Leben mit meiner Gastfamilie

– 133 Tage nach der Ankunft –

Hola queridos.
Heute kommt ein Blogbeitrag über das Zusammenleben mit meiner kolumbianischen Familie.

Wer mich kennt, weiß, dass ich schon zwei kleine Austauschprojekte erleben durfte. In der 10. Klasse hatten wir einen Dänemarkaustausch. Für eine Woche kam eine Dänin zu uns in die Familie und eine Woche habe ich in dem kleinen Städtchen Odense in ihrer Familie verbracht.
In einer Woche lernt man allerdings nicht die Personen oder Familienbräuche kennen.

2014 habe ich einen dreiwöchigen Kanadaaustausch gehabt. Im Januar kam für drei Wochen „meine“ Kanadierin Sabrina (Sabi) zu uns und im April war ich drei Wochen da. Übrigens kommt sie mich diesen Sommer für ein paar Tage besuchen, das heißt wir haben immer noch guten Kontakt.
Damals erschienen mir drei Wochen seeeehr lange, denn ich war noch nie so lange von meiner Familie getrennt.
Heute sind drei Wochen für mich nicht viel 😀

Bei beiden Austauschprojekten hatte ich meine Freunde in der Nähe und es war nicht lange Zeit. Hier in Kolumbien bin ich für ein Jahr. Natürlich habe ich die anderen Freiwilligen als Freunde und wir machen fast jeden Tag etwas zusammen, aber meine Freunde in Deutschland kenne ich schon viiieel länger.
Ich würde schon sagen, dass ich nach dem Kanadaaustausch die Kultur besser kennengelernt habe. Mit einem ganzen Jahr kann man das aber nicht vergleichen.

Bevor ich mich für dieses Freiwillige Soziale Jahr entschieden habe, habe ich mir Gedanken gemacht, wie das ist, wenn man ein ganzes Jahr bei „fremden“ Menschen lebt. So begeistert war ich ehrlich gesagt nicht; was wenn man die Familie nicht mag oder die Bräuche, die sie haben?
In den ersten Tagen habe ich mich ein bisschen unwohl gefühlt. Fremde Menschen, die eine andere Sprache sprechen. Die Kommunikation war schwierig und man konnte sich in der ersten Zeit nicht kennenlernen, weil man erstmal die Sprache ein bisschen beherrschen muss.
Man fühlt sich wie ein Gast, der sich 24/7 höflich benehmen muss. Man kann nicht mal soeben singend durch das Haus laufen oder an den Kühlschrank gehen, wenn man möchte.

Mittlerweile hat sich das ziemlich geändert und meine anfänglichen Bedenken waren umsonst.
Wenn man in einer Gastfamilie lebt, hat man den Vorteil, dass man sehr schnell die Sprache lernt. Ich kann hier mit niemandem Englisch reden und war gezwungen mich auf Spanisch auszudrücken, auch wenn das anfangs ein bisschen schwierig war. Außerdem lernt man viel besser die Kultur des Landes kennen und hat Menschen, die einem sehr wichtig sind.

In der ersten Zeit hatte ich ein bisschen Probleme mit meiner Gastmutter. Sie ist eine sehr führsorgliche Person, die möchte, dass es allen gut geht und alle glücklich sind.
Anfangs hat mich das ehrlich gesagt sehr genervt, weil ich mich wie ein kleines Kind gefühlt habe und ich bin mit ihrer Art nicht klargekommen. Das habe ich natürlich nie geäußert (hoffe ich zumindest). Ich hatte sogar ein bisschen überlegt die Familie zu wechseln.
Jetzt bin ich sooo froh, dass ich es nicht gemacht habe! Es hat einfach ein bisschen Zeit gebraucht, sie besser kennenzulernen. Jetzt finde ich sie total liebenswürdig und habe sie ins Herz geschlossen. Jeden Tag führen wir alltägliche Unterhaltungen, wobei ich am Anfang gar nicht gewusst hätte, worüber ich reden soll. Sie kümmert und sorgt sich nach wie vor sehr um mich, aber ich finde das jetzt sehr lieb und süß von ihr. Sie möchte einfach, dass ich rundum glücklich bin!

Mein Gastvater ist jemand, der ein bisschen zurückhaltend ist. Nicht, dass er schüchtern ist, aber er zieht sich gerne in sein Zimmer zurück und redet meist nicht so viel. Beim Essen sitzt er meist nicht am Tisch, weil bei uns jeden Tag Nachbarn da sind, die für ein bisschen Geld bei uns essen können. Er sitzt im Wohnzimmer vor dem Fernseher und isst dort. Abends darf das tägliche Wrestlinggucken nicht fehlen 😀
Wir hatten mittlerweile schon gute Unterhaltungen. Er ist sehr belesen, weiß viel und interessiert sich für Vieles, auch für meine Kultur und Europa. So kann ich mich nun auch mit ihm unterhalten.
Anfangs hatte ich das Gefühl, dass er nicht wirklich etwas mit mir anfangen kann und auch nicht weiß, inwiefern ich ihn verstehe. Nun merke ich, dass er mich auch gerne hat. Heute morgen zum Beispiel wollte ich eine Mango essen und wir hatten keine im Haus. Er ist sofort losgelaufen zu einem tienda und hat mir eine Mango gekauft.

Meine Gasteltern sind bis auf Ausnahmen immer zuhause, da sie schon ein bisschen älter sind und nicht mehr arbeiten. Das fand ich anfangs auch ein bisschen komisch, denn ich war es gewohnt nachmittags unter der Woche das Haus mal für mich alleine zu haben. Das stört mich aber auch nicht mehr. Rumsingen kann ich zwar leider nicht (außer mit meiner Gastschwester zusammen), aber das überlebe ich.
Das heißt im Wohnzimmer ist immer jemand da, wenn ich reden möchte. Ansonsten kann ich mich in mein Zimmer zurückziehen, wenn ich möchte und habe so meine Freiräume.

Besonders toll finde ich es, wenn man Gastgeschwister hat.
Ich bin so dankbar für meine Gastschwester. Sie hat mir den Anfang sehr erleichert durch ihre offene und lustige Art. Mit ihr ist es jeden Tag witzig, aber wir können auch über ernste Themen reden. Für mich ist sie eine sehr wichtige Person geworden.
Mein Gastbruder ist ein bisschen zurückhaltend und wir reden nicht so viel außer vielleicht beim Essen. Aber mit ihm kann es auch sehr lustig sein, zum Beispiel wenn meine Gastschwester noch dabei ist.
Zu dritt gucken wir öfter mal Filme, meist Horrorfilme :p

Seit einigen Wochen lebt bei uns noch jemand zuhause. Ein 17-jähriges Mädchen, die in Tunja an der Universidad Boyacá studiert und deshalb ein Zimmer bei uns gemietet hat. Sie redet nicht viel. Ich habe schon ein paar mal versucht eine Unterhaltung anzufangen, aber da ist nicht wirklich was zustande gekommen. Gegenüber meinen Gasteltern finde ich sie manchmal ein bisschen unfreundlich, aber da mische ich mich nicht ein.
Entweder ist sie in der Uni oder in ihrem Zimmer (mit geschlossener Tür).
Vielleicht lerne ich sie in den nächsten Monaten auch noch besser kennen.

Momentan bin ich sehr glücklich und verstehe mich mit allen aus der Familie richtig gut.

Nach dem Essen sitzen wir meistens noch ein bisschen am Tisch und unterhalten uns. Montags bis Mittwochs haben meine Gastgeschwister auch nachmittags Unterricht und müssen nochmal los.

Wenn ich bei irgendetwas Hilfe brauche, würde mir jeder aus der Familie helfen und andersrum werde ich auch im Hilfe gebeten. Meine Gastgeschwister wollen beispielsweise ihr Englisch verbessern und bald werde ich ihnen einmal die Woche Nachhilfe geben.

Zu meiner Gastfamilie gehören für mich auch noch der Bruder meiner Gastmutter mit Frau und zwei Söhnen, die Schwestern meiner Gastmutter (eine lebt in Bogotá, die andere hat auch Mann und zwei Töchtern) und meine Gastoma dazu.
Meine beiden Gasteltern haben jeweils neun oder zehn Geschwister, dass heißt, dass die Familie viel größer ist, aber sie leben in Kolumbien verteilt und der Kontakt zu der Familie meines Gastvaters ist nicht sehr gut.
Die genannten Personen leben in Tunja und sind deshalb oft zu Besuch. Sie sind mir alle sehr sympathisch und ich kann mich gut mit ihnen unterhalten. Mit ihnen habe ich ja auch Weihnachten verbracht.

Also bin ich momentan seehr, seeehr glücklich in meiner Gastfamilie und fühle mich pudelwohl.
Meine Gastfamilie freut sich auch schon total, wenn meine Eltern und Geschwister aus Deutschland in drei Wochen kommen und wir reden jeden Tag darüber. Mit ihrer Gastfreundlichkeit wollten sie gleich alle vier im Haus haben und ich freue mich auch, wenn sich meine Familien gegenseitig kennenlernen. Ein bisschen lustig kann das schon werden, denn ich bin die Einzige, die deutsch und spanisch spricht 😀

Hier habe ich mir viele Gedanken zu dem Thema Familie gemacht. In Kolumbien merkt man, dass das Familiengefühl sehr stark ist und man eher etwas mit der Familie unternimmt als mit Freunden.
Ich merke für mich, dass mir meine Familie unheimlich wichtig ist und möchte, wenn ich zurück bin, mehr mit ihnen unternehmen.
So sehr ich meine Familie hier auch lieb habe, sie werden niemals meine Familie in Deutschland ersetzen können.

Weisheit des Tages: für ein Jahr in einer Gastfamilie leben, ist eine tolle Erfahrung und ich weiß jetzt schon, dass mir der Abschied in fünf Monaten seeehr schwer fallen wird.

 

Ein Gedanke zu “Leben mit meiner Gastfamilie

  1. Oasen der Großstadt 28. Februar 2016 / 14:17

    Liebe Jule,
    unglaublich, nun ist das Bergfest ja schon vorbei! Ich freue mich immer sehr, wieder was Neues von Dir lesen zu können und vor allem, dass es Dir gut geht. Wenn Deine Eltern kommen, sage ihnen doch bitte nochmal vielen Dank für die finanzielle Unterstützung unseres Schreibwettbewerbes.
    Du musst dann unbedingt von dem Besuch berichten! Bin schon sehr gespannt, was Ihr alles zusammen erleben werdet…
    Viele Grüße von Renate

    Gefällt 1 Person

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