Von Hot Dogs und vielen Avocados – chilenisches Essen

– 134 Tage in Chile –

Der letzte Monat ist angebrochen und meine Vorfreude auf die Rückkehr steigt jeden Tag mehr. Trotzdem genieße ich hier die letzte Zeit noch und wie geht das besser als mit Essen? Lust auf eine kleine Foodliste aus Chile? Viel Spaß. Und guten Hunger.


Wie in vielen lateinamerikanischen Ländern ist Reis ein großer Bestandteil der chilenischen Esskultur. Ich bin immer noch kein Reisfan. Umso besser, dass es auch viele Alternativgerichte gibt. Grundsätzlich ist das Essen sehr fleischlastig und es gibt auch viele Fischgerichte. Da ich weder das eine, noch das andere esse, werde ich euch von meinen persönlichen Highlights erzählen.
Chilenisches Essen war für mich gewöhnungsbedürftig. Wie sehr ich mich in den letzten Monaten doch an die Essgewohnheiten anpasste, merke ich an meinem Avocadokonsum, der mittlerweile auf mindestens fünf Avocados pro Woche angestiegen ist. Defintiv werde ich Avocados vermissen, die auf keinem Wochenmarkt, in Restaurants, Essensständen oder dem chilenischen Haushalt fehlen dürfen. Überall wird Avocado raufgeschmiert und ich liebe es!
Bisher habe ich noch nicht ein*e Chilen*in getroffen, die nicht verrückt nach paltas (Avocados) ist. Ich wurde von der Obsession angesteckt!

Wozu passt palta am Besten? Richtig. Zu Hot Dogs. Irgendwie scheint Chile den completo (Hot Dog) zum inoffiziellen Nationalsnack gekürt zu haben. An jeder Straßenecke gibt es ihn zu kaufen. Am liebsten nach chilenischer Art mit Würstchen, Tomate, viel Mayo und noch mehr palta. Typischer geht es nicht. Doch auch andere ausgefallene Varianten sind beliebt, so z.B. der Hot Dog mit Sauerkraut. Lecker, oder…?
Die Hot-Dog-Kette Dominó bietet günstig auch vegane Hot Dogs an.

Veganer completo (Hot Dog)

Chorrillana (auch a lo pobre, nach armer Art) ist wohl eines der typischsten Gerichte. Es ist eine Platte mit Pommes, einem Mix von verschiedenem Fleisch und Würstchen, Ei und Zwiebel. Beliebig werden aber noch allerhand andere Zutaten dazugepackt. Chorrillana ist ein Gemeinschaftsding. Man trifft sich mit Freund*innen und die ganze Runde isst von der Chorrillana. Hier zum Beispiel bereiteten Unifreund*innen und ich eine vegane Chorrillana zu mit Sojafleisch, Mais und Pilzen.

Vegane Chorrillana

Pastel del choclo ist ein Gericht, das ich bis heute noch nicht probiert habe. Ein leicht süßer Maisbrei, der auf Hackfleisch serviert wird. Es gibt verschiedene Variationen vom pastel del choclo.

Sopaipillas gibt es an jeder Ecke und ist mein Lieblingssnack. Kleine Kürbisfladen fritiert mit zahlreichen Saucenvariationen bestrichen oder auch in süßer Variante mit panela (Rohrzucker) findet man sie an jeder Ecke für 200 Pesos, rund 25 Cent. Esst sie, wenn sie euch über den Weg laufen!

Wie in vielen südamerikanischen Ländern gibt es in Chile eine Varietät an Empanadas. Im Gegensatz zu den kolumbianischen Empanadas, die fritiert werden, werden sie nach chilenischer Art im Ofen gebacken. Empanada de pino ist die typischste Empanada mit Hackfleisch. In Pomaire, einem Dorf mit verschiedenen Kunsthandwerken in der Nähe von Santiago, gibt es Ein-Kilo-Empanadas! Leider nur mit Fleisch. Die sind riesig und passen auf keinen Teller rauf.
In der Nähe meiner Wohnung fand ich einige vegane Empanadarías, die Variationen mit Sojafleisch und Tofu anbieten. Love it!

Chile ist weltweit bekannt für seinen Wein. Rund um Santiago gibt es verschiedene Weinfelder und Weinereien, die Touren und Verkostungen anbieten. Neben hochwertigem Wein, der bis nach Deutschland exportiert wird, gibt es hier auch den guten, alten Tetrapakwein. Dieser wird gerne mit einer süßen Brause gemischt und von jungen Leuten getrunken. Kopfschmerzen für den nächsten Tag sind vorprogrammiert!
Ein beliebtes, nicht-alkoholisches Getränk ist mote con huesillos. Mote ist ein (geschmackloses) Getreide, das in den Becher gegeben wird mit einem sehr süßen Pfirsichsaft und getrockneten Pfirsichen. Mein Geschmack ist es nicht.

Aber wo wir schon beim Süßen sind, Chile hat eine ausgebaute Kuchenkultur. Und wenn ich Kuchen sage, dann meine ich auch Kuchen, denn das ist das spanische Wort. Deutsche Einwander*innen des letzten Jahrhunderts brachten deutsche Backtraditionen mit und überall gibt es kuchen (plural kúchenes) de manzana (Apfel) oder andere Geschmäcker. Auch Streusel und Schwarzwälder Kirschtorte sind beliebt. Vor allem im Süden Chiles, wo viele der deutschen Einwanderer*innenfamilien leben, ist die Kuchenkultur ausgeprägt. Mich überraschte das anfangs sehr.

Drei weitere Lebensmittel, die mich überraschten waren pepino, cochayuyo und ajo chilote. Die violett-gelbe pepino (Gurke) ist eine Kreuzung aus Melone und Gurke. Verwirrung pur! Geschmacklich hat es genauso viel von einer Melone wie von einer Gurke, nur eben kombiniert.
Cochayuyo ist eine Alge, die vor allem entlang der Küste verkauft wird. Wenn sie gekocht wird, riecht die Küche mehrere Tage lang nach Meer.
Einer meiner Highlights ist der ajo chilote, der im Süden Chiles, hauptsächlich auf Chiloé, wächst. Ajo ist Knoblauch und ajo chilote ist ein Prachtstück, das ihr auf Fotos (oder in echt) gesehen haben müsst! Eine Knoblauchzehe ist so groß wie meine Handfläche! Ein Muss für alle Knoblauchfans.

Ach, ich könnte ewig so über Essen weiterreden! So habt ihr zumindest einen kleinen Einblick in die chilenische Kulinarik bekommen.
Großer Bestandteil meiner Ernährung sind die Einkäufe auf den vielen Märkten. Diese Woche war ich in La Vega, Santiagos größter Obst- und Gemüsemarkt. Ich liebe es zwischen den vielen Ständen herumzulaufen. Angebote werden von den Verkäufer*innen durcheinander gerufen. Ich kaufe mir einen Himbeer-Orangen-Chirimoya-Saft. Mit meinem Saft schlenderte ich an den frischen Waren vorbei und wusste in dem Moment in Deutschland würde ich die chilenischen Märkte vermissen.

Weisheit des Tages: Essen macht Spaß! Essen ist Vielfalt! Bleibt immer offen und probiert alles aus, was ungewöhnlich ist! Guten Appetit.

Feliz Navidad, Weihnachten in Kolumbien

– 184 Tage nach der Ankunft –

Mit reichlich Verspätung kommt heute noch ein kleiner Beitrag über die Weihnachtszeit in Kolumbien, auch wenn jetzt wohl niemand mehr an Weihnachten denkt. Es war das zweite Weihnachten, was ich in Kolumbien verbracht habe (das erste Mal 2015).

Etwas sehr Erstaunliches ist, wie Bogotá, je näher die Feiertage rücken, leerer und leerer wird. Die Millionenstadt wirkt wie ausgestorben und das bis Mitte Januar. Dann kehren die Menschen aus ihren Dörfern und entfernteren Städten wieder zurück. Die ersten Januartage war es wirklich schwer einzukaufen, weil kaum Läden geöffnet waren. Im Dezember flüchten die Menschen aus der Großstadt, um das Weihnachtsfest im Rahmen der Familie zu verbringen.
Trotzdem ist die Stadt mit übertriebenen Lichtern in den „neonsten“ Farben dekoriert. Blinken, Glitzern, Leuchten. Das Motto der Kolumbianer*innen in jeder Stadt. Überall wird man erschlagen von Lichterdekoration. Besonders auffallend ist es an der puente de Boyacá, an der man von der Strecke von Bogotá nach Tunja vorbeifährt. Rund um die glorreiche Brücke auf der angeblich die letzte große Schlacht Simon Bolívars stattfand, sind unzähliche Leuchtfiguren aufgestellt mit den weihnachtlichsten Motiven: Palmen, Schmetterlinge und mehr.

 

 

Obwohl Tannenbäume in Kolumbien eher selten zu finden sind, stellen sich so gut wie alle Kolumbianer*innen einen Plastikbaum mit vielen Lichtern und Hinguckern ins Wohnzimmer. Der Weihnachtsbaum ist eine deutsche Tradition ist, die sich im 19. Jahrhundert über die ganze Welt verbreitete und auch beim kolumbianischen Weihnachtsfest nicht fehlen darf.

In Kolumbien gibt es zur Weihnachtszeit zwei (christliche) Traditionen, die mir sehr gefallen.
1. Noche de las velitas. Am 7. Dezember trifft sich die Familie (oder Freunde) um velitas zu feiern. Ursprünglich wurde diese Nacht als „Unbefleckte Empfängnis der Jungfrau Maria“ gefeiert. Ich verbrachte den Abend mit der Familie einer Freundin in Bogotá und niemand wusste so wirklich, warum velitas eigentlich gefeiert wird. Gemeinsam aßen wir Burritos (nicht besonders typisch, weder für velitas, noch für Kolumbien) und als es dunkel war, zündeten wir viele Kerzen an. Beim Entzünden jeder Kerze, wünscht man sich etwas.

 

 

2. Novena. Neun Abende vor Weihnachten trifft sich die gesamte Familie zum gemeinsamen Beten und Essen. Jeden Abend findet die novena im Haus eines anderen Familienmitgliedes statt. Je nach Religiösität der Familie spielt das Beten mehr oder weniger eine Rolle. Für mich ist das Schöne, dass viel Zeit mit der Familie verbracht wird, wobei nach neun Tagen in Folge jede*r auch mal seine Ruhe will. Meine Gastfamilie in Tunja veranstaltete letztes Jahr leider keine novena. Dafür versammelten sich in meinem barrio jede Nacht Nachbarn und beteten und aßen gemeinsam. Einen Abend verbrachte ich mit Natalia und Martin und deren Familie.

Ich bin zwar nicht religiös und Weihnachten war für in meiner Familie nie ein christliches Fest, aber ich finde es schön zu sehen, wie der Dezember sowohl in Deutschland, als auch in Kolumbien dazu genutzt wird, Zeit mit der Familie zu verbringen. Das ist natürlich von der Familie abhängig.

Ich hatte mich sehr gefreut zwei Wochen im Dezember in Tunja mit meiner Gastfamilie zu verbringen. Tunja ist für mich ein Ort, wo ich mich vom Großstadttrubel Bogotás in familiärer Atmosphäre erholen kann.
Ein weiterer Grund Tunja im Dezember zu besuchen, sind die Konzerte, die einige Tage vor Weihnachten stattfinden. Wie genau die alcaldía (Stadtregierung) das jedes Mal organisiert bekommt, sowohl bekannte nationale, als auch internationale Musiker*innen nach Tunja zu locken, frage ich mich immer noch. Sechs Abende fanden Konzerte statt. Jeder Abend war einem Musikgenre gewidmet, z.B. Rock, Vallenato oder Popular. Die Konzerte sind gratis, abgesehen vom VIP-Bereich, in dem eine Karte umgerechnet 7€ kostet. So bekam ich 2018 die Chance unter anderem Manu Chao, Manuel Turizo, Paola Jara und Kevin Florez zu sehen. Mit den Namen könnt ihr vielleicht nicht wirklich etwas anfangen, in Kolumbien sind das bekannte Sänger*innen. Ich habe mich vor allem gefreut Manuel Turizo zu sehen, da ich seine Musik schon seit einigen Jahren sehr gerne mag. Der französische Sänger Manu Chao ist auch in Europa sehr bekannt. In einem älteren Blogbeitrag habe ich über ihn geschrieben. Ich war begeistert von seinem Auftritt!

In Kolumbien wird Weihnachten nur am 24. Dezember spät in der Nacht gefeiert. Es ist ein ganz normaler Tag bis man sich 20 oder 21 oder vielleicht sogar 22 Uhr mit der Familie trifft. Der Abend besteht eigentlich darin, dass alle bis 0 Uhr warten, woraufhin wilde „FELIZ NAVIDAD“-Rufe aller und Umarmungen ausbrechen. Die Kinder leiden ein wenig, da sie den ganzen Abend die Geschenke unter dem Baum liegen sehen und Stunden warten müssen, eh sie auspacken dürfen. Ein typisches, nationales Weihnachtsessen für den Tag gibt es nicht. Das variiert von Familie zu Familie. Was bei meiner Familie nicht fehlen darf: Reis.
0 Uhr ist Bescherung und anschließend wird bis in die Nacht hinein getanzt, getrunken und gefeiert.

 

 

Ich hatte leider eine Mandelentzündung und war nicht wirklich in Tanzlaune, was die Onkels und Tanten nicht davon abhielt, mich trotzdem zu den Klängen von Merengue, Vallenato und Salsa durch den Raum zu wirbeln.

Auch wenn ich mich ein bisschen dagegen sträube, vergleiche ich nach solchen Ereignissen ganz automatisch kolumbianisches und deutsches Weihnachtsfest. Was ich aus meinen Erfahrungen feststelle, während der Dezember in Deutschland für mich der ruhigste Monat des Jahres ist (abgesehen vom Geschenke- und Konsumstress), in dem man Zeit mit der Familie verbringt und in den letzten Tagen des Jahres sich vom Trubel des Jahres erholt, ist in Kolumbien Weihnachten die Party des Jahres. Die Entspannung beginnt dann erst im Januar. Weihnachten in Deutschland ist für mich Harmonie, Entspannung, Familienzeit. In Kolumbien ist es Party, Musik, Tanzen und Alkohol (gut. auch das spielt beim deutschen Weihnachtsfest eine große Rolle).

El Año Nuevo wird in Kolumbien mit der Familie verbracht. Hier dreht sich der Spieß um. Während ich Silvester als die Party des Jahres sehe, die überwiegend mit Freunden gefeiert wird, ist es in Kolumbien ein Familienfest und verhältnismäßig ruhig. Es gibt einige Traditionen zum Neuen Jahr, die teilweise den spanischen ähnlen.
1. 0 Uhr werden mit jedem Glockenschlag 12 Weintrauben gegessen. Beim Schlucken jeder Traube wünscht man sich etwas.
2. Wer in der Neujahrsnacht gelbe Unterwäsche trägt, erhält Glück fürs Neue Jahr.
3. Mit ein bisschen Geld in den Hosentaschen ist der Geldfluss fürs Neue Jahr gesichert.
4. 0 Uhr geht man mit einer Reisetasche raus und läuft eine Runde um die Häuser. Damit wird man im neuen Jahr viel reisen. Das habe ich gleich mal ausprobiert!

Am 1.1 habe ich mir ein bisschen Zeit genommen und bin in die umliegenden Berge Tunjas gegangen. Für mich war es ein aufregendes Jahr, in dem ich sehr viel gelernt und erlebt habe! Ich bin gespannt, was mich 2019 erwartet. Das Jahr fing gut an mit einer Reise in den Süden Kolumbiens und Ecuador! Bald mehr dazu.

 

 

Ich wünsche allen ein spannendes 2019!

Weisheit des Tages: Vor allem der Monat Dezember mit den Weihnachts- und Neujahrstraditionen ist in Kolumbien und Deutschland sehr unterschiedlich. In Kolumbien wird jeder Tag zum Feiern genutzt. In Deutschland erlebe ich eher eine ruhige, harmonische Atmosphäre. Dieses Jahr gerne wieder in Deutschland!

Kulturschock Deutschland

– 77 Tage nach der Ankunft –

Hallihallo!

Hier melde ich mich zurück nach langer Zeit, leider wieder aus Deutschland 😦
Wie fühlt sich das nun an, wenn man nach fast einem Jahr aus dem Ausland wiederkommt? Was geht einem durch den Kopf und wie ist es sich wieder an die „alte neue“ Heimat zu gewöhnen.

Nach einem Auslandsjahr kommt der Teil über den man nicht so gerne redet. Wahrscheinlich habe ich deshalb diesen Beitrag ewig vor mir hergeschoben.

Mein letzter Tag in Kolumbien, der mir schon wieder Ewigkeiten weit weg vorkommt, war wie erwartet ein sehr emotionaler, wobei wir auch noch viel gelacht haben 😀
In der letzten Nacht hat meine Gastschwester bei mir mit im Bett geschlafen und ausnahmsweise nicht das ganze Bett eingenommen wie sonst. Ich konnte sogar ein paar Stunden schlafen. Am letzten Morgen bin ich früh mit aufgestanden zum gemeinsamen Frühstück. Ein letztes Mal zusammen mit der Familie ein leckeres huevo períco con tomate. Beim Fühstück haben alle außer mein Gastvater, geweint, wodurch wir wiederrum lachen mussten 😀 Es kam sogar noch zu einer kleinen Auseinandersetzung, weil Nico so sauer auf meine Gastmama war, weil er mich nicht mit nach Bogotá begleiten durfte und in die Schule musste. Mit vielen Tränen und Schluchzen sind Silvia und Nico zur Schule und ich kann mir nicht vorstellen, dass es noch sehr lange dauert, bis ich mit ihnen wieder reden, Filme gucken, rumalbern und lachen kann 😦
Auf der Straße habe ich mich dann noch von einigen Nachbarn verabschiedet und meine Gastoma ist extra an meinem letzten Tag vorbei gekommen.
Dann ging es mit meiner Gastmama und meiner Nachbarsfamilie (sogar Klein-Fredy und Adrian waren dabei, obwohl sie Schule gehabt hätten) auf zum Flughafen. Von meinem Gastvater habe ich mich noch in Tunja verabschiedet.
Bei mir waren an diesem Tag die Dämme definitiv gebrochen und ich konnte nichts gegen die vielen Tränen tun.

Die Autofahrt nach Bogotá war nochmal sehr schön. Ich konnte noch einige Stunden mit den wichtigsten Leuten verbringen (auch wenn meine Geschwister und Gastpapa gefehlt haben). Wir haben über das vergangene Jahr geredet, einige lustige Geschichten erzählt, die uns passiert sind und festgestellt, wie unfassbar schnell so ein Jahr umgeht!

In Bogotá haben wir bei dem Bruder von Osmany Mittag gegessen, das meine Gastmama natürlich vorgekocht hatte 😀 Mein letztes kolumbianische Mittagessen mit einer Riesenportion Reis!
Danach ging es zum Flughafen und ich hatte mich schon vom großen Fredy verabschiedet, der nicht mitkam.
Das letzte Stück durch den bogotaner Stau zum Flughafen war nochmal sehr witzig 😀 Ich habe erzählt, wieviel ich zugenommen habe und meine Gastmama war regelrecht stolz darüber und hat sich gefreut: „Mein kolumbianisches Essen!“ 😀 Ich nehme es gelassen. Wir haben festgestellt, dass ich 10kg alegría (Freude) zugenommen habe und das stimmt wirklich!

In diesem Jahr habe ich mich meiner Meinung nach sehr verändert! Auch wenn ich jetzt ein bisschen mehr Jule bin als vorher (was ich vor einem Jahr niemals so gelassen genommen hätte), fühle ich mich so wohl wie nie. Ich habe gelernt, dass Aussehen nicht immer das Wichtigste ist und das man so schön ist, wie man ist. Ich weiß, das ist das übliche Geschwafel. Aber dazu nachher mehr.

Am Flughafen habe ich mich vom kleinen Fredy und Adrian verabschiedet, was ein wenig spontan war, da ich dachte sie würden noch am Flughafen bleiben.
Also blieben nur noch Bertha und Osmany mit mir.
Am Abend vorher hatte ich mehrere Male meinen Koffer gewogen und war der festen Überzeugung, dass er nicht über 23kg wog. Lange Geschichte… Auf jeden Fall ging es so aus, dass ich nicht 100 Euro für 2kg Übergewicht bezahlen wollte und so habe ich einige Sachen dort gelassen, zur Freude von Osmany und Bertha 😀
Die nette Frau bei der Gepäckaufgabe hat mir sogar noch kostenlos den Reiserucksack abgenommen. Ich habe mich so befreit gefühlt, dass ich beiden ein Eis ausgegeben habe. Leider hatte ich vergessen, dass meine Gastmama Diabetikerin ist, was sich einige Zeit später deutlich bemerkbar machte.
Während ich immer trauriger wurde (falls überhaupt möglich), wurde sie immer heiterer bis sie mir sagte: „Jule, ich habe gerade Party im Kopf!“ 😀 Ich hatte vergessen, dass sie gar keinen Zucker essen darf und so habe ich meine Gastmama am letzten Tag ein wenig high gemacht 😀 Ich musste so lachen, wie sie geredet und gelacht hat und so wurde in meinen letzten Minuten sogar mehr gelacht, als geweint. Trotzdem war die Verabschiedung dann nochmal sehr schwer und nach zahlreichen Fotos, die Osmany ja so gerne macht, und einer letzten Umarmung bin ich dann zum Gate gegangen.

Tja… Während des gesamten Fluges habe ich geweint, vor allem als ich mir das Abschiedsbuch angesehen habe, was sie mir gebastelt haben und mir klar wurde, was ich für besondere Menschen in diesem Jahr kennenlernen durfte. Ich hätte es niemals für möglich gehalten, dass ich jemanden nach so kurzer Zeit so sehr ins Herz schließen kann. Aber durch meine herzlichen und offenen, kolumbianischen Familien wurde auch ich immer mehr so.
Ich bin ihnen so dankbar für alles, was sie getan haben, aber vor allem, dass sie mich so offen aufgenommen haben und mich jetzt wie eine eigene Tochter, Schwester, Cousine, Tante oder was auch immer sehen.

Am berliner Flughafen wurde ich dann von meiner Familie und drei meiner besten Freundinnen erwartet, wovon ich nichts wusste. Deshalb habe ich mich umso mehr gefreut. Merkwürdigerweise war das Wiedersehen im März, als meine Familie mich besucht hatte, viel emotionaler, was nicht heißen soll, dass ich mich nicht gefreut habe alle wiederzusehen.
Wir haben den Tag dann im Garten ausklingen lassen und Familie und eine weitere Freundin sind noch gekommen.

So jetzt zum eigentlichen Thema, über das ich heute hier reden wollte. Wie war das wieder Einleben und wie habe ich meine alte Heimat nach einem Jahr im Ausland gesehen?
Ich hätte es niemals gedacht, aber die Rückkehr fiel mir sehr, sehr schwer. In den ersten Wochen habe ich Kolumbien und meine Familien so sehr vermisst, dass ich am liebsten rund um die Uhr mit ihnen in Kontakt gewesen wäre. Meine Gedanken kreisten nur um Kolumbien und ich konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, jemals wieder in Deutschland glücklich zu werden. Ich weiß, dass sich das ziemlich übertrieben anhört, aber so war es.
Vielleicht fiel es mir auch so schwer, weil ich nie wirklich Zeit hatte richtig anzukommen. Bis heute habe ich noch gar nicht alle von meiner Familie und meinen Freunden wiedergesehen und es steht immer noch eine Tüte mit Sachen da, die ich noch nicht ausgepackt habe.
Ich war sehr beschäftigt in der ersten Zeit; da war der Urlaub mit meinen Eltern und meinem Bruder, nicht einmal eine Woche nach meiner Ankunft, ein Tag nach dem Urlaub das Nachbereitungsseminar in Wiesbaden, danach war ich ein paar Tage in Köln bei Despina, im September war ich sehr viel arbeiten und nächste Woche fängt schon die Uni an.

So schnell geht alles 😦 Jetzt ist es bald ein Jahr her, dass ich mein großes Abenteuer gestartet habe ohne Vorstellungen, was mich erwarten würde. Wenn ich könnte, würde ich morgen wieder nach Kolumbien fliegen.

Ich muss gestehen, dass ich diesen Beitrag ewig vor mir hergeschoben habe und es mir sehr schwer fällt ihn zu schreiben. Wahrscheinlich weil Kolumbien dann ein wenig mehr „abgeschlossen“ ist. Ich merke, wie ich es nicht schaffe eine Struktur in diesen Text zu bekommen 😀 und es mir bis heute schwer fällt zu akzeptieren, dass ich nicht zurückgehen kann in nächster Zeit 😦

Also… Es gibt ein paar Dinge, die ich nun anders sehe, seit ich zurück bin. Hätte ich diesen Beitrag (wie es geplant war) direkt nach meiner Ankunft geschrieben, würden die Aussagen wahrscheinlich ein bisschen einseitig sein, aber jetzt ist schon einige Zeit vergangen und ich versuche mein neues Leben zu leben.

  1. Das erste Mal, als ich in einem deutschen Supermarkt war, nach meinem Kolumbienaufenthalt, habe ich geweint 😀 Ich weiß gar nicht, wie ich es beschreiben soll, aber ich war schockiert von all den überfließigen Produkten, die es gibt. Ich will damit sagen, dass es doch nicht z.B. 10 verschiedene Joghurtsorten geben muss oder Früchte, die zwar vielseitig sind, aber mehr als 8000 Kilometer hinter sich gebracht haben. Mir erschien das so „unnatürlich“.
    Ich finde, dass diese Konsumgesellschaft in Deutschland viel zu viel Einfluss auf uns nimmt. Ich habe es vorher nie so gesehen, aber in Kolumbien macht man sich einfach nicht so viele Gedanken um so unwichtige Dinge wie: „In wievielen Farben sollte ich mir das Oberteil noch holen?“, „Welche Schuhe kaufe ich mir als Nächstes?“, „Welche der zehn verschiedenen veganen Milchsorten trinke ich heute?“
  2. Anfangs fiel es mir sehr schwer mit der Ordnung und „Bürokratie“ umzugehen. Ich finde es gut, dass viele Dinge in Deutschland so strukturiert sind, aber auch hier habe ich mich wieder gefragt, ob das so notwendig ist. Ich denke, dass man in Kolumbien nicht so viele Dokumente braucht, um Arbeiten gehen zu können. Eh ich nämlich anfangen konnte, musste ich mich um so viele Dinge kümmern und ich finde dieses System sehr kompliziert. Das liegt wahrscheinlich auch daran, dass ich noch so jung bin und es mir nie jemand erklärt hat. In der Schule lernt man nun mal nicht, wie man eine Steuererklärung schreibt, einen Mietvertrag unterschreibt und und und. (In Kolumbien genauso wenig :D)
  3. Auch wie ernst die Deutschen es mit der Pünktlichkeit nehmen! In Tunja findet man nirgendwo einen Busfahrplan. Ich weiß nicht, wie oft ich hier zum Bus rennen musste, weil sie auf die Minute genau oder noch früher kommen. Mir ist klar, dass Busfahrpläne sehr praktisch sind und man somit seinen Tag besser planen kann, aber mir erschien das so „übergenau“.
    Zum Thema Pünktlichkeit habe ich ein gutes Beispiel, dass mir widerfahren ist. Ich war mit einer Freundin um 15:30 in einem Cafe verabredet. 15:28 schrieb sie mir, dass sie da ist, während ich zuhause war und mich noch nicht einmal umgezogen hatte. Ich bin dann zwar zehn Minuten später eingetroffen, aber das Einhalten einer genauen Zeit fiel mir echt schwer. Da sind die Kolumbianer definitiv lockerer!
  4. Viele Kolumbianer sagen, dass alle Deutschen blond sind und ich habe immer erklärt, dass das nicht stimmt. Als ich aber zurückkam, erschien es mir, dass um mich rum nur große, bleiche, blonde Menschen waren. Außerdem ist mir aufgefallen, dass es viele übergewichtige Menschen gibt. Ich sollte mich wohl nicht dazu äußern, wo ich doch so zugenommen habe 😀 aber ich tue es trotzdem. In Kolumbien sind die meisten Menschen trotz des kalorienhaltigem Essen schlank, was mich immer gewundert hat, um ehrlich zu sein. Das ist hier nicht so.
  5. Nun zum letzten und mir wichtigstem Punkt. Der Umgang der Menschen miteinander hat mich sehr schockiert und traurig gemacht, todavía! Die „deutsche“ Unfreundlichkeit war nach den überfreundlichen Kolumbianern, die ich getroffen hatte, sehr ernüchternd. Das fängt an bei Kleinigkeiten! Wenn jemandem neben dir etwas runterfällt, auch wenn du die Person nicht kennst, kann man doch helfen. Busfahrer, die einem nicht zurückgrüßen können. In alltäglichen Situationen Menschen anzulächeln oder freundlich zu antworten z.B. beim Einkaufen. Ich bin auf so viele unfreundliche Menschen gestoßen, was mich jedes Mal denken ließ: „In Kolumbien ist alles besser“.
    In Deutschland scheint es außerdem normal zu sein, dass man Leute, die man kennt und lange nicht gesehen hat, auf der Straße oder im Supermarkt einfach ignoriert. Selbst da kann man nicht mal ein paar liebe Worte austauschen. Das trifft natürlich nicht auf alle zu.
    Weiterhin finde ich, dass viele Deutsche so viel schüchterner sind beziehungsweise „nicht-offen“. Es ist viel schwerer in ein Gespräch zu kommen. Viele sprechen Komplimente, die sie denken nicht aus, als ob es etwas Schlimmes wäre jemandem den Tag zu verschönern.

Diese Dinge, die ich aufgezählt habe, haben mich sehr traurig gemacht und es fiel mir schwer nicht zu denken, dass Kolumbien in irgendeiner Weise besser ist (zumindest auf der zwischenmenschlichen Ebene).
Ich habe mir geschworen, dass ich meine kolumbianische Fröhlichkeit nicht verlieren werde und vielleicht sogar andere Menschen damit anstecken kann. Ich habe mich sehr verändert, denn ich bin offener, fröhlicher, zufriedener und gelassener geworden.
Die Idee nach Kolumbien zu gehen, war die beste, die ich bisher hatte und ich will so schnell wie möglich zurück!

Ich bedanke mich bei allen, die mich unterstützt haben vor, während oder nach der Zeit und bedanke mich auch bei den vielen Menschen, die meinen Blog so aktiv mitverfolgt haben. Ich hoffe, dass ich euer Bild über Kolumbien ein wenig verändern konnte!

Dieser Beitrag war definitiv der schwerste für mich und ich bin nicht mal zufrieden mit ihm 😀 Es ist schwer auszudrücken, wie es ist, wenn man alles Erlebte auf einmal anders wahrnimmt.

Nun fängt erst einmal ein neuer Lebensabschnitt für mich an und dieser heißt: Studium.
Eins steht aber fest! Ich werde ganz oft nach Kolumbien zurückreisen und berichte darüber auch gerne auf meinem Blog. Mit meinen lieben Menschen dort drüben werde ich im Kontakt bleiben!

Weisheit des Tages: egal wie weit ich von Kolumbien entfernt bin, ein Teil wird immer bei mir sein 🙂