Von Hot Dogs und vielen Avocados – chilenisches Essen

– 134 Tage in Chile –

Der letzte Monat ist angebrochen und meine Vorfreude auf die Rückkehr steigt jeden Tag mehr. Trotzdem genieße ich hier die letzte Zeit noch und wie geht das besser als mit Essen? Lust auf eine kleine Foodliste aus Chile? Viel Spaß. Und guten Hunger.


Wie in vielen lateinamerikanischen Ländern ist Reis ein großer Bestandteil der chilenischen Esskultur. Ich bin immer noch kein Reisfan. Umso besser, dass es auch viele Alternativgerichte gibt. Grundsätzlich ist das Essen sehr fleischlastig und es gibt auch viele Fischgerichte. Da ich weder das eine, noch das andere esse, werde ich euch von meinen persönlichen Highlights erzählen.
Chilenisches Essen war für mich gewöhnungsbedürftig. Wie sehr ich mich in den letzten Monaten doch an die Essgewohnheiten anpasste, merke ich an meinem Avocadokonsum, der mittlerweile auf mindestens fünf Avocados pro Woche angestiegen ist. Defintiv werde ich Avocados vermissen, die auf keinem Wochenmarkt, in Restaurants, Essensständen oder dem chilenischen Haushalt fehlen dürfen. Überall wird Avocado raufgeschmiert und ich liebe es!
Bisher habe ich noch nicht ein*e Chilen*in getroffen, die nicht verrückt nach paltas (Avocados) ist. Ich wurde von der Obsession angesteckt!

Wozu passt palta am Besten? Richtig. Zu Hot Dogs. Irgendwie scheint Chile den completo (Hot Dog) zum inoffiziellen Nationalsnack gekürt zu haben. An jeder Straßenecke gibt es ihn zu kaufen. Am liebsten nach chilenischer Art mit Würstchen, Tomate, viel Mayo und noch mehr palta. Typischer geht es nicht. Doch auch andere ausgefallene Varianten sind beliebt, so z.B. der Hot Dog mit Sauerkraut. Lecker, oder…?
Die Hot-Dog-Kette Dominó bietet günstig auch vegane Hot Dogs an.

Veganer completo (Hot Dog)

Chorrillana (auch a lo pobre, nach armer Art) ist wohl eines der typischsten Gerichte. Es ist eine Platte mit Pommes, einem Mix von verschiedenem Fleisch und Würstchen, Ei und Zwiebel. Beliebig werden aber noch allerhand andere Zutaten dazugepackt. Chorrillana ist ein Gemeinschaftsding. Man trifft sich mit Freund*innen und die ganze Runde isst von der Chorrillana. Hier zum Beispiel bereiteten Unifreund*innen und ich eine vegane Chorrillana zu mit Sojafleisch, Mais und Pilzen.

Vegane Chorrillana

Pastel del choclo ist ein Gericht, das ich bis heute noch nicht probiert habe. Ein leicht süßer Maisbrei, der auf Hackfleisch serviert wird. Es gibt verschiedene Variationen vom pastel del choclo.

Sopaipillas gibt es an jeder Ecke und ist mein Lieblingssnack. Kleine Kürbisfladen fritiert mit zahlreichen Saucenvariationen bestrichen oder auch in süßer Variante mit panela (Rohrzucker) findet man sie an jeder Ecke für 200 Pesos, rund 25 Cent. Esst sie, wenn sie euch über den Weg laufen!

Wie in vielen südamerikanischen Ländern gibt es in Chile eine Varietät an Empanadas. Im Gegensatz zu den kolumbianischen Empanadas, die fritiert werden, werden sie nach chilenischer Art im Ofen gebacken. Empanada de pino ist die typischste Empanada mit Hackfleisch. In Pomaire, einem Dorf mit verschiedenen Kunsthandwerken in der Nähe von Santiago, gibt es Ein-Kilo-Empanadas! Leider nur mit Fleisch. Die sind riesig und passen auf keinen Teller rauf.
In der Nähe meiner Wohnung fand ich einige vegane Empanadarías, die Variationen mit Sojafleisch und Tofu anbieten. Love it!

Chile ist weltweit bekannt für seinen Wein. Rund um Santiago gibt es verschiedene Weinfelder und Weinereien, die Touren und Verkostungen anbieten. Neben hochwertigem Wein, der bis nach Deutschland exportiert wird, gibt es hier auch den guten, alten Tetrapakwein. Dieser wird gerne mit einer süßen Brause gemischt und von jungen Leuten getrunken. Kopfschmerzen für den nächsten Tag sind vorprogrammiert!
Ein beliebtes, nicht-alkoholisches Getränk ist mote con huesillos. Mote ist ein (geschmackloses) Getreide, das in den Becher gegeben wird mit einem sehr süßen Pfirsichsaft und getrockneten Pfirsichen. Mein Geschmack ist es nicht.

Aber wo wir schon beim Süßen sind, Chile hat eine ausgebaute Kuchenkultur. Und wenn ich Kuchen sage, dann meine ich auch Kuchen, denn das ist das spanische Wort. Deutsche Einwander*innen des letzten Jahrhunderts brachten deutsche Backtraditionen mit und überall gibt es kuchen (plural kúchenes) de manzana (Apfel) oder andere Geschmäcker. Auch Streusel und Schwarzwälder Kirschtorte sind beliebt. Vor allem im Süden Chiles, wo viele der deutschen Einwanderer*innenfamilien leben, ist die Kuchenkultur ausgeprägt. Mich überraschte das anfangs sehr.

Drei weitere Lebensmittel, die mich überraschten waren pepino, cochayuyo und ajo chilote. Die violett-gelbe pepino (Gurke) ist eine Kreuzung aus Melone und Gurke. Verwirrung pur! Geschmacklich hat es genauso viel von einer Melone wie von einer Gurke, nur eben kombiniert.
Cochayuyo ist eine Alge, die vor allem entlang der Küste verkauft wird. Wenn sie gekocht wird, riecht die Küche mehrere Tage lang nach Meer.
Einer meiner Highlights ist der ajo chilote, der im Süden Chiles, hauptsächlich auf Chiloé, wächst. Ajo ist Knoblauch und ajo chilote ist ein Prachtstück, das ihr auf Fotos (oder in echt) gesehen haben müsst! Eine Knoblauchzehe ist so groß wie meine Handfläche! Ein Muss für alle Knoblauchfans.

Ach, ich könnte ewig so über Essen weiterreden! So habt ihr zumindest einen kleinen Einblick in die chilenische Kulinarik bekommen.
Großer Bestandteil meiner Ernährung sind die Einkäufe auf den vielen Märkten. Diese Woche war ich in La Vega, Santiagos größter Obst- und Gemüsemarkt. Ich liebe es zwischen den vielen Ständen herumzulaufen. Angebote werden von den Verkäufer*innen durcheinander gerufen. Ich kaufe mir einen Himbeer-Orangen-Chirimoya-Saft. Mit meinem Saft schlenderte ich an den frischen Waren vorbei und wusste in dem Moment in Deutschland würde ich die chilenischen Märkte vermissen.

Weisheit des Tages: Essen macht Spaß! Essen ist Vielfalt! Bleibt immer offen und probiert alles aus, was ungewöhnlich ist! Guten Appetit.

Nostalgieren zur Sonnenfinsternis

– 124 Tage in Chile –

Am Montag überkam mich die Nostalgie, obwohl ich Südamerika noch gar nicht verlassen habe. Als ich im Bus zu eine meiner letzten Univeranstaltungen saß, blickte ich auf die schneebedeckten, majestätischen Berge und überlegte, was ich an Santiago de Chile und am Leben in einem südamerikanischen Land vermissen würde. Die Liste wurde länger, als gedacht.

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Weg zur Uni. Berge im Hintergrund

Gestern war eine totale Sonnenfinsternis. Die Sonne wurde in Santiago zu 92% vom Mond bedeckt. Viele machten sich auf den Weg ins Valle del Elqui, wo der Sternenhimmel so klar ist, wie fast nirgendwo auf der Welt. Dort war eine totale Sonnenfinsternis zu sehen.
Als ich die Tage vor der eclipse die Schlangen von Menschen sah, die spezielle Brillen holten, um in die Sonne blicken zu können, wurde mir noch einmal bewusst, was für ein touristisches Massenereignis es werden würde. Das Valle del Elqui würde nicht der intime, menschenleere, sternenvolle Ort sein, den ich in Erinnerung habe.

Mit einer Freundin fuhr ich zum Templo Bahá’i, ein bahaitischer Tempel außerhalb von Santiago. Der Aufstieg glich einer Pilgerveranstaltung. So viele Menschen und Autos quälten sich den Berg hoch. Wir suchten uns einen ruhigen Platz. Theoretisch mit Blick auf das so versmogte Santiago, dass es eigentlich doch nicht zu sehen ist, warteten wir den Mond ab, der sich 15:20 vor die Sonne schob. 16:20 waren 92% der Sonne verdeckt und es wurde kalt. Das Licht färbte sich sepia und die Hunde in ganz Santiago fingen an zu bellen. Es war gruselig! So viele Dinge passierten in dem Moment und wir beide spürten so viele Energien in dem Moment. So wie die Hunde anfingen zu bellen, verstummten sie sobald das Spektakel zu Ende war. Ein unglaublicher Moment.

Montag erzählte mir ein Freund der Uni, dass die eclipse eine Zeit der Reflexion sei. Just an dem Tag nostalgierte ich vor mir her. Mein Unterbewusstsein wählte sich einen nicht zu übertreffenderen Zeitpunkt aus. Sonnenfinsternis und Mitte des Jahres. Sechs Monate von 2019 sind rum und mein Jahr in Südamerika fast auch.

In den schwersten Zeiten lernen wir am meisten. Meine anfänglichen „Bedenken“ gegenüber Chile sind zwar nicht vollständig verflogen, aber die fünf Monate, die ich hier lebe, waren unglaublich lehrreich. Ich lernte viel über das Land, das eine brutale und faszinierende Geschichte hat, über Freundschaften und menschliche Beziehungen, über das Allein-Sein und über mich.

Es ist zu früh, um ein Fazit zu ziehen. Dafür möchte ich die letzten fünf Wochen, die ich hier bin, noch abwarten. Stattdessen wollte ich heute über meine Unierfahrungen an der Universidad de Chile sprechen, denn mir fiel auf, dass das in den letzten Monaten untergegangen ist. Da die meisten Leute denken, dass ich nur am Reisen und Vergnügen bin (was zu einem Teil auch stimmt), möchte ich euch meinen Unialltag beschreiben.


Nach einem langen Prozedere und einigen Komplikationen fing ich Anfang März an der Universidad de Chile an periodismo (Journalismus) zu studieren. Die Universidad de Chile ist Chiles älteste, staatliche Universität (die mittlerweile gar nicht mehr so staatlich ist). 1843 gegründet, ist sie eine der ältesten Universitäten Amerikas.

Das Semester neigt sich nun dem Ende zu und ich bin sehr froh darüber. Und stolz auf mich! Morgen habe ich meine letzte Veranstaltung. Zeitweise dachte ich, es wäre unmöglich all die Aufgaben zu bewältigen. Aber hier bin ich. Lebend. Atmend. Und mit vielen neuen Erfahrungen.
Ich belegte dieses Semester lediglich drei ramos (Kurse) mit denen ich aber gut zu tun hatte!

Historia y Política de Chile Contemporáneo
Mein einziger Erstikurs, Geschichte und Politik im kontemporären Chile, der es in sich hat. Ich wählte diesen Kurs, da ich einen Überblick über das Land erhalten wollte. Ich lernte viel über die interessante Geschichte Chiles durch zahlreiche Lektüre, Dokumentationen, Vorträge des profes und Gruppenarbeiten.
Im Rahmen einer Gruppenarbeit gingen wir ins Archiv der Nationalbibliothek in Chile und durchforsteten stundenlang alte Zeitungen. Mir fiel auf, ich hatte bis dato nie in einem Archiv gearbeitet.
Durch die Gruppenarbeiten und die zwei pruebas de lectura (Literaturprüfungen) für die ich jeweils 200 bis 300 Seiten lesen musste, hatte ich ordentlich zu tun, lernte so aber auch viel über Chile, von dem ich anfangs ein ganz anderes Bild hatte. Leider war der Unterricht doch ein bisschen trocken und langweilig.
In dem Kurs lernte ich neben der Geschichte Chiles auch, dass ich nicht in jedem Kurs Freunde brauche. Die Studierenden kamen frisch aus der Schule und waren wie aufgeregte Welpen, die nun eine neue Welt erkunden würden. Mit den Leuten, mit denen ich sprach, fand ich kaum gemeinsame Interessen. Ich fühlte mich alt, als ich merkte, dass niemand älter als Jahrgang 2000 war. Dabei war ich sonst immer das Küken.

Periodismo de Investigación
Investigativer Journalismus. Ein sehr spannendes Tema, mit dem ich mich hoffentlich noch mehr beschäftigen werde. Meine anfängliche Begeisterung legte sich schnell. An der linken, staatlichen Universität erwartete ich gerade im Studiengang Journalismus weltoffene Dozierende. In diesem Kurs hatte ich den einen oder anderen Kampf mit der fast 80-jährigen, konservativen Dozentin. Ihre Meinung stand und konnte nicht in Frage gestellt werden. Ich war schockiert. Als sie mir in einer Arbeit eine schlechte Note gab, weil ich gendergerechte Sprache verwendete und laut ihr so etwas im Spanischen nicht existiere, stand für mich fest, sie und ich würden keine Freundinnen werden. Müssen wir ja auch nicht. Trotzdem wünsche ich mir gerade von Menschen, die mit Studierenden arbeiten, (kritik)offen und kommunikationsbereit zu sein. Dinge ändern sich. Natürlich hat sie Jahrzehnte lange Erfahrung im Journalismus, das heißt aber nicht, dass sie sich vor neuen globalen Entwicklungen verschließen muss, nur weil „es immer so war“.
Okay. Ihr merkt, da spricht noch der Frust aus mir. Der Kurs hat mir trotzdem viel gebracht. Ich stelle euch kurz einige der Aufgaben während des Semesters vor:

  • Eine der ersten Aufgaben war ein Interview mit einer chilenischen Oma. Da ich kurze Zeit vorher die Oma meiner Mitbewohnerin kennenlernte, hatte ich eine Interviewpartnerin für die Aufgabe. Das Ergebnis ist ein achtseitiges Interview über die Vergangenheit der Oma und ihres Landes. Es war spannend ihre subjektive Einschätzungen über die historischen Themen zu hören. Auch wie sie das Erdbeben von Valdivia im Jahr 1960, das stärkste seit der Aufzeichnung der Messungen, Salvador Allende und dessen Sturz im Jahr 1973, die folgende Militärdiktatur und persönliche Dramen erlebte.
  • Ich las das Buch „El poder de la UDI“ von (besagter Dozentin) María Olivia Mönckeberg über die Entstehung der rechtskonservativen, politischen Partei Unión Demócrata Independiente (Unabhängige Demokratische Union, UDI), die während der Militärdiktatur entstand. Ich war erschrocken, als ich feststellte, wieviel Einfluss der Diktatur in der heutigen Regierung noch steckt. Über das Buch schrieben wir eine Prüfung.
  • Der Tag an dem ich geboren wurde, ein weiteres Thema. Wir suchten Ereignisse aus Zeitungsarchiven, die an unserem Geburtstag passierten. Es ist unterhaltsam zu lesen, wie damals berichtet wurde und was so aktuell war. Guckt doch mal rein, was an eurem Geburtstag passiert ist!
  • In einer Gruppenarbeit sollten wir ein investigatives Journalismusbuch vorstellen. Die Wahl meiner Gruppe fiel auf das Buch „Operación Siglo XX. El atentado a Pinochet“ der Autorinnen Patricia Hertz und Carmen Verdugo. Detailliert wurde das Atentat vom 7. September 1986 auf den Diktator Augusto Pinochet beschrieben.

Periodismo Internacional
Mein absoluter Lieblingskurs war der, des Internationalen Journalismus‘. Jede Woche hatten wir eine pruebe de actualidad, in der wir Fragen zu einem Text beantworten mussten und die Namen von vier Personen bekamen. Wir mussten dann beschreiben, warum diese Personen in der letzten Woche in den Nachrichten waren. Also mussten wir immer gut informiert und aktuell sein. Der Dozent ermutigte uns mehr internationale Medien zu konsumieren. So gewöhnte ich es mir an neben meinem „normalen“ Nachrichtenkonsum nun noch mehr Aktuelles zu verfolgen. Nachrichtenkonsum wurde so Teil meines Alltags. Mir fiel dabei auf, wie eurozentrisch die deutschen Leitmedien sind. Neben deutschen Medien verfolge ich auch kolumbianische und chilenische, um Ereignisse aus anderen Blickwinkeln zu betrachten.
In dem Kurs lernte ich viel. Wir behandelten Themen wie Koruption, Internationale Beziehungen, Diktaturen, weltweite Pressefreiheit, … Mir fällt es schwer die vielen Themen zu benennen. Sehr viel Input!
Insgesamt schrieben wir drei Reportagen während des Semesters für die wir jeweils mindestens zwei Personen oder Organisationen interviewen mussten. Meine Themen:

  • Wilderei in Botswana
  • Der Korruptionsfall Odebrecht in Kolumbien und seine Auswirkungen
  • Juristische Folgen der Colonia Dignidad und deren Aufarbeitung

Das war also ein kleiner Überblick über die Themen mit denen ich mich während des Semesters beschäftigte. Trotz eines sechswöchigen Streiks lernte ich sehr viel und fühle mich bestärkt darin eventuell doch in den Journalismus zu gehen. Mir macht schreiben Spaß, und recherchieren, und interviewen, und fragen. Ganz viel fragen, um die Welt zu verstehen.

Weisheit des Tages: Überall schlummern interessante Themen, wenn man mit offenen Augen durch die Welt geht. Ein Auslandssemester in Chile war für mich ein weiterer Perspektivwechsel, der mich auf viele, spannende Themen aufmerksam machte und zeigte, ich lerne nie aus. Und das ist gut so.

Zwischen Sternenhimmel, Lagerfeuer und Weinfeldern

– 76 Tage nach der Ankunft –

Es gibt magische Orte auf dieser Welt! Chile hat mich mit dem Valle del Elqui im Norden Chiles davon überzeugt. Einige Tage verbrachte ich im magischen Tal zwischen Pisco- und Weinfeldern, bunten Dörfern, in denen Kunsthandwerk verkauft wird und unter dem klarsten Sternenhimmel der Welt.

Fünf Tage verreiste ich und erlebte so viel, dass es sich wie zwei Wochen anfühlte. Aufgrund des anhaltenden Universitätsstreiks überlegte ich letzten Mittwoch eine Reise zu unternehmen. Am Donnerstagmittag saß ich schon im Bus in das sieben Stunden entfernte La Serena.

1543 wurde die Stadt von den Spanier*innen gegründet und ist somit die älteste Stadt der Region. Früher war sie eine wichtige Hafenstadt mit Verbindung zu Santiago. Heute ist sie die Hauptstadt der Region Choquimbo und zählt mit der gleichnamigen Nachbarstadt 400.000 Einwohner*innen.
Von hier aus unternahm ich einen Ausflug zu dem zwei Stunden entfernten Fischerdorf Punta Choro. Dort fahren Boote zu den Islas Damas, Heimat einer Kolonie von Humboldt-Pinguinen, Seelöwen, Walen und anderen Tieren. Als ich ankam, war der Wellengang leider zu stark und der Ausflug viel wortwörtlich ins Wasser. Zufällig traf ich auf ein chilenisches Mutter-Tochter-Gespann, mit dem ich das ausgestorbene, verstaubte Fischerdörfchen erkundete. Sobald man sich wirklich Zeit nimmt für seine Umgebung, kann man wirklich viel entdecken. Am pazifischen Strand sahen wir viele Muschelarten, Algen, ausgefressene Krabbenkörper und wilde Hunde. Eine Hündin hatte es mir besonders angetan. Sie wollte „Hol den Stein“ spielen und folgte mir die ganze Zeit.

Nach einigen Stunden fuhren wir zurück nach La Serena. Eine typische Kleinstadt mit zahlreichen Geschäften, einem grünen, weitläufigen Hauptplatz und einigen bunten Graffitis, die mich ansprachen. Ich besuchte noch den Strand von La Serena mit dem Wahrzeichen der Stadt – dem Faro Monument. Besonders schön fand ich den Strand nicht. Hochhäuser und große Hotels grenzten direkt an. Vielleicht war ich auch nicht so begeistert, weil das Wetter nicht mitspielte.

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Faro Monumental – Wahrzeichen von La Serena

Mit dem Bus fuhr ich am nächsten Tag zwei Stunden weiter ins Valle del Elqui zum hübschen 1000-Seelendorf Pisco Elqui. Auf dem Weg stiegen einige Menschen in anderen Dörfern aus, die nicht weniger Charme besitzen. Noch vor selbstgebranntem Pisco ist die Nobelpreisträgerin für Literatur, Gabriela Mistral, der Stolz der gesamten Region. 1889 wurde sie in Vicuña geboren und wuchs im Elqui-Tal auf. Hier gibt es nichts, das nicht ihren Namen trägt, ob Grundschule, Straßen oder Pisco-Destillerien.

In Pisco Elqui aß ich hausgemachtes Feigeneis auf dem überschaubaren, von Bergen umsäumten Hauptplatz. In zehn Minuten lief ich das Dorf ab und fuhr dann zu meiner Unterkunft. Ein bisschen verplant wie ich manchmal bin, staunte ich, als ich sah, dass das Cosmo Elqui Hostel nicht in Pisco Elqui, sondern praktisch im Nirgendwo zwischen Weinfeldern lag. Nach meiner anfänglichen Skepsis stellte ich schnell fest, es war die ideale Unterkunft für die Nacht!

Mit einer wunderschönen Anlage, netten Hostelleuten, weiteren Hunden und einem Lagerfeuer bei Nacht, genoss ich den klaren Sternenhimmel über mir. Ich konnte mich gar nicht sattsehen an den immer mehr werdenden Sternen. In dieser Nacht versperrte mir nichts den Blick auf das Universum. Aufgrund seines Mikroklimas, der Entfernung zu größeren Städten und folglich einer minimalen Luftverschmutzung, ist das Valle del Elqui einer der Orte mit dem klarsten Himmel der Welt.

 

Nach einer sternenreichen Nacht fuhr ich am nächsten Tag noch einmal nach Pisco Elqui. Von hier aus werden viele Touren angeboten, ob mit Fahrrad, Pferd oder Astrowanderungen bei Nacht. Ich lieh mir für 3.000 Pesos (ca. 4€) für zwei Stunden ein Fahrrad aus und bereute meine Entscheidung wenig später. Die Straße, die weiter ins Tal führte, war viel zu steil und ich kämpfte mich den Berg hoch. Nach einer Stunde suchte ich Asyl bei einem Weingut und kaufte mir zur Erfrischung einen Papayasaft, typisch für die Region. Unter einem Orangenbaum sitzend, konnte ich das erste Mal die Aussicht genießen. Unter mir tat sich ein breites Tal mit farbigen Wein- und Piscoanlagen auf, umsäumt von grauen Riesen.

 

Auf der Rückfahrt legte ich die Strecke in nur 15 Minuten zurück. Bergab legte ich so an Geschwindigkeit zu, dass mir die Tränen in die Augen schossen und das Adrenalin ins Blut. Die Aussicht zahlte sich aus!

Mit dem Bus fuhr ich weiter in den kleinen Ort Diaguitas. Aufgrund seiner magischen Kräfte lebt eine große Community der Hare Krishna im Elqui-Tal. Sonntags bieten sie ein kostenloses, veganes Essen an und kommen mit Menschen ins Gespräch. Das Essen war hervorragend und es war interessant zu sehen, wie sie leben und welche Ansichten sie vertreten.

 

Am Abend erwartete mich das letzte Highlight der Reise. Ich fuhr nach Vicuña, zur größten Stadt im Tal. Nachts wollte ich eine Tour zum Observatorium Mamalluca unternehmen. Im Internet las ich, man solle schon Tage vorher reservieren, da jedoch niemand auf Mails oder Anrufe reagierte, erreichte ich Vicuña leicht angespannt. Im Antawara Hostel wurde ich herzlich empfangen. Eine schöne Anlage mit niedlichem Innenhof und vielen Katzen und Straßenhunden, die tagsüber die Sonne, Streicheleinheiten und Futter genießen. Ich fühlte mich pudelwohl.

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Sonnenuntergang in Vicuña

Durch Kontakte im Hostel konnte ich doch noch zum Observatorium. Die zweistündige Tour kostet mit Transport 10.000 Pesos (ca. 13€). Ich hatte nicht zu große Erwartungen, da eine Frau, die einen Tag vorher die Tour unternahm, mir erzählte, in den Gruppen aus mindestens 15 Leuten können alle nur wenige Sekunden in das 30-Zentimeter-Teleskop blicken. Ich hatte unglaubliches Glück! Außer einer chilenischen Großfamilie mit quirligen Kindern, nahm auch eine andere Deutsche an der Tour teil. Zu zweit wurde uns ein Guide zugeordnet, der mit uns eine halbe Stunde lang mithilfe des Teleskops das Universum erforschte. Wir konnten all unsere – teilweise leicht beschränkten – Fragen loswerden und lernten unglaublich viel über das Universum.
Wusstet ihr, dass Sterne je nach Temperatur und Alter unterschiedliche Farben haben, die mit bloßem Auge zu erkennen sind? Weiß-blaue Sterne sind am heißesten und rote Sterne am kältesten.

Es war unglaublich die Sterne so nah zu sehen! Obwohl ich in dieser Nacht so viele, wie nie zuvor in meinem Leben sah, waren viele nicht zu sehen. Die Milchstraße konnte ich zwar erahnen, aber sonst scheint sie noch heller. In dieser Nacht war der Halbmond sehr hell und „überleuchtete“ die Sterne. So konnten wir uns jedoch den Mond ganz genau ansehen. Ich sah Details, die ich mir niemals hätte vorstellen können und selbst unser Guide, der seit über 30 Jahren Astrophysiker ist, entdeckte neue Details, die er vorher nie zu Gesicht bekam. Das Foto vom Mond habe ich über ein kleineres Teleskop mit dem Handy aufgenommen!

 

Abschließend zeigte er uns noch ein Video, das meine Faszination ins Grenzenlose katapultierte. Tausend Gedanken schossen mir durch den Kopf. Mir wurde bewusst, wie klein und unbedeutend die Erde im Vergleich zu den unbekannten Weiten ist (und wie unbedeutend erst meine Sorgen zur längst überfälligen Hausarbeit). Für die meisten Menschen wird unser Planet das Einzige sein, was sie je kennenlernen werden – und wir zerstören ihn gerade 😦

Hier könnt ihr euch das sehr empfehlenswerte Video ansehen. Ich kam aus dem Staunen nicht mehr heraus.

Ich war so begeistert von diesem wirklich magischen Ort, dass ich im Juli gerne noch einmal hinfahren möchte. In der Zeit sollen zwei Planeten und das Innere der Galaxie zu sehen sein. Für die Sonnenfinsternis am 2. Juli will ich allerdings nicht hinfahren. Davon wurde mir aufgrund des Menschenandrangs und des bevorstehenden Chaos‘ abgeraten. Schon jetzt wird überall um La Serena Werbung für das „Event des Jahres“ gemacht und es gibt T-Shirts zu kaufen, mit Aufschriften „Eclipse 2019“.

Gerade das war das Schöne im Observatorium Mamalluca. In dieser Nacht fühlte es sich so an, als hätten wir den Sternenhimmel für uns alleine.

Weisheit des Tages: Alles ist relativ. Manchmal tut es ganz gut über unseren (begrenzten) Horizont hinauszublicken!

Julumbien wird zu Vagamundo Lindo!

Seit fast vier Jahren gibt es diesen Blog. Ich habe mit viel Freude über meine Erlebnisse in Kolumbien berichtet, ein Land, dass in über drei Jahren zu meiner zweiten Heimat wurde. All die Erfahrungen, die ich in Kolumbien sammeln durfte, machten mich zu dem Menschen, der ich heute bin.

Kolumbien wird immer einen ganz besonderen Platz in meinem Herzen haben! Wenn ich die Klänge von Vallenato, Cumbia oder Bachata höre, Empanadas, Arepas, Patacones oder Reis esse, das schöne, leicht verständliche Spanisch aus der Hauptstadt höre und Menschen von den wunderschönen Orten Kolumbiens treffe, dann breitet sich in mir ein warmes Gefühl aus.

Die nächste Kolumbienreise ist nicht bald geplant. Erstmal stehen andere Pläne an.
Seit dem 1. März bin ich in Santiago de Chile, wo ich die nächsten fünf Monate leben und studieren werde. Neue Abenteuer warten auf mich! Ich werde eine neue Kultur kennenlernen und bin gespannt auf die Universität und das Leben dort.
Ganz so leicht fällt mir das nicht. Schon jetzt weiß ich, dass ich alles mit Kolumbien vergleichen werde. Das Essen, die Menschen, die Preise… Aber anders bedeutet ja nicht schlechter.

Auf diesem Blog werden nun nicht mehr nur kolumbienorientierte Themen zu finden sein.
Zwischen meinem Auslandssemester in Bogotá und Santiago de Chile bin ich fünf Wochen mit einer Freundin durch Südamerika gereist. Bald könnt ihr über unsere spannenden Erlebnisse in Brasilien, Argentinien und Uruguay lesen.

Aus meinem Kolumbienblog wird also nun ein Lateinamerikablog.
Julumbien wird zu Vagamundo.

Warum Vagamundo Lindo?
Vagamundo ist ein Wortspiel aus vagabundo und mundo.
Lange Zeit wusste ich nichts mit dem Wort vagabundo anzufangen. Mittlerweile würde ich es als eine streunernde Person beschreiben, ein*e Nomad*in. Auch als Verb vagabundear wird es im Spanischen benutzt. An der Uni in Bogotá in meinem Ästhetikkurs erhielten wir die Aufgabe zu vagabundean, durch die Straßen zu ziehen und uns treiben zu lassen. Nebenbei schrieben wir unsere Beobachtungen auf.
Das erste Mal stieß ich auf das Wort, als ich ein Cover vom argentinienischen Reggaesänger Dread Mar I hörte. Ohne genau zu wissen, was es bedeutete, wurde es zu einem meiner Lieblingswörter.

Mundo ist das spanische Wort für Welt. Lindo bedeutet schön
Zusammen ergibt es den Begriff sich durch wunderschöne Orte auf der Welt treiben zu lassen.

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Vagabundeando in Valparaiso, Chile

Schon lange habe ich mir Gedanken dazu gemacht, was ich mit meinem Blog machen werde, wenn ich nicht mehr in Kolumbien sein werde. Die Namensänderung war für mich ein schwerer Schritt. Ein Zeichen, dass ich mit Kolumbien (vorerst) ein wenig abschließe. Aber nun kommt eine neue Etape!

In der letzten Zeit habe ich viel über verschiedene Länder Südamerikas gelernt und freue mich schon darüber zu berichten!
Ich bin jetzt in meiner Wohnung in Santiago de Chile angekommen und melde mich bald wieder!

Weisheit des Tages: Eine Tür schließt sich, weitere öffnen sich. Aber Kolumbien wird für mich immer eine offene Tür sein, in die ich wieder eintreten werde!