Von der Kunst alleine glücklich zu sein

– 153 Tage in Chile –

Oft wurde ich gefragt, ob ich ganz alleine reise und unterwegs bin. Menschen wirkten nahezu fassungslos. Alleine in Südamerika? Ganz alleine? Es stimmt, dass ich vor über einem Jahr alleine losgezogen bin, aber ich hatte nie Zweifel daran alleine zu reisen. Sehr schnell lernte ich neue Menschen kennen, die mich auf meinem Weg begleiteten. In Kolumbien schloss ich viele Freundschaften, die auch in Zukunft lange bestehen werden. Geblendet von der lebensfrohen Art in Kolumbien stürzte ich mich im März ins nächste Abenteuer: Chile – und fiel ordentlich auf die Nase.

Chile war mein persönlicher Kampf. Immer ein großes Hin und Her. Zwischen Tage zählen und Zeit genießen, wechselten sich meine Stimmungen ab. Mal gefiel es mir, dann war wieder alles unerträglich. Bedingungsloses Glücklichsein, wie in Kolumbien, habe ich hier nicht erlebt.

Diese Aufregung, die ich am Anfang spürte, als ich das erste Mal Santiago de Chile sah und wusste, hier würde ich die nächsten Monate verbringen, verflog schnell. Ich habe mir mein Leben in der Metropole ausgemalt und wollte mit Abenteuerlust alles erkunden. Mit der Zeit bekam ich einen Überblick über die Millionenstadt. Orte, die ich bereits kannte, verbanden sich zu einem Netz. Ich wollte mir in den sechs Monaten in Chile mal so schnell ein Leben aufbauen, wie es mir zuvor in Kolumbien gelang und merkte, ganz so einfach ist es hier nicht. Obwohl ich Leute kennenlernte und interessante Dinge unternahm, war ich so einsam, wie noch nie. Ich bin eine sehr soziale Person, immer von Menschen umgeben und in Santiago war es das erste Mal anders. Eine Zeit, in der ich viel über mich und das Allein-Sein lernte.

Ich dachte immer, ich würde alleine ganz gut klar kommen. Einige Male bin ich in die Welt losgezogen und machte mir nie Gedanken darüber mich einsam zu fühlen. In Chile merkte ich dann auf die harte Tour, dass ich noch einiges lernen musste. Ich stand mir selber im Weg und versuchte mir ausweichen. Ich versuchte meinem eigenen Schatten auszuweichen und merkte, das ist unmöglich. Er ist immer da, also musste ich ihn akzeptieren und besser kennenzulernen.

Als ich eine Zeit hatte, in der ich mich ein bisschen mehr aufraffen musste, erstellte ich mir eine Liste mit Dingen, die ich tun konnte, wenn ich gelangweilt, einsam oder deprimiert war.

Santiago und Umgebung erkunden
Manchmal gehe ich in eine Richtung los und laufe so lange, bis ich eine Ecke entdecke, die ich noch nicht kannte. Ich mag es kleine Szenerien zu beobachten, die vielen Menschen gar nicht auffallen. Begegnungen, die schnell wieder vergessen werden. Je mehr ich von Santiago sah, desto größer und bunter wurde das Bild, das ich von der Großstadt hatte. Obwohl ich Natur liebe und ab und zu in diese flüchten muss, bin ich ein Großstadtkind. Großstädte sind faszinierend. Irgendwo ist immer etwas los. Jederzeit konnte ich das Haus verlassen und eine kleine Entdeckungstour starten.

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Straße ohne Ausgang

Kulturprogramm to its fullest
Ich weiß, dass nicht alle Menschen sich darin wiederfinden, aber ich konnte viel freie Zeit dazu nutzen, in Museen, Ausstellungen und Veranstaltungen zu gehen. Hervorragend traf es sich, dass meine Mitbewohnerin Künstlerin ist und immer Bescheid wusste, wo gerade was läuft. Über Facebookveranstaltungen wurden mir immer mehr Veranstaltungen angezeigt. Wenn man einmal seinen Algorhitmus trainiert hat, so kann man auf interessante Dinge stoßen. Auch bei meinen Spaziergängen, wurde ich auf kleinere, unbekanntere Museen und Galerien aufmerksam. Ich lernte immer mit offenen Augen durch die Straßen zu laufen.

Lesen, lesen, lesen
Wer mich kennt, weiß, ich lese gerne und habe immer ein Buch bei mir! Mir fällt es schwer auf dem Markt, wo ich jedes Wochenendebin, an den gebrauchten Büchern vorbeizugehen ohne gleich fünf neue Bücher mitzunehmen. Jedes verbirgt eine interessante Geschichte in sich. Im letzten Jahr habe ich mich mehr mit südamerikanischer Literatur beschäftigt. Habt ihr Lust, dass ich euch einige meiner Lieblingswerke vorstelle?
Für die Uni musste ich viele Texte lesen, deshalb ist das private Lesen ein bisschen zu kurz gekommen. Spanische Literatur möchte ich gerne in Originalsprache lesen, aber nach einem langen, anstrengenden Unitag, habe ich mich dann doch über deutsche Sprache gefreut.
Lesen ist eine schöne Form der Alltagsflucht. Für paar Stunden abtauchen um sich mit den Geschichten anderer zu beschäftigen.7329B053-CC2A-4F93-A1A9-39EF824D8F38

Kreativ sein
Hört sich an wie ein schlechter Ratgeber, aber ich habe viele Dinge ausprobiert, die ich noch nie gemacht habe. Beispielsweise war ich bei einem Nähworkshop einer chilenischen Künstlerin und erlernte so etwas, was ich gerne öfter machen möchte.
Mit kreativ sein kann aber Vieles gemeint sein. Ich habe viel Zeit genutzt, um zu schreiben. Als Kind habe ich so viele Geschichten geschrieben und bin mit der Zeit leider ein wenig davon abgekommen. Dieses Semester war aufgrund der Unikurse, aber auch aufgrund privater Motivationen ein erfolgreiches Schreibsemester. Schreiben macht mir Spaß und danach fühle ich mich leichter. Bei dem Gedankenknäuel, das sich in meinem Kopf manchmal ansammelt, muss ich die Gedanken ordnen und loswerden.0AF42B2F-AABE-48FE-B3C2-C8FD044D1347

Briefe schreiben
Bevor ich für ein Jahr nach Südamerika ging, schrieb ich zwei Briefe an mich. Den ersten adressierte ich an mein Ich, das Kolumbien verlassen würde (und wie erwartet Schwierigkeiten dabei haben würde) und den zweiten, wenn ich nach Deutschland zurückkehre. In einer Woche bin ich schon zurück. Ich bin gespannt, was ich vor über einem Jahr an mich geschrieben habe. In manchen Situationen im Leben, wenn wir uns die Zukunft nicht vorstellen können, hilft es diese Bedenken in einem Brief zusammenzufassen. Vielleicht werde ich über den Brief, den ich damals geschrieben habe, schmunzeln. Andere Dinge beschäftigen mich heute, ich habe mich weiterentwickelt und trotzdem werde ich mich in der Person, die den Brief schrieb, wiederfinden.

Alleine essen gehen und viel kochen
Essen macht glücklich. Ob mit anderen Personen oder alleine. Ich hatte nie ein Problem damit mich alleine in ein Café oder Restaurant zu setzen. Zuhause esse ich ja auch meistens alleine.
Ich habe fast jeden Tag gekocht und mich bei den ferias (Märkten) in den Straßen Santiagos ausgetobt. Restaurants in Santiago fand ich sehr teuer, aber andere Foodspots, StreetFood und neue Rezepte probierte ich gerne aus. Das Kochen begleitet von lautstarker Musik oder einem Podcast, wurde für mich zu einem Hobby und fester Bestandteil meines Alltags. Eine Routine, die mich glücklich macht.

Thrifting und Second Hand
Meine neue Leidenschaft, die ich aus Chile mitnehme, ist das Thrifting. In Chile gibt es sehr viel gebrauchte Kleidung, die aus Europa und den USA eingeschifft wird. Diese Art von Konsum kritisiere ich. In der Straße Banders im Zentrum gibt es verschiedene Läden, die die ganzen Klamotten aufnehmen. Meterhohe Berge an Klamotten werden da auf dem Boden gesammelt und die Menschen erklettern diesen Berg, um das beste Teil herauszufischen. Könnte mit dem Neoliberalismus und neukapitalistischen Konsum in Chile zusammenhängen. Mich schockierte das und davon möchte ich mich distanzieren. Woran ich jedoch Gefallen finde, sind die kleinen Märkte, die sich auf Straßen öffnen, in denen Menschen ihre aussortierte Kleidung verkaufen. Thrifting kann richtig Spaß machen. Gebrauchte Klamotten, Bücher und andere Dinge zu erstehen, an denen andere Menschen schon Gefallen hatten und die nun mich begleiten werden.

Dance it out
Manchmal musste ich die schlechte Laune tatsächlich austanzen. Also Dirty Dancing an und schlechte Laune raus. Klingt sehr klischeehaft? Mir hat es geholfen und danach waren viele der dunklen Gedanken ganz weit weg. Probiert es aus! Tanzen kann mehr helfen, als man denken würde.

Telefonieren und die tiefen Unterhaltungen weiterhin führen
Der Kontakt zu meinen Freund*innen und meiner Familie in Deutschland und Kolumbien ist mir sehr wichtig. Ich liebe es im Moment zu leben und gleichzeitig möchte ich meine Liebsten daran teilhaben lassen und auch an ihrem Leben teilnehmen. An so einem Tag, an dem ich Redebedarf hatte, konnte ich Freund*innen oder Familie anrufen und stundenlang meine geliebten tiefgründigen Gespräche führen über die Dinge, die mich oder sie gerade so beschäftigten. Mit engen Freund*innen stellte ich immer wieder fest, ein Jahr ist eine sehr lange Zeit, aber durch WhatsApp und Co. kam es uns nie so vor, als wäre ich ein Jahr vom Erdboden verschwunden. Ein Hoch auf das Internet!
Das ist wirklich eine schöne Sache! Ich weiß, dass ich Menschen habe, auf die ich mich verlassen kann, die auch für mich da sind, wenn ich mehrere tausende Kilometer entfernt bin. Nur einen Anruf entfernt!
Danke an dieser Stelle an alle Leute, die mich während der gesamten Zeit von der Ferne aus begleitet haben!


Was ich wirklich gelernt habe, wenn ich mit mir alleine klar komme, dann habe ich echt viel erreicht im Leben. Menschen können mein Leben begleiten, gemeinsam mit mir Erinnerungen schaffen, aber letztendlich müssen wir doch alle alleine durch das große Labyrinth, das sich Leben nennt.
Mich hat eine Freundin sehr beeindruckt, die sich dazu entschied ein Auslandssemester in Santiago zu machen. Seit fünf Jahren ist sie in einer festen Beziehung und hängt sehr an ihrem Freund. Ich meinte zu ihr, ich finde es sehr mutig, dass sie sich von der gewohnten, glücklichen Situation loslöst und ein Abenteuer wagt. Sie hätte sich zu viel auf andere Personen gestützt und wollte sehen, ob sie auch alleine alles schaffen könne. Ich war schon immer eine unabhängige Person, die das macht, was sie für richtig hält. Diese Unabhängigkeit ist für mich sehr wichtig. Ich verstehe aber, dass viele Menschen sich sehr an andere Menschen binden. Deshalb war ich beeindruckt, dass sie sich traute aus dem Gewohnten auszusteigen, um etwas anderes kennenzulernen und in Kauf nahm, ihre Beziehung aufgrund der Distanz oder Veränderungen zu riskieren.

Alleine sein kann richtig Spaß machen! Mal das machen, wofür man nie Zeit hat. Sich die Gedanken machen, die man immer weggeschoben hat.
Ich bin ein Mensch, der viel Zeit für sich braucht. Während meines Aufenthaltes in Chile merkte ich jedoch den Unterschied. Ich mag es, wenn ich mich bewusst für Me-Time entscheide. Wenn ich dazu gezwungen werde, weil niemand Zeit oder Lust für ein Treffen hat, dann ist es schwierig damit umzugehen. Ich habe gelernt, dass ich die Dinge nicht immer ändern kann. Wenn es nicht klappt, dann klappt es halt nicht. Wenn etwas sein soll, dann wird es sich schon ergeben. Auf meinen ausgeübten Druck können Dinge kaputt gehen. Hinterherrennen, wenn jemand gar nicht will, mache ich nicht mehr. Nach einigen Versuchen, die ich starte, habe ich genug. Kostbare Zeit, die ich damit verschwende andere dazu zu bekommen, etwas mit mir zu unternehmen um Spaß zu haben, kann ich einfach mit mir selber verbringen.

Ich bin gerne alleine und habe Zeit für mich. Was für mich neu war, war allein-sein, obwohl ich gerade lieber mit anderen unterwegs war. Aus dieser Situation habe ich viel gelernt. Ich habe (oder musste) mich mit mir selbst beschäftigen und glaube, dass dieser Lernprozess mich sehr stark gemacht hat.

Allein-Sein in Chile

Weisheit des Tages: Allein sein ist wichtig! Es sollte nicht negativ konnotiert werden, denn allein sein ist nicht das Gleiche wie einsam sein. In der Zeit mit sich selbst, entdeckt man manchmal mehr, als man mit anderen Menschen entdecken könnte.

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