Sonntagsharmonie

– 37 Tage in Chile –

Durch die Jalousie merke ich, wie die ersten Sonnenstrahlen des Tages sich in mein Zimmer schleichen. Noch im Bett liegend ziehe ich an der Schnur, die Jalousie wird hochgezogen und die Strahlen kommen rein. Langsam kriecht die Sonne die Berge hoch. So kann ich nur die Umrisse der Anden erkennen. Jeden Morgen will sie mich so wecken. Ich liege noch ein bisschen im Bett und schaue aus dem großen Fenster runter auf die noch leere Hauptstraße. So langsam erwacht auch sie. Die Menschen kommen aus ihren Häusern und bereiten den Sonntagsmarkt vor. Stände werden aufgebaut und die Karren mit frischem Obst und Gemüse werden entladen. Mit ihnen kommt das Leben.

 

Nach dem Frühstück gehe ich aus der Wohnung. Ausgestattet mit einem Stoffbeutel und ein bisschen Bargeld. Der Markt ist keine 20 Meter von mir entfernt. Schon früh geht das bunte Treiben los. Menschen schlendern an den verschiedenen Ständen vorbei und vergleichen die Obstpreise. Während ich die Menschen beobachte, schlendere ich durch die schmale Gasse. Ich muss einigen Leuten mit ihren großen Taschen aus dem Weg gehen, die sie über den Boden ziehen. Nachdem ich einmal den Markt abgelaufen bin und mir einen Überblick verschafft habe, strebe ich die Stände an, die mir das beste und günstigste Obst und Gemüse verkaufen. Ein Kilo Pfirsiche für 800 (ca. 1 Euro) Pesos, ein Kilo Tomaten für 800, eine riesige Zucchini für 500 (ca. 65 Cent). Neben den üblichen Sachen möchte ich heute eine Wassermelone kaufen. Die letzten Sommerfrüchte geniessen, bevor der Winter in Chile anfängt. Ich erinnere mich daran, wie eine chilenische Freundin mir erzählte, Wassermelone sei für sie ein typisches Weihnachtsobst.
Der Markt ist harmonisch. Verkäufer*innen bieten ihre Ware an ohne unangenehm über die ganze Straße zu schreien. Gut gelaunt bringe ich meinen Wocheneinkauf in die Wohnung.

 

Samstags oder Sonntags gehe ich gerne zum mercado de la persa nahe der Metrostation Bío Bío. Ich liebe es hier zwischen den bunten Ständen aus Büchern, Instrumenten, Möbeln, Secondhandkleidung, alten Vinylplatten und Essen herumzulaufen. Jedes Wochenende gibt es Neues zu entdecken. Alles ist gebraucht. Das Angebot ist immer anders. Ich muss nicht immer etwas kaufen, ich komme her, um die Atmosphäre aufzunehmen. Diese riesige Markthallte wirkt trotz der vielen Menschen ruhig. Jeder Gegenstand den man hier sieht, scheint eine Geschichte zu erzählen, wenn man ganz genau hinhört. Bücher sind vergilbt und wurde bestimmt schon von fünf Menschen gelesen, wenn man Glück hat, findet man sogar Originalausgaben. Fast überlege ich eine Geige für umgerechnet 35 Euro zu kaufen. Mir fehlt das Geige spielen im Ausland.

 

Hier kommt niemand mit einem Ziel her. Die schmalen Gänge sind zum Schlendern, Beobachten, Genießen.
Manchmal koste ich eine der dicken, veganen Torten. Mit einem Kaffee setze ich mich an den Holztisch, um den bunt zusammengewürfelte Stühle stehen. Jeden Bissen der Schokoladentorte genieße ich, während die Menschen an mir vorbeilaufen. Mein Handy lasse ich in der Tasche. Das ist mein Moment. Nur der Kaffee, die Schokoladentorte, die jede meiner Geschmacksnerven anspricht und ich.

 

Bevor ich nachhause fahre, besuche ich noch das Mural (freie Übersetzung von mir: kunstvoll gemaltes Graffiti), das meine Mitbewohnerin Paula malte. Es ist das größte in Chile, das von einer Frau gemalt wurde. Mir gefällt ihr geometrischer, prägnanter Stil aus weißen und schwarzen Elementen. Das Besondere: das Mural ist auf dem Boden. Heute konnten auf dem Platz junge Künstler*innen ihre Kunst verkaufen. Der ganze Ort soll „kunstalisiert“ werden. Das erzählt mir heute ein Freund, den ich zufällig dort antraf, ebenfalls jemand aus der Kunstszene.
Abschließend gehe ich noch auf das Dach. Zur Zeit ist es noch nicht öffentlich zugänglich, aber das soll sich bald ändern, sagt mir der Freund. Von da aus sehe ich Santiago. Die Anden, die Santiago im Osten begleiten und auf der anderen Seite die Berge, die es vom Meer trennen. Zwischendrin die chaotische, versmogte Großstadt in der so viel Leben steckt.

 

Zuhause gucke ich aus dem Fenster und kann an den Spiegelungen der Hochhäuser erkennen, wie die Sonne langsam untergeht. Die Anden werden dabei rot von ihr angestrahlt. Ich schreibe diese Zeilen. Heute war ein schöner Tag. Mit dem frischen Gemüse koche ich mir etwas. Beim Essen schaue ich einen Film und genieße die letzten Stunden bevor die neue Woche mit neuen Aufgaben anfängt.

So mag ich meine Sonntage.

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Weisheit des Tages: Der Sonntag ist zum Runterkommen. Neben der Uni, die in Chile für mich sehr zeitintensiv und anstrengend ist, muss ich mir bewusst die Zeit nehmen und kleine Ruheoasen schaffen. Ich hätte nicht gedacht, dass ich sie inmitten voller antiker Möbelstücke, Vintage-Kleidung und Menschen finden würde.

Mein Norden ist der Süden

– 26 Tage in Chile –

„Mi Norte Es El Sur: Qué dice Latinoamérica“.
Durch eine Gruppe der Uni bin ich auf das „Festival de Cine de Mujeres“ im Museum Violeta Parra aufmerksam geworden. Leider konnte ich mich erst am letzten Tag, den Sonntag, motivieren einen der vielen internationalen Filme des feministischen Filmfestivals zu besuchen. Dafür hat es sich sehr gelohnt und ich bin tiefgrübelnd mit vielen Gedanken aus dem Kinosaal gegangen.

„Mein Norden ist der Süden: Was sagt Lateinamerika“ heißt der Film der audiovisuellen Produzentin Amanda Puga Salman, der am Sonntag präsentiert wurde. Im Jahr 2013 begab sich die Chilenin auf eine Reise quer durch Lateinamerika. Am Anfang beschreibt sie, wie sie raus aus dem konsumorientierten, neoliberalen Chile wollte, um zu sehen, wie andere Länder leben. Ihr Weg führte sie nach Kuba, Venezuela, Kolumbien, Ecuador, Peru und Bolivien.
Der Film war in mehrere Abschnitte geteilt: „Was ich sehe“, „Was mir gesagt wird“, „Die Wahrheit“. In jedem Abschnitt kommen verschiedene Menschen jedes Landes zu Wort und erzählen von den Problemen, mit denen sie in ihrem Land konfrontiert werden. Zwischendurch sind Landschafts- und Alltagsszenen zu sehen. Mit dem Fortschreiten des Films nimmt das Tempo zu. Abschnitte der verschiedenen Orte werden immer schneller, vermischen sich miteinander. Anfangs wurden die Zuschauenden noch
an die Hand genommen. „Jetzt sind wir in Kuba.“ „Das beschäftigt die Menschen in Venezuela.“ Gegen Ende des Films konnten die Menschen und Länder nicht mehr auseinandergehalten werden. Kuba, Venezuela, Kolumbien, Ecuador, Peru, Bolivien, sie alle wurden zu einem Land vermischt: Lateinamerika.

Der Film war deprimierend! Aber beeindruckend. Amanda sprach mit so vielen Menschen, hat so viele Geschichten gezeigt und Hintergründe verständlich gemacht. Dinge passieren, die wir uns im ordentlichen Deutschland gar nicht vorstellen können. Im Chocó, Kolumbien, erlebte sie einen Guerrillaangriff, den sie aufnahm. Die Menschen, bei denen sie unterkam, waren nicht beunruhigt, sie fingen an zu lachen.
Ausnahmesituationen und Alltagsszenen. Eine Kubanerin erzählt, wie sie niemals eine Languste kaufen dürfe. Das ist nur für die Touristen auf Kuba. Sie fing an laut zu lachen: „Stell dir vor, was sie mit mir machen würden, wenn sie mich mit zwei Langusten erwischen!“. Es ist traurig, doch durch ihre sympathische Art fängt man an zu schmunzeln. Wie albern, was sich die kubanische Regierung für ihre Menschen ausgedacht hat.
In Venezuela regt sich ein Mann auf, dass propagiert wird, wie der Imperialismus bekämpft wurde, weiterhin aber keine venezolanischen Produkte innerhalb des Landes verkauft werden. Kaffee aus Brasilien, Käse aus Uruguay, Kekse aus Chile. „Wir haben den besten Kaffee der Welt! Warum verkauft uns unsere Regierung nur ausländische Produkte?“ Venezuela ist wohl das Land, welches sich seit der Aufnahmen am meisten verändert hat. Solche Filme wären jetzt wahrscheinlich gar nicht mehr möglich.
Bei ihrer Reise in Medellín sprach Amanda mit einem Mann, der ihr von dem Bürgerkrieg Kolumbiens erzählte. Frustriert erzählt er wie die FARC damals sich das nahm, was sie wollte, ohne jegliche Konsequenzen. Auch Kolumbien hat sich seitdem sehr verändert. Mittlerweile sind Reisen auf den damals gefürchteten Landstraßen möglich ohne Überfälle. Die FARC existiert offiziell nicht mehr. Kolumbien ist auf dem Weg zum Frieden.
Auf einem kleinen Markt in Quito aß Amanada Mittag mit zwei Ecuadorianern. Sie sprechen über die Korruption und Politik des Landes.
Am Strand von Huacachina sitzt sie mit einem Peruaner, der deutlich macht, wieviel Geld in die Taschen der Regierung wandert, wo doch die Bevölkerung es am meisten bräuchte.
In Bolivien unterhält sie sich über die Probleme der indigen Bevölkerung.

Immer schneller werden die Länder vermischt, so dass am Ende ein einziges übrigbleibt. Was in dem Film gezeigt werden sollte: alle Länder des Kontinents sind Lateinamerika. In jedem Land gibt es ähnliche Probleme. In Lateinamerika ist der Unterschied zwischen Arm und Reich viel zu groß, korrupte Politik nutzt vor allem die Minderheiten aus, Landeskulturen und indigene Völker werden benachteiligt und fast vergessen. Probleme, die in allen lateinamerikanischen Ländern auftreten. Jedes Land kämft heute noch mit seiner eigenen Geschichte. Im letzten Jahrhundert durchlebten viele lateinamerikanische Länder eine rechte Militärdiktatur. Die Geschichten entwickelten sich parallel bis heute.

Für mehr Informationen zu dem Filmprojekt schaut auf Mi Norte es el Sur vorbei.

Ich war beeindruckt von dem Film. Er ließ mich mit vielen Eindrücken zurück. Anschließend gab es eine Diskussion mit der Produzentin und der Regisseurin des Films. Ein Chilene aus dem Publikum meldete sich zu Wort: „Mich macht es traurig, dass Chile sich so fernab von Lateinamerika sieht. Wir sind doch auch ein Teil davon! Immer wird es damit begründet, dass wir durch die Andengebirgskette von allen abgeschnitten sind, dabei ist Argentinien nur wenige Stunden entfernt.“ Er erzählte, wie toll er es finde, dass mit Menschen, die aus Kolumbien, Ecuador oder Venezuela kommt, auch deren Kultur herkommt. „Jetzt gibt es Arepas und venezolanische Empanadas an jeder Ecke. Wir hören kolumbianische Musik. Das ist doch etwas Tolles, wie sich die Kulturen vermischen! Eine Bereicherung!“

Seine anfänglichen Worte passen zu dem, was ich in Chile bisher erlebte. Chile ist besser und hat nicht die gleichen Probleme wie die anderen lateinamerikanischen Länder. Hier geht es den Menschen gut und sie können von internationalen Produkten zehren. Es gibt keine Armut und Gewalt oder Korruption. Alles funktioniert perfekt.
Will Chile so auf andere Länder wirken? Strebt es so sehr Europa und den USA nach, dass es seine eigenen Ursprünge vergisst?

Isabel Allende schrieb in ihrem Buch „Mein Erfundes Land“:

Die Abgeschiedenheit gibt uns Chilenen die Mentalität eines Inselvolks, und die großartige Schönheit des Landes macht uns überheblich. Wir halten uns für den Nabel der Welt […] und kehren Lateinamerika den Rücken, da wir uns von jeher mit Europa vergleichen. Wir sind egozentrisch und brauchen den Rest des Universums einzig, damit er unsere Weine trinkt und Fußballmannschaften zusammenstellt, die wir besiegen können.

In Kolumbien war das immer etwas, was ich sehr bewundert und genossen habe. Dort spürte ich lateinamerikanisches Temparement. Ich habe das Gefühl, dass vor allem die mittel- und nordsüdamerikanischen Länder sich gegenseitig stärken wollen (auf gesellschaftlicher Ebene, nicht politisch). Ein Thema, dass in Street Art, Kunst und Musik häufig aufgegriffen wird. Hört euch das Lied von Calle 13 – Latinoamérica an.
Chile will sich bewusst davon abgrenzen. Vor allem an der Uni und in jüngeren Generationen merke ich, dass sie sich mehr Lateinamerika zugehörig fühlen wollen. Sie wollen auch mit Stolz sagen: Ich bin Latinx.

Ich finde es toll, dass ich die Möglichkeit hatte, so viel von Südamerika zu sehen. Während der Film lief, verglich ich das Gehörte mit eigenen Erfahrungen. Besonders musste ich mich an die Peru– und Bolivienreise zurückerinnern, die ich 2017 unternahm.
Als Europäerin fühle ich mich ein bisschen außen vor, so als ob ich zu dem Thema nichts sagen dürfte. Aber vielleicht ist das auch nur mein persönliches Empfinden, denn bisher haben sich die meisten darüber gefreut zu hören, dass ich mich colomboalemana (kolumbianischdeutsch) fühle.

Graffiti an der Universidad Nacional de Colombia
Graffiti an der Universidad Nacional de Colombia

Weisheit des Tages: Lateinamerika ist eins. Und doch so unglaublich groß, vielfältig und verschieden. Je mehr wir versuchen Länder auf ihre Unterschiede zu vergleichen, desto mehr Gemeinsamkeiten können wir entdecken und wertschätzen.

Chi Chi Chi! Le Le Le! Viva Chile?

– 19 Tage in Chile –

Ohne viel Vorwissen und Erwartungen, aber mit viel Abenteuerlust nahm ich vor fast drei Wochen den Bus von Mendoza, Argentinien, nach Santiago de Chile. Jetzt sind schon drei Wochen vergangen und so langsam fügt sich mir ein Bild aus den Dingen zusammen, die ich hier sehe und erlebe.

Warum Chile? – wurde ich oft gefragt.
Bei so einer Frage fühle ich mich schnell unter Druck gesetzt. Jetzt muss ich die perfekte Antwort abliefern. Also.
Mein Gedankengang zwei Auslandssemester hintereinander in zwei verschiedenen südamerikanischen Ländern zu machen, war der, dass ich neben Kolumbien noch ein anderes Land kennenlernen wollte. Ich hatte das Gefühl (und merke es immer noch), dass ich sehr fokussiert auf Kolumbien bin. Um es ein bisschen spiritueller auszudrücken: ich wollte meinen (kolumbianisch-deutschen) Horizont erweitern. Und warum in Chile?

  • Als Kind habe ich einige Kinderbücher der chilenischen Schriftstellerin Isabel Allende gelesen. So hörte ich wohl das erste Mal von dem fernen, langgestreckten Land in Südamerika.
  • Zwei meiner besten Freundinnen waren einige Zeit in Chile und haben das Land in den Himmel gelobt.
  • Mit meiner Uni in Deutschland gibt es eine Fakultätspartnerschaft in Santiago de Chile.
  • Die Geschichte Chiles ist sehr interessant. Ich wollte verstehen, wie das Land nach 17 Jahren Militärdiktatur, die erst 1990 endete, zu dem wirtschaftlich stärksten Land Lateinamerikas wurde. Pinochet hinterließ ein Trauma, das die Gesellschaft von heute noch begleitet und spaltet. Wie sich das im chilenischen Alltag bemerkbar macht, möchte ich herausfinden.
  • Chile, so stellte ich es mir von den wenigen Dingen, die ich über das Land wusste vor, ist ganz anders als der Rest von Südamerika. Eine Mischung aus europäischer Ordnung und lateinamerikanischer Lebensfreude. So dachte ich…

Es war keine Liebe auf den ersten Blick. Chile wollte mich erst nicht so richtig empfangen. Umso mehr freue ich mich, dass ich mich langsam einlebe und wohlfühle.
Bis Anfang August werde ich in Santiago de Chile wohnen und an der Universidad de Chile Journalismus studieren. Während es am Anfang so schien, dass niemand an der Uni wusste, das ich kommen würde und ich mir meinen Studienplatz ein bisschen erkämpfen musste, habe ich jetzt einen festen Stundenplan und kann mich einleben.
Von den Uniproblemen abgesehen, war es erst ein wenig schwierig eine schöne Unterkunft zu finden. Über Facebook habe ich eine Wohnung gefunden, die mir sehr gefiel, doch als wir ankamen, wollte ich sofort wieder weg. So eine verdreckte Wohnung habe ich wirklich noch nie gesehen. Nach einer Nacht auf einer Matraze ohne Laken oder Bettdecke nutzte ich den nächsten Tag eine Wohnung zu suchen, in der ich gerne bleiben würde. Jetzt bin ich schon seit über zwei Wochen in einer sehr schönen, minimalistisch eingerichteten Wohnung, mit netten Leuten und in einer lebendigen Wohngegend.

Abgesehen von den angfänglichen Problemen, die aufkamen, konnte mich Chile nicht wirklich mit seiner Kultur, Architektur und sagen wir mal Politik überzeugen. Ich bin ein bisschen naiv hergekommen und dachte, ich lasse mich überraschen. Vorher wollte ich mich nicht über Chile informieren, um alles aus erster Hand zu erleben.
Ich weiß nicht, wie mein erster Eindruck gewesen wäre, wenn ich von Deutschland hierhergekommen wäre. Dadurch, dass ich seit Juli in Kolumbien gelebt habe, wurde ich schnell wieder „kolumbianisiert“. Der Kulturschock von Kolumbien nach Chile ist riesig!

  1. Chile ist unglaublich teuer!
    Klar. Ich war ein bisschen an die kolumbianischen Preise gewöhnt. 2€ für ein Mittagsmenü mit Saft, Suppe, einem riesen Teller Hauptgang und einem Nachtisch ist woanders einfach nicht möglich. Aber selbst im Vergleich zu Deutschland erscheint mir Santiago sehr teuer! Ein Bier in einem Lokal kostet umgerechnet dann auch mal 5€. Supermarktpreise übersteigen die in Deutschland. Anfangs habe ich mich gefragt, wie ich mich hier überhaupt ernähren sollte! 3€ für einen Kilo gespritzte, unnatürliche Äpfel. 8€ für ein vegetarisches Hot Dog mit drei Kartoffelchips und 20€ für einen Liter Cocktail (für zwei Personen). Ein Schock.
    Mittlerweile entdecke ich immer mehr günstigere Alternativen. Günstig bedeutet dann Preise wie in Deutschland. Anstatt Obst im Supermarkt einzukaufen, warte ich immer den Sonntag ab, wo die grauen Straßen vor meiner Haustür, durch die die Hauptstädtler*innen hetzen, sich in einen bunten Obst- und Gemüsemarkt verwandeln. Der Markt macht Spaß! Dort kaufe ich gerne ein und decke mich für die Woche ein. Das einzige Problem: ich kann nicht einen Kilo Pfirsiche oder Tomaten in einer Woche essen. Da diese Produkte wirklich frisch sind, werden sie auch schnell schlecht. Aber so langsam habe ich den Dreh raus.

Was mich gerade im Vergleich zu Kolumbien sehr verwunderte: Chile scheint kaum nationale Produkte zu haben. Hier gibt es nicht den kleinen Laden nebenan, wo nur chilenische Produkte verkauft werden. Im Gegenteil! Wo ich wohne, gibt es viele Einwander*innen aus Kolumbien und Venezuela, die Produkte aus Nordsüdamerika mitbringen. Ich freue mich, wenn ich bekannte Marken, wie Chocoramo, Sol-Trinkschokolade oder anderes sehe.
Noch erstaunter war ich, als ich zahlreiche deutsche Produkte in den Supermärkten sah! Milka- oder RitterSportschokolade ist ja gar nicht so ungewöhnlich. Aber die gleichen Kekse, die ich in Deutschland esse, Rotkohl und Sauerkraut in großen Gläsern und Kräutersenf? Alles komplett auf deutsch. Chile scheint Produkte, aller möglichen Länder zu haben, nur kaum eigene. Damit kommen wir zum nächsten Punkt:

2. Imperalismus. Auf mich wirkt es so, als hätte die USA ihre große mächtige Hand über Chile. Schon die chilenische Flagge sieht aus wie eine reduzierte Version der USA. Anstatt Ähnllichkeiten mit Europa zu entdecken, sehe ich eher welche zur USA. Als wir Santiago de Chile vom Weiten sahen, hätte ich es auch für eine kalifornische Großstadt mit Wolkenkratzern halten können. Architektur und die vielen riesen Malls, auf die die Chilenen besonders stolz sind, sind sehr US-amerikanisch. Das Zentrum der Hauptstadt ist ein reines (noch überteurteres) Bankenviertel. Ein Reichtum reiht sich an das andere.
McDonalds, Starbucks und Co. findet man an jeder Ecke. Während es in vielen lateinamerikanischen Ländern nicht eine Starbucksfiliale gibt und nationalen Coffeehäusern somit die Chance auf Erfolg im eigenen Land gegeben wird (Juan Valdéz in Kolumbien), scheint es hier nichts anderes zu geben. Die großen (US-amerikanischen) Marken sind hier voll drin und bestimmen den Markt. Nescafé, Nestlé und Coca-Cola ganz vorne mit dabei. Ich weiß nicht, ob chilenische Eigenmarken und Alternativen verdrängt und aufgekauft wurden, oder ob sie nie existierten.

3. Kommerz und Konsum. Beides spielt eine große Rolle. Es wird viel darüber geredet, schließlich: Geld regiert die Welt. In Kolumbien erlebte ich, dass man auch ohne Geld eine gute Zeit haben kann und das komplette Finanzielle für einen Abend ausblenden kann. Hier ist es stets präsent. Öffentliche Universitäten? Genauso teuer wir Privatunis. Es gibt nichts, was nicht kostet.
Meine Mitbewohnerin ist Künstlerin, wodurch ich ein bisschen in die Kunstszene Santiagos reingerutscht bin. Das finde ich toll! Doch schnell merkte ich, auch hier ist das Kapital Thema Nummer Eins. Das kritisiert meine Mitbewohnerin übrigens genauso sehr wie ich. Ihrer Meinung nach wird das in der chilenischen Kunstszene viel zu wenig hinterfragt und Künstler*innen lassen sich und ihre Kunst zu schnell kommerzialisieren.

4. Mit dem Kommerzdenken und dem starken, chilenischen Markt kommt auch das „Chile-Denken“ mit, von dem ich schon vorher hörte. Chile ist anders als Lateinamerika. Chile ist besser als Lateinamerika. So sehen sich die Chilenen (Achtung! Provokante Verallgemeinerung). So beschrieb es auch Isabel Allende in ihrem Buch „Mein erfundenes Land“.
Was macht Chile besser als Argentinien, Venezuela, Kolumbien? Eine starke Wirtschaft mit Preisen, die man sich kaum leisten kann? Der Mindestlohn in Chile liegt bei umgerechnet 400€. Bei den Preisen, die ich oben genannt habe, wie soll man sich da über Wasser halten, wenn noch Miete, Sozial-, Krankenversicherungen und Bildung für die Kinder bezahlt werden müssen (ein Monat an einer öffentlichen Universität kostet umgerechnet 400€)?
Chile ist das neoliberalste Land, das ich kenne. Gestern, nachdem ich ein wenig recherchierte, fand ich heraus, dass der Neoliberalismus in Chile entstand, als jemand zu Zeiten Pinochets das Wort Liberalismus sporadisch verwendete. So entwickelte sich der Neoliberalismus. In Chile.

Hinter der Facette dieses angesehenen Landes steckt auf jeden Fall eine Menge mehr! Ich habe bisher nur einen kleinen Eindruck in die Kultur, Geschichte und Politik des Landes erhalten, lerne aber täglich dazu. Ich habe interessante Unterhaltungen mit verschiedenen Menschen, die mich mehr hinter die Facetten blicken lassen.

Vielleicht ist dieser Blogbeitrag zu negativ für den ersten aus meiner neuen temporären Wahlheimat. Der erste Eindruck kann täuschen! Ich bin gespannt, was ich am Ende der fünf Monate über Chile denken werde.
Demnächst werde ich auch sicher noch die positiven Seiten zeigen.
Was würdet ihre gerne lesen? Was interessiert euch an Chile

Weisheit des Tages: Chile ist ein sehr komplexes, vielseitiges Land! Der erste Eindruck kann täuschen, also zeig mir, was du zu bieten hast, Chile 😉

Internationaler Frauentag in Santiago

– 14 Tage in Chile –

Letzten Freitag habe ich einen inspirierenden Tag erlebt! Ich sah emotionale Szenen, die mich fast zum Weinen brachten, ich hatte Gänsehaut und wurde von zahlreichen Frauen inspiriert!

Über 190.000 Personen nahmen an der Demonstration am internationalen Frauentag in Chiles Hauptstadt teil. Nach einer Woche in Santiago de Chile half ich bei der Demo mit. Mit mehreren Frauen und Männern beobachteten wir die marcha (die Demo) und informierten die Veranstalter*innen über auffällige Dinge, die die marcha unterbrechen könnten. Wir waren das Auge der Demo, so wurde es uns bei der Vorbereitung einen Tag vorher gesagt.
Für mich war das eine tolle Gelegenheit einen ersten Eindruck von Santiago de Chile und seinen Bewohner*innen zu bekommen. Und natürlich der feministischen Bewegung, die sich in diesem Land bewegt.

18 Uhr versammelten sich Menschen. Besser gesagt Menschenmassen! Durch mein Semester in Bogotá habe ich einige Demoerfahrungen gesammelt. Doch noch nie habe ich so viele Menschen versammelt gesehen! Der erste Teil der marcha war eine Sektion nur für Frauen. Als Beobachterinnen der marcha warteten wir die erste Sektion ab, die unendlich schien! Tausende Menschen liefen gemeinsam auf der Straße, nahmen sich bei den Händen, zeigten ihre Schilder und riefen gemeinsam Sprüche, Forderungen, die ausgesprochen und gehört werden müssen.
Alle Generationen vereinten sich. Mütter mit ihren Kindern, die Schilder hielten wie: „Ich will keine Prinzessin sein, ich will ernstgenommen werden!“, begleitet von deren Müttern, teilweise schon im Rollstuhl.

Die Demo war ein Zusammentreffen starker Frauen, die ein gemeinsames Ziel haben: Gleichberechtigung. Mit emotionalen Schildern und Geschichten, die geteilt wurden, bemalten Körpern, Tanz- und Musikacts war die Demo eine vielfältige Mischung, die nach Emanzipation strebt.
Neben #womenempowerment wurde auch stark gezeigt, dass indigene und Afrogemeinschaften, Transgender und nonbinäre Personen politisch und gesellschaftlich mehr gestärkt werden sollen.

 

Durch Zufall wurde ich Teil eines besonderen Momentes gegen Ende der marcha. Ein älterer Mann stand alleine auf der Strasse mit einem großen Schild, das er beschrieben hatte. Viele Menschen liefen vorbei, mit einem schnellen Blick überflogen sie das Schild oder beachteten es gar nicht. Einige blieben stehen und nahmen sich die Zeit zu lesen. Schnell bildete sich eine Traube um ihn herum. Nach einigen Minuten des Lesens sammelten sich Tränen in den Augen einiger Frauen. Berührt nahmen sie den Mann in den Arm. Ich bekam Gänsehaut am ganzen Körper. Eine bewegende Szene! Zusammenhalt, Solidarität und Verständnis. Eine abschließende Szene, die die marcha für mich zu einem besonderen Erlebnis machte.

 

Am 8. März möchte ich keine Rose geschenkt bekommen. Ich möchte keine Glückwünsche erhalten, dafür, dass ich eine Frau bin. Was ich will, ist Gleichberechtigung! Auf internationalem Level.
Vor allem von einigen Bekannten aus Kolumbien erhielt ich sehr fragwürdige „Glückwunschnachrichten“. Bei mir wurde sich (in Form einer Rundmail) dafür bedankt, dass Frauen eine tolle Gesellschaft für die Männer sind. Auch ein einfaches „Feliz Día“ (Fröhlichen Tag) erhielt ich und ich konnte nur den Kopf schütteln und meine Wut herunterschlucken. Worauf es am 8. März wirklich ankommt, scheint einigen nicht bewusst zu sein.

Im Jahr 2019 ist es erschreckend, wie viel noch zur Gleichberechtigung fehlt, auch in Deutschland. Unterrepräsenz von Frauen in Führungsrollen, Gendergap und sexistische Rollenbilder, die sich in frauenfeindlichen und rassistischen Witzen äußern, sind immer noch die traurige Realität. Umso mehr wundert es mich, warum viele Menschen in Deutschland die Augen verdrehen, wenn sie das Wort Feminismus hören. Vielleicht springt einigen Menschen als erstes das Bild von unrasierten, Männer hassenden, radikalen Frauen in den Kopf.
Ist das Feminismus? Nein. Für mich ist Feminismus viel mehr. Ich kann es nicht verstehen, wenn Frauen nicht für ihre eigenen Rechte einstehen und sich gegen Feminismus aussprechen oder sich sogar darüber lustig machen.

In Südamerika nahm ich in vielen Ländern eine starke Feminismusbewegung wahr, eine Bewegung, die mitreißt und das nicht nur Frauen. Vor allem in Chile und Argentinien sind sie sehr groß und bedeutend.
Ich fing an mich zu fragen, warum das so ist. Warum scheinen feministische Bewegungen in vielen lateinamerikanischen Ländern stärker zu sein als in Deutschland? Warum wird Feminismus hier (von Frauen) mehr akzeptiert und bestärkt?
Ich habe es mir so erklärt, dass viele Menschen Deutschland als ein schon sehr emanzipatives Land wahrnehmen. Aber ist es das wirklich? Schnell werden einem dann Vergleiche vorgehalten. „In anderen Ländern ist es doch viel schlimmer.“ Trotzdem möchte ich in einem Land leben, wo es 100 prozentige Gleichberechtigung gibt zwischen Frauen, Männern, trans, intersexuellen und nonbinären Personen. In Zeiten, in der die rechte Politik (anscheinend) immer mehr Stimmen erhält und Frauen hinter den Herd schieben wollen, ist es umso wichtiger aufzustehen und zu zeigen, dass Frauen nicht die Begleitung von Männern sind, sondern eigenständige, selbsthandelne Menschen.

In lateinamerikanischen Ländern ist der Begriff Machismo leider immer noch sehr präsent. Das Frauenbild, das teilweise vertreten wird, ist erschreckend. Gerade in ländlichen Regionen vieler Länder werden Frauen als Objekte gesehen und behandelt. Häusliche Gewalt ist in vielen Leben Alltag. Die Angst, alleine als Frau auf die Straße zu gehen, ob in einer Großstadt oder im Dorf, auch. Diskriminierung, Misshandlungen und Vergewaltigungen sind alltäglich. So kam die Bewegung #noesno (Nein bedeutet Nein) zu stande. Die drei Worte sagen schon alles und sollten auch genau so verstanden werden. Auf der marcha schrieben sich viele Frauen Sprüche auf ihren nackten Körper. „Nur weil ich weniger Kleidung anhabe, bedeutet das nicht, dass du mich anfassen darfst!“ Frauen werden in unserer heutigen Gesellschaft sexualisiert. Viel Haut zeigen bedeutet nicht, dass eine Frau angefasst werden möchte und gibt niemandem das Recht, sich das herauszunehmen.
Rollenbilder stellen Frauen in die Küche und lassen sie bei den Kindern bleiben. Der Mann ist der, der das Geld nachhause bringt und somit denkt, dass er das mit seiner Familie machen darf, was er will.

Insgesamt habe ich eineinhalb Jahre in Kolumbien gelebt. Auf Reisen habe ich Ecuador, Peru, Bolivien, Brasilien, Argentinien, Uruguay und jetzt Chile ein wenig kennengelernt. In vielen Orten habe ich Ähnliches erlebt und gesehen. Es mag sein, dass Feminismus in Lateinamerika eine größere, bzw. andere Rolle spielt. Frauen werden anders behandelt, als in Europa. Frauen müssen mehr für ihre Rechte kämpfen. Es muss sich noch sehr viel verändern. Aber viele Menschen der Gesellschaft sind auch bereit dazu. Das Thema Feminismus spielt bei vielen eine Rolle. Selbst meine doch sehr traditionelle Gastfamilie in Tunja beschäftigt sich damit und bricht das konservative Rollenbilder, das vor einigen Jahren noch so hingenommen wurde, auf.
In Chile hat mich sehr schockiert, dass es erst seit 2004 ein Scheidungsgesetz gibt. Vorher konnte eine Ehe nicht annuliert werden. Die Mutter meiner Mitbewohnerin erzählte mir, dass sie auf inoffiziellem Weg die Scheidung „verschwinden“ ließ. Papiere wurden illegal geändert, so dass die Ehe offiziell nie stattfand.

Auf mich wirkt es so, als würden in vielen lateinamerikanischen Ländern die Frauen verstanden haben, dass sie aufstehen und handeln müssen. Traurig und gleichzeitig bewegend waren die vielen Schilder bei der Demo, die darauf hinwiesen, dass nicht alle Frauen die Freiheit haben, das sagen zu können, was sie wollen. „Wir reden und demonstrieren für die, die es nicht (mehr) können.“

Um in einer gerechten Welt zu leben, können wir alle etwas tun. Dafür müssen wir nicht jeden Tag auf die Straße gehen und demonstrieren. Durch Hinterfragen seiner eigenen Werte und Handlungen kann das nötige Bewusstsein geschaffen werden, das wir für eine gleichberechtigte Welt brauchen. Mit kleinen Schritten im Alltag kommen wir dem näher.

Weisheit des Tages: Wir leben im Jahr 2019. Grundrechte sollten nicht mehr von „Minderheiten“ erkämpft werden, sondern für alle Menschen gleich sein! So lange werden wir weiterkämpfen.