ganz gut. Ich bin nicht mehr bei jeder Kleinigkeit genervt und schiebe es auf die Stadt. Ich finde mich jetzt besser zu Recht und lerne Dinge und Momente zu schätzen.
(Mir ist bewusst, dass ich in einer privilegierten Situation bin und mir nach Lust und Laune meinen Wohnort aussuche. Ein großes Privileg, das Millionen von Menschen nicht haben.)

Hier beginnt jetzt der Winter (oder ist es noch Herbst?). Ich stelle fest, dass ich darauf eindeutig nicht vorbereitet war. Ich friere in der Altbauwohnung! Kommentare wie: „Du bist deutsch! Das ist doch gar nichts für dich“ muss ich über mich ergehen lassen. Seit einigen Tagen habe ich jetzt eine kleine, elektrische Heizung. Erst weigerte ich mich eine zu benutzen, weil sie eindeutig nicht klimafreundlich ist. Wenn die Alternative aber eine kalte Wohnung ist, die kälter ist als vor der Haustür und Dauererkältungen sich anbahnen, dann versuche ich meinen beschmutzten ökologischen Fußabdruck anders auszugleichen.
Ich bin gespannt, wie sich die nächste Zeit hier entwickelt! Nun weiß ich, ich habe darauf einen Einfluss – wenn ich möchte. Der Streik ist jetzt erstmal beendet und morgen geht die Uni wieder regulär los.

Weisheit des Tages: Je mehr ich anfange, mein Leben in Santiago zu mögen, desto schneller vergeht die Zeit. Zeit, die man gut verbringt, vergeht schneller – scheint ein ungeschriebenes Naturgesetz sein.

Zwischen Sternenhimmel, Lagerfeuer und Weinfeldern

– 76 Tage nach der Ankunft –

Es gibt magische Orte auf dieser Welt! Chile hat mich mit dem Valle del Elqui im Norden Chiles davon überzeugt. Einige Tage verbrachte ich im magischen Tal zwischen Pisco- und Weinfeldern, bunten Dörfern, in denen Kunsthandwerk verkauft wird und unter dem klarsten Sternenhimmel der Welt.

Fünf Tage verreiste ich und erlebte so viel, dass es sich wie zwei Wochen anfühlte. Aufgrund des anhaltenden Universitätsstreiks überlegte ich letzten Mittwoch eine Reise zu unternehmen. Am Donnerstagmittag saß ich schon im Bus in das sieben Stunden entfernte La Serena.

1543 wurde die Stadt von den Spanier*innen gegründet und ist somit die älteste Stadt der Region. Früher war sie eine wichtige Hafenstadt mit Verbindung zu Santiago. Heute ist sie die Hauptstadt der Region Choquimbo und zählt mit der gleichnamigen Nachbarstadt 400.000 Einwohner*innen.
Von hier aus unternahm ich einen Ausflug zu dem zwei Stunden entfernten Fischerdorf Punta Choro. Dort fahren Boote zu den Islas Damas, Heimat einer Kolonie von Humboldt-Pinguinen, Seelöwen, Walen und anderen Tieren. Als ich ankam, war der Wellengang leider zu stark und der Ausflug viel wortwörtlich ins Wasser. Zufällig traf ich auf ein chilenisches Mutter-Tochter-Gespann, mit dem ich das ausgestorbene, verstaubte Fischerdörfchen erkundete. Sobald man sich wirklich Zeit nimmt für seine Umgebung, kann man wirklich viel entdecken. Am pazifischen Strand sahen wir viele Muschelarten, Algen, ausgefressene Krabbenkörper und wilde Hunde. Eine Hündin hatte es mir besonders angetan. Sie wollte „Hol den Stein“ spielen und folgte mir die ganze Zeit.

Nach einigen Stunden fuhren wir zurück nach La Serena. Eine typische Kleinstadt mit zahlreichen Geschäften, einem grünen, weitläufigen Hauptplatz und einigen bunten Graffitis, die mich ansprachen. Ich besuchte noch den Strand von La Serena mit dem Wahrzeichen der Stadt – dem Faro Monument. Besonders schön fand ich den Strand nicht. Hochhäuser und große Hotels grenzten direkt an. Vielleicht war ich auch nicht so begeistert, weil das Wetter nicht mitspielte.

DSC04771
Faro Monumental – Wahrzeichen von La Serena

Mit dem Bus fuhr ich am nächsten Tag zwei Stunden weiter ins Valle del Elqui zum hübschen 1000-Seelendorf Pisco Elqui. Auf dem Weg stiegen einige Menschen in anderen Dörfern aus, die nicht weniger Charme besitzen. Noch vor selbstgebranntem Pisco ist die Nobelpreisträgerin für Literatur, Gabriela Mistral, der Stolz der gesamten Region. 1889 wurde sie in Vicuña geboren und wuchs im Elqui-Tal auf. Hier gibt es nichts, das nicht ihren Namen trägt, ob Grundschule, Straßen oder Pisco-Destillerien.

In Pisco Elqui aß ich hausgemachtes Feigeneis auf dem überschaubaren, von Bergen umsäumten Hauptplatz. In zehn Minuten lief ich das Dorf ab und fuhr dann zu meiner Unterkunft. Ein bisschen verplant wie ich manchmal bin, staunte ich, als ich sah, dass das Cosmo Elqui Hostel nicht in Pisco Elqui, sondern praktisch im Nirgendwo zwischen Weinfeldern lag. Nach meiner anfänglichen Skepsis stellte ich schnell fest, es war die ideale Unterkunft für die Nacht!

Mit einer wunderschönen Anlage, netten Hostelleuten, weiteren Hunden und einem Lagerfeuer bei Nacht, genoss ich den klaren Sternenhimmel über mir. Ich konnte mich gar nicht sattsehen an den immer mehr werdenden Sternen. In dieser Nacht versperrte mir nichts den Blick auf das Universum. Aufgrund seines Mikroklimas, der Entfernung zu größeren Städten und folglich einer minimalen Luftverschmutzung, ist das Valle del Elqui einer der Orte mit dem klarsten Himmel der Welt.

 

Nach einer sternenreichen Nacht fuhr ich am nächsten Tag noch einmal nach Pisco Elqui. Von hier aus werden viele Touren angeboten, ob mit Fahrrad, Pferd oder Astrowanderungen bei Nacht. Ich lieh mir für 3.000 Pesos (ca. 4€) für zwei Stunden ein Fahrrad aus und bereute meine Entscheidung wenig später. Die Straße, die weiter ins Tal führte, war viel zu steil und ich kämpfte mich den Berg hoch. Nach einer Stunde suchte ich Asyl bei einem Weingut und kaufte mir zur Erfrischung einen Papayasaft, typisch für die Region. Unter einem Orangenbaum sitzend, konnte ich das erste Mal die Aussicht genießen. Unter mir tat sich ein breites Tal mit farbigen Wein- und Piscoanlagen auf, umsäumt von grauen Riesen.

 

Auf der Rückfahrt legte ich die Strecke in nur 15 Minuten zurück. Bergab legte ich so an Geschwindigkeit zu, dass mir die Tränen in die Augen schossen und das Adrenalin ins Blut. Die Aussicht zahlte sich aus!

Mit dem Bus fuhr ich weiter in den kleinen Ort Diaguitas. Aufgrund seiner magischen Kräfte lebt eine große Community der Hare Krishna im Elqui-Tal. Sonntags bieten sie ein kostenloses, veganes Essen an und kommen mit Menschen ins Gespräch. Das Essen war hervorragend und es war interessant zu sehen, wie sie leben und welche Ansichten sie vertreten.

 

Am Abend erwartete mich das letzte Highlight der Reise. Ich fuhr nach Vicuña, zur größten Stadt im Tal. Nachts wollte ich eine Tour zum Observatorium Mamalluca unternehmen. Im Internet las ich, man solle schon Tage vorher reservieren, da jedoch niemand auf Mails oder Anrufe reagierte, erreichte ich Vicuña leicht angespannt. Im Antawara Hostel wurde ich herzlich empfangen. Eine schöne Anlage mit niedlichem Innenhof und vielen Katzen und Straßenhunden, die tagsüber die Sonne, Streicheleinheiten und Futter genießen. Ich fühlte mich pudelwohl.

DSC04824
Sonnenuntergang in Vicuña

Durch Kontakte im Hostel konnte ich doch noch zum Observatorium. Die zweistündige Tour kostet mit Transport 10.000 Pesos (ca. 13€). Ich hatte nicht zu große Erwartungen, da eine Frau, die einen Tag vorher die Tour unternahm, mir erzählte, in den Gruppen aus mindestens 15 Leuten können alle nur wenige Sekunden in das 30-Zentimeter-Teleskop blicken. Ich hatte unglaubliches Glück! Außer einer chilenischen Großfamilie mit quirligen Kindern, nahm auch eine andere Deutsche an der Tour teil. Zu zweit wurde uns ein Guide zugeordnet, der mit uns eine halbe Stunde lang mithilfe des Teleskops das Universum erforschte. Wir konnten all unsere – teilweise leicht beschränkten – Fragen loswerden und lernten unglaublich viel über das Universum.
Wusstet ihr, dass Sterne je nach Temperatur und Alter unterschiedliche Farben haben, die mit bloßem Auge zu erkennen sind? Weiß-blaue Sterne sind am heißesten und rote Sterne am kältesten.

Es war unglaublich die Sterne so nah zu sehen! Obwohl ich in dieser Nacht so viele, wie nie zuvor in meinem Leben sah, waren viele nicht zu sehen. Die Milchstraße konnte ich zwar erahnen, aber sonst scheint sie noch heller. In dieser Nacht war der Halbmond sehr hell und „überleuchtete“ die Sterne. So konnten wir uns jedoch den Mond ganz genau ansehen. Ich sah Details, die ich mir niemals hätte vorstellen können und selbst unser Guide, der seit über 30 Jahren Astrophysiker ist, entdeckte neue Details, die er vorher nie zu Gesicht bekam. Das Foto vom Mond habe ich über ein kleineres Teleskop mit dem Handy aufgenommen!

 

Abschließend zeigte er uns noch ein Video, das meine Faszination ins Grenzenlose katapultierte. Tausend Gedanken schossen mir durch den Kopf. Mir wurde bewusst, wie klein und unbedeutend die Erde im Vergleich zu den unbekannten Weiten ist (und wie unbedeutend erst meine Sorgen zur längst überfälligen Hausarbeit). Für die meisten Menschen wird unser Planet das Einzige sein, was sie je kennenlernen werden – und wir zerstören ihn gerade 😦

Hier könnt ihr euch das sehr empfehlenswerte Video ansehen. Ich kam aus dem Staunen nicht mehr heraus.

Ich war so begeistert von diesem wirklich magischen Ort, dass ich im Juli gerne noch einmal hinfahren möchte. In der Zeit sollen zwei Planeten und das Innere der Galaxie zu sehen sein. Für die Sonnenfinsternis am 2. Juli will ich allerdings nicht hinfahren. Davon wurde mir aufgrund des Menschenandrangs und des bevorstehenden Chaos‘ abgeraten. Schon jetzt wird überall um La Serena Werbung für das „Event des Jahres“ gemacht und es gibt T-Shirts zu kaufen, mit Aufschriften „Eclipse 2019“.

Gerade das war das Schöne im Observatorium Mamalluca. In dieser Nacht fühlte es sich so an, als hätten wir den Sternenhimmel für uns alleine.

Weisheit des Tages: Alles ist relativ. Manchmal tut es ganz gut über unseren (begrenzten) Horizont hinauszublicken!

Wohin ich gehe: Streik!

– 65 Tage in Chile –

Ich scheine rebellische, revolutionäre Vibes auszustrahlen. Wohin ich gehe wird gestreikt. Freunde sagten mir aus Spaß, ich sei die neue Che Guevara und ich dachte mir dieses Kompliment lehne ich nicht ab.

Tatsächlich bin ich gerade im Streik. Nicht ich, sondern eher meine Fakultät. Nach meinen ersten Streikerfahrungen in Lateinamerika während eines Auslandssemesters in Kolumbiens Hauptstadt Bogotá, dachte ich, mein zweites Auslandssemester in Santiago de Chile würde ein wenig ruhiger verlaufen. Falsch gedacht. Es dauerte genau fünf Wochen (genau wie in Bogotá) eh die ersten Abstimmungen über einen möglichen Streik stattfanden. Nach einer zweiwöchigen Reise mit meiner Familie, die mich aus Deutschland besuchte, in der wir Patagonien, den Süden Chiles und Argentiniens bereisten, kam ich motivationslos nach Santiago zurück und die Studierenden beschäftigte nur eine Sache: Streik.

Während ich in Deutschland nie von einem längeren Universitätsstreik mitbekam, ist Chile das zweite südamerikanische Land, in dem ich einen live miterlebe. Warum wird hier gestreikt? Was sind die Motive? Wie lange wird der Streik gehen?

Als einer der ersten Gründe für den Streik, der nur einige Fakultäten einiger Universitäten in Santiago betrifft (wie in meinem Fall die Fakultät für Kommunikation an der Universidad de Chile, Chiles wichtigster „öffentlichen“ Universität), wird die mentale Gesundheit der Studierenden genannt. Sie kritisieren, dass die Studiengänge mit zehn Semestern für einen Bachelor zu lang sind, genauso wie die Unterrichtsstunden.
Ein weiteres Problem: mehr als 40.000 Studierende sollen in Zukunft keine finanzielle Förderung mehr erhalten. In einem Land wie Chile, in dem studieren nach wie vor eher der „oberen Sozialschicht“ vorbehalten ist, sind viele Studierende auf staatliche Hilfe angewiesen. Bisher erhielten sie Zuschüsse für Studiengebühren, Miete, Essen und Transport. Gelder sollen unter dem konservativen, neoliberalen Präsidenten Sebastian Piñera für auf finanzielle Unterstützung angewiesene Studierende gestrichen werden. Das will sich niemand gefallen lassen.

Ein zweiter zentraler Grund für den Streik ist das TPP-11. Die Transpazifische Partnerschaft ist ein geplantes Handelsabkommen zwischen Australien, Brunei, Chile, Japan, Kanada, Malaysia, Mexiko, Neuseeland, Peru, Singapur, Vietnam und ursprünglich den USA. Die USA stieg aus dem Abkommen aus, als Trump Präsident wurde. Als Freihandelsabkommen sollten Zölle abgeschaffen werden und freier Wettbewerb in den Ländern ermöglicht werden. Die Integration in Freihandelszonen ist seit den 1990er Jahren ein zentraler Bestandteil der chilenischen Strategie für Wirtschaftsentwicklung und hat die von der Diktatur eingeleitete einseitige Handelsliberalisierung ergänzt. Bis heute hat Chile mehr als 26 Freihandelsabkommen unterzeichnet und damit 64 Länder erreicht, die insgesamt 85% des weltweiten BIP ausmachen. In diesem Sinne stellt das TPP-11-Abkommen den letzten Schritt in dieser allgemeinen Strategie dar, in der der Staat die Rolle eines „Architekten von Institutionen für den Freihandel“ spielt (Quelle: ciperchile.cl). TPP-11 erntet viel Kritik nicht nur in der chilenischen Bevölkerung. Warum viele Chilen*innen nun dagegen protestieren, ist unter anderem darin begründet, dass sich das TPP auf die Rechte der indigenen Völker auswirken wird. Außerdem bedrohe das TPP-Abkommen die Demokratie, untergrabe nationale Souveränität, Arbeiterrechte, Umweltschutzmaßnahmen und die Freiheit des Internets (Quelle: observatorio.cl).

Wie äußert sich der Streik?

Einige Fakultäten waren nur einen Tag im Streik. Es gab keinen Unterricht in den Universitäten; stattdessen wurde auf die Straße gegangen, um zu protestieren. Meine Fakultät, die eine links-liberale Reputation hat, befindet sich nun schon über einen längeren Zeitraum im Streik. Letzte Woche hatte ich lediglich am Montag Unterricht. Danach gab es neue Abstimmungen, die eindeutig für einen Streik standen.

Vor allem im Vergleich zu dem nationalen Studierendenstreik in Kolumbien, bin ich erstaunt, wie wenig ich als Studentin hier mitbekomme. Nicht ein einziges Mal gab es eine Mobilisierung, von der ich mitbekommen hätte, viele Studierende liegen in der Universität sich sonnend im Gras, auch dem verschuldet, dass nicht alle Fakultäten gemeinsam streiken. Ich sehe hier weniger Zusammenhalt, Solidarität. Einige Kommiliton*innen mit denen ich sprach, bestätigten meine Vermutungen. Der Streik, der einen Tag stattfindet, den nächsten nicht, erscheint mir nicht besonders politisch und noch weniger organisiert. Zwei chilenische Freunde erzählten, viele der Studierenden, die für einen Streik votierten, wollten frei haben.

Damit möchte ich den Streik auf keinen Fall herunterspielen. Die Forderungen halte ich für sehr wichtig. Sie betreffen Lebensbereiche vieler Menschen. Vielmehr bin ich über die Art und Weise des Streiks erstaunt. Es fehlt meiner Meinung nach an Organisation, Planung, Demonstrationen und Solidarität der gesamten Universität und anderen Universitäten.
Obwohl ich in der Fakultät für Kommunikation bin und hier Journalismus studiere, habe ich nicht einmal etwas von einer öffentlich organisierten Demonstration gehört. Ich bekomme nichts von politischen Treffen mit, in denen die Situation und die Vorgehensweise diskutiert werden. Dementsprechend weiß ich weder, wie der Streik weitergehen, noch, was passieren wird. Dadurch, dass meine Fakultät eine der wenigen Fakultäten meiner Uni im Streik ist, weiß ich nicht, ob ich das Semester beenden kann.
Wenn wirklich etwas erreicht werden soll, so müssten sich die Studierenden mehr mobilisieren und mehr Aktionen starten.

Bin ich einfach falsch informiert? Oder kam ich zu „politisiert“ aus dem nationalen Studierendenstreik in Kolumbien?

Ich werde es in den nächsten Wochen herausfinden.

Streik
Foto vom Streik zum Internationalen Frauentag

Weisheit des Tages: Es gibt keine bessere Möglichkeit die politische Situation und deren Probleme kennenzulernen, als in vielen Gesprächen mit vielen unterschiedlich denkenden Menschen! Kommuniziert!

Sonntagsharmonie

– 37 Tage in Chile –

Durch die Jalousie merke ich, wie die ersten Sonnenstrahlen des Tages sich in mein Zimmer schleichen. Noch im Bett liegend ziehe ich an der Schnur, die Jalousie wird hochgezogen und die Strahlen kommen rein. Langsam kriecht die Sonne die Berge hoch. So kann ich nur die Umrisse der Anden erkennen. Jeden Morgen will sie mich so wecken. Ich liege noch ein bisschen im Bett und schaue aus dem großen Fenster runter auf die noch leere Hauptstraße. So langsam erwacht auch sie. Die Menschen kommen aus ihren Häusern und bereiten den Sonntagsmarkt vor. Stände werden aufgebaut und die Karren mit frischem Obst und Gemüse werden entladen. Mit ihnen kommt das Leben.

 

Nach dem Frühstück gehe ich aus der Wohnung. Ausgestattet mit einem Stoffbeutel und ein bisschen Bargeld. Der Markt ist keine 20 Meter von mir entfernt. Schon früh geht das bunte Treiben los. Menschen schlendern an den verschiedenen Ständen vorbei und vergleichen die Obstpreise. Während ich die Menschen beobachte, schlendere ich durch die schmale Gasse. Ich muss einigen Leuten mit ihren großen Taschen aus dem Weg gehen, die sie über den Boden ziehen. Nachdem ich einmal den Markt abgelaufen bin und mir einen Überblick verschafft habe, strebe ich die Stände an, die mir das beste und günstigste Obst und Gemüse verkaufen. Ein Kilo Pfirsiche für 800 (ca. 1 Euro) Pesos, ein Kilo Tomaten für 800, eine riesige Zucchini für 500 (ca. 65 Cent). Neben den üblichen Sachen möchte ich heute eine Wassermelone kaufen. Die letzten Sommerfrüchte geniessen, bevor der Winter in Chile anfängt. Ich erinnere mich daran, wie eine chilenische Freundin mir erzählte, Wassermelone sei für sie ein typisches Weihnachtsobst.
Der Markt ist harmonisch. Verkäufer*innen bieten ihre Ware an ohne unangenehm über die ganze Straße zu schreien. Gut gelaunt bringe ich meinen Wocheneinkauf in die Wohnung.

 

Samstags oder Sonntags gehe ich gerne zum mercado de la persa nahe der Metrostation Bío Bío. Ich liebe es hier zwischen den bunten Ständen aus Büchern, Instrumenten, Möbeln, Secondhandkleidung, alten Vinylplatten und Essen herumzulaufen. Jedes Wochenende gibt es Neues zu entdecken. Alles ist gebraucht. Das Angebot ist immer anders. Ich muss nicht immer etwas kaufen, ich komme her, um die Atmosphäre aufzunehmen. Diese riesige Markthallte wirkt trotz der vielen Menschen ruhig. Jeder Gegenstand den man hier sieht, scheint eine Geschichte zu erzählen, wenn man ganz genau hinhört. Bücher sind vergilbt und wurde bestimmt schon von fünf Menschen gelesen, wenn man Glück hat, findet man sogar Originalausgaben. Fast überlege ich eine Geige für umgerechnet 35 Euro zu kaufen. Mir fehlt das Geige spielen im Ausland.

 

Hier kommt niemand mit einem Ziel her. Die schmalen Gänge sind zum Schlendern, Beobachten, Genießen.
Manchmal koste ich eine der dicken, veganen Torten. Mit einem Kaffee setze ich mich an den Holztisch, um den bunt zusammengewürfelte Stühle stehen. Jeden Bissen der Schokoladentorte genieße ich, während die Menschen an mir vorbeilaufen. Mein Handy lasse ich in der Tasche. Das ist mein Moment. Nur der Kaffee, die Schokoladentorte, die jede meiner Geschmacksnerven anspricht und ich.

 

Bevor ich nachhause fahre, besuche ich noch das Mural (freie Übersetzung von mir: kunstvoll gemaltes Graffiti), das meine Mitbewohnerin Paula malte. Es ist das größte in Chile, das von einer Frau gemalt wurde. Mir gefällt ihr geometrischer, prägnanter Stil aus weißen und schwarzen Elementen. Das Besondere: das Mural ist auf dem Boden. Heute konnten auf dem Platz junge Künstler*innen ihre Kunst verkaufen. Der ganze Ort soll „kunstalisiert“ werden. Das erzählt mir heute ein Freund, den ich zufällig dort antraf, ebenfalls jemand aus der Kunstszene.
Abschließend gehe ich noch auf das Dach. Zur Zeit ist es noch nicht öffentlich zugänglich, aber das soll sich bald ändern, sagt mir der Freund. Von da aus sehe ich Santiago. Die Anden, die Santiago im Osten begleiten und auf der anderen Seite die Berge, die es vom Meer trennen. Zwischendrin die chaotische, versmogte Großstadt in der so viel Leben steckt.

 

Zuhause gucke ich aus dem Fenster und kann an den Spiegelungen der Hochhäuser erkennen, wie die Sonne langsam untergeht. Die Anden werden dabei rot von ihr angestrahlt. Ich schreibe diese Zeilen. Heute war ein schöner Tag. Mit dem frischen Gemüse koche ich mir etwas. Beim Essen schaue ich einen Film und genieße die letzten Stunden bevor die neue Woche mit neuen Aufgaben anfängt.

So mag ich meine Sonntage.

DSC04057

Weisheit des Tages: Der Sonntag ist zum Runterkommen. Neben der Uni, die in Chile für mich sehr zeitintensiv und anstrengend ist, muss ich mir bewusst die Zeit nehmen und kleine Ruheoasen schaffen. Ich hätte nicht gedacht, dass ich sie inmitten voller antiker Möbelstücke, Vintage-Kleidung und Menschen finden würde.

Mein Norden ist der Süden

– 26 Tage in Chile –

„Mi Norte Es El Sur: Qué dice Latinoamérica“.
Durch eine Gruppe der Uni bin ich auf das „Festival de Cine de Mujeres“ im Museum Violeta Parra aufmerksam geworden. Leider konnte ich mich erst am letzten Tag, den Sonntag, motivieren einen der vielen internationalen Filme des feministischen Filmfestivals zu besuchen. Dafür hat es sich sehr gelohnt und ich bin tiefgrübelnd mit vielen Gedanken aus dem Kinosaal gegangen.

„Mein Norden ist der Süden: Was sagt Lateinamerika“ heißt der Film der audiovisuellen Produzentin Amanda Puga Salman, der am Sonntag präsentiert wurde. Im Jahr 2013 begab sich die Chilenin auf eine Reise quer durch Lateinamerika. Am Anfang beschreibt sie, wie sie raus aus dem konsumorientierten, neoliberalen Chile wollte, um zu sehen, wie andere Länder leben. Ihr Weg führte sie nach Kuba, Venezuela, Kolumbien, Ecuador, Peru und Bolivien.
Der Film war in mehrere Abschnitte geteilt: „Was ich sehe“, „Was mir gesagt wird“, „Die Wahrheit“. In jedem Abschnitt kommen verschiedene Menschen jedes Landes zu Wort und erzählen von den Problemen, mit denen sie in ihrem Land konfrontiert werden. Zwischendurch sind Landschafts- und Alltagsszenen zu sehen. Mit dem Fortschreiten des Films nimmt das Tempo zu. Abschnitte der verschiedenen Orte werden immer schneller, vermischen sich miteinander. Anfangs wurden die Zuschauenden noch
an die Hand genommen. „Jetzt sind wir in Kuba.“ „Das beschäftigt die Menschen in Venezuela.“ Gegen Ende des Films konnten die Menschen und Länder nicht mehr auseinandergehalten werden. Kuba, Venezuela, Kolumbien, Ecuador, Peru, Bolivien, sie alle wurden zu einem Land vermischt: Lateinamerika.

Der Film war deprimierend! Aber beeindruckend. Amanda sprach mit so vielen Menschen, hat so viele Geschichten gezeigt und Hintergründe verständlich gemacht. Dinge passieren, die wir uns im ordentlichen Deutschland gar nicht vorstellen können. Im Chocó, Kolumbien, erlebte sie einen Guerrillaangriff, den sie aufnahm. Die Menschen, bei denen sie unterkam, waren nicht beunruhigt, sie fingen an zu lachen.
Ausnahmesituationen und Alltagsszenen. Eine Kubanerin erzählt, wie sie niemals eine Languste kaufen dürfe. Das ist nur für die Touristen auf Kuba. Sie fing an laut zu lachen: „Stell dir vor, was sie mit mir machen würden, wenn sie mich mit zwei Langusten erwischen!“. Es ist traurig, doch durch ihre sympathische Art fängt man an zu schmunzeln. Wie albern, was sich die kubanische Regierung für ihre Menschen ausgedacht hat.
In Venezuela regt sich ein Mann auf, dass propagiert wird, wie der Imperialismus bekämpft wurde, weiterhin aber keine venezolanischen Produkte innerhalb des Landes verkauft werden. Kaffee aus Brasilien, Käse aus Uruguay, Kekse aus Chile. „Wir haben den besten Kaffee der Welt! Warum verkauft uns unsere Regierung nur ausländische Produkte?“ Venezuela ist wohl das Land, welches sich seit der Aufnahmen am meisten verändert hat. Solche Filme wären jetzt wahrscheinlich gar nicht mehr möglich.
Bei ihrer Reise in Medellín sprach Amanda mit einem Mann, der ihr von dem Bürgerkrieg Kolumbiens erzählte. Frustriert erzählt er wie die FARC damals sich das nahm, was sie wollte, ohne jegliche Konsequenzen. Auch Kolumbien hat sich seitdem sehr verändert. Mittlerweile sind Reisen auf den damals gefürchteten Landstraßen möglich ohne Überfälle. Die FARC existiert offiziell nicht mehr. Kolumbien ist auf dem Weg zum Frieden.
Auf einem kleinen Markt in Quito aß Amanada Mittag mit zwei Ecuadorianern. Sie sprechen über die Korruption und Politik des Landes.
Am Strand von Huacachina sitzt sie mit einem Peruaner, der deutlich macht, wieviel Geld in die Taschen der Regierung wandert, wo doch die Bevölkerung es am meisten bräuchte.
In Bolivien unterhält sie sich über die Probleme der indigen Bevölkerung.

Immer schneller werden die Länder vermischt, so dass am Ende ein einziges übrigbleibt. Was in dem Film gezeigt werden sollte: alle Länder des Kontinents sind Lateinamerika. In jedem Land gibt es ähnliche Probleme. In Lateinamerika ist der Unterschied zwischen Arm und Reich viel zu groß, korrupte Politik nutzt vor allem die Minderheiten aus, Landeskulturen und indigene Völker werden benachteiligt und fast vergessen. Probleme, die in allen lateinamerikanischen Ländern auftreten. Jedes Land kämft heute noch mit seiner eigenen Geschichte. Im letzten Jahrhundert durchlebten viele lateinamerikanische Länder eine rechte Militärdiktatur. Die Geschichten entwickelten sich parallel bis heute.

Für mehr Informationen zu dem Filmprojekt schaut auf Mi Norte es el Sur vorbei.

Ich war beeindruckt von dem Film. Er ließ mich mit vielen Eindrücken zurück. Anschließend gab es eine Diskussion mit der Produzentin und der Regisseurin des Films. Ein Chilene aus dem Publikum meldete sich zu Wort: „Mich macht es traurig, dass Chile sich so fernab von Lateinamerika sieht. Wir sind doch auch ein Teil davon! Immer wird es damit begründet, dass wir durch die Andengebirgskette von allen abgeschnitten sind, dabei ist Argentinien nur wenige Stunden entfernt.“ Er erzählte, wie toll er es finde, dass mit Menschen, die aus Kolumbien, Ecuador oder Venezuela kommt, auch deren Kultur herkommt. „Jetzt gibt es Arepas und venezolanische Empanadas an jeder Ecke. Wir hören kolumbianische Musik. Das ist doch etwas Tolles, wie sich die Kulturen vermischen! Eine Bereicherung!“

Seine anfänglichen Worte passen zu dem, was ich in Chile bisher erlebte. Chile ist besser und hat nicht die gleichen Probleme wie die anderen lateinamerikanischen Länder. Hier geht es den Menschen gut und sie können von internationalen Produkten zehren. Es gibt keine Armut und Gewalt oder Korruption. Alles funktioniert perfekt.
Will Chile so auf andere Länder wirken? Strebt es so sehr Europa und den USA nach, dass es seine eigenen Ursprünge vergisst?

Isabel Allende schrieb in ihrem Buch „Mein Erfundes Land“:

Die Abgeschiedenheit gibt uns Chilenen die Mentalität eines Inselvolks, und die großartige Schönheit des Landes macht uns überheblich. Wir halten uns für den Nabel der Welt […] und kehren Lateinamerika den Rücken, da wir uns von jeher mit Europa vergleichen. Wir sind egozentrisch und brauchen den Rest des Universums einzig, damit er unsere Weine trinkt und Fußballmannschaften zusammenstellt, die wir besiegen können.

In Kolumbien war das immer etwas, was ich sehr bewundert und genossen habe. Dort spürte ich lateinamerikanisches Temparement. Ich habe das Gefühl, dass vor allem die mittel- und nordsüdamerikanischen Länder sich gegenseitig stärken wollen (auf gesellschaftlicher Ebene, nicht politisch). Ein Thema, dass in Street Art, Kunst und Musik häufig aufgegriffen wird. Hört euch das Lied von Calle 13 – Latinoamérica an.
Chile will sich bewusst davon abgrenzen. Vor allem an der Uni und in jüngeren Generationen merke ich, dass sie sich mehr Lateinamerika zugehörig fühlen wollen. Sie wollen auch mit Stolz sagen: Ich bin Latinx.

Ich finde es toll, dass ich die Möglichkeit hatte, so viel von Südamerika zu sehen. Während der Film lief, verglich ich das Gehörte mit eigenen Erfahrungen. Besonders musste ich mich an die Peru– und Bolivienreise zurückerinnern, die ich 2017 unternahm.
Als Europäerin fühle ich mich ein bisschen außen vor, so als ob ich zu dem Thema nichts sagen dürfte. Aber vielleicht ist das auch nur mein persönliches Empfinden, denn bisher haben sich die meisten darüber gefreut zu hören, dass ich mich colomboalemana (kolumbianischdeutsch) fühle.

Graffiti an der Universidad Nacional de Colombia
Graffiti an der Universidad Nacional de Colombia

Weisheit des Tages: Lateinamerika ist eins. Und doch so unglaublich groß, vielfältig und verschieden. Je mehr wir versuchen Länder auf ihre Unterschiede zu vergleichen, desto mehr Gemeinsamkeiten können wir entdecken und wertschätzen.

Chi Chi Chi! Le Le Le! Viva Chile?

– 19 Tage in Chile –

Ohne viel Vorwissen und Erwartungen, aber mit viel Abenteuerlust nahm ich vor fast drei Wochen den Bus von Mendoza, Argentinien, nach Santiago de Chile. Jetzt sind schon drei Wochen vergangen und so langsam fügt sich mir ein Bild aus den Dingen zusammen, die ich hier sehe und erlebe.

Warum Chile? – wurde ich oft gefragt.
Bei so einer Frage fühle ich mich schnell unter Druck gesetzt. Jetzt muss ich die perfekte Antwort abliefern. Also.
Mein Gedankengang zwei Auslandssemester hintereinander in zwei verschiedenen südamerikanischen Ländern zu machen, war der, dass ich neben Kolumbien noch ein anderes Land kennenlernen wollte. Ich hatte das Gefühl (und merke es immer noch), dass ich sehr fokussiert auf Kolumbien bin. Um es ein bisschen spiritueller auszudrücken: ich wollte meinen (kolumbianisch-deutschen) Horizont erweitern. Und warum in Chile?

  • Als Kind habe ich einige Kinderbücher der chilenischen Schriftstellerin Isabel Allende gelesen. So hörte ich wohl das erste Mal von dem fernen, langgestreckten Land in Südamerika.
  • Zwei meiner besten Freundinnen waren einige Zeit in Chile und haben das Land in den Himmel gelobt.
  • Mit meiner Uni in Deutschland gibt es eine Fakultätspartnerschaft in Santiago de Chile.
  • Die Geschichte Chiles ist sehr interessant. Ich wollte verstehen, wie das Land nach 17 Jahren Militärdiktatur, die erst 1990 endete, zu dem wirtschaftlich stärksten Land Lateinamerikas wurde. Pinochet hinterließ ein Trauma, das die Gesellschaft von heute noch begleitet und spaltet. Wie sich das im chilenischen Alltag bemerkbar macht, möchte ich herausfinden.
  • Chile, so stellte ich es mir von den wenigen Dingen, die ich über das Land wusste vor, ist ganz anders als der Rest von Südamerika. Eine Mischung aus europäischer Ordnung und lateinamerikanischer Lebensfreude. So dachte ich…

Es war keine Liebe auf den ersten Blick. Chile wollte mich erst nicht so richtig empfangen. Umso mehr freue ich mich, dass ich mich langsam einlebe und wohlfühle.
Bis Anfang August werde ich in Santiago de Chile wohnen und an der Universidad de Chile Journalismus studieren. Während es am Anfang so schien, dass niemand an der Uni wusste, das ich kommen würde und ich mir meinen Studienplatz ein bisschen erkämpfen musste, habe ich jetzt einen festen Stundenplan und kann mich einleben.
Von den Uniproblemen abgesehen, war es erst ein wenig schwierig eine schöne Unterkunft zu finden. Über Facebook habe ich eine Wohnung gefunden, die mir sehr gefiel, doch als wir ankamen, wollte ich sofort wieder weg. So eine verdreckte Wohnung habe ich wirklich noch nie gesehen. Nach einer Nacht auf einer Matraze ohne Laken oder Bettdecke nutzte ich den nächsten Tag eine Wohnung zu suchen, in der ich gerne bleiben würde. Jetzt bin ich schon seit über zwei Wochen in einer sehr schönen, minimalistisch eingerichteten Wohnung, mit netten Leuten und in einer lebendigen Wohngegend.

Abgesehen von den angfänglichen Problemen, die aufkamen, konnte mich Chile nicht wirklich mit seiner Kultur, Architektur und sagen wir mal Politik überzeugen. Ich bin ein bisschen naiv hergekommen und dachte, ich lasse mich überraschen. Vorher wollte ich mich nicht über Chile informieren, um alles aus erster Hand zu erleben.
Ich weiß nicht, wie mein erster Eindruck gewesen wäre, wenn ich von Deutschland hierhergekommen wäre. Dadurch, dass ich seit Juli in Kolumbien gelebt habe, wurde ich schnell wieder „kolumbianisiert“. Der Kulturschock von Kolumbien nach Chile ist riesig!

  1. Chile ist unglaublich teuer!
    Klar. Ich war ein bisschen an die kolumbianischen Preise gewöhnt. 2€ für ein Mittagsmenü mit Saft, Suppe, einem riesen Teller Hauptgang und einem Nachtisch ist woanders einfach nicht möglich. Aber selbst im Vergleich zu Deutschland erscheint mir Santiago sehr teuer! Ein Bier in einem Lokal kostet umgerechnet dann auch mal 5€. Supermarktpreise übersteigen die in Deutschland. Anfangs habe ich mich gefragt, wie ich mich hier überhaupt ernähren sollte! 3€ für einen Kilo gespritzte, unnatürliche Äpfel. 8€ für ein vegetarisches Hot Dog mit drei Kartoffelchips und 20€ für einen Liter Cocktail (für zwei Personen). Ein Schock.
    Mittlerweile entdecke ich immer mehr günstigere Alternativen. Günstig bedeutet dann Preise wie in Deutschland. Anstatt Obst im Supermarkt einzukaufen, warte ich immer den Sonntag ab, wo die grauen Straßen vor meiner Haustür, durch die die Hauptstädtler*innen hetzen, sich in einen bunten Obst- und Gemüsemarkt verwandeln. Der Markt macht Spaß! Dort kaufe ich gerne ein und decke mich für die Woche ein. Das einzige Problem: ich kann nicht einen Kilo Pfirsiche oder Tomaten in einer Woche essen. Da diese Produkte wirklich frisch sind, werden sie auch schnell schlecht. Aber so langsam habe ich den Dreh raus.

Was mich gerade im Vergleich zu Kolumbien sehr verwunderte: Chile scheint kaum nationale Produkte zu haben. Hier gibt es nicht den kleinen Laden nebenan, wo nur chilenische Produkte verkauft werden. Im Gegenteil! Wo ich wohne, gibt es viele Einwander*innen aus Kolumbien und Venezuela, die Produkte aus Nordsüdamerika mitbringen. Ich freue mich, wenn ich bekannte Marken, wie Chocoramo, Sol-Trinkschokolade oder anderes sehe.
Noch erstaunter war ich, als ich zahlreiche deutsche Produkte in den Supermärkten sah! Milka- oder RitterSportschokolade ist ja gar nicht so ungewöhnlich. Aber die gleichen Kekse, die ich in Deutschland esse, Rotkohl und Sauerkraut in großen Gläsern und Kräutersenf? Alles komplett auf deutsch. Chile scheint Produkte, aller möglichen Länder zu haben, nur kaum eigene. Damit kommen wir zum nächsten Punkt:

2. Imperalismus. Auf mich wirkt es so, als hätte die USA ihre große mächtige Hand über Chile. Schon die chilenische Flagge sieht aus wie eine reduzierte Version der USA. Anstatt Ähnllichkeiten mit Europa zu entdecken, sehe ich eher welche zur USA. Als wir Santiago de Chile vom Weiten sahen, hätte ich es auch für eine kalifornische Großstadt mit Wolkenkratzern halten können. Architektur und die vielen riesen Malls, auf die die Chilenen besonders stolz sind, sind sehr US-amerikanisch. Das Zentrum der Hauptstadt ist ein reines (noch überteurteres) Bankenviertel. Ein Reichtum reiht sich an das andere.
McDonalds, Starbucks und Co. findet man an jeder Ecke. Während es in vielen lateinamerikanischen Ländern nicht eine Starbucksfiliale gibt und nationalen Coffeehäusern somit die Chance auf Erfolg im eigenen Land gegeben wird (Juan Valdéz in Kolumbien), scheint es hier nichts anderes zu geben. Die großen (US-amerikanischen) Marken sind hier voll drin und bestimmen den Markt. Nescafé, Nestlé und Coca-Cola ganz vorne mit dabei. Ich weiß nicht, ob chilenische Eigenmarken und Alternativen verdrängt und aufgekauft wurden, oder ob sie nie existierten.

3. Kommerz und Konsum. Beides spielt eine große Rolle. Es wird viel darüber geredet, schließlich: Geld regiert die Welt. In Kolumbien erlebte ich, dass man auch ohne Geld eine gute Zeit haben kann und das komplette Finanzielle für einen Abend ausblenden kann. Hier ist es stets präsent. Öffentliche Universitäten? Genauso teuer wir Privatunis. Es gibt nichts, was nicht kostet.
Meine Mitbewohnerin ist Künstlerin, wodurch ich ein bisschen in die Kunstszene Santiagos reingerutscht bin. Das finde ich toll! Doch schnell merkte ich, auch hier ist das Kapital Thema Nummer Eins. Das kritisiert meine Mitbewohnerin übrigens genauso sehr wie ich. Ihrer Meinung nach wird das in der chilenischen Kunstszene viel zu wenig hinterfragt und Künstler*innen lassen sich und ihre Kunst zu schnell kommerzialisieren.

4. Mit dem Kommerzdenken und dem starken, chilenischen Markt kommt auch das „Chile-Denken“ mit, von dem ich schon vorher hörte. Chile ist anders als Lateinamerika. Chile ist besser als Lateinamerika. So sehen sich die Chilenen (Achtung! Provokante Verallgemeinerung). So beschrieb es auch Isabel Allende in ihrem Buch „Mein erfundenes Land“.
Was macht Chile besser als Argentinien, Venezuela, Kolumbien? Eine starke Wirtschaft mit Preisen, die man sich kaum leisten kann? Der Mindestlohn in Chile liegt bei umgerechnet 400€. Bei den Preisen, die ich oben genannt habe, wie soll man sich da über Wasser halten, wenn noch Miete, Sozial-, Krankenversicherungen und Bildung für die Kinder bezahlt werden müssen (ein Monat an einer öffentlichen Universität kostet umgerechnet 400€)?
Chile ist das neoliberalste Land, das ich kenne. Gestern, nachdem ich ein wenig recherchierte, fand ich heraus, dass der Neoliberalismus in Chile entstand, als jemand zu Zeiten Pinochets das Wort Liberalismus sporadisch verwendete. So entwickelte sich der Neoliberalismus. In Chile.

Hinter der Facette dieses angesehenen Landes steckt auf jeden Fall eine Menge mehr! Ich habe bisher nur einen kleinen Eindruck in die Kultur, Geschichte und Politik des Landes erhalten, lerne aber täglich dazu. Ich habe interessante Unterhaltungen mit verschiedenen Menschen, die mich mehr hinter die Facetten blicken lassen.

Vielleicht ist dieser Blogbeitrag zu negativ für den ersten aus meiner neuen temporären Wahlheimat. Der erste Eindruck kann täuschen! Ich bin gespannt, was ich am Ende der fünf Monate über Chile denken werde.
Demnächst werde ich auch sicher noch die positiven Seiten zeigen.
Was würdet ihre gerne lesen? Was interessiert euch an Chile

Weisheit des Tages: Chile ist ein sehr komplexes, vielseitiges Land! Der erste Eindruck kann täuschen, also zeig mir, was du zu bieten hast, Chile 😉