Rezension: Hundert Jahre Einsamkeit von Gabriel García Márquez

Das Leben ist nicht das, was man gelebt hat, sondern das, woran man sich erinnert und wie man sich daran erinnert. – Gabriel García Márquez

Diese Rezension erschien auf dem Buchblog von everythingisliterary. Schaut bei ihr vorbei für mehr Rezensionen, Inspiration und alles rund um das Thema Bücher.


Hundert Jahre Einsamkeit. Ein Buchtitel, der nah an das Gefühl der aktuellen Lage herankommt. In Zeiten des Coronavirus erleben wir Isolation, Distanz und auch Einsamkeit. Ob Hundert Stunden, Tage oder Jahre, wieviel Zeit ist bereits in der (selbstauferlegten) Quarantäne vergangen? Gerade fühlt sich doch jeder Tag gleich an. Wer hat noch einen Überblick über Zeit? Spielt es überhaupt noch eine Rolle, ob Montag, Mittwoch oder Sonntag ist?

Vielleicht können wir diese Situation nutzen, um zu den Büchern zu greifen, die schon seit Jahren im Regal darauf warten, von uns gelesen zu werden. Lange hat es gedauert, eh ich mich an Hundert Jahre Einsamkeit, das Meisterwerk des kolumbianischen Literaturnobelpreisträger Gabriel García Márquez, gewagt habe. Bis heute ist er einer (wenn nicht sogar der) bedeutendste Roman Lateinamerikas und der Literaturströmung des Magischen Realismus. Seit seiner Erscheinung im Jahr 1967 wurde er in über 37 Sprachen übersetzt.

Habt ihr schon einmal etwas vom Magischen Realismus gehört? Wahrscheinlich nicht. Ein wunderschönes Literaturgenre, das in Lateinamerika entstand und kaum über seine Grenzen hinaus gereist ist. Zeigt das, wie eurozentrisch wir in unserer literarischen Bildung sind?

Bei der lateinamerikanischen Strömung verwischen die Grenzen zwischen Realität und Traum, Wirklichkeit und Fantasie. Schwer zu sagen, wo das eine anfängt und das andere aufhört. Der Magische Realismus ist in Lateinamerika deshalb so besonders, da Mythologie und Legenden der indigenen Gemeinschaften in vielen Texten aufgenommen und in die Geschichten eingeflochten werden. Ziel ist es nicht, rationale Storys wiederzugeben, sondern eine Parallelwelt zu schaffen, die gleichzeitig eine Tür offen lässt zur Realität.

Was passiert wirklich? Was ist nur ausgedacht? Spielt das überhaupt eine Rolle? Magischer Realismus ist eine Literaturgattung für jene, die dem Alltag ein bisschen mehr entfliehen wollen, die sich gerne mal von Träumen leiten lassen. Richtige Fiktion oder gar Science Fiction ist sie jedoch nicht. Dafür sind die Ereignisse zu real.

Das Besondere am Magischen Realismus ist die Erzählweise aus der Perspektive von Menschen, die unter Unterdrückung und Postkolonialismus in Lateinamerika leiden. Es wird nicht aus der Sicht der in der Gesellschaft dominierenden Weißen geschrieben. So kommt es, dass Traditionen, mythologische Geschichte und die Leiden des Kolonialismus und seiner Spätfolgen oft thematisiert werden.


Hundert Jahre Einsamkeit ist eines der wichtigsten Werke des Magischen Realismus. Gabriel García Márquez führt auf zauberhafte Weise die Lesenden durch die Geschichte der Familie Buendías, die sich mitten im Regenwald Kolumbiens ein Dorf und ein neues Leben aufbaute. Über hundert Jahre werden sechs Generationen der Familie Buendía im fiktiven Dorf Macondo begleitet. Anfangs ist die Geschichte ein schmaler Strang, der mit jeder umgeblätterten Seite zu einem blühenden, verwurzelten Baum heranwächst. Mit den Jahren wird das kleine, versteckte Paradies der Dorfbewohner*innen in den Tiefen des kolumbianischen Dschungels durch die historischen Ereignisse des Landes gestört. Ohne es zu wollen, werden die Charaktere in Kriege und politische Unruhen verwickelt. Auch innerhalb des Dorfes kämpfen sie gegen grausame, rätselhafte Krankheiten wie die des Erinnerungsverlustes. Die Familie wird heimgesucht von Naturkatastrophen, den Leiden der Liebe und politischer Ausbeutung, Unterdrückung und Korruption.

In der Geschichte verflechten sich Realität und Fiktion. Historische Ereignisse wie der jahrelange Bürger*innenkrieg in Kolumbien zwischen Liberalen und Konservativen spielen eine Rolle, genauso wie das schwere Bananenmassaker, das 1928 als grausames Ereignis in die Geschichte des Landes einging. Jene Ereignisse machen klar, dass Márquez nicht nur reine Fiktion schrieb, sondern reale, tragische Ereignisse der lateinamerikanischen Wirklichkeit mit einfließen ließ. Márquez Art mit Wörtern zu spielen und die Familienchronik zu beschreiben, ist wahrhaft magisch.

Ich erinnere mich gerne an das melancholische Gefühl, das die Geschichte in mir auslöste. Beim Lesen schien ein bisschen tropische, gleichzeitig bedrückende Hitze auf meine Stimmung überzugehen. Es ist leicht, sich in den Welten der Familie Buendía zu verlieren und die tragischen Momente mitzuleiden. Ich stellte mir Macondo vor, wie das Dorf, dass ich im Amazonas besucht hatte.


Für alle, die sich für lateinamerikanische Literatur und insbesondere Magischen Realismus interessieren, ist Hundert Jahre Einsamkeit Pflichtlektüre. Auf meiner Leseliste stand es lange Zeit und ich brauchte einige Monate, um es (mehr oder weniger aktiv) zu lesen. Gerne griff ich zu dem Buch, wenn ich eine Abwechslung zu den eigenen Tagträumen wollte. Hundert Jahre Einsamkeit ist eines dieser Bücher, bei dem vielleicht nicht jeder Nebenstrang der Handlung verstanden werden muss. In der Chronologie und den Charakteren kam ich einige Male durcheinander. Es empfiehlt sich eine Übersicht der Charaktere zur Seite zu legen. Neben den ohnehin schon gleichklingenden spanischen Namen, tauchen sie in späteren Generationen und Kombinationen erneut auf. 

In Márquez Meisterwerk zerfallen die Familie, das Dorf und die Realität. Hundert Jahre Einsamkeit ist ein Jahrhundertbuch, das mich noch lange begleiten wird. Ich sehe es als ein Gesamtwerk, das sich beim Lesen zu einem großen Bild zusammentut. Charaktere kommen und gehen. Über einen Zeitraum von Hundert Jahren begleitete ich sie. Sechs Generationen erlebte ich leiden, lieben und sterben. Als ich das Buch ausgelesen hatte, musste ich mir einige Minuten Zeit nehmen, um wieder aus den Tiefen des kolumbianischen Dschungels und den Tragödien der Familie Buendías aufzutauchen.

Kolumbianischer Dschungel

Weisheit des Tages: Es mag ein ungewöhnliches, teils sogar langatmiges Buch sein, ist aber definitiv ein Blick über den bekannten Tellerrand hinaus, ein Entkommen aus der mollig-warmen Lesekomfortzone.

2 Kommentare

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