Alles nur ein Traum – ein wunderschöner Traum

Bald ist es zwei Monate her, dass ich wieder in Deutschland bin. Wie zwei Monate hat es sich gar nicht angefühlt. Viel eher, als wenn ich nie weggewesen wäre. Hier ist alles so wie immer. Kaum Veränderungen. Berlin ist ständig in Bewegung. Mal wird dort neu gebaut, neue Menschen ziehen hinzu oder weg – aber eigentlich ist es noch genau das Gleiche, wie vor einem Jahr.

Über ein Jahr ist es her, dass ich diese bunte Stadt verließ und mein Abenteuer Richtung Südamerika startete. Das Jahr, die Zeit in Südamerika, die vielen Erfahrungen, ständig Neues – ich habe es sehr genoßen. Ich habe viel gelernt. Konnte viel mitnehmen. Und jetzt fühlt es sich doch so an, als wäre es nie passiert. Habe ich mir das alles eingebildet? Die große, quirlige Hauptstadt Bogotá, die mich täglich neu begeisterte? Die traumhaften Reisen, durch den Amazonas, entlang der Pazifikküste, durch die Gletscherlandschaften in Chile und Argentinien. War das wirklich real? Landschaften, die jeden Reisekalender übertreffen. War ich wirklich dort gewesen?

Seit ich im August in Berlin wieder ankam, wurde ich direkt in den Alltagsstress gezogen. Arbeiten, Uni, Zukunft planen. Es ging viel schneller, als erwartet. Der süße Geschmack des Ankommens nach einer langen, anstrengenden, erlebnisreichen Reise, das Erste mal seine Familie und Freunde wiedersehen. Wenn die Gerüche der Großstadt, der U-Bahn, des eigenen Zimmers und des Haustiers nach so langer Zeit wieder in die Nase strömen und so viele Bilder und Erinnerungen im Kopf abgerufen werden. Dieses Gefühl – zurückzukommen – ist bittersüß. Ich fühlte mich wie in mehrere Teile getrennt. Ein Teil war wieder zuhause, so glücklich, das Gewohnte wiederzusehen – alles so wie immer. Andere Teile von mir waren noch an den Orten verteilt, wo ich lebte, lernte. Es wirkte gar nicht so einfach die Psyche mit dem physischen Körper in Einklang zu bringen. Und doch kannte mein Körper noch jedes Detail. Es war einfach wieder nachhause zu kommen. Ich wurde liebevoll erwartet, ich freute mich, wieder da zu sein. Trotzdem fiel es mir nicht leicht. Ein Teil fehlte.

Viel zu schnell ging diese anfängliche Freude, das erste Erleben des gewohnten Alten nach so langer Zeit, über in einen schnelllebigen Alltag. Es gab viel zu tun und ich war überfordert mit den ganzen Verpflichtungen, die aufploppten. Mir blieb keine Zeit anzukommen, zu reflektieren, was gerade mit mir passierte. Von mir wurde erwartet, gleich wieder die gewohnte Person zu sein. So wie immer, wie der Rest auch. Ich merkte, das ging nicht. Ich war nicht mehr die gleiche Person, die vor einem Jahr Deutschland verließ. Jene fernen Teile, die ich irgendwo zwischen Kolumbien und Chile verloren hatte, fühlten sich unverstanden. Ich nahm mir keine Zeit für sie.

Vielleicht sind das wirre, unverständliche Gedanken, die mir durch den Kopf gehen. Ein erster ehrlicher Moment, wo ich versuche zu sammeln, was in mir vor sich geht. Viel zu schnell vergeht die Zeit. Viel zu weit weg wirkt das Erlebte. Jetzt schon kann ich mir nicht mehr vorstellen, dass ich wirklich in Kolumbien war, in Chile lebte, so viele Menschen kennenlernte und so viele Orte sah. Jetzt fühlt es sich an, als wäre es nur ein Traum gewesen, der sich zunehmend verdunkelt. Bald schon werde ich mich nicht mehr an ihn erinnern können, so wie Träume nach dem Aufwachen immer unklarer werden. Wie kann ich dagegen ankämpfen?

Immer wieder sage ich mir, dass ich wirklich dort war und lebte. Ich lebte in jenen Momenten. Und das will ich auch heute tun. Momentan bin ich glücklich. Ich weiß, dass ich am richtigen Ort bin, an der richtigen Stelle. Es fühlt sich richtig an. Denke ich…
Momentan spüre ich keine unerträgliche Sehnsucht nach einem Ort, der so weit weg ist. Keine Sehnsucht nach dem Lebensgefühl, das mich immer wieder aufs Neue nach Kolumbien zog. Momentan will ich hier sein, wo ich bin. Gleichzeitig möchte ich, dass mir bewusst ist, dass die anderen Teile von mir existiert haben. Ich habe sie mir nicht ausgedacht.

Ankommen ins Alt-Neue kann schwieriger sein, als gedacht. Sich in eine Welt einzugliedern, in die man einmal so gut gepasst hat, die sich jetzt ein wenig verkehrt anfühlt. Südamerika ist für mich kein abgeschlossenes Kapitel. Es ist noch nicht vorbei. Irgendwo tief in mir drin, steckt es. Ich möchte es nicht unterdrücken und Kleinreden, wie ich es die letzten Wochen getan habe. Als Teil von mir, möchte ich mich an bewusster an das erlebte erinnern.

Ich weiß nicht, ob sich jemand in diesem Text wiederfindet. Gefühle sind so kompliziert zu beschreiben. Und trotzdem versuche ich es.

Weisheit des Tages: Ein bisschen in schönen Erinnerungen schwelgen, kann gut tun. Das möchte ich zulassen, auch wenn es gleichzeitig weh tut.

Ein Jahr Südamerika, zwei Semester im Ausland

-377 Tage in Südamerika –
– 158 Tage in Chile –

Heute ist es so weit! Nach über einem Jahr in Südamerika und zwei absolvierten Auslandssemestern in Bogotá und Santiago de Chile, fliege ich heute zurück nach Berlin. Was ich fühle, lässt sich dieses Mal klar definieren, im Gegensatz zu meiner Abreise aus Kolumbien vor drei Jahren. Innerlich brodle ich vor Freude und Aufregung. Ich bin froh, dass ich jetzt zurückkehre.


Weitere Puzzleteil kommen zu meiner Welt hinzu. In einem Jahr habe ich unglaublich viel gelernt. Ich habe angefangen mich für Themen zu interessieren, die vorher weit von meiner Realität entfernt waren. Sowohl in Kolumbien, als auch in Chile habe ich die studentischen Bewegungen miterlebt und darüber berichtet.

Es war ein Jahr mit vielen Auf und Abs. Seit ich 2016 Kolumbien verließ, hatte ich mir in den Kopf gesetzt für längere Zeit an meinen Sehnsuchtsort zurückzukehren. Als ich im Juni 2018 (sehr spontan) Bescheid bekam, ich könne an der Universidad Nacional de Colombia in Bogotá studieren, realisierte ich, dass mein Traum wahr wurde. Sechs Monate verbrachte ich in Kolumbiens Hauptstadt, lernte viele, interessante Menschen kennen, schloss Freundschaften, besuchte regelmäßig  meine kolumbianische Familie und Freunde in Tunja und beschäftigte mich intensiver mit der Politik des Landes. Mit der Idee nach Kolumbien zu kommen, um es ein bisschen für mich abzuschließen, verliebte ich mich mehr ins Land und seine Menschen. Wieder denke ich, ich würde gerne längere Zeit dort leben.
In Chile wollte ich studieren, um ein anderes südamerikanisches Land intensiver kennenzulernen. Mein Gedanke war auch, dass ich mich durch das Kennenlernen eines anderen Landes ein bisschen von Kolumbien „entfernen“ könnte. Wie gut das geklappt hat, könnt ihr in den Blogposts der letzten Wochen lesen. Chile ist nicht mein Ort um glücklich zu sein und das ist okay. Umso mehr Interesse habe ich nun andere südamerikanische Länder intensiver kennenzulernen.
Neben kleinen Reisen in Kolumbien und Chile, reiste ich in dem vergangenen Jahr nach Ecuador, Brasilien, Argentinien und Uruguay. Vor allem Uruguay verzauberte mich! Vielleicht wird es mein nächster Wohnort in Südamerika?


Wie fühlt es sich nun an nach über einem Jahr Südamerika zurück nach Deutschland zu reisen?

Kann ich das mit einem Wort beantworten? Unmöglich.
Zu viel ist passiert. Es fühlt sich an als hätte ich zehn Jahre in einem Jahr gelebt.
Bogotá ist schon so lange her! Es war eine tolle Zeit. Hat sich so gut angefühlt. Der Moment als ich aus dem Flieger stieg und mir der typische Geruch entgegenkam. Kolumbien ist mein Sehnsuchtsort. Ich hatte Bedenken. Vielleicht träumte ich einer Zeit nach, die bereits vergangen war. Vielleicht würde es mir beim zweiten Mal nicht so gut gefallen. Nach kurzer Zeit baute ich mir ein Leben in Bogotá auf und wusste, ich könnte hier noch länger bleiben.
Es war eine aufregende Zeit! Alleine wohnen, wieder Spanisch sprechen, Schritte in die Selbstständigkeit, in die Politik und viele andere Themen. Ich weiß jetzt schon, eines Tages will ich wieder zurück!

Wie ich zu Chile stehe, ist noch sehr frisch und ich habe es oft beschrieben. Chile ist anders. Ich habe gekämpft und so lange die Tage gezählt. Jetzt ist es vorbei und ich bin froh es hinter mir zu lassen.

Immer wieder wurde mir gesagt, wie mutig ich sei, dass ich mich traue, was ich mache. Dabei habe ich das gemacht, was ich wollte und was ich für richtig hielt. Dinge haben sich ergeben und ich bin Wegen gefolgt, die sich mit der Zeit auftaten. Es gab die eine oder andere Komplikation, aber ich habe nicht aufgegeben. Mir macht es Spaß immer Neues kennenzulernen, aus meiner Komfortzone zu kommen und an meine Grenzen zu stoßen, um mich selber besser kennenzulernen. Ich will so viel wie möglich davon sehen und erkunden. Alles ausprobieren und immer Veränderungen erleben – das macht mir Spaß. Immer neu, immer anders gefällt mir. Ich möchte nicht auf der gleichen Stelle laufen, sondern immer weiter und in alle Ecken, um alles zu erkunden. Dinge ausprobieren, die ich schon immer mal machen wollte. An Demos teilnehmen, auf spanisch studieren, spanische Texte schreiben und lesen, Grafikdesign und Journalismus studieren, alleine reisen, ein Leben ohne jemanden zu kennen in einer fremden Stadt aufzubauen, an die eigenen Grenzen kommen, um dann zu bemerken, dass ich stärker bin, als ich gedacht hätte.

Unglaublich. So schnell vergeht die Zeit und gleichzeitig so langsam.
Eine paradoxe Aussage, in der sich alle mal wiederfinden.
Die Zeit fliegt hin und ich fliege mit ihr.
Vor über einem Jahr ging mein Abenteuer los. Vor über einem Jahr stieg ich in Berlin in den Flieger mit einem Gepäckstück und so viel Neugierde, Wünschen und Abenteuerlust. In einem Jahr ist viel passiert. Ich habe so viel gelernt, gesehen, erlebt, viele Menschen kennengelernt, mich von einigen entfernt. Ich bin dankbar, dass ich diese Erfahrungen machen durfte, dass ich die Möglichkeit hatte gleich in zwei südamerikanischen Ländern zu studieren und so viel über Geschichte, Gesellschaft und Politik in Kolumbien und Chile zu lernen.

377 ereignisreiche Tage. In diesem Moment spüre ich Glück. Ich bin stolz auf mich und das, was ich in der Zeit gelernt und erreicht habe. Ich fühle mich erfüllt und bin unendlich dankbar.
Die letzten Monate waren manchmal hart. Ich bin erleichtert, dass nun die Zeit gekommen ist, zu gehen und Chile hinter mir zu lassen. Ein großes Kapitel geht zu Ende und ich bin bereit für das nächste! Südamerika wird mir fehlen. Über ein Jahr hier und auf einmal ist es ganz weit weg. Ich werde es vermissen Spanisch zu sprechen und die vielfältigen Kulturen, Tänze, Menschen und Musik zu erleben. Die kolumbianische Leichtigkeit lebt noch in mir, aber ich weiß nicht, wie lange ich sie mit nach Deutschland nehmen kann.
Ein bisschen besorgt bin ich zurückzukommen. Deutschland entwickelt sich gerade in eine Richtung, die mir Angst macht. Vielleicht hat sich sehr viel verändert. Vielleicht ist Vieles so geblieben, wie es vor einem Jahr war. Ich werde es herausfinden und euch weiterhin berichten.

Ich gehe mit positiven Gefühlen. Ich weiß, in Berlin warten Menschen auf mich, bei denen ich mich fallen lassen kann. Ich freue mich unendlich alle wiederzusehen (und in meinem eigenen Bett zu schlafen). Das Erlebte werde ich nie vergessen.

Vor einem Jahr

Weisheit des Tages: Nach zwei Jahren, die ich in den letzten vier Jahren in Südamerika lebte, merke ich wie es ein Teil meiner Identität wurde. Sprache, Musik, Kultur und Menschen begleiten mich seit längerer Zeit und ich weiß, dass ein Teil von mir immer Südamerika (insbesondere Kolumbien) vermissen wird. Aber ich werde wiederkommen!

Von der Kunst alleine glücklich zu sein

– 153 Tage in Chile –

Oft wurde ich gefragt, ob ich ganz alleine reise und unterwegs bin. Menschen wirkten nahezu fassungslos. Alleine in Südamerika? Ganz alleine? Es stimmt, dass ich vor über einem Jahr alleine losgezogen bin, aber ich hatte nie Zweifel daran alleine zu reisen. Sehr schnell lernte ich neue Menschen kennen, die mich auf meinem Weg begleiteten. In Kolumbien schloss ich viele Freundschaften, die auch in Zukunft lange bestehen werden. Geblendet von der lebensfrohen Art in Kolumbien stürzte ich mich im März ins nächste Abenteuer: Chile – und fiel ordentlich auf die Nase.

Chile war mein persönlicher Kampf. Immer ein großes Hin und Her. Zwischen Tage zählen und Zeit genießen, wechselten sich meine Stimmungen ab. Mal gefiel es mir, dann war wieder alles unerträglich. Bedingungsloses Glücklichsein, wie in Kolumbien, habe ich hier nicht erlebt.

Diese Aufregung, die ich am Anfang spürte, als ich das erste Mal Santiago de Chile sah und wusste, hier würde ich die nächsten Monate verbringen, verflog schnell. Ich habe mir mein Leben in der Metropole ausgemalt und wollte mit Abenteuerlust alles erkunden. Mit der Zeit bekam ich einen Überblick über die Millionenstadt. Orte, die ich bereits kannte, verbanden sich zu einem Netz. Ich wollte mir in den sechs Monaten in Chile mal so schnell ein Leben aufbauen, wie es mir zuvor in Kolumbien gelang und merkte, ganz so einfach ist es hier nicht. Obwohl ich Leute kennenlernte und interessante Dinge unternahm, war ich so einsam, wie noch nie. Ich bin eine sehr soziale Person, immer von Menschen umgeben und in Santiago war es das erste Mal anders. Eine Zeit, in der ich viel über mich und das Allein-Sein lernte.

Ich dachte immer, ich würde alleine ganz gut klar kommen. Einige Male bin ich in die Welt losgezogen und machte mir nie Gedanken darüber mich einsam zu fühlen. In Chile merkte ich dann auf die harte Tour, dass ich noch einiges lernen musste. Ich stand mir selber im Weg und versuchte mir ausweichen. Ich versuchte meinem eigenen Schatten auszuweichen und merkte, das ist unmöglich. Er ist immer da, also musste ich ihn akzeptieren und besser kennenzulernen.

Als ich eine Zeit hatte, in der ich mich ein bisschen mehr aufraffen musste, erstellte ich mir eine Liste mit Dingen, die ich tun konnte, wenn ich gelangweilt, einsam oder deprimiert war.

Santiago und Umgebung erkunden
Manchmal gehe ich in eine Richtung los und laufe so lange, bis ich eine Ecke entdecke, die ich noch nicht kannte. Ich mag es kleine Szenerien zu beobachten, die vielen Menschen gar nicht auffallen. Begegnungen, die schnell wieder vergessen werden. Je mehr ich von Santiago sah, desto größer und bunter wurde das Bild, das ich von der Großstadt hatte. Obwohl ich Natur liebe und ab und zu in diese flüchten muss, bin ich ein Großstadtkind. Großstädte sind faszinierend. Irgendwo ist immer etwas los. Jederzeit konnte ich das Haus verlassen und eine kleine Entdeckungstour starten.

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Straße ohne Ausgang

Kulturprogramm to its fullest
Ich weiß, dass nicht alle Menschen sich darin wiederfinden, aber ich konnte viel freie Zeit dazu nutzen, in Museen, Ausstellungen und Veranstaltungen zu gehen. Hervorragend traf es sich, dass meine Mitbewohnerin Künstlerin ist und immer Bescheid wusste, wo gerade was läuft. Über Facebookveranstaltungen wurden mir immer mehr Veranstaltungen angezeigt. Wenn man einmal seinen Algorhitmus trainiert hat, so kann man auf interessante Dinge stoßen. Auch bei meinen Spaziergängen, wurde ich auf kleinere, unbekanntere Museen und Galerien aufmerksam. Ich lernte immer mit offenen Augen durch die Straßen zu laufen.

Lesen, lesen, lesen
Wer mich kennt, weiß, ich lese gerne und habe immer ein Buch bei mir! Mir fällt es schwer auf dem Markt, wo ich jedes Wochenendebin, an den gebrauchten Büchern vorbeizugehen ohne gleich fünf neue Bücher mitzunehmen. Jedes verbirgt eine interessante Geschichte in sich. Im letzten Jahr habe ich mich mehr mit südamerikanischer Literatur beschäftigt. Habt ihr Lust, dass ich euch einige meiner Lieblingswerke vorstelle?
Für die Uni musste ich viele Texte lesen, deshalb ist das private Lesen ein bisschen zu kurz gekommen. Spanische Literatur möchte ich gerne in Originalsprache lesen, aber nach einem langen, anstrengenden Unitag, habe ich mich dann doch über deutsche Sprache gefreut.
Lesen ist eine schöne Form der Alltagsflucht. Für paar Stunden abtauchen um sich mit den Geschichten anderer zu beschäftigen.7329B053-CC2A-4F93-A1A9-39EF824D8F38

Kreativ sein
Hört sich an wie ein schlechter Ratgeber, aber ich habe viele Dinge ausprobiert, die ich noch nie gemacht habe. Beispielsweise war ich bei einem Nähworkshop einer chilenischen Künstlerin und erlernte so etwas, was ich gerne öfter machen möchte.
Mit kreativ sein kann aber Vieles gemeint sein. Ich habe viel Zeit genutzt, um zu schreiben. Als Kind habe ich so viele Geschichten geschrieben und bin mit der Zeit leider ein wenig davon abgekommen. Dieses Semester war aufgrund der Unikurse, aber auch aufgrund privater Motivationen ein erfolgreiches Schreibsemester. Schreiben macht mir Spaß und danach fühle ich mich leichter. Bei dem Gedankenknäuel, das sich in meinem Kopf manchmal ansammelt, muss ich die Gedanken ordnen und loswerden.0AF42B2F-AABE-48FE-B3C2-C8FD044D1347

Briefe schreiben
Bevor ich für ein Jahr nach Südamerika ging, schrieb ich zwei Briefe an mich. Den ersten adressierte ich an mein Ich, das Kolumbien verlassen würde (und wie erwartet Schwierigkeiten dabei haben würde) und den zweiten, wenn ich nach Deutschland zurückkehre. In einer Woche bin ich schon zurück. Ich bin gespannt, was ich vor über einem Jahr an mich geschrieben habe. In manchen Situationen im Leben, wenn wir uns die Zukunft nicht vorstellen können, hilft es diese Bedenken in einem Brief zusammenzufassen. Vielleicht werde ich über den Brief, den ich damals geschrieben habe, schmunzeln. Andere Dinge beschäftigen mich heute, ich habe mich weiterentwickelt und trotzdem werde ich mich in der Person, die den Brief schrieb, wiederfinden.

Alleine essen gehen und viel kochen
Essen macht glücklich. Ob mit anderen Personen oder alleine. Ich hatte nie ein Problem damit mich alleine in ein Café oder Restaurant zu setzen. Zuhause esse ich ja auch meistens alleine.
Ich habe fast jeden Tag gekocht und mich bei den ferias (Märkten) in den Straßen Santiagos ausgetobt. Restaurants in Santiago fand ich sehr teuer, aber andere Foodspots, StreetFood und neue Rezepte probierte ich gerne aus. Das Kochen begleitet von lautstarker Musik oder einem Podcast, wurde für mich zu einem Hobby und fester Bestandteil meines Alltags. Eine Routine, die mich glücklich macht.

Thrifting und Second Hand
Meine neue Leidenschaft, die ich aus Chile mitnehme, ist das Thrifting. In Chile gibt es sehr viel gebrauchte Kleidung, die aus Europa und den USA eingeschifft wird. Diese Art von Konsum kritisiere ich. In der Straße Banders im Zentrum gibt es verschiedene Läden, die die ganzen Klamotten aufnehmen. Meterhohe Berge an Klamotten werden da auf dem Boden gesammelt und die Menschen erklettern diesen Berg, um das beste Teil herauszufischen. Könnte mit dem Neoliberalismus und neukapitalistischen Konsum in Chile zusammenhängen. Mich schockierte das und davon möchte ich mich distanzieren. Woran ich jedoch Gefallen finde, sind die kleinen Märkte, die sich auf Straßen öffnen, in denen Menschen ihre aussortierte Kleidung verkaufen. Thrifting kann richtig Spaß machen. Gebrauchte Klamotten, Bücher und andere Dinge zu erstehen, an denen andere Menschen schon Gefallen hatten und die nun mich begleiten werden.

Dance it out
Manchmal musste ich die schlechte Laune tatsächlich austanzen. Also Dirty Dancing an und schlechte Laune raus. Klingt sehr klischeehaft? Mir hat es geholfen und danach waren viele der dunklen Gedanken ganz weit weg. Probiert es aus! Tanzen kann mehr helfen, als man denken würde.

Telefonieren und die tiefen Unterhaltungen weiterhin führen
Der Kontakt zu meinen Freund*innen und meiner Familie in Deutschland und Kolumbien ist mir sehr wichtig. Ich liebe es im Moment zu leben und gleichzeitig möchte ich meine Liebsten daran teilhaben lassen und auch an ihrem Leben teilnehmen. An so einem Tag, an dem ich Redebedarf hatte, konnte ich Freund*innen oder Familie anrufen und stundenlang meine geliebten tiefgründigen Gespräche führen über die Dinge, die mich oder sie gerade so beschäftigten. Mit engen Freund*innen stellte ich immer wieder fest, ein Jahr ist eine sehr lange Zeit, aber durch WhatsApp und Co. kam es uns nie so vor, als wäre ich ein Jahr vom Erdboden verschwunden. Ein Hoch auf das Internet!
Das ist wirklich eine schöne Sache! Ich weiß, dass ich Menschen habe, auf die ich mich verlassen kann, die auch für mich da sind, wenn ich mehrere tausende Kilometer entfernt bin. Nur einen Anruf entfernt!
Danke an dieser Stelle an alle Leute, die mich während der gesamten Zeit von der Ferne aus begleitet haben!


Was ich wirklich gelernt habe, wenn ich mit mir alleine klar komme, dann habe ich echt viel erreicht im Leben. Menschen können mein Leben begleiten, gemeinsam mit mir Erinnerungen schaffen, aber letztendlich müssen wir doch alle alleine durch das große Labyrinth, das sich Leben nennt.
Mich hat eine Freundin sehr beeindruckt, die sich dazu entschied ein Auslandssemester in Santiago zu machen. Seit fünf Jahren ist sie in einer festen Beziehung und hängt sehr an ihrem Freund. Ich meinte zu ihr, ich finde es sehr mutig, dass sie sich von der gewohnten, glücklichen Situation loslöst und ein Abenteuer wagt. Sie hätte sich zu viel auf andere Personen gestützt und wollte sehen, ob sie auch alleine alles schaffen könne. Ich war schon immer eine unabhängige Person, die das macht, was sie für richtig hält. Diese Unabhängigkeit ist für mich sehr wichtig. Ich verstehe aber, dass viele Menschen sich sehr an andere Menschen binden. Deshalb war ich beeindruckt, dass sie sich traute aus dem Gewohnten auszusteigen, um etwas anderes kennenzulernen und in Kauf nahm, ihre Beziehung aufgrund der Distanz oder Veränderungen zu riskieren.

Alleine sein kann richtig Spaß machen! Mal das machen, wofür man nie Zeit hat. Sich die Gedanken machen, die man immer weggeschoben hat.
Ich bin ein Mensch, der viel Zeit für sich braucht. Während meines Aufenthaltes in Chile merkte ich jedoch den Unterschied. Ich mag es, wenn ich mich bewusst für Me-Time entscheide. Wenn ich dazu gezwungen werde, weil niemand Zeit oder Lust für ein Treffen hat, dann ist es schwierig damit umzugehen. Ich habe gelernt, dass ich die Dinge nicht immer ändern kann. Wenn es nicht klappt, dann klappt es halt nicht. Wenn etwas sein soll, dann wird es sich schon ergeben. Auf meinen ausgeübten Druck können Dinge kaputt gehen. Hinterherrennen, wenn jemand gar nicht will, mache ich nicht mehr. Nach einigen Versuchen, die ich starte, habe ich genug. Kostbare Zeit, die ich damit verschwende andere dazu zu bekommen, etwas mit mir zu unternehmen um Spaß zu haben, kann ich einfach mit mir selber verbringen.

Ich bin gerne alleine und habe Zeit für mich. Was für mich neu war, war allein-sein, obwohl ich gerade lieber mit anderen unterwegs war. Aus dieser Situation habe ich viel gelernt. Ich habe (oder musste) mich mit mir selbst beschäftigen und glaube, dass dieser Lernprozess mich sehr stark gemacht hat.

Allein-Sein in Chile

Weisheit des Tages: Allein sein ist wichtig! Es sollte nicht negativ konnotiert werden, denn allein sein ist nicht das Gleiche wie einsam sein. In der Zeit mit sich selbst, entdeckt man manchmal mehr, als man mit anderen Menschen entdecken könnte.