Von Hot Dogs und vielen Avocados – chilenisches Essen

– 134 Tage in Chile –

Der letzte Monat ist angebrochen und meine Vorfreude auf die Rückkehr steigt jeden Tag mehr. Trotzdem genieße ich hier die letzte Zeit noch und wie geht das besser als mit Essen? Lust auf eine kleine Foodliste aus Chile? Viel Spaß. Und guten Hunger.


Wie in vielen lateinamerikanischen Ländern ist Reis ein großer Bestandteil der chilenischen Esskultur. Ich bin immer noch kein Reisfan. Umso besser, dass es auch viele Alternativgerichte gibt. Grundsätzlich ist das Essen sehr fleischlastig und es gibt auch viele Fischgerichte. Da ich weder das eine, noch das andere esse, werde ich euch von meinen persönlichen Highlights erzählen.
Chilenisches Essen war für mich gewöhnungsbedürftig. Wie sehr ich mich in den letzten Monaten doch an die Essgewohnheiten anpasste, merke ich an meinem Avocadokonsum, der mittlerweile auf mindestens fünf Avocados pro Woche angestiegen ist. Defintiv werde ich Avocados vermissen, die auf keinem Wochenmarkt, in Restaurants, Essensständen oder dem chilenischen Haushalt fehlen dürfen. Überall wird Avocado raufgeschmiert und ich liebe es!
Bisher habe ich noch nicht ein*e Chilen*in getroffen, die nicht verrückt nach paltas (Avocados) ist. Ich wurde von der Obsession angesteckt!

Wozu passt palta am Besten? Richtig. Zu Hot Dogs. Irgendwie scheint Chile den completo (Hot Dog) zum inoffiziellen Nationalsnack gekürt zu haben. An jeder Straßenecke gibt es ihn zu kaufen. Am liebsten nach chilenischer Art mit Würstchen, Tomate, viel Mayo und noch mehr palta. Typischer geht es nicht. Doch auch andere ausgefallene Varianten sind beliebt, so z.B. der Hot Dog mit Sauerkraut. Lecker, oder…?
Die Hot-Dog-Kette Dominó bietet günstig auch vegane Hot Dogs an.

Veganer completo (Hot Dog)

Chorrillana (auch a lo pobre, nach armer Art) ist wohl eines der typischsten Gerichte. Es ist eine Platte mit Pommes, einem Mix von verschiedenem Fleisch und Würstchen, Ei und Zwiebel. Beliebig werden aber noch allerhand andere Zutaten dazugepackt. Chorrillana ist ein Gemeinschaftsding. Man trifft sich mit Freund*innen und die ganze Runde isst von der Chorrillana. Hier zum Beispiel bereiteten Unifreund*innen und ich eine vegane Chorrillana zu mit Sojafleisch, Mais und Pilzen.

Vegane Chorrillana

Pastel del choclo ist ein Gericht, das ich bis heute noch nicht probiert habe. Ein leicht süßer Maisbrei, der auf Hackfleisch serviert wird. Es gibt verschiedene Variationen vom pastel del choclo.

Sopaipillas gibt es an jeder Ecke und ist mein Lieblingssnack. Kleine Kürbisfladen fritiert mit zahlreichen Saucenvariationen bestrichen oder auch in süßer Variante mit panela (Rohrzucker) findet man sie an jeder Ecke für 200 Pesos, rund 25 Cent. Esst sie, wenn sie euch über den Weg laufen!

Wie in vielen südamerikanischen Ländern gibt es in Chile eine Varietät an Empanadas. Im Gegensatz zu den kolumbianischen Empanadas, die fritiert werden, werden sie nach chilenischer Art im Ofen gebacken. Empanada de pino ist die typischste Empanada mit Hackfleisch. In Pomaire, einem Dorf mit verschiedenen Kunsthandwerken in der Nähe von Santiago, gibt es Ein-Kilo-Empanadas! Leider nur mit Fleisch. Die sind riesig und passen auf keinen Teller rauf.
In der Nähe meiner Wohnung fand ich einige vegane Empanadarías, die Variationen mit Sojafleisch und Tofu anbieten. Love it!

Chile ist weltweit bekannt für seinen Wein. Rund um Santiago gibt es verschiedene Weinfelder und Weinereien, die Touren und Verkostungen anbieten. Neben hochwertigem Wein, der bis nach Deutschland exportiert wird, gibt es hier auch den guten, alten Tetrapakwein. Dieser wird gerne mit einer süßen Brause gemischt und von jungen Leuten getrunken. Kopfschmerzen für den nächsten Tag sind vorprogrammiert!
Ein beliebtes, nicht-alkoholisches Getränk ist mote con huesillos. Mote ist ein (geschmackloses) Getreide, das in den Becher gegeben wird mit einem sehr süßen Pfirsichsaft und getrockneten Pfirsichen. Mein Geschmack ist es nicht.

Aber wo wir schon beim Süßen sind, Chile hat eine ausgebaute Kuchenkultur. Und wenn ich Kuchen sage, dann meine ich auch Kuchen, denn das ist das spanische Wort. Deutsche Einwander*innen des letzten Jahrhunderts brachten deutsche Backtraditionen mit und überall gibt es kuchen (plural kúchenes) de manzana (Apfel) oder andere Geschmäcker. Auch Streusel und Schwarzwälder Kirschtorte sind beliebt. Vor allem im Süden Chiles, wo viele der deutschen Einwanderer*innenfamilien leben, ist die Kuchenkultur ausgeprägt. Mich überraschte das anfangs sehr.

Drei weitere Lebensmittel, die mich überraschten waren pepino, cochayuyo und ajo chilote. Die violett-gelbe pepino (Gurke) ist eine Kreuzung aus Melone und Gurke. Verwirrung pur! Geschmacklich hat es genauso viel von einer Melone wie von einer Gurke, nur eben kombiniert.
Cochayuyo ist eine Alge, die vor allem entlang der Küste verkauft wird. Wenn sie gekocht wird, riecht die Küche mehrere Tage lang nach Meer.
Einer meiner Highlights ist der ajo chilote, der im Süden Chiles, hauptsächlich auf Chiloé, wächst. Ajo ist Knoblauch und ajo chilote ist ein Prachtstück, das ihr auf Fotos (oder in echt) gesehen haben müsst! Eine Knoblauchzehe ist so groß wie meine Handfläche! Ein Muss für alle Knoblauchfans.

Ach, ich könnte ewig so über Essen weiterreden! So habt ihr zumindest einen kleinen Einblick in die chilenische Kulinarik bekommen.
Großer Bestandteil meiner Ernährung sind die Einkäufe auf den vielen Märkten. Diese Woche war ich in La Vega, Santiagos größter Obst- und Gemüsemarkt. Ich liebe es zwischen den vielen Ständen herumzulaufen. Angebote werden von den Verkäufer*innen durcheinander gerufen. Ich kaufe mir einen Himbeer-Orangen-Chirimoya-Saft. Mit meinem Saft schlenderte ich an den frischen Waren vorbei und wusste in dem Moment in Deutschland würde ich die chilenischen Märkte vermissen.

Weisheit des Tages: Essen macht Spaß! Essen ist Vielfalt! Bleibt immer offen und probiert alles aus, was ungewöhnlich ist! Guten Appetit.

„Tomate tu tiempo“

– 234 Tage nach der Ankunft –

Ein kleiner Traum ist in Erfüllung gegangen!

Vor ungefähr zwei Jahren im Spanischunterricht mussten wir Vorträge halten über Feste in spanischsprachigen Ländern. Darunter wurde uns das Fest „Tomatína“ vorgestellt.
Die Tomatína hat weder einen religiösen noch einen politischen Hintergrund. Im Prinzip bewerfen sich die Menschen, die teilnehmen gegenseitig mit Tomaten und haben Freude daran.
Diese jahrelange Tradition stammt ursprünglich aus Spanien. Seit 2004 gibt es die „Tomatína“ auch in Sutamarchan, einem kleinen Dorf, in dem ich einmal war, nicht weit von Tunja.
Eigentlich werden überreife Tomaten verwendet, aber traurigerweise gab es auch viele noch grüne. Mir ist bewusst, dass es eine ziemliche Lebensmittelverschwendung ist, aber ich finde einmal kann man da mitmachen.
Seit ich diesen Vortrag in der Schule gehört habe, wollte ich mit meinen Mitschülern unbedingt einmal mitmachen, weil es auf Bildern nach einer Menge Spaß aussah. Ich dachte aber sowieso, dass ich niemals die Chance dazu haben würde.

Tja… So spielt manchmal das Leben!
Letzte Woche in Villavicencio hat mein Nachbar ein Kreuzworträtsel gelöst, in dem die Frage war, woher das Fest „Tomatína“ kommt und ich habe erzählt, dass ich da unbedingt einmal hin möchte. Da meinte er, dass es in Sutamarchan nächste Woche stattfindet und er bzw. meine Nachbarn, mit mir und Angelika hinfahren würden.
Also sind wir am Sonntag früh aufgestanden, um pünktlich um 9:00 zu Beginn da zu sein. Aus 7:00 Abfahrt wurde 7:45. Trotzdem waren wir rechtzeitig in Sutamarchan.
Allerdings wurde uns dort gesagt, dass 9:00 die Veranstaltung für die Kinder stattfindet und für Erwachsene erst 15:00.

Ich schlug dann vor nach Chiquinquira zu fahren, eine kleinere Stadt ca 40 Minuten entfernt. Dort wollte ich bevor ich zurück nach Deutschland fliege unbedingt nochmal hin. Von meinem Besuch im November hatte ich in einem älteren Beitrag schon berichtet. Damals habe ich Nubia kennengelernt, eine prima (Cousine) von meinem Nachbarn. Ich habe oft an sie gedacht, weil sie sooo herzlich ist. Ich wurde freudig von ihr empfangen. Nach einem kleinen Frühstück sind wir in der Stadt rumgelaufen und ich habe mich viel mit ihr unterhalten.

 

Nach einem schnellen Mittagessen und einem kurz gehaltenen Abschied (wir waren ein wenig spät dran), sind wir zurück nach Sutamarchan.
Dort haben wir das „Tomatína“-T-Shirt gekauft und uns umgezogen. Bei der Tomatína waren nur mein 16-jähriger Nachbar und seine Mutter, die aber nicht teilnehmen wollte und deshalb viele Fotos gemacht hat.

Nach einem Countdown sind zuerst die Kinder auf den Berg von Tomaten gelaufen und haben ein bisschen rumgeworfen. Nach kurzer Zeit durften dann alle loslegen.

Ich kann euch sagen, das war eine Erfahrung, die ich nie vergessen werde!
Ich weiß nicht genau, was Angelika und ich uns vorgestellt haben, aber sowas nicht 😀

Eigentlich dachte ich, dass man ein bisschen Tomaten rumwirft. Schnell musste ich aber feststellen, dass das nicht alles ist.
Wenn man sauber geblieben ist (Limpio!) dann kommen fünf bis zehn Menschen auf dich zugerannt und zerren dich in den Berg von Tomaten hinein und von allen Seiten wird man mit Tomaten überhäuft.
Am Anfang dachte ich mir: Man, das ist aber gemein gewesen. Aber dann habe ich mitbekommen, dass einfach niemand sauber daraus durfte.

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Tomatenbergselfie

Tja… Letztendlich wurde ich dreimal in den Berg reingezogen, weil ich anscheinend immer noch nicht „tomatig“ genug war. Allerdings ist zum Ende hin mehr Dreck und Schlamm als Tomate vorhanden, weshalb wir gar nicht so rot aussehen, wie ich es gedacht hätte. Am Ende glich es also eher einem Schlammcatchen.

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Gleich beim 1. Mal, wo ich reingezogen wurde, habe ich meine Schuhe verloren, weil einfach alles so glitschig war. Ich hab in halber Panik in den knöchelhohem Tomatenmatsch verzweifelt meine Schuhe gesucht und dachte schon: Ja gut… Du wirst hier ohne Schuhe rausgehen. Zum Glück habe ich sie doch noch gefunden und fest zugezurrt.

Nach dem 2. Mal habe ich mich schon genug „tomatig“ gefühlt, doch dann kam ein viel zu starker Typ an und hat mich locker hochgehoben und noch einmal in den Tomatenmatsch reingeworfen. Tja… Dann hat er sich aber auf mich raufgelegt. Ich lag also in den Tomaten drin und dieser Typ auf mir drauf, so dass ich nicht flüchten konnte und Tomate in Ohren, Nase und überall hatte.
Angelika und ich hatten die Idee eine Sonnenbrille aufzusetzen, was echt gut war! Als ich mich irgenwie befreien konnte, war meine Sonnenbrille voller Tomate und wenn ich mir vorstelle, dass ich das in meinen Augen gehabt hätte…

Jetzt wusste ich auf jeden Fall, dass da ein starker Typ war und wir haben ihm gesagt, dass Fredy (mein Nachbar) immer noch viel zu sauber ist. Fredy war ganz schön sauer, als er genauso „tomatig“ wie wir rauskam 😀

 

Ein paar Impressionen:

 

Am Ende war dann ein Feuerwehrauto da und die Masse wurde mit Wasser abgespritzt. Manche waren aber so gemein, dass wenn man gerade wieder sauber war, wieder in den Dreck reingezogen wurde.
Ich hatte übrigens ein bisschen das Gefühl, dass weil ich eine mona (Blonde) bin, leichter zum Opfer wurde, weil ich halt auch mehr auffalle 😀
Außerderm wurde ein Schaum verkauft, der zum Saubermachen helfen sollte. Der wurde aber auch so wahlweise rumgesprüht.
Also gab es sozusagen drei Phasen:
1. Tomatig
2. Halbwegs sauber vom Wasser
3. Weiß vom Schaum

Osmany, die ja eigentlich nicht mitmachen wollte, wurde dann auch von herzlichen Menschen umarmt (Abrazo!) und war dann doch mit Tomaten eingesaut.

 

Danach sind wir, weil wir uns ja so nicht ins Auto setzen konnten, zu einem Fluss gelaufen, wo mehrere Menschen waren. Dort sollten wir uns halbwegs abbaden.
Typisch Jule bin ich vor allen Menschen im Schlamm ausgerutscht.

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Beweisfoto

Nach dem Wasser und dadurch, dass die Sonne langsam unterging wurde uns seeehr kalt. Wir sind dann nach Villa de Leyva gefahren, weil meine Nachbarn dort Familie und ein Haus haben. Dort wollten Angelika und ich uns entspannt duschen, doch dann die Überraschung: es gab keine funktionierende Dusche.
Wir haben zwei Eimer mit heißem Wasser bekommen und mussten dann irgendwie die Tomaten von uns bekommen. Wir beide haben nicht gerade kurze Haare und es war echt ein Akt sauber zu werden! Ich habe danach noch ewig Tomatenstückchen aus meinem Haar gesammelt (und noch eine Tasse im Haus kaputt gemacht, ups! :D).

Eigentlich wollte ich an dem Abend noch auf eine Finca meiner Profe fahren, die mich eingeladen hatte, aber wir haben so lange gebraucht und waren so fertig, dass ich in Villa geblieben bin.
Bei Freunden, die ein Hotel besitzen, haben wir zum Abendessen arroz con leche (Milchreis) mit Tomaten! (nein, Spaß :D) bekommen. Der Milchreis war typisch mit Käse obendrauf und Kokos und Rosinen.

Ich wollte danach nur noch schlafen, aber meine Nachbarn wollten noch zum Plaza für eine vuelta (Runde). Vuelta in Kolumbien können fünf Minuten oder fünf Stunden sein so ungefähr 😀 Ich hatte überhaupt keine Lust und war schon im Pyjama, was mir sehr unangenehm war (aber in Kolumbien gar nicht so ungewöhnlich ist). Auf dem Weg zum Plaza haben wir dann noch Hauke, unseren Mitfreiwilligen in Villa de Leyva, getroffen.
Weil am Montag festivo war, war auf dem Plaza ordentlich was los. In einer Ecke wurde gesungen und getanzt. Dort waren wir eine Weile. Wie das so typisch ist, wurden wir dann von meinen Nachbarn und seinem Bruder zum Bier trinken eingeladen. Und das alles im Schlafanzug 😀

Also hatte ich ein sehr witziges Wochenende, indem ich wieder viele neue Erfahrungen gemacht habe! Paar Tage später habe ich noch ein bisschen Muskelkater vom Tomaten-Werfen 😀

Weisheit des Tages: Ich hatte zwar Tomaten an Stellen, wo ich niemals Tomate haben wollte, aber trotzdem bin ich der Meinung, dass man einmal in seinem Leben bei einer Tomatína mitmachen sollte! 😀

Noch mehr Essen!

– 193 Tage nach der Ankunft –

Heute geht es weiter mit dem Thema Essen, insbesondere der Esskultur, die ich hier kennengelernt habe.

Anfangs gab es einige Dinge, die ich als sehr merkwürdig empfand, an die ich mich mittlerweile gewöhnt habe. Darum geht es heute:

  1. Wenn man seinen Teller bekommt, die meine Gastmutter immer großzügig serviert, wie schon im letzten Beitrag angedeutet, dann fängt man an zu essen. In meiner Familie in Deutschland, warten wir solange bis jeder sein Essen hat und man fängt gemeinsam an. Während das bei uns selbstverständlich ist und als höflich gilt, wurde ich hier angeguckt mit einem fragenden Blick in den Augen: Worauf wartet sie? Warum fängt sie nicht an?
  2. Es wird nur mit einem Löffel oder einer Gabel gegessen. Oder mit den Fingern. In Deutschland benutzt man das Messer zum Schneiden oder als Hilfe, um das Essen auf die Gabel schieben zu können. Dafür wird das Messer hier nur von Erwachsenen benutzt. Dinge, die geschnitten werden müssten, werden von allen Kindern (manchmal auch von Erwachsenen) in die Hand genommen und man beißt ab, das gilt insbesondere für das Fleisch, das sehr schwer zu schneiden ist.
    Um auch die letzten Reiskörner aufessen zu können, wird das Essen mit den Fingern auf Löffel oder Gabel geschoben.
    Mir kam das anfangs seeeehr merkwürdig vor. Doch mittlerweile merke ich, dass ich das Messer auch immer weniger benutze.
  3. Es wird (zumindest in meiner Gastfamilie) mit seeeehr wenig Gewürzen und Salz gekocht. Naja, das ist nicht nur in meiner Gastfamilie so. Gewürze werden einfach nicht so viel benutzt. Ganz selten ist der Pfeffer. In Deutschland steht das in einem Restaurant neben Salz auf jedem Tisch. Meine Gastmutter meinte einmal, dass sie ohne Pfeffer kocht, weil sie dagegen allergisch ist. Aber nur wenn sie ihn riecht, dann muss sie niesen 😀
  4. Der nächste Punkt war für mich eine sehr große Umstellung.
    Vom letzten Eintrag wisst ihr ja schon, dass nur selten bis gar nicht Saucen gegessen werden. Dazu kommt noch, dass sehr wenig getrunken wird. Von zuhause aus kenne ich es so, dass alle zuerst das Trinken bekommen und dann das Essen. Hier ist es andersrum. Trinken ist nicht so wichtig. Das kommt ungefähr nach der Hälfte des Essens oder manchmal auch erst, wenn man schon aufgegessen hat. Ohne Sauce oder Getränk trockenen Reis zu essen, fiel mir sehr schwer, was ich mir mittlerweile gut antrainiert habe 😀 Mein Gastvater nimmt oft zum Essen auch gar kein Trinken.
    In der Grundschule, wo ich arbeite, bekommen die Kinder Mittagessen. Bei einer Lehrerin dürfen die Kinder erst etwas trinken, wenn sie den ganzen Teller aufgegessen haben. Das fand ich sehr merkwürdig.
    Neben den Mahlzeiten wird normalerweise auch nicht viel getrunken. Die Grundschüler staunen immer, wenn sie meine 1-Literflasche sehen, die gibt es nämlich nicht in allen Läden. Meine Gastschwester hat das am Anfang auch fasziniert. Sie hatte mich damals gefragt, warum ich soviel Wasser trinke; ich habe gesagt, dass viel Trinken wichtig ist und sie hat gefragt warum.
    Das Trinken ist hier nicht so wichtig, wie es uns in Deutschland beigebracht wurde. Nichts mit zwei Litern pro Tag.
  5. Wenn es Trinken gibt, dann ist das fast immer jugo (Saft, im castellano-Spanisch sagt man zumo). Ich dachte in den ersten Monaten, dass die Säfte frisch gepresst sind. Manchmal macht meine Gastmutter frische Säfte. Wie ich später herausgefunden habe, werden die Säfte jedoch meist aus gefrorenen Saftplastikbeuteln in den Mixer gesteckt, mit viel Zucker.
  6. Früüüüüüüchte!!! Die Fruchtvielfalt in Kolumbien ist wirklich beeindruckend! Das habe ich ja schon an meinem ersten Wochenende festgestellt, als ich auf dem Fruchtmarkt in Villa de Leyva war. Wenn ihr wollt, kann ich euch ja mal einige unbekannte Früchte vorstellen, die es nur hier gibt (und die ich sehr vermissen werde!).
  7. Typisch für meine Gastfamilie ist, dass meine Gastmutter alle bewirtet. Bei uns kommen zum Essen oft Nachbarn, besonders Nachbarskinder, die für ein bisschen Geld bei uns essen. Deshalb weiß ich nie, wer am nächsten Tag zum Essen da sein wird.
    Meine Gastmutter isst immer erst, wenn alle fertig sind, also meistens alleine vor dem Fernseher. Ihr ist es sehr wichtig, dass alle zufrieden sind mit dem Essen und vor allem satt.
    In Deutschland habe ich sehr gerne und oft gekocht. Meine Gasteltern mögen es aber nicht so gerne, wenn ich mir selber das Essen zubereite. Sie sind der Meinung, dass ich bezahle und deshalb nichts alleine machen muss. Daran musste ich mich auch gewöhnen. Morgens füllt sie mir die Cornflakes und Milch in die Schüssel. Ich mache das nie. Mich hat das gestört am Anfang und ich habe es einige Male angesprochen, aber sie möchte nicht, dass ich irgendetwas alleine mache, wenn es das Thema Essen betrifft.
    Also lasse ich mich ein Jahr lang verwöhnen.
  8. Im letzten Punkt wird noch einmal deutlich, wie wichtig das Essen in Kolumbien ist.
    Wie ihr ja schon wisst, fängt die Schule bei mir 6:10 an. Dementsprechend geht sie auch nur bis 12:30. Fast alle in Kolumbien gehen zur Mittagszeit nachhause um mit der Familie zu essen.
    Meine Gastgeschwister haben montags bis mittwochs zum Beispiel vormittags und nachmittags Unterricht. Dazwischen sind zwei Stunden Pause, damit man Mittag essen gehen kann. Einige Nachbarn, die bei uns essen, kommen mittags von der Arbeit und essen mit. Diese Pause ist den Kolumbianern sehr wichtig.
    Meine Gastmutter hat mir auch einmal gesagt, dass ihr es sehr wichtig ist, dass es Frühstück, Mittag und Abend immer zur gleichen Zeit gibt.
    Ich finde es auch schön, dass wir immer alle zusammen essen 🙂

 

Durch die aufgelisteten Punkte habt ihr bestimmt bemerkt, dass viel rund um das Thema Essen ein wenig anders gehandhabt wird, als in Deutschland. Viele Dinge wusste ich vor meinem Freiwilligendienst gar nicht. Was hat euch am Meisten überrascht?

Weisheit des Tages: Nicht nur das Essen ist in anderen Kulturen unterschiedlich, sondern auch das „Drumrum“. Ich finde es sehr interessant, dass ich das Kennenlernen konnte.

 

Reis, Reis, Reis – das Essen

– 183 Tage nach der Ankunft –

Ich melde mich zurück aus einem wunderschönen Urlaub mit meiner Familie! Ich habe die Zeit sehr genossen und nach einigen Komplikationen ist meine Familie wieder heil in Deutschland angekommen mit vielen neuen Impressionen von einem einzigartigen Land.
Sobald ich die Urlaubsbilder habe, werde ich einen Blogbeitrag über die Reise schreiben.

Jetzt bin ich seit genau einem halben Jahr in Kolumbien, unglaublich!
Deshalb kommt heute ein Thema, dass ich schon seeeehr lange ansprechen wollte, ungefähr seit meinem ersten Monat in Kolumbien.
Das Essen.
Meiner Meinung nach, haben die Kolumbianer eine sehr ausgeprägte Esskultur und man merkt, dass das Essen einen wichtigen Teil im Tagesablauf einnimmt.
Was ich jetzt berichte, sind die Erfahrungen, die ich in meiner Gastfamilie gemacht habe. Meine Gastfamilie ist sehr traditionell, wie ich schon einige Male erwähnt habe. Das merkt man an der Musik, die gehört wird, der Arbeitsverteilung, dem Tagesablauf (bald kommt ein Eintrag zu meinem Alltag in Tunja, der schon wieder eingependelt ist) und eben auch am Essen.

Beginnen wir mit dem desayuno (Frühstück):

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pan, huevo revuelto, chocolate y queso

So sieht ein typisches Frühstück aus. Das besteht aus Brot, Rührei, heißer Trinkschokolade und Käse. Der Käse wird gerne in die Schokolade eingetunkt. Anfangs fand ich das wirklich sehr loco (verrückt), aber mittlerweile esse ich es manchmal auch so.
Als Deutsche aus dem Land des Brotes muss ich sagen, dass das Brot hier eine kleine Enttäuschung ist. Selbst wenn es pan integral (Vollkornbrot) heißt, wie im Bild zu sehen, schmeckt es süßlich. Richtig schwarzes Vollkornbrot habe ich noch nicht gesehen. In einem größeren Supermarkt soll es aber etwas in die Richtung geben.
In der Schulwoche, also Montag bis Freitag, esse ich morgens meistens nur cereal (Cornflakes).
Sehr typisch, gibt es aber nicht sooo oft, ist changua, eine Frühstückssuppe, die in der Andenregion Kolumbiens, also vor allem dem departamento Boyacá gegessen wird.
Changua ist eine Suppe, die aus Milch mit Wasser, hart gekochtem Ei, Käse, Brot und Salz besteht. Ich mag changua gerne, meine Familie aus Deutschland hat es nicht so gut geschmeckt, da die Suppe sehr salzig sein kann.

Kommen wir zum almuerzo (Mittagessen) mit ein paar Bildern:

 

So, auf den ersten Blick, was fällt euch beim Essen auf?
Jap, es gibt wirklich seeeeehr viele Kohlenhydrate und das wirklich jeden Tag.
Vorher habe ich das nicht gewusst, aber hier ist es ganz normal neben Reis, Kartoffeln zu essen oder auch noch Nudeln dazu, also die drei großen Kohlenhydrate (7. und 8. Bild, 8. Bild mit Bärlin-Nudeln aus Deutschland).

Während es in Deutschland (so wie ich es kenne), Reis, Kartoffeln ODER Nudeln gibt, bekommt man hier alles zusammen. Vor allem gibt es hier jeden Tag Reis, wirklich JEDEN Tag. Ich mag Reis eigentlich ganz gerne, wenn man ihn nicht jeden Tag isst… Wenn ich wieder in Deutschland bin, werde ich eine Reispause einlegen. Das mache ich und auch andere Freiwilligee gerne, wenn wir verreisen, dann heißt es so unkolumbianisches Essen, wie nur möglich 😀

Ich versuche mal das Essen kurz zusammenzufassen. Es gibt immer Reis, dazu Kartoffeln oder Nudeln oder beides, mit einem Gemüse. Das können frijoles, garbanzos o lentejas (Bohnen, Kichererbsen oder Linsen) sein (Bild 1 war meine Vorstellung vom typisch kolumbianischem Essen), ein Mix aus Erbsen und Möhren, die meine Gastmutter oft macht (Bild 2, 6) oder auch ganz oft ein ensalada (Salat), meist aus aguacate, lechuga, tomate y cebolla (Avocado, Salatblättern, Tomate und Zwiebel). Was es auch öfter gibt, ist ein Obstsalat. Aber nicht als Nachtisch, sondern das wird als Gemüse gegessen (Bild 5). So ein Obstsalat besteht zum Beispiel aus Salatblättern, Ananas, Rosinen und Käse oder aus Papaya, Mango, Banane und Apfel. Das erschien mir anfangs auch sehr merkwürdig, einen Obstsalat mit Kartoffeln und Reis zu essen 😀
Manchmal gibt es zusätzlich noch patacón (fritierte Kochbananenscheiben, etwas, was ich seeeehr vermissen werde in Deutschland!) oder plátanos fritos (fritierte Kochbanane, Bild 8).
Außerdem gibt es dazu immer carne o pollo (Fleisch oder Huhn). Auch eine Sache, die dem Europäer merkwürdig erscheint. Hier wird unterschieden in Huhn und Fleisch (alles, was kein Huhn ist). Bei uns ist Fleisch, Fleisch, also alles was mal ein Tier war.
Ich bin Vegetarierin und muss deshalb immer betonen, dass ich weder carne ni pollo ni pescado esse (kein Fleisch, Huhn, Fisch). Es kann dann aber trotzdem mal passieren, dass man eine salchicha (Wurst) bekommt, weil das ist ja kein Fleisch 😀

Also das mit dem vegetarischen Essen verstehen viele Kolumbianer nicht so. Es gibt auch sehr viele Menschen, die es gar nicht verstehen, warum ich kein Fleisch essen möchte. Dann denken sie, dass ich allergisch darauf bin oder eine spezielle Diät mache. Während man in Deutschland in jedem Restaurant eine vegetarische Option bestellen kann, ist das in Kolumbien manchmal schwer, so dass man nur Reis und Kartoffeln isst (Ausnahme!). Es gibt auch nicht so viele Vegetarier, obwohl ich schon einige getroffen habe.
Meine Gastfamilie hat das schnell verstanden und ich habe nie ausversehen ein Huhn auf dem Teller gehabt. Anstatt dem Fleisch oder dem Huhn, esse ich einfach ein Ei. Das aber dafür jeden Tag!
Meine Gastmutter fragt mich jeden Mittag, wie ich mein Ei möchte, huevo frito (Spiegelei), huevo perico (eigentlich bedeutet perico Rührei mit Tomate und Zwiebel, aber in meiner Gastfamilie ist es ein normales Rührei) o huevo duro (hart gekochtes Ei).
Da man ja zum Frühstück ein Rührei bekommt, mittags und abends auch (zum Abendessen gleich mehr), habe ich schon öfter am Tag drei Eier gegessen. In Deutschland habe ich vielleicht mal alle zwei Wochen ein Ei gegessen, weil ich Ei nicht sooo gerne mag.
Da ich schon seit 183 Tagen hier bin, habe ich also bestimmt schon 300 Eier gegessen!!!

Eine weitere Sache, die in den Bildern vielleicht auffällt: Saucen.
Etwas, was ich sehr aus Deutschland vermisse 😦 Wenn mir Saucen schmecken, reichen mir Kartoffeln mit der guten Sauce 😀 Nach typisch kolumbianischer Art, gibt es keine Saucen, oder nur seeehr selten. Das fand ich anfangs schade und vor allem war es eine große Umstellung! Man sagt ja, dass man einen halben Liter Flüssigkeit am Tag über das Essen aufnimmt. Das ist hier nicht möglich 😀 Mittlerweile bin ich sehr gut im Reis trocken essen! In Bild 7 seht ihr eine gelbliche Sauce über den Kartoffeln. Das war das einzige Mal, dass es eine Käsesauce zum Essen gab, die mir übrigens sehr geschmeckt hat.

Was man auch sieht in den Bildern, die Portionen sind RIESIG groß!
Selbst wenn ich sage, dass ich nur ein bisschen essen möchte, würde mir die Hälfte der Portion reichen.
Gerade am Anfang habe ich mir immer den ganzen Teller reingewürgt, weil ich nicht aus Unhöflichkeit alles liegen lassen wollte. Es schmeckt ja, aber ist einfach viiieeel zu viel. Mittlerweile lasse ich den Rest auf dem Teller, wenn ich nicht mehr möchte, auch wenn ich jetzt wahrscheinlich mehr Essen brauche, als früher, weil sich mein Magen so daran gewöhnt hat 😀

Jetzt kommen wir zur comida (Abendessen):

Nachdem ihr jetzt wisst, dass es seeeeehr viel zum Mittag gibt, würdet ihr vielleicht vermuten, dass es nur ein kleines Abendessen gibt.
FALSCH! In den meisten kolumbianischen Familien ist das Abendessen ein zweites Mittagessen, das heißt alles was es zum Mittag gab, noch einmal zum Abendessen mit der gleichen Portion!
Jetzt fragt ihr euch bestimmt, wie viel ich zugenommen habe 😀 Um ehrlich zu sein, weiß ich es nicht, weil eine Waage nicht zum üblichen Haushalt gehört und wahrscheinlich ist es auch besser, dass ich es nicht weiß.
Am Anfang war das Thema Essen wirklich ein großes Problem in meiner Gastfamilie. Sobald ich weniger essen möchte, machen sich alle Sorgen, dass ich krank bin, eine Diät mache oder mir das Essen nicht schmeckt. Ich konnte aber einfach nicht mehr, weil ich aus Deutschland eindeutig kleinere Portionen gewohnt bin.

Seit einiger Zeit hat sich das aber geklärt. Abends esse ich meistens ein Sandwich, was meine Gastmutter mir sehr lecker zubereitet (sie legt die Tomaten in eine besondere Gewürzmischung ein) oder Kartoffeln mit Salat oder Gemüse vom Mittag.
Mittlerweile esse ich auch nicht mehr jedes Mittagessen ein Ei, sondern nur wenn ich möchte.

Dadurch, dass das „Essenproblem“ beseitigt wurde, bin ich rundum glücklich in meiner Gastfamilie.
Ich weiß, dass es sich nicht verhindert lässt, dass ich mit ein paar Kilos mehr zurück nach Deutschland komme, obwohl ich schon weniger esse, als am Anfang und regelmäßig ins Fitnessstudio gehe. Aber das ist ganz normal, wenn man ein Jahr lang eine andere Esskultur erlebt.

Ich habe gerade bemerkt, dass das ein sehr langer Blogbeitrag ist, aber ich noch gar nicht alles gesagt habe. Essen ist eben ein sehr schönes Thema 😀 Deshalb kommt bald (ohne so eine große Pause, wie zum letzten Blogbeitrag) ein Beitrag über die Esskultur.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass ich das Essen meiner Gastmutter sehr gerne mag, auch wenn es nicht sooo abwechslungsreich ist. Man wird auf jeden Fall immer satt 😀

Weisheit des Tages: ein Mittagessen ohne Reis ist kein Mittagessen (wie meine Gastmutter immer so schön sagt).