Noch mehr Essen!

– 193 Tage nach der Ankunft –

Heute geht es weiter mit dem Thema Essen, insbesondere der Esskultur, die ich hier kennengelernt habe.

Anfangs gab es einige Dinge, die ich als sehr merkwürdig empfand, an die ich mich mittlerweile gewöhnt habe. Darum geht es heute:

  1. Wenn man seinen Teller bekommt, die meine Gastmutter immer großzügig serviert, wie schon im letzten Beitrag angedeutet, dann fängt man an zu essen. In meiner Familie in Deutschland, warten wir solange bis jeder sein Essen hat und man fängt gemeinsam an. Während das bei uns selbstverständlich ist und als höflich gilt, wurde ich hier angeguckt mit einem fragenden Blick in den Augen: Worauf wartet sie? Warum fängt sie nicht an?
  2. Es wird nur mit einem Löffel oder einer Gabel gegessen. Oder mit den Fingern. In Deutschland benutzt man das Messer zum Schneiden oder als Hilfe, um das Essen auf die Gabel schieben zu können. Dafür wird das Messer hier nur von Erwachsenen benutzt. Dinge, die geschnitten werden müssten, werden von allen Kindern (manchmal auch von Erwachsenen) in die Hand genommen und man beißt ab, das gilt insbesondere für das Fleisch, das sehr schwer zu schneiden ist.
    Um auch die letzten Reiskörner aufessen zu können, wird das Essen mit den Fingern auf Löffel oder Gabel geschoben.
    Mir kam das anfangs seeeehr merkwürdig vor. Doch mittlerweile merke ich, dass ich das Messer auch immer weniger benutze.
  3. Es wird (zumindest in meiner Gastfamilie) mit seeeehr wenig Gewürzen und Salz gekocht. Naja, das ist nicht nur in meiner Gastfamilie so. Gewürze werden einfach nicht so viel benutzt. Ganz selten ist der Pfeffer. In Deutschland steht das in einem Restaurant neben Salz auf jedem Tisch. Meine Gastmutter meinte einmal, dass sie ohne Pfeffer kocht, weil sie dagegen allergisch ist. Aber nur wenn sie ihn riecht, dann muss sie niesen 😀
  4. Der nächste Punkt war für mich eine sehr große Umstellung.
    Vom letzten Eintrag wisst ihr ja schon, dass nur selten bis gar nicht Saucen gegessen werden. Dazu kommt noch, dass sehr wenig getrunken wird. Von zuhause aus kenne ich es so, dass alle zuerst das Trinken bekommen und dann das Essen. Hier ist es andersrum. Trinken ist nicht so wichtig. Das kommt ungefähr nach der Hälfte des Essens oder manchmal auch erst, wenn man schon aufgegessen hat. Ohne Sauce oder Getränk trockenen Reis zu essen, fiel mir sehr schwer, was ich mir mittlerweile gut antrainiert habe 😀 Mein Gastvater nimmt oft zum Essen auch gar kein Trinken.
    In der Grundschule, wo ich arbeite, bekommen die Kinder Mittagessen. Bei einer Lehrerin dürfen die Kinder erst etwas trinken, wenn sie den ganzen Teller aufgegessen haben. Das fand ich sehr merkwürdig.
    Neben den Mahlzeiten wird normalerweise auch nicht viel getrunken. Die Grundschüler staunen immer, wenn sie meine 1-Literflasche sehen, die gibt es nämlich nicht in allen Läden. Meine Gastschwester hat das am Anfang auch fasziniert. Sie hatte mich damals gefragt, warum ich soviel Wasser trinke; ich habe gesagt, dass viel Trinken wichtig ist und sie hat gefragt warum.
    Das Trinken ist hier nicht so wichtig, wie es uns in Deutschland beigebracht wurde. Nichts mit zwei Litern pro Tag.
  5. Wenn es Trinken gibt, dann ist das fast immer jugo (Saft, im castellano-Spanisch sagt man zumo). Ich dachte in den ersten Monaten, dass die Säfte frisch gepresst sind. Manchmal macht meine Gastmutter frische Säfte. Wie ich später herausgefunden habe, werden die Säfte jedoch meist aus gefrorenen Saftplastikbeuteln in den Mixer gesteckt, mit viel Zucker.
  6. Früüüüüüüchte!!! Die Fruchtvielfalt in Kolumbien ist wirklich beeindruckend! Das habe ich ja schon an meinem ersten Wochenende festgestellt, als ich auf dem Fruchtmarkt in Villa de Leyva war. Wenn ihr wollt, kann ich euch ja mal einige unbekannte Früchte vorstellen, die es nur hier gibt (und die ich sehr vermissen werde!).
  7. Typisch für meine Gastfamilie ist, dass meine Gastmutter alle bewirtet. Bei uns kommen zum Essen oft Nachbarn, besonders Nachbarskinder, die für ein bisschen Geld bei uns essen. Deshalb weiß ich nie, wer am nächsten Tag zum Essen da sein wird.
    Meine Gastmutter isst immer erst, wenn alle fertig sind, also meistens alleine vor dem Fernseher. Ihr ist es sehr wichtig, dass alle zufrieden sind mit dem Essen und vor allem satt.
    In Deutschland habe ich sehr gerne und oft gekocht. Meine Gasteltern mögen es aber nicht so gerne, wenn ich mir selber das Essen zubereite. Sie sind der Meinung, dass ich bezahle und deshalb nichts alleine machen muss. Daran musste ich mich auch gewöhnen. Morgens füllt sie mir die Cornflakes und Milch in die Schüssel. Ich mache das nie. Mich hat das gestört am Anfang und ich habe es einige Male angesprochen, aber sie möchte nicht, dass ich irgendetwas alleine mache, wenn es das Thema Essen betrifft.
    Also lasse ich mich ein Jahr lang verwöhnen.
  8. Im letzten Punkt wird noch einmal deutlich, wie wichtig das Essen in Kolumbien ist.
    Wie ihr ja schon wisst, fängt die Schule bei mir 6:10 an. Dementsprechend geht sie auch nur bis 12:30. Fast alle in Kolumbien gehen zur Mittagszeit nachhause um mit der Familie zu essen.
    Meine Gastgeschwister haben montags bis mittwochs zum Beispiel vormittags und nachmittags Unterricht. Dazwischen sind zwei Stunden Pause, damit man Mittag essen gehen kann. Einige Nachbarn, die bei uns essen, kommen mittags von der Arbeit und essen mit. Diese Pause ist den Kolumbianern sehr wichtig.
    Meine Gastmutter hat mir auch einmal gesagt, dass ihr es sehr wichtig ist, dass es Frühstück, Mittag und Abend immer zur gleichen Zeit gibt.
    Ich finde es auch schön, dass wir immer alle zusammen essen 🙂

 

Durch die aufgelisteten Punkte habt ihr bestimmt bemerkt, dass viel rund um das Thema Essen ein wenig anders gehandhabt wird, als in Deutschland. Viele Dinge wusste ich vor meinem Freiwilligendienst gar nicht. Was hat euch am Meisten überrascht?

Weisheit des Tages: Nicht nur das Essen ist in anderen Kulturen unterschiedlich, sondern auch das „Drumrum“. Ich finde es sehr interessant, dass ich das Kennenlernen konnte.

 

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