Chile und ich – ein Abschiedsbrief

-156 Tage in Chile –

Wenn mich die Leute, wie so oft, fragen, wie ich dich finde, suche ich nach Worten. Du bist sehr stolz und ich traue mich nicht meine Wahrheit zu sagen. Dein Ansehen im Ausland ist dir sehr wichtig. Besonders in Europa und den USA. Da möchtest du gut stehen.

Wie finde ich dich? Soll ich ehrlich sein? Du hast mich enttäuscht. Ich habe mir dich anders vorgestellt. Dachte du wärest sozialistischer, humaner, gerechter. Dein Ansehen im Ausland ist hoch, gerade im Vergleich zu anderen lateinamerikanischen Ländern. Die höchste Lebensqualität, das höchste BIP und die teuersten Produkte. Der Preis dafür scheint mir hoch. Ich wurde hier anders aufgenommen als in anderen Ländern. Du wolltest mich nicht so recht freundlich empfangen. Deine Leute haben kein Interesse gezeigt, wollten einfach nicht mit mir in den Kontakt kommen. Alle sind in ihrer eigenen Welt mit eigenen Problemen. Ob das wohl nur in deiner Hauptstadt so ist?

Viel zu viele Probleme gab es direkt am Anfang. Organisationschaos an der Universidad de Chile, die mir erst gar nicht schrieb und dann erzählte, ich dürfte nicht das Fach studieren, weswegen ich zu dir gekommen bin. Bürokratischer Kram. Wohnungsprobleme, die mir am Anfang zu schaffen machten. Angekommen bin ich in einem Drecksloch aus dem ich die Flucht ergriffen habe. Danach kam ich in meine Wohnung, in der ich mich wohl fühle und tiefe Freundschaften fand. Jedes Mal, wenn ich nach einer kurzen Reise nach Argentinien zurückkehrte, gab es neue Probleme. Einreiseproblem wegen des Visums, Schneefälle mit geschlossener Grenze und herunterstürzende Berge, die mich daran hinderten, zu dir zu kommen.

Das waren persönliche Herausforderungen, die mir gestellt wurden. Ich habe nicht aufgegeben, sondern es weiterhin mit dir versucht, wollte dich kennenlernen, aber du hast mich schockiert. Ich wusste nicht, dass in dir der Neoliberalismus geboren ist. Bis heute bist du das neoliberalste Land der Welt und das gefällt mir nicht. Die USA nutzte in den 70ern deine politisch instablie Situation aus und schickte die Chicago Boys zu dir, die ein neoliberales, ausbeutendes Wirtschaftssystem etablierten, das bis heute gilt. Ich dachte deine sozialistische Präsidentin Michelle Bachelet, die zwei Amtsperioden regierte, hätte einiges daran geändert, aber das stimmt nicht. Alles ist privatisiert. Gesundheitssystem, Agrarfläche und Bildung. Wer kein Geld hat, wird auch in der Zukunft kein Geld haben. Ist es das, was du willst? Ohne Geld können deine Kinder niemals auf eine Schule, die ihnen eine Zukunftsperspektive gibt. Nur teure Privatschulen ermöglichen das. Öffentliche Universitäten wurden auch privatisiert und erhalten kaum noch staatliche Gelder. Alles muss von deinen Bürger*innen gezahlt werden. Alles wurde während der Militärdiktatur privatisiert. Und wer profitiert davon? Ich mag keine Ungerechtigkeit. Ich mag es nicht, wenn Reiche noch reicher werden und Arme noch ärmer. Wie soll ich dich dann mögen?

Als ich mich mit deiner Vergangenheit beschäftigte, merkte ich, ein grausames Kapitel ist noch nicht abgeschlossen. Wahrscheinlich ist das der Teil, der mich am meisten an dir stört. In vielen Gesprächen und Diskussionen, Büchern und Dokumentarfilmen, dem „Museum für Menschenrechte und Erinnerung“ und der Universität lernte ich über deine Vergangenheit. In einem Interview, das ich führte, sagte mir ein Dozent der Universidad de Chile, „alle Länder haben Ereignisse ihrer Vergangenheit, die Schande generieren. Die chilenische Verfassung ist Teil dieser Schande“.

Von 1970 bis 1973 regierte dich der vom Volk gewählte, sozialistische Doktor Salvador Allende. Firmen und Kupferminen im Norden des Landes wurden enteignet, Bildung wurde allen unter gleichen Bedingungen zugänglich gemacht und die Agrarreform fand statt. Bäuer*innen erhielten das erste Mal einen Lohn, der keine Kekse, sondern Geld war. Allende war ein Mann, der Gutes wollte, gegen den aber viel gehetzt wurde. Ökonomisch ging es dir in der Zeit nicht sehr gut. Die USA mischte sich ein und half dem Militär bei den Vorbereitungen eines Putsches. Erinnerst du dich an den 11. September 1973? Vom Militär wurde der Regierungspalast bombadiert, Menschen, die in linken Parteien aktiv waren, wurden verschleppt, auf die Straßen gezerrt, ermordet und im Estadio Nacional mehrere Tage festgenommen. Allende, der von den Putschisten umzingelt war, beging Suizid, weil es keinen Ausweg gab. In seiner letzten Rede an das Volk, die von der letzten, nicht von den Putschisten eingenommenen Radiostation Magallanes live übertragen wurde, sagte er, er würde im Namen des Volkes sterben. „In eine historische Situation gestellt, werde ich meine Loyalität gegenüber dem Volk mit meinem Leben bezahlen.“ Was auf diesen Tag folgte, war eine 17 Jahre andauernde Militärdiktatur unter dem Diktator Augusto Pinochet. In den 17 Jahren wurden Tausende Menschen, politische Gegner*innen, Mitglieder der sozialistischen und kommunistischen Parteien und Andersdenkende verschleppt, gefoltert und ermordet. Einige von ihnen sind bis heute verschwunden und ihre Familien suchen sie noch. Fast zwei Jahrzehnte wurdest du von einer rechten, repressiven Macht regiert. Allendes Änderungen wurden rückgängig gemacht, staatliche Eigentümer wurden privatisiert. 1980 wurde nach einem Volksentscheid eine neue Verfassung geschrieben unter dem Diktator. Was mich am meisten schockierte: sie gilt mit Veränderungen noch heute. Wie kann es sein, dass eine Verfassung, die unter einem Diktator, der mehrere Tausende Menschen ermorden und foltern ließ, heute noch aktuell ist? Wie kann mit der Vergangenheit abgeschlossen werden, wenn sie noch nicht vergangen ist?

Ich habe versucht Antworten auf diese Fragen zu finden, aber es gelang mir nicht. Ich merkte in den letzten Monaten, dass deine Gesellschaft noch immer gespalten ist. Da sind jene, die das Geschehene verharmlosen, runterspielen oder sogar befürworten, die sich Pinochet und jenes Regime zurückwünschen. Und da sind die anderen, deren Familien auseinandergerissen, ins Exil getrieben oder ermordet wurden. Du bist gespalten. Noch heute, nach fast 30 Jahren der „Demokratie“ wurde mit dem düsteren Kapitel deiner Vergangenheit nicht abgeschlossen. Du hast nicht versucht, Geschehenes zu behandeln und dich damit auseinanderzusetzen. „Un pueblo sin memoria es un pueblo sin futuro“ (Ein Land ohne Erinnerung ist ein Land ohne Zukunft) so steht es an den groß inszenierten Denkmälern der Opfer der Militärdiktatur. Davon sah ich aber wenig in der Gesellschaft.

Überall, wohin ich gehe, sehe ich deine Flaggen und frage mich, warum die Leute sie stolz hinaustragen. Weiß-rot und auf blauem Hintergrund ein weißer Stern. Mich erinnert sie an die Flagge der USA und ich spüre sie überall, hinter den großen Supermarktketten, den noch größeren Malls. Du bist stolz auf deine Malls. Das weiß ich. Mir gefallen sie nicht. Ich möchte nicht mehr sinnlos konsumieren. Ich habe mich davon abgewendet und mich kannst du nicht davon überzeugen. Konsum wird gefördert und scheint bei dir ein Zeichen von Wohlstand zu sein.

Vielleicht bin ich zu hart zu dir. Aber das ist meine ehrliche Meinung über dich. Ich kann mein kritisches Denken nicht ausschalten. Ich weiß, dass du sehr vielfältig bist – zumindest geografisch. Deine Form, die sich entlang des Pazifiks erstreckt, sieht auf der Karte witzig aus. Im Norden siehst du ganz anders aus, als im Süden. Kilometerweite Wüsten mit kakteenbewachsener Flora und dem klarsten Himmel auf der ganzen Welt, südlicher grüne, seenreiche Landschaften, die den roten Sonnenuntergang widerspiegeln und ganz im Süden gewaltige Eisgletscher in einem zarten hellblau. Ich bin dankbar, dass ich so viel von deiner Natur sehen konnte. Sie gefällt mir. Aber ich verstehe nicht, warum auch sie privatisiert und ökonomisch ausgebeutet wird. Warum hat dein jetziger Präsident Sebastian Pinera ein Drittel der mystischen Insel Chiloé aufgekauft (und privatisiert)? Die Begründung, er schütze somit die Natur vor den zerstörenden Mapuches (Chiles Indigene), kaufe ich nicht ab. Ihnen wird das Land weggenommen, auf dem sie Jahrhunderte lang lebten und ihre Traditionen pflegten? Warum behandelst du sie so schlecht? Warum werden sie unterdrückt, ausgebeutet und diskriminiert? Ein Freund sagte mir, dass 94% aller Chilen*innen Mapucheblut haben. Warum werden die Mapuches nicht von dir unterstützt, wenn sie doch ein so wichtiger und großer Teil deiner Identität und Kultur sind?

Es gibt vieles, das mir aufgefallen ist. Ich habe versucht dich besser kennenzulernen. In dem halben Jahr, das ich mit dir verbrachte, konnte ich nur an der Oberfläche kratzen. Du bist schön zum Reisen, aber ich möchte nicht in dir leben. Es gibt zu vieles, das ich nicht verstehe, kritisiere und ablehne.

Du hast mir auf viele Möglichkeiten eröffnet. Durch dich konnte ich persönliche Erfolge erzielen. Du bietest mir Themen an, über die ich berichten kann. Ich bin dankbar, dass ich Text veröffentlichen konnte. Im lowerclassmagazine, bei amerika21 und der Taz. Das hat mir gezeigt, vielleicht ist der Weg, den ich gehe doch der richtige. Ich weiß, dass du ein Teil meines Weges warst. Ich musste dich kennenlernen, um mehr über meine eigenen Wertvorstellungen und Wünsche kennenzulernen. Durch dich habe ich viel gelernt. Das kann ich nicht leugnen. Aber es hat nicht immer Spaß gemacht.

Wenn sie mich fragen, ob du mir gefällst, muss ich das mit Nein beantworten. Ich habe meine Gründe und sie erscheinen mir plausibel. Wenn sie mich fragen, ob ich es bereue zu dir gegangen zu sein, dann muss ich das mit Nein beantworten. Ich bin froh, dass ich dich kennenlernte und so viel gelernt habe. Ich habe mich durchgebissen, auch wenn du es mir nicht leicht gemacht hast. Und ich bin auch froh, wenn ich mich von dir verabschieden kann.

Mein erster Sonnenaufgang in Chile

„Paula“ – Chile und seine Literatur

– 120 Tage in Chile –

Lesen, lesen, lesen. Eines meiner liebsten Hobbys und eine der besten Möglichkeiten in eine fremde Welt einzutauchen und mit mehr Verständnis wieder aufzutauchen. Um Chile besser verstehen zu können, versuche ich in der Zeit, die ich hier lebe, viel Literatur chilenischer Autor*innen zu lesen. Gabriela Mistral (1945) und Pablo Neruda (1971) sind zwei Personen aus Chile, die den Literaturnobelpreis gewannen und die chilenische Literatur für immer prägten.
Schon als Kind las ich Bücher von Isabel Allende. Sie war die erste lateinamerikanische Schriftstellerin, die ich las und ihr fantasievoller Schreibstil entführte mich in ihre selbstgeschaffenen Welten.

Auf dem Blog von everythingisliterary habe ich eine Rezension zu ihrem Buch „Paula“ verfasst, die ihr hier lesen könnt. Das Buch hat mir geholfen das Leben der Autorin, den Militärputsch im Jahr 1973 und die darauffolgenden Entwicklungen im Land besser zu verstehen.

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Hör mir zu, Paula, ich erzähle dir eine Geschichte, damit du nicht so verloren bist, wenn du wieder aufwachst. – Isabel Allende, Paula, Suhrkamp Verlag.

WORUM GEHT ES?

Das Unfaßbare geschah im Dezember 1991, als lsabel Allendes Tochter Paula plötzlich schwer erkrankte und kurz darauf ins Koma fiel. Eine heimtückische Stoffwechselkrankheit hatte die lebensfrohe junge Frau jäh niedergeworfen, im Herbst 1992 starb sie. Das Schicksal ihrer Tochter wurde für lsabel Allende zur schwersten Prüfung ihres Lebens. Um die Hoffnung nicht zu verlieren, schrieb sie, der Tochter zur Erinnerung um sich selbst zur Tröstung, »das Buch ihres Lebens – in doppelter Hinsicht« (Bayerischer Rundfunk), ihr persönlichstes und intimstes Buch »eine Hymne auf das Leben« (stern)“. (Quelle: Suhrkamp Verlag)

MEINE MEINUNG
Es ist eine ungewöhnliche Situation, in die die Lesenden geworfen werden. Isabel Allende setzt sie direkt neben sich an das Krankenbett ihrer Tochter. Mit bildlicher Sprache scheint es, als würde ihre kranke Tochter Paula vor uns liegen. Mit eigenen Augen können wir sie betrachten.

Um nicht in Trauer zu ersticken, fing Isabel Allende 1991 an, ihre Gedanken aufzuschreiben, als ihre Tochter ins Koma fiel. Aus ihrem Brief, den sie an Paula adressierte, wurde ein Buch, das ihre Tochter nie zu lesen bekam. Auf literarische Weise erzählt die chilenische Autorin ihre Lebensgeschichte und die ihrer Tochter. Mit vielen Anekdoten nimmt sie die Lesenden mit nach Lima (Peru), Beirut (Libanon), Santiago de Chile (Chile), Caracas (Venezuela) und letztendlich ins Madrider Krankenhaus, in dem ihre Tochter Monate in einem unveränderten Zustand liegt.

Die Autorin wechselt zwischen der Vergangenheit und den Krankenhausmomenten, in denen sie durch kleinste Veränderungen neue Hoffnung im Kampf gegen die Krankheit sammelt. Sie erzählt von Trauer, Kraft und dem Gefühl ihre Tochter langsam zu verlieren.

In den Passagen aus der Vergangenheit lässt Isabel Allende ihre fantasievolle Kindheit an verschiedenen Orten der Welt in ihren Erinnerungen aufblühen, an denen sie aufgrund der diplomatischen Tätigkeit ihres Onkels lebte. Schon früh zeigte sich, Isabel würde eines Tages ihre Fantasie in Romanen ausleben. Sie beschreibt, wie sie dazu kam, ihren ersten Roman Das Geisterhaus zu schreiben und schildert auch ihren Weg in den Journalismus in Chile. Gemeinsam mit anderen Frauen gründete sie die erste feministische Zeitung des Landes: Paula.

Als am 11. September 1973 der sozialistische Präsident Salvador Allende, Cousin ihres Vaters, bei einem durch die USA geförderten Militärputsch gestürzt wurde, begann eine neue Etappe in ihrem Leben und dem ihres Landes. Zwei Jahre später, in denen sie zur Zensur gezwungen wurde und unbemerkt politischen Gegner*innen Unterschlupf anbot, flüchtete sie nach Caracas und begann ein neues Leben. Sie lebte nie wieder in ihrem Heimatland Chile. 17 Jahre lang dauerte die brutale Militärdiktatur des „Präsidenten“ Augusto Pinochet. Die Jahre im Exil fielen Isabel Allende schwer. Trotz eines liebenden Ehemannes und ihrer zwei Kinder konnte sie sich lange nicht so recht wohlfühlen. Erst mit den Jahren gewöhnte sie sich an das reiche, tropische Land und begann Bücher zu schreiben.

In Paula geht es um den Verlust einer geliebten Person, Trauer, Lebensfreude, Liebe, Heimat und die ganz persönliche Lebensgeschichte einer der wichtigsten Autorinnen Chiles. Isabel Allende blickt auf ein erfülltes Leben zurück, in dem ihre Tochter eine der bedeutendsten Personen war und im Laufe des Buches verabschiedet sie sich von ihr. Beim Lesen spürte ich ihren Schmerz, lachte über Anekdoten aus dem Leben, reflektierte mein eigenes Leben und verlor mich in den mystischen Geschichten der Autorin.

Am Ende lernt man die Personen so gut kennen, dass sich der Tod von Paula wie ein eigener Verlust anfühlt. Auch der Abschied von der Autorin und ihrer verrückt-liebenswürdigen Familie fällt am Ende schwer. Man würde am liebsten immer weiter die Lebensgeschichte der Autorin und ihrer Familie lesen und nebenbei die fernen Länder kennenlernen, in denen sie viele Jahre lebte.

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Weisheit des Tages: Literatur kann ein Weg sein, andere Länder und Kulturen ein bisschen besser kennenzulernen. Vielleicht bekommt ja jemand Lust sich mehr durch lateinamerikanische Literatur zu lesen. Ich hätte da einige Empfehlungen!

Sonntagsharmonie

– 37 Tage in Chile –

Durch die Jalousie merke ich, wie die ersten Sonnenstrahlen des Tages sich in mein Zimmer schleichen. Noch im Bett liegend ziehe ich an der Schnur, die Jalousie wird hochgezogen und die Strahlen kommen rein. Langsam kriecht die Sonne die Berge hoch. So kann ich nur die Umrisse der Anden erkennen. Jeden Morgen will sie mich so wecken. Ich liege noch ein bisschen im Bett und schaue aus dem großen Fenster runter auf die noch leere Hauptstraße. So langsam erwacht auch sie. Die Menschen kommen aus ihren Häusern und bereiten den Sonntagsmarkt vor. Stände werden aufgebaut und die Karren mit frischem Obst und Gemüse werden entladen. Mit ihnen kommt das Leben.

 

Nach dem Frühstück gehe ich aus der Wohnung. Ausgestattet mit einem Stoffbeutel und ein bisschen Bargeld. Der Markt ist keine 20 Meter von mir entfernt. Schon früh geht das bunte Treiben los. Menschen schlendern an den verschiedenen Ständen vorbei und vergleichen die Obstpreise. Während ich die Menschen beobachte, schlendere ich durch die schmale Gasse. Ich muss einigen Leuten mit ihren großen Taschen aus dem Weg gehen, die sie über den Boden ziehen. Nachdem ich einmal den Markt abgelaufen bin und mir einen Überblick verschafft habe, strebe ich die Stände an, die mir das beste und günstigste Obst und Gemüse verkaufen. Ein Kilo Pfirsiche für 800 (ca. 1 Euro) Pesos, ein Kilo Tomaten für 800, eine riesige Zucchini für 500 (ca. 65 Cent). Neben den üblichen Sachen möchte ich heute eine Wassermelone kaufen. Die letzten Sommerfrüchte geniessen, bevor der Winter in Chile anfängt. Ich erinnere mich daran, wie eine chilenische Freundin mir erzählte, Wassermelone sei für sie ein typisches Weihnachtsobst.
Der Markt ist harmonisch. Verkäufer*innen bieten ihre Ware an ohne unangenehm über die ganze Straße zu schreien. Gut gelaunt bringe ich meinen Wocheneinkauf in die Wohnung.

 

Samstags oder Sonntags gehe ich gerne zum mercado de la persa nahe der Metrostation Bío Bío. Ich liebe es hier zwischen den bunten Ständen aus Büchern, Instrumenten, Möbeln, Secondhandkleidung, alten Vinylplatten und Essen herumzulaufen. Jedes Wochenende gibt es Neues zu entdecken. Alles ist gebraucht. Das Angebot ist immer anders. Ich muss nicht immer etwas kaufen, ich komme her, um die Atmosphäre aufzunehmen. Diese riesige Markthallte wirkt trotz der vielen Menschen ruhig. Jeder Gegenstand den man hier sieht, scheint eine Geschichte zu erzählen, wenn man ganz genau hinhört. Bücher sind vergilbt und wurde bestimmt schon von fünf Menschen gelesen, wenn man Glück hat, findet man sogar Originalausgaben. Fast überlege ich eine Geige für umgerechnet 35 Euro zu kaufen. Mir fehlt das Geige spielen im Ausland.

 

Hier kommt niemand mit einem Ziel her. Die schmalen Gänge sind zum Schlendern, Beobachten, Genießen.
Manchmal koste ich eine der dicken, veganen Torten. Mit einem Kaffee setze ich mich an den Holztisch, um den bunt zusammengewürfelte Stühle stehen. Jeden Bissen der Schokoladentorte genieße ich, während die Menschen an mir vorbeilaufen. Mein Handy lasse ich in der Tasche. Das ist mein Moment. Nur der Kaffee, die Schokoladentorte, die jede meiner Geschmacksnerven anspricht und ich.

 

Bevor ich nachhause fahre, besuche ich noch das Mural (freie Übersetzung von mir: kunstvoll gemaltes Graffiti), das meine Mitbewohnerin Paula malte. Es ist das größte in Chile, das von einer Frau gemalt wurde. Mir gefällt ihr geometrischer, prägnanter Stil aus weißen und schwarzen Elementen. Das Besondere: das Mural ist auf dem Boden. Heute konnten auf dem Platz junge Künstler*innen ihre Kunst verkaufen. Der ganze Ort soll „kunstalisiert“ werden. Das erzählt mir heute ein Freund, den ich zufällig dort antraf, ebenfalls jemand aus der Kunstszene.
Abschließend gehe ich noch auf das Dach. Zur Zeit ist es noch nicht öffentlich zugänglich, aber das soll sich bald ändern, sagt mir der Freund. Von da aus sehe ich Santiago. Die Anden, die Santiago im Osten begleiten und auf der anderen Seite die Berge, die es vom Meer trennen. Zwischendrin die chaotische, versmogte Großstadt in der so viel Leben steckt.

 

Zuhause gucke ich aus dem Fenster und kann an den Spiegelungen der Hochhäuser erkennen, wie die Sonne langsam untergeht. Die Anden werden dabei rot von ihr angestrahlt. Ich schreibe diese Zeilen. Heute war ein schöner Tag. Mit dem frischen Gemüse koche ich mir etwas. Beim Essen schaue ich einen Film und genieße die letzten Stunden bevor die neue Woche mit neuen Aufgaben anfängt.

So mag ich meine Sonntage.

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Weisheit des Tages: Der Sonntag ist zum Runterkommen. Neben der Uni, die in Chile für mich sehr zeitintensiv und anstrengend ist, muss ich mir bewusst die Zeit nehmen und kleine Ruheoasen schaffen. Ich hätte nicht gedacht, dass ich sie inmitten voller antiker Möbelstücke, Vintage-Kleidung und Menschen finden würde.