Wohin ich gehe: Streik!

– 65 Tage in Chile –

Ich scheine rebellische, revolutionäre Vibes auszustrahlen. Wohin ich gehe wird gestreikt. Freunde sagten mir aus Spaß, ich sei die neue Che Guevara und ich dachte mir dieses Kompliment lehne ich nicht ab.

Tatsächlich bin ich gerade im Streik. Nicht ich, sondern eher meine Fakultät. Nach meinen ersten Streikerfahrungen in Lateinamerika während eines Auslandssemesters in Kolumbiens Hauptstadt Bogotá, dachte ich, mein zweites Auslandssemester in Santiago de Chile würde ein wenig ruhiger verlaufen. Falsch gedacht. Es dauerte genau fünf Wochen (genau wie in Bogotá) eh die ersten Abstimmungen über einen möglichen Streik stattfanden. Nach einer zweiwöchigen Reise mit meiner Familie, die mich aus Deutschland besuchte, in der wir Patagonien, den Süden Chiles und Argentiniens bereisten, kam ich motivationslos nach Santiago zurück und die Studierenden beschäftigte nur eine Sache: Streik.

Während ich in Deutschland nie von einem längeren Universitätsstreik mitbekam, ist Chile das zweite südamerikanische Land, in dem ich einen live miterlebe. Warum wird hier gestreikt? Was sind die Motive? Wie lange wird der Streik gehen?

Als einer der ersten Gründe für den Streik, der nur einige Fakultäten einiger Universitäten in Santiago betrifft (wie in meinem Fall die Fakultät für Kommunikation an der Universidad de Chile, Chiles wichtigster „öffentlichen“ Universität), wird die mentale Gesundheit der Studierenden genannt. Sie kritisieren, dass die Studiengänge mit zehn Semestern für einen Bachelor zu lang sind, genauso wie die Unterrichtsstunden.
Ein weiteres Problem: mehr als 40.000 Studierende sollen in Zukunft keine finanzielle Förderung mehr erhalten. In einem Land wie Chile, in dem studieren nach wie vor eher der „oberen Sozialschicht“ vorbehalten ist, sind viele Studierende auf staatliche Hilfe angewiesen. Bisher erhielten sie Zuschüsse für Studiengebühren, Miete, Essen und Transport. Gelder sollen unter dem konservativen, neoliberalen Präsidenten Sebastian Piñera für auf finanzielle Unterstützung angewiesene Studierende gestrichen werden. Das will sich niemand gefallen lassen.

Ein zweiter zentraler Grund für den Streik ist das TPP-11. Die Transpazifische Partnerschaft ist ein geplantes Handelsabkommen zwischen Australien, Brunei, Chile, Japan, Kanada, Malaysia, Mexiko, Neuseeland, Peru, Singapur, Vietnam und ursprünglich den USA. Die USA stieg aus dem Abkommen aus, als Trump Präsident wurde. Als Freihandelsabkommen sollten Zölle abgeschaffen werden und freier Wettbewerb in den Ländern ermöglicht werden. Die Integration in Freihandelszonen ist seit den 1990er Jahren ein zentraler Bestandteil der chilenischen Strategie für Wirtschaftsentwicklung und hat die von der Diktatur eingeleitete einseitige Handelsliberalisierung ergänzt. Bis heute hat Chile mehr als 26 Freihandelsabkommen unterzeichnet und damit 64 Länder erreicht, die insgesamt 85% des weltweiten BIP ausmachen. In diesem Sinne stellt das TPP-11-Abkommen den letzten Schritt in dieser allgemeinen Strategie dar, in der der Staat die Rolle eines „Architekten von Institutionen für den Freihandel“ spielt (Quelle: ciperchile.cl). TPP-11 erntet viel Kritik nicht nur in der chilenischen Bevölkerung. Warum viele Chilen*innen nun dagegen protestieren, ist unter anderem darin begründet, dass sich das TPP auf die Rechte der indigenen Völker auswirken wird. Außerdem bedrohe das TPP-Abkommen die Demokratie, untergrabe nationale Souveränität, Arbeiterrechte, Umweltschutzmaßnahmen und die Freiheit des Internets (Quelle: observatorio.cl).

Wie äußert sich der Streik?

Einige Fakultäten waren nur einen Tag im Streik. Es gab keinen Unterricht in den Universitäten; stattdessen wurde auf die Straße gegangen, um zu protestieren. Meine Fakultät, die eine links-liberale Reputation hat, befindet sich nun schon über einen längeren Zeitraum im Streik. Letzte Woche hatte ich lediglich am Montag Unterricht. Danach gab es neue Abstimmungen, die eindeutig für einen Streik standen.

Vor allem im Vergleich zu dem nationalen Studierendenstreik in Kolumbien, bin ich erstaunt, wie wenig ich als Studentin hier mitbekomme. Nicht ein einziges Mal gab es eine Mobilisierung, von der ich mitbekommen hätte, viele Studierende liegen in der Universität sich sonnend im Gras, auch dem verschuldet, dass nicht alle Fakultäten gemeinsam streiken. Ich sehe hier weniger Zusammenhalt, Solidarität. Einige Kommiliton*innen mit denen ich sprach, bestätigten meine Vermutungen. Der Streik, der einen Tag stattfindet, den nächsten nicht, erscheint mir nicht besonders politisch und noch weniger organisiert. Zwei chilenische Freunde erzählten, viele der Studierenden, die für einen Streik votierten, wollten frei haben.

Damit möchte ich den Streik auf keinen Fall herunterspielen. Die Forderungen halte ich für sehr wichtig. Sie betreffen Lebensbereiche vieler Menschen. Vielmehr bin ich über die Art und Weise des Streiks erstaunt. Es fehlt meiner Meinung nach an Organisation, Planung, Demonstrationen und Solidarität der gesamten Universität und anderen Universitäten.
Obwohl ich in der Fakultät für Kommunikation bin und hier Journalismus studiere, habe ich nicht einmal etwas von einer öffentlich organisierten Demonstration gehört. Ich bekomme nichts von politischen Treffen mit, in denen die Situation und die Vorgehensweise diskutiert werden. Dementsprechend weiß ich weder, wie der Streik weitergehen, noch, was passieren wird. Dadurch, dass meine Fakultät eine der wenigen Fakultäten meiner Uni im Streik ist, weiß ich nicht, ob ich das Semester beenden kann.
Wenn wirklich etwas erreicht werden soll, so müssten sich die Studierenden mehr mobilisieren und mehr Aktionen starten.

Bin ich einfach falsch informiert? Oder kam ich zu „politisiert“ aus dem nationalen Studierendenstreik in Kolumbien?

Ich werde es in den nächsten Wochen herausfinden.

Streik
Foto vom Streik zum Internationalen Frauentag

Weisheit des Tages: Es gibt keine bessere Möglichkeit die politische Situation und deren Probleme kennenzulernen, als in vielen Gesprächen mit vielen unterschiedlich denkenden Menschen! Kommuniziert!

Sonntagsharmonie

– 37 Tage in Chile –

Durch die Jalousie merke ich, wie die ersten Sonnenstrahlen des Tages sich in mein Zimmer schleichen. Noch im Bett liegend ziehe ich an der Schnur, die Jalousie wird hochgezogen und die Strahlen kommen rein. Langsam kriecht die Sonne die Berge hoch. So kann ich nur die Umrisse der Anden erkennen. Jeden Morgen will sie mich so wecken. Ich liege noch ein bisschen im Bett und schaue aus dem großen Fenster runter auf die noch leere Hauptstraße. So langsam erwacht auch sie. Die Menschen kommen aus ihren Häusern und bereiten den Sonntagsmarkt vor. Stände werden aufgebaut und die Karren mit frischem Obst und Gemüse werden entladen. Mit ihnen kommt das Leben.

 

Nach dem Frühstück gehe ich aus der Wohnung. Ausgestattet mit einem Stoffbeutel und ein bisschen Bargeld. Der Markt ist keine 20 Meter von mir entfernt. Schon früh geht das bunte Treiben los. Menschen schlendern an den verschiedenen Ständen vorbei und vergleichen die Obstpreise. Während ich die Menschen beobachte, schlendere ich durch die schmale Gasse. Ich muss einigen Leuten mit ihren großen Taschen aus dem Weg gehen, die sie über den Boden ziehen. Nachdem ich einmal den Markt abgelaufen bin und mir einen Überblick verschafft habe, strebe ich die Stände an, die mir das beste und günstigste Obst und Gemüse verkaufen. Ein Kilo Pfirsiche für 800 (ca. 1 Euro) Pesos, ein Kilo Tomaten für 800, eine riesige Zucchini für 500 (ca. 65 Cent). Neben den üblichen Sachen möchte ich heute eine Wassermelone kaufen. Die letzten Sommerfrüchte geniessen, bevor der Winter in Chile anfängt. Ich erinnere mich daran, wie eine chilenische Freundin mir erzählte, Wassermelone sei für sie ein typisches Weihnachtsobst.
Der Markt ist harmonisch. Verkäufer*innen bieten ihre Ware an ohne unangenehm über die ganze Straße zu schreien. Gut gelaunt bringe ich meinen Wocheneinkauf in die Wohnung.

 

Samstags oder Sonntags gehe ich gerne zum mercado de la persa nahe der Metrostation Bío Bío. Ich liebe es hier zwischen den bunten Ständen aus Büchern, Instrumenten, Möbeln, Secondhandkleidung, alten Vinylplatten und Essen herumzulaufen. Jedes Wochenende gibt es Neues zu entdecken. Alles ist gebraucht. Das Angebot ist immer anders. Ich muss nicht immer etwas kaufen, ich komme her, um die Atmosphäre aufzunehmen. Diese riesige Markthallte wirkt trotz der vielen Menschen ruhig. Jeder Gegenstand den man hier sieht, scheint eine Geschichte zu erzählen, wenn man ganz genau hinhört. Bücher sind vergilbt und wurde bestimmt schon von fünf Menschen gelesen, wenn man Glück hat, findet man sogar Originalausgaben. Fast überlege ich eine Geige für umgerechnet 35 Euro zu kaufen. Mir fehlt das Geige spielen im Ausland.

 

Hier kommt niemand mit einem Ziel her. Die schmalen Gänge sind zum Schlendern, Beobachten, Genießen.
Manchmal koste ich eine der dicken, veganen Torten. Mit einem Kaffee setze ich mich an den Holztisch, um den bunt zusammengewürfelte Stühle stehen. Jeden Bissen der Schokoladentorte genieße ich, während die Menschen an mir vorbeilaufen. Mein Handy lasse ich in der Tasche. Das ist mein Moment. Nur der Kaffee, die Schokoladentorte, die jede meiner Geschmacksnerven anspricht und ich.

 

Bevor ich nachhause fahre, besuche ich noch das Mural (freie Übersetzung von mir: kunstvoll gemaltes Graffiti), das meine Mitbewohnerin Paula malte. Es ist das größte in Chile, das von einer Frau gemalt wurde. Mir gefällt ihr geometrischer, prägnanter Stil aus weißen und schwarzen Elementen. Das Besondere: das Mural ist auf dem Boden. Heute konnten auf dem Platz junge Künstler*innen ihre Kunst verkaufen. Der ganze Ort soll „kunstalisiert“ werden. Das erzählt mir heute ein Freund, den ich zufällig dort antraf, ebenfalls jemand aus der Kunstszene.
Abschließend gehe ich noch auf das Dach. Zur Zeit ist es noch nicht öffentlich zugänglich, aber das soll sich bald ändern, sagt mir der Freund. Von da aus sehe ich Santiago. Die Anden, die Santiago im Osten begleiten und auf der anderen Seite die Berge, die es vom Meer trennen. Zwischendrin die chaotische, versmogte Großstadt in der so viel Leben steckt.

 

Zuhause gucke ich aus dem Fenster und kann an den Spiegelungen der Hochhäuser erkennen, wie die Sonne langsam untergeht. Die Anden werden dabei rot von ihr angestrahlt. Ich schreibe diese Zeilen. Heute war ein schöner Tag. Mit dem frischen Gemüse koche ich mir etwas. Beim Essen schaue ich einen Film und genieße die letzten Stunden bevor die neue Woche mit neuen Aufgaben anfängt.

So mag ich meine Sonntage.

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Weisheit des Tages: Der Sonntag ist zum Runterkommen. Neben der Uni, die in Chile für mich sehr zeitintensiv und anstrengend ist, muss ich mir bewusst die Zeit nehmen und kleine Ruheoasen schaffen. Ich hätte nicht gedacht, dass ich sie inmitten voller antiker Möbelstücke, Vintage-Kleidung und Menschen finden würde.

Mein Norden ist der Süden

– 26 Tage in Chile –

„Mi Norte Es El Sur: Qué dice Latinoamérica“.
Durch eine Gruppe der Uni bin ich auf das „Festival de Cine de Mujeres“ im Museum Violeta Parra aufmerksam geworden. Leider konnte ich mich erst am letzten Tag, den Sonntag, motivieren einen der vielen internationalen Filme des feministischen Filmfestivals zu besuchen. Dafür hat es sich sehr gelohnt und ich bin tiefgrübelnd mit vielen Gedanken aus dem Kinosaal gegangen.

„Mein Norden ist der Süden: Was sagt Lateinamerika“ heißt der Film der audiovisuellen Produzentin Amanda Puga Salman, der am Sonntag präsentiert wurde. Im Jahr 2013 begab sich die Chilenin auf eine Reise quer durch Lateinamerika. Am Anfang beschreibt sie, wie sie raus aus dem konsumorientierten, neoliberalen Chile wollte, um zu sehen, wie andere Länder leben. Ihr Weg führte sie nach Kuba, Venezuela, Kolumbien, Ecuador, Peru und Bolivien.
Der Film war in mehrere Abschnitte geteilt: „Was ich sehe“, „Was mir gesagt wird“, „Die Wahrheit“. In jedem Abschnitt kommen verschiedene Menschen jedes Landes zu Wort und erzählen von den Problemen, mit denen sie in ihrem Land konfrontiert werden. Zwischendurch sind Landschafts- und Alltagsszenen zu sehen. Mit dem Fortschreiten des Films nimmt das Tempo zu. Abschnitte der verschiedenen Orte werden immer schneller, vermischen sich miteinander. Anfangs wurden die Zuschauenden noch
an die Hand genommen. „Jetzt sind wir in Kuba.“ „Das beschäftigt die Menschen in Venezuela.“ Gegen Ende des Films konnten die Menschen und Länder nicht mehr auseinandergehalten werden. Kuba, Venezuela, Kolumbien, Ecuador, Peru, Bolivien, sie alle wurden zu einem Land vermischt: Lateinamerika.

Der Film war deprimierend! Aber beeindruckend. Amanda sprach mit so vielen Menschen, hat so viele Geschichten gezeigt und Hintergründe verständlich gemacht. Dinge passieren, die wir uns im ordentlichen Deutschland gar nicht vorstellen können. Im Chocó, Kolumbien, erlebte sie einen Guerrillaangriff, den sie aufnahm. Die Menschen, bei denen sie unterkam, waren nicht beunruhigt, sie fingen an zu lachen.
Ausnahmesituationen und Alltagsszenen. Eine Kubanerin erzählt, wie sie niemals eine Languste kaufen dürfe. Das ist nur für die Touristen auf Kuba. Sie fing an laut zu lachen: „Stell dir vor, was sie mit mir machen würden, wenn sie mich mit zwei Langusten erwischen!“. Es ist traurig, doch durch ihre sympathische Art fängt man an zu schmunzeln. Wie albern, was sich die kubanische Regierung für ihre Menschen ausgedacht hat.
In Venezuela regt sich ein Mann auf, dass propagiert wird, wie der Imperialismus bekämpft wurde, weiterhin aber keine venezolanischen Produkte innerhalb des Landes verkauft werden. Kaffee aus Brasilien, Käse aus Uruguay, Kekse aus Chile. „Wir haben den besten Kaffee der Welt! Warum verkauft uns unsere Regierung nur ausländische Produkte?“ Venezuela ist wohl das Land, welches sich seit der Aufnahmen am meisten verändert hat. Solche Filme wären jetzt wahrscheinlich gar nicht mehr möglich.
Bei ihrer Reise in Medellín sprach Amanda mit einem Mann, der ihr von dem Bürgerkrieg Kolumbiens erzählte. Frustriert erzählt er wie die FARC damals sich das nahm, was sie wollte, ohne jegliche Konsequenzen. Auch Kolumbien hat sich seitdem sehr verändert. Mittlerweile sind Reisen auf den damals gefürchteten Landstraßen möglich ohne Überfälle. Die FARC existiert offiziell nicht mehr. Kolumbien ist auf dem Weg zum Frieden.
Auf einem kleinen Markt in Quito aß Amanada Mittag mit zwei Ecuadorianern. Sie sprechen über die Korruption und Politik des Landes.
Am Strand von Huacachina sitzt sie mit einem Peruaner, der deutlich macht, wieviel Geld in die Taschen der Regierung wandert, wo doch die Bevölkerung es am meisten bräuchte.
In Bolivien unterhält sie sich über die Probleme der indigen Bevölkerung.

Immer schneller werden die Länder vermischt, so dass am Ende ein einziges übrigbleibt. Was in dem Film gezeigt werden sollte: alle Länder des Kontinents sind Lateinamerika. In jedem Land gibt es ähnliche Probleme. In Lateinamerika ist der Unterschied zwischen Arm und Reich viel zu groß, korrupte Politik nutzt vor allem die Minderheiten aus, Landeskulturen und indigene Völker werden benachteiligt und fast vergessen. Probleme, die in allen lateinamerikanischen Ländern auftreten. Jedes Land kämft heute noch mit seiner eigenen Geschichte. Im letzten Jahrhundert durchlebten viele lateinamerikanische Länder eine rechte Militärdiktatur. Die Geschichten entwickelten sich parallel bis heute.

Für mehr Informationen zu dem Filmprojekt schaut auf Mi Norte es el Sur vorbei.

Ich war beeindruckt von dem Film. Er ließ mich mit vielen Eindrücken zurück. Anschließend gab es eine Diskussion mit der Produzentin und der Regisseurin des Films. Ein Chilene aus dem Publikum meldete sich zu Wort: „Mich macht es traurig, dass Chile sich so fernab von Lateinamerika sieht. Wir sind doch auch ein Teil davon! Immer wird es damit begründet, dass wir durch die Andengebirgskette von allen abgeschnitten sind, dabei ist Argentinien nur wenige Stunden entfernt.“ Er erzählte, wie toll er es finde, dass mit Menschen, die aus Kolumbien, Ecuador oder Venezuela kommt, auch deren Kultur herkommt. „Jetzt gibt es Arepas und venezolanische Empanadas an jeder Ecke. Wir hören kolumbianische Musik. Das ist doch etwas Tolles, wie sich die Kulturen vermischen! Eine Bereicherung!“

Seine anfänglichen Worte passen zu dem, was ich in Chile bisher erlebte. Chile ist besser und hat nicht die gleichen Probleme wie die anderen lateinamerikanischen Länder. Hier geht es den Menschen gut und sie können von internationalen Produkten zehren. Es gibt keine Armut und Gewalt oder Korruption. Alles funktioniert perfekt.
Will Chile so auf andere Länder wirken? Strebt es so sehr Europa und den USA nach, dass es seine eigenen Ursprünge vergisst?

Isabel Allende schrieb in ihrem Buch „Mein Erfundes Land“:

Die Abgeschiedenheit gibt uns Chilenen die Mentalität eines Inselvolks, und die großartige Schönheit des Landes macht uns überheblich. Wir halten uns für den Nabel der Welt […] und kehren Lateinamerika den Rücken, da wir uns von jeher mit Europa vergleichen. Wir sind egozentrisch und brauchen den Rest des Universums einzig, damit er unsere Weine trinkt und Fußballmannschaften zusammenstellt, die wir besiegen können.

In Kolumbien war das immer etwas, was ich sehr bewundert und genossen habe. Dort spürte ich lateinamerikanisches Temparement. Ich habe das Gefühl, dass vor allem die mittel- und nordsüdamerikanischen Länder sich gegenseitig stärken wollen (auf gesellschaftlicher Ebene, nicht politisch). Ein Thema, dass in Street Art, Kunst und Musik häufig aufgegriffen wird. Hört euch das Lied von Calle 13 – Latinoamérica an.
Chile will sich bewusst davon abgrenzen. Vor allem an der Uni und in jüngeren Generationen merke ich, dass sie sich mehr Lateinamerika zugehörig fühlen wollen. Sie wollen auch mit Stolz sagen: Ich bin Latinx.

Ich finde es toll, dass ich die Möglichkeit hatte, so viel von Südamerika zu sehen. Während der Film lief, verglich ich das Gehörte mit eigenen Erfahrungen. Besonders musste ich mich an die Peru– und Bolivienreise zurückerinnern, die ich 2017 unternahm.
Als Europäerin fühle ich mich ein bisschen außen vor, so als ob ich zu dem Thema nichts sagen dürfte. Aber vielleicht ist das auch nur mein persönliches Empfinden, denn bisher haben sich die meisten darüber gefreut zu hören, dass ich mich colomboalemana (kolumbianischdeutsch) fühle.

Graffiti an der Universidad Nacional de Colombia
Graffiti an der Universidad Nacional de Colombia

Weisheit des Tages: Lateinamerika ist eins. Und doch so unglaublich groß, vielfältig und verschieden. Je mehr wir versuchen Länder auf ihre Unterschiede zu vergleichen, desto mehr Gemeinsamkeiten können wir entdecken und wertschätzen.

Chi Chi Chi! Le Le Le! Viva Chile?

– 19 Tage in Chile –

Ohne viel Vorwissen und Erwartungen, aber mit viel Abenteuerlust nahm ich vor fast drei Wochen den Bus von Mendoza, Argentinien, nach Santiago de Chile. Jetzt sind schon drei Wochen vergangen und so langsam fügt sich mir ein Bild aus den Dingen zusammen, die ich hier sehe und erlebe.

Warum Chile? – wurde ich oft gefragt.
Bei so einer Frage fühle ich mich schnell unter Druck gesetzt. Jetzt muss ich die perfekte Antwort abliefern. Also.
Mein Gedankengang zwei Auslandssemester hintereinander in zwei verschiedenen südamerikanischen Ländern zu machen, war der, dass ich neben Kolumbien noch ein anderes Land kennenlernen wollte. Ich hatte das Gefühl (und merke es immer noch), dass ich sehr fokussiert auf Kolumbien bin. Um es ein bisschen spiritueller auszudrücken: ich wollte meinen (kolumbianisch-deutschen) Horizont erweitern. Und warum in Chile?

  • Als Kind habe ich einige Kinderbücher der chilenischen Schriftstellerin Isabel Allende gelesen. So hörte ich wohl das erste Mal von dem fernen, langgestreckten Land in Südamerika.
  • Zwei meiner besten Freundinnen waren einige Zeit in Chile und haben das Land in den Himmel gelobt.
  • Mit meiner Uni in Deutschland gibt es eine Fakultätspartnerschaft in Santiago de Chile.
  • Die Geschichte Chiles ist sehr interessant. Ich wollte verstehen, wie das Land nach 17 Jahren Militärdiktatur, die erst 1990 endete, zu dem wirtschaftlich stärksten Land Lateinamerikas wurde. Pinochet hinterließ ein Trauma, das die Gesellschaft von heute noch begleitet und spaltet. Wie sich das im chilenischen Alltag bemerkbar macht, möchte ich herausfinden.
  • Chile, so stellte ich es mir von den wenigen Dingen, die ich über das Land wusste vor, ist ganz anders als der Rest von Südamerika. Eine Mischung aus europäischer Ordnung und lateinamerikanischer Lebensfreude. So dachte ich…

Es war keine Liebe auf den ersten Blick. Chile wollte mich erst nicht so richtig empfangen. Umso mehr freue ich mich, dass ich mich langsam einlebe und wohlfühle.
Bis Anfang August werde ich in Santiago de Chile wohnen und an der Universidad de Chile Journalismus studieren. Während es am Anfang so schien, dass niemand an der Uni wusste, das ich kommen würde und ich mir meinen Studienplatz ein bisschen erkämpfen musste, habe ich jetzt einen festen Stundenplan und kann mich einleben.
Von den Uniproblemen abgesehen, war es erst ein wenig schwierig eine schöne Unterkunft zu finden. Über Facebook habe ich eine Wohnung gefunden, die mir sehr gefiel, doch als wir ankamen, wollte ich sofort wieder weg. So eine verdreckte Wohnung habe ich wirklich noch nie gesehen. Nach einer Nacht auf einer Matraze ohne Laken oder Bettdecke nutzte ich den nächsten Tag eine Wohnung zu suchen, in der ich gerne bleiben würde. Jetzt bin ich schon seit über zwei Wochen in einer sehr schönen, minimalistisch eingerichteten Wohnung, mit netten Leuten und in einer lebendigen Wohngegend.

Abgesehen von den angfänglichen Problemen, die aufkamen, konnte mich Chile nicht wirklich mit seiner Kultur, Architektur und sagen wir mal Politik überzeugen. Ich bin ein bisschen naiv hergekommen und dachte, ich lasse mich überraschen. Vorher wollte ich mich nicht über Chile informieren, um alles aus erster Hand zu erleben.
Ich weiß nicht, wie mein erster Eindruck gewesen wäre, wenn ich von Deutschland hierhergekommen wäre. Dadurch, dass ich seit Juli in Kolumbien gelebt habe, wurde ich schnell wieder „kolumbianisiert“. Der Kulturschock von Kolumbien nach Chile ist riesig!

  1. Chile ist unglaublich teuer!
    Klar. Ich war ein bisschen an die kolumbianischen Preise gewöhnt. 2€ für ein Mittagsmenü mit Saft, Suppe, einem riesen Teller Hauptgang und einem Nachtisch ist woanders einfach nicht möglich. Aber selbst im Vergleich zu Deutschland erscheint mir Santiago sehr teuer! Ein Bier in einem Lokal kostet umgerechnet dann auch mal 5€. Supermarktpreise übersteigen die in Deutschland. Anfangs habe ich mich gefragt, wie ich mich hier überhaupt ernähren sollte! 3€ für einen Kilo gespritzte, unnatürliche Äpfel. 8€ für ein vegetarisches Hot Dog mit drei Kartoffelchips und 20€ für einen Liter Cocktail (für zwei Personen). Ein Schock.
    Mittlerweile entdecke ich immer mehr günstigere Alternativen. Günstig bedeutet dann Preise wie in Deutschland. Anstatt Obst im Supermarkt einzukaufen, warte ich immer den Sonntag ab, wo die grauen Straßen vor meiner Haustür, durch die die Hauptstädtler*innen hetzen, sich in einen bunten Obst- und Gemüsemarkt verwandeln. Der Markt macht Spaß! Dort kaufe ich gerne ein und decke mich für die Woche ein. Das einzige Problem: ich kann nicht einen Kilo Pfirsiche oder Tomaten in einer Woche essen. Da diese Produkte wirklich frisch sind, werden sie auch schnell schlecht. Aber so langsam habe ich den Dreh raus.

Was mich gerade im Vergleich zu Kolumbien sehr verwunderte: Chile scheint kaum nationale Produkte zu haben. Hier gibt es nicht den kleinen Laden nebenan, wo nur chilenische Produkte verkauft werden. Im Gegenteil! Wo ich wohne, gibt es viele Einwander*innen aus Kolumbien und Venezuela, die Produkte aus Nordsüdamerika mitbringen. Ich freue mich, wenn ich bekannte Marken, wie Chocoramo, Sol-Trinkschokolade oder anderes sehe.
Noch erstaunter war ich, als ich zahlreiche deutsche Produkte in den Supermärkten sah! Milka- oder RitterSportschokolade ist ja gar nicht so ungewöhnlich. Aber die gleichen Kekse, die ich in Deutschland esse, Rotkohl und Sauerkraut in großen Gläsern und Kräutersenf? Alles komplett auf deutsch. Chile scheint Produkte, aller möglichen Länder zu haben, nur kaum eigene. Damit kommen wir zum nächsten Punkt:

2. Imperalismus. Auf mich wirkt es so, als hätte die USA ihre große mächtige Hand über Chile. Schon die chilenische Flagge sieht aus wie eine reduzierte Version der USA. Anstatt Ähnllichkeiten mit Europa zu entdecken, sehe ich eher welche zur USA. Als wir Santiago de Chile vom Weiten sahen, hätte ich es auch für eine kalifornische Großstadt mit Wolkenkratzern halten können. Architektur und die vielen riesen Malls, auf die die Chilenen besonders stolz sind, sind sehr US-amerikanisch. Das Zentrum der Hauptstadt ist ein reines (noch überteurteres) Bankenviertel. Ein Reichtum reiht sich an das andere.
McDonalds, Starbucks und Co. findet man an jeder Ecke. Während es in vielen lateinamerikanischen Ländern nicht eine Starbucksfiliale gibt und nationalen Coffeehäusern somit die Chance auf Erfolg im eigenen Land gegeben wird (Juan Valdéz in Kolumbien), scheint es hier nichts anderes zu geben. Die großen (US-amerikanischen) Marken sind hier voll drin und bestimmen den Markt. Nescafé, Nestlé und Coca-Cola ganz vorne mit dabei. Ich weiß nicht, ob chilenische Eigenmarken und Alternativen verdrängt und aufgekauft wurden, oder ob sie nie existierten.

3. Kommerz und Konsum. Beides spielt eine große Rolle. Es wird viel darüber geredet, schließlich: Geld regiert die Welt. In Kolumbien erlebte ich, dass man auch ohne Geld eine gute Zeit haben kann und das komplette Finanzielle für einen Abend ausblenden kann. Hier ist es stets präsent. Öffentliche Universitäten? Genauso teuer wir Privatunis. Es gibt nichts, was nicht kostet.
Meine Mitbewohnerin ist Künstlerin, wodurch ich ein bisschen in die Kunstszene Santiagos reingerutscht bin. Das finde ich toll! Doch schnell merkte ich, auch hier ist das Kapital Thema Nummer Eins. Das kritisiert meine Mitbewohnerin übrigens genauso sehr wie ich. Ihrer Meinung nach wird das in der chilenischen Kunstszene viel zu wenig hinterfragt und Künstler*innen lassen sich und ihre Kunst zu schnell kommerzialisieren.

4. Mit dem Kommerzdenken und dem starken, chilenischen Markt kommt auch das „Chile-Denken“ mit, von dem ich schon vorher hörte. Chile ist anders als Lateinamerika. Chile ist besser als Lateinamerika. So sehen sich die Chilenen (Achtung! Provokante Verallgemeinerung). So beschrieb es auch Isabel Allende in ihrem Buch „Mein erfundenes Land“.
Was macht Chile besser als Argentinien, Venezuela, Kolumbien? Eine starke Wirtschaft mit Preisen, die man sich kaum leisten kann? Der Mindestlohn in Chile liegt bei umgerechnet 400€. Bei den Preisen, die ich oben genannt habe, wie soll man sich da über Wasser halten, wenn noch Miete, Sozial-, Krankenversicherungen und Bildung für die Kinder bezahlt werden müssen (ein Monat an einer öffentlichen Universität kostet umgerechnet 400€)?
Chile ist das neoliberalste Land, das ich kenne. Gestern, nachdem ich ein wenig recherchierte, fand ich heraus, dass der Neoliberalismus in Chile entstand, als jemand zu Zeiten Pinochets das Wort Liberalismus sporadisch verwendete. So entwickelte sich der Neoliberalismus. In Chile.

Hinter der Facette dieses angesehenen Landes steckt auf jeden Fall eine Menge mehr! Ich habe bisher nur einen kleinen Eindruck in die Kultur, Geschichte und Politik des Landes erhalten, lerne aber täglich dazu. Ich habe interessante Unterhaltungen mit verschiedenen Menschen, die mich mehr hinter die Facetten blicken lassen.

Vielleicht ist dieser Blogbeitrag zu negativ für den ersten aus meiner neuen temporären Wahlheimat. Der erste Eindruck kann täuschen! Ich bin gespannt, was ich am Ende der fünf Monate über Chile denken werde.
Demnächst werde ich auch sicher noch die positiven Seiten zeigen.
Was würdet ihre gerne lesen? Was interessiert euch an Chile

Weisheit des Tages: Chile ist ein sehr komplexes, vielseitiges Land! Der erste Eindruck kann täuschen, also zeig mir, was du zu bieten hast, Chile 😉

Internationaler Frauentag in Santiago

– 14 Tage in Chile –

Letzten Freitag habe ich einen inspirierenden Tag erlebt! Ich sah emotionale Szenen, die mich fast zum Weinen brachten, ich hatte Gänsehaut und wurde von zahlreichen Frauen inspiriert!

Über 190.000 Personen nahmen an der Demonstration am internationalen Frauentag in Chiles Hauptstadt teil. Nach einer Woche in Santiago de Chile half ich bei der Demo mit. Mit mehreren Frauen und Männern beobachteten wir die marcha (die Demo) und informierten die Veranstalter*innen über auffällige Dinge, die die marcha unterbrechen könnten. Wir waren das Auge der Demo, so wurde es uns bei der Vorbereitung einen Tag vorher gesagt.
Für mich war das eine tolle Gelegenheit einen ersten Eindruck von Santiago de Chile und seinen Bewohner*innen zu bekommen. Und natürlich der feministischen Bewegung, die sich in diesem Land bewegt.

18 Uhr versammelten sich Menschen. Besser gesagt Menschenmassen! Durch mein Semester in Bogotá habe ich einige Demoerfahrungen gesammelt. Doch noch nie habe ich so viele Menschen versammelt gesehen! Der erste Teil der marcha war eine Sektion nur für Frauen. Als Beobachterinnen der marcha warteten wir die erste Sektion ab, die unendlich schien! Tausende Menschen liefen gemeinsam auf der Straße, nahmen sich bei den Händen, zeigten ihre Schilder und riefen gemeinsam Sprüche, Forderungen, die ausgesprochen und gehört werden müssen.
Alle Generationen vereinten sich. Mütter mit ihren Kindern, die Schilder hielten wie: „Ich will keine Prinzessin sein, ich will ernstgenommen werden!“, begleitet von deren Müttern, teilweise schon im Rollstuhl.

Die Demo war ein Zusammentreffen starker Frauen, die ein gemeinsames Ziel haben: Gleichberechtigung. Mit emotionalen Schildern und Geschichten, die geteilt wurden, bemalten Körpern, Tanz- und Musikacts war die Demo eine vielfältige Mischung, die nach Emanzipation strebt.
Neben #womenempowerment wurde auch stark gezeigt, dass indigene und Afrogemeinschaften, Transgender und nonbinäre Personen politisch und gesellschaftlich mehr gestärkt werden sollen.

 

Durch Zufall wurde ich Teil eines besonderen Momentes gegen Ende der marcha. Ein älterer Mann stand alleine auf der Strasse mit einem großen Schild, das er beschrieben hatte. Viele Menschen liefen vorbei, mit einem schnellen Blick überflogen sie das Schild oder beachteten es gar nicht. Einige blieben stehen und nahmen sich die Zeit zu lesen. Schnell bildete sich eine Traube um ihn herum. Nach einigen Minuten des Lesens sammelten sich Tränen in den Augen einiger Frauen. Berührt nahmen sie den Mann in den Arm. Ich bekam Gänsehaut am ganzen Körper. Eine bewegende Szene! Zusammenhalt, Solidarität und Verständnis. Eine abschließende Szene, die die marcha für mich zu einem besonderen Erlebnis machte.

 

Am 8. März möchte ich keine Rose geschenkt bekommen. Ich möchte keine Glückwünsche erhalten, dafür, dass ich eine Frau bin. Was ich will, ist Gleichberechtigung! Auf internationalem Level.
Vor allem von einigen Bekannten aus Kolumbien erhielt ich sehr fragwürdige „Glückwunschnachrichten“. Bei mir wurde sich (in Form einer Rundmail) dafür bedankt, dass Frauen eine tolle Gesellschaft für die Männer sind. Auch ein einfaches „Feliz Día“ (Fröhlichen Tag) erhielt ich und ich konnte nur den Kopf schütteln und meine Wut herunterschlucken. Worauf es am 8. März wirklich ankommt, scheint einigen nicht bewusst zu sein.

Im Jahr 2019 ist es erschreckend, wie viel noch zur Gleichberechtigung fehlt, auch in Deutschland. Unterrepräsenz von Frauen in Führungsrollen, Gendergap und sexistische Rollenbilder, die sich in frauenfeindlichen und rassistischen Witzen äußern, sind immer noch die traurige Realität. Umso mehr wundert es mich, warum viele Menschen in Deutschland die Augen verdrehen, wenn sie das Wort Feminismus hören. Vielleicht springt einigen Menschen als erstes das Bild von unrasierten, Männer hassenden, radikalen Frauen in den Kopf.
Ist das Feminismus? Nein. Für mich ist Feminismus viel mehr. Ich kann es nicht verstehen, wenn Frauen nicht für ihre eigenen Rechte einstehen und sich gegen Feminismus aussprechen oder sich sogar darüber lustig machen.

In Südamerika nahm ich in vielen Ländern eine starke Feminismusbewegung wahr, eine Bewegung, die mitreißt und das nicht nur Frauen. Vor allem in Chile und Argentinien sind sie sehr groß und bedeutend.
Ich fing an mich zu fragen, warum das so ist. Warum scheinen feministische Bewegungen in vielen lateinamerikanischen Ländern stärker zu sein als in Deutschland? Warum wird Feminismus hier (von Frauen) mehr akzeptiert und bestärkt?
Ich habe es mir so erklärt, dass viele Menschen Deutschland als ein schon sehr emanzipatives Land wahrnehmen. Aber ist es das wirklich? Schnell werden einem dann Vergleiche vorgehalten. „In anderen Ländern ist es doch viel schlimmer.“ Trotzdem möchte ich in einem Land leben, wo es 100 prozentige Gleichberechtigung gibt zwischen Frauen, Männern, trans, intersexuellen und nonbinären Personen. In Zeiten, in der die rechte Politik (anscheinend) immer mehr Stimmen erhält und Frauen hinter den Herd schieben wollen, ist es umso wichtiger aufzustehen und zu zeigen, dass Frauen nicht die Begleitung von Männern sind, sondern eigenständige, selbsthandelne Menschen.

In lateinamerikanischen Ländern ist der Begriff Machismo leider immer noch sehr präsent. Das Frauenbild, das teilweise vertreten wird, ist erschreckend. Gerade in ländlichen Regionen vieler Länder werden Frauen als Objekte gesehen und behandelt. Häusliche Gewalt ist in vielen Leben Alltag. Die Angst, alleine als Frau auf die Straße zu gehen, ob in einer Großstadt oder im Dorf, auch. Diskriminierung, Misshandlungen und Vergewaltigungen sind alltäglich. So kam die Bewegung #noesno (Nein bedeutet Nein) zu stande. Die drei Worte sagen schon alles und sollten auch genau so verstanden werden. Auf der marcha schrieben sich viele Frauen Sprüche auf ihren nackten Körper. „Nur weil ich weniger Kleidung anhabe, bedeutet das nicht, dass du mich anfassen darfst!“ Frauen werden in unserer heutigen Gesellschaft sexualisiert. Viel Haut zeigen bedeutet nicht, dass eine Frau angefasst werden möchte und gibt niemandem das Recht, sich das herauszunehmen.
Rollenbilder stellen Frauen in die Küche und lassen sie bei den Kindern bleiben. Der Mann ist der, der das Geld nachhause bringt und somit denkt, dass er das mit seiner Familie machen darf, was er will.

Insgesamt habe ich eineinhalb Jahre in Kolumbien gelebt. Auf Reisen habe ich Ecuador, Peru, Bolivien, Brasilien, Argentinien, Uruguay und jetzt Chile ein wenig kennengelernt. In vielen Orten habe ich Ähnliches erlebt und gesehen. Es mag sein, dass Feminismus in Lateinamerika eine größere, bzw. andere Rolle spielt. Frauen werden anders behandelt, als in Europa. Frauen müssen mehr für ihre Rechte kämpfen. Es muss sich noch sehr viel verändern. Aber viele Menschen der Gesellschaft sind auch bereit dazu. Das Thema Feminismus spielt bei vielen eine Rolle. Selbst meine doch sehr traditionelle Gastfamilie in Tunja beschäftigt sich damit und bricht das konservative Rollenbilder, das vor einigen Jahren noch so hingenommen wurde, auf.
In Chile hat mich sehr schockiert, dass es erst seit 2004 ein Scheidungsgesetz gibt. Vorher konnte eine Ehe nicht annuliert werden. Die Mutter meiner Mitbewohnerin erzählte mir, dass sie auf inoffiziellem Weg die Scheidung „verschwinden“ ließ. Papiere wurden illegal geändert, so dass die Ehe offiziell nie stattfand.

Auf mich wirkt es so, als würden in vielen lateinamerikanischen Ländern die Frauen verstanden haben, dass sie aufstehen und handeln müssen. Traurig und gleichzeitig bewegend waren die vielen Schilder bei der Demo, die darauf hinwiesen, dass nicht alle Frauen die Freiheit haben, das sagen zu können, was sie wollen. „Wir reden und demonstrieren für die, die es nicht (mehr) können.“

Um in einer gerechten Welt zu leben, können wir alle etwas tun. Dafür müssen wir nicht jeden Tag auf die Straße gehen und demonstrieren. Durch Hinterfragen seiner eigenen Werte und Handlungen kann das nötige Bewusstsein geschaffen werden, das wir für eine gleichberechtigte Welt brauchen. Mit kleinen Schritten im Alltag kommen wir dem näher.

Weisheit des Tages: Wir leben im Jahr 2019. Grundrechte sollten nicht mehr von „Minderheiten“ erkämpft werden, sondern für alle Menschen gleich sein! So lange werden wir weiterkämpfen.

 

Julumbien wird zu Vagamundo Lindo!

Seit fast vier Jahren gibt es diesen Blog. Ich habe mit viel Freude über meine Erlebnisse in Kolumbien berichtet, ein Land, dass in über drei Jahren zu meiner zweiten Heimat wurde. All die Erfahrungen, die ich in Kolumbien sammeln durfte, machten mich zu dem Menschen, der ich heute bin.

Kolumbien wird immer einen ganz besonderen Platz in meinem Herzen haben! Wenn ich die Klänge von Vallenato, Cumbia oder Bachata höre, Empanadas, Arepas, Patacones oder Reis esse, das schöne, leicht verständliche Spanisch aus der Hauptstadt höre und Menschen von den wunderschönen Orten Kolumbiens treffe, dann breitet sich in mir ein warmes Gefühl aus.

Die nächste Kolumbienreise ist nicht bald geplant. Erstmal stehen andere Pläne an.
Seit dem 1. März bin ich in Santiago de Chile, wo ich die nächsten fünf Monate leben und studieren werde. Neue Abenteuer warten auf mich! Ich werde eine neue Kultur kennenlernen und bin gespannt auf die Universität und das Leben dort.
Ganz so leicht fällt mir das nicht. Schon jetzt weiß ich, dass ich alles mit Kolumbien vergleichen werde. Das Essen, die Menschen, die Preise… Aber anders bedeutet ja nicht schlechter.

Auf diesem Blog werden nun nicht mehr nur kolumbienorientierte Themen zu finden sein.
Zwischen meinem Auslandssemester in Bogotá und Santiago de Chile bin ich fünf Wochen mit einer Freundin durch Südamerika gereist. Bald könnt ihr über unsere spannenden Erlebnisse in Brasilien, Argentinien und Uruguay lesen.

Aus meinem Kolumbienblog wird also nun ein Lateinamerikablog.
Julumbien wird zu Vagamundo.

Warum Vagamundo Lindo?
Vagamundo ist ein Wortspiel aus vagabundo und mundo.
Lange Zeit wusste ich nichts mit dem Wort vagabundo anzufangen. Mittlerweile würde ich es als eine streunernde Person beschreiben, ein*e Nomad*in. Auch als Verb vagabundear wird es im Spanischen benutzt. An der Uni in Bogotá in meinem Ästhetikkurs erhielten wir die Aufgabe zu vagabundean, durch die Straßen zu ziehen und uns treiben zu lassen. Nebenbei schrieben wir unsere Beobachtungen auf.
Das erste Mal stieß ich auf das Wort, als ich ein Cover vom argentinienischen Reggaesänger Dread Mar I hörte. Ohne genau zu wissen, was es bedeutete, wurde es zu einem meiner Lieblingswörter.

Mundo ist das spanische Wort für Welt. Lindo bedeutet schön
Zusammen ergibt es den Begriff sich durch wunderschöne Orte auf der Welt treiben zu lassen.

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Vagabundeando in Valparaiso, Chile

Schon lange habe ich mir Gedanken dazu gemacht, was ich mit meinem Blog machen werde, wenn ich nicht mehr in Kolumbien sein werde. Die Namensänderung war für mich ein schwerer Schritt. Ein Zeichen, dass ich mit Kolumbien (vorerst) ein wenig abschließe. Aber nun kommt eine neue Etape!

In der letzten Zeit habe ich viel über verschiedene Länder Südamerikas gelernt und freue mich schon darüber zu berichten!
Ich bin jetzt in meiner Wohnung in Santiago de Chile angekommen und melde mich bald wieder!

Weisheit des Tages: Eine Tür schließt sich, weitere öffnen sich. Aber Kolumbien wird für mich immer eine offene Tür sein, in die ich wieder eintreten werde!

Bogotá, eine Liebe

– 1 Tag nach der Abreise –

Das Schwerste zum Schluss: Abschied nehmen!
Nie hätte ich gedacht, dass 190 Tage so schnell vergehen könnten. Ich erinnere mich noch genau, als die Zusage der Universidad Nacional de Colombia Mitte Juni kam. Alles ging ganz schnell und nach einem Monat saß ich schon im Flieger nach Bogotá, voller Erwartungen, Vorstellungen und Träume.

Damals dachte ich, es wäre gewagt mit so vielen Erwartungen in das Auslandssemester zu starten. Nach einem Jahr in Kolumbien und weiteren Besuchen zwischendurch, war es für mich nicht ein komplett unvorhersehbares Abenteuer. Ich wusste schon ein wenig, was mich erwarten würde, kannte Kolumbianer*innen, die mir helfen würden. Es war ein bisschen wie nachhause kommen.

Bogotá, hat mir nie gefallen. Von Tunja aus war ich einige Male in der chaotischen Millionenstadt und ich konnte ihr nichts abgewinnen. Zu grau, zu viele Menschen, zu unsicher. Die ersten Tage dachte ich, ich würde mich nie sicher und wohl fühlen können. Gerade in der TransMilenio fühlte ich mich fremd, ausländlisch, angreifbar.
Schneller als gedacht, fing ich dann doch an die Stadt zu schätzen.
Das erste Mal in meinem Leben fühlte ich mich an einer Universität wohl und verbrachte selbst vor und nach den Klassen Zeit dort. Die Atmosphäre an der Nacional ist einzigartig. So viel passiert hinter den Zäunen der Nacho. Jedes Mal, wenn ich das Gelände betratt, stieg ich in eine andere Welt. Vor jedem Gebäude versammeln sich Menschen, die in kleinen Gruppen zusammenstehen und reden. Direkt wenn man die Uni über den Eingang der Calle 26 betritt, ist das erste Gebäude zur rechten Diseno Gráfico. Auch wenn die Räume kalt und kaputt wirken und das Dach herunterkommt, hier habe ich gerne Klassen besucht!
Weiter geradeaus laufe ich direkt auf die Plaza Che zu. Zur linken sehe ich das Wandgemälde, an dem ich mitgemalt habe. Dort verbrachte ich angeregte Diskussionen mit meinen Freunden der Politikwissenschaften und Jura.
Auf der Plaza Che betrachtete ich gerne das Treiben. Zwischen den vielen Essensständen und chazas (kleine Läden, wo Studierende Süßigkeiten und Zigaretten verkaufen) wurden hier die marchas vorbereitet. Hier versammelte sich die Masse, um dann mit gesammelter Kraft ins Regierungsviertel oder andere Orte der Stadt zu marschieren.

 

 

 

Es war ein besonderes Semester! In einigen Jahren werden die Studierenden noch davon reden. Der Streik dauerte lange und doch ist noch ungewiss, ob er seinen Zweck erfüllt hat und auf lange Sicht das Denken der kolumbianischen Bildung verändern kann.
Ich habe zwar nur fünf Wochen lang wirklich studiert, aber die Erfahrungen, die ich danach sammelte, waren auf jeden Fall einzigartig! Das wäre mir an einer Uni in Deutschland wohl nie passiert. Ich habe viel gelernt! Über Politik, über Bildung, über Kolumbien, über Deutschland, über mich!

Auf dem Weg zum Eingang der Calle 45 höre ich schon von Weitem die Musikstudierenden. Täglich üben sie auf den verschiedensten Instrumenten, mal mehr, mal weniger gut. Vor allem das Saxofon hört man von der Distanz aus. Rechts ist das bunt bemalte Museum der Uni. Alle paar Wochen wird die Ausstellung geändert. Ich bin gerne hingegangen, wenn es etwas Neues gab.
Überall riecht es nach frisch gemähtem Rasen und Gras. Unter den schattenspendenden Bäumen liegen kuschelnde Pärchen und Freundesgruppen essen das von zuhause mitgebrachte Essen aus Büchsen. Drum herum sind Gruppen von Menschen, die jonglieren, balancieren, tanzen, Sportübungen und Yoga praktizieren, rappen oder sonstige Arten von Kursen veranstalten.

 

 

Die UNAL ist für mich ein besonderer Ort! Auf dem Weg zum Flughafen war es der erste Ort, an dem ich anfing zu weinen. Jeden Tag, den ich zur Uni ging, lief ich über die große Brücke der 26ten und genoß den schönen Anblick Bogotás. Das war immer der Moment, als ich dachte: ja, hier bin ich glücklich! Eine bunte, chaotische Großstadt, die im Hintergrund von hohen Bergen umsäumt wird. Ganz oben an der Spitze der Berge sieht man el monserrate.

 

 

Ich werde Vieles vermissen aus Bogotá!
Die Uni, tolle Menschen, die ich während der Zeit kennenlernen durfte, interessante Unterhaltungen über Politik, menschliche Beziehungen und kulturelle Unterschiede, Kolumbiens Vielfalt an Musik und Tänzen, die ausgelassenen Partys im Theatron, lateinamerikas größtem Schwulenclub, und anderen Clubs oder auch spontane Unternehmungen mit Freunden, die ciclovía an den Sonntagen, an denen die Stadt voll mit fahrrad- und rollschuhfahrenden Menschen ist, die bunten Märkte, die eine Vielfalt an frischem Obst und Gemüse aus dem campo anbieten, der mercado de las pulgas an den Sonntagen in der Séptima, auf dem es nichts gibt, das es nicht gibt, eine schöne Aussicht auf die Stadt, ob vom monserrate oder Torre de Colpatria aus, bunte Graffitis und Häuser mit viel Geschichte in der Candelaria, Picknicks in einem der vielen grünen Parks, wie dem Parque Simon Bolívar, die vielen Bars und Restaurants in der Calle 85, internationale Restaurants im barrio Macarena, kleine Leckereien aus den zahlreichen panaderías (Bäckerei) und tiendas (Laden), die es unheimlich günstig gibt, ja, vielleicht sogar das typisch kolumbianische Essen und die überfüllten TransMilenios werden mir fehlen.

 

 

Bogotá sprüht vor Leben! An jeder Ecke gibt es etwas zu entdecken. Nie werde ich die Stadt komplett gesehen haben. Ständig gibt es Neues zu erleben und zu sehen. Bogotá ist reich an Kultur und Veranstaltungen. Zu kurz war die Zeit, um alles zu sehen. Trotzdem weiß ich ganz genau: ich liebe diese Stadt! Ich habe mich noch nicht sattgelebt an Bogotá. Ich weiß jetzt schon, ich will wiederkommen.

Der Abschied von Bogotá fühlt sich an wie ein Schlag ins Gesicht. Über sechs Monate habe ich mir ein Leben aufgebaut, eine Routine (trotz Streik) und Freundschaften entwickelt. Jetzt werde ich aus dem Leben herausgezerrt und weiß nicht, wann ich wiederzurückkommen kann.
Geplant hatte ich, dieses Semester zu nutzen, um mich ein bisschen von Kolumbien zu verabschieden. Stattdessen habe ich mich mehr verliebt! Für immer wird es ein zweites Zuhause für mich sein! So viele Dinge gibt es, die ich an Land und Leuten schätze.

Ich bin dankbar! Dankbar für all die Erfahrungen die ich sammeln konnte, alle wunderschönen Orte, die ich kennenlernte und vor allem dankbar für die Menschen, die mich während der Zeit begleitet haben und mich zu der Person gemacht haben, die ich heute bin.

¡Gracias Colombia!
¡Gracias por todo!

Weisheit des Tages: ein Teil von mir wird immer in Kolumbien sein!

Vom Karneval in Pasto über Quito bis zur Küste

– 186 Tage nach der Ankunft –

Kolumbien ist wunderschön und reich an Kultur! Da die Universidad Nacional die Klassen erst für den 21. Januar angesetzt hatte, habe ich die freie Zeit genutzt, um in eine Ecke Kolumbiens zu reisen, die ich noch gar nicht kannte.
Nariño im Süden Kolumbiens. Einer der Gründe, warum ich bisher nicht da war, ist die Sicherheit. Nariño war während meines Freiwilligendienstes rote Zone (und ist es heute wahrscheinlich auch noch). Das departamento ist deshalb unsicher, weil dort heute noch Guerrilla und Paramilitärs präsent sind. Nah an der Grenze zu Ecuador ist es ein geeigneter Ort, um Drogen und andere Güter zu schmuggeln. Die Hauptstadt Nariños, San Juan de Pasto, eine Kleinstadt mit rund 380.000 Einwohner*innen, ist auch deshalb gefährlich, da sie fernab von jeglichen anderen großen Städten ist. Ganz nach dem Motto: was in Pasto passiert, bleibt in Pasto.

Warum tratt ich trotzdem am 4. Januar eine 18-stündige Busfahrt von Bogotá nach Pasto an?
Vom 2. bis zum 7. Januar findet in Pasto der zweitgrößte Karneval Kolumbiens (nach dem in Barranquilla) statt: Carnaval de Negros y Blancos (Karneval der Schwarzen und Weißen). Der Karneval hat seinen Ursprung in der Fusion verschiedenster Kulturen. Im Jahr 1546 wurde er das erste Mal zelebriert und wurde 2002 von der UNESCO als Immaterielles Kulturerbe ausgezeichnet.
Nach der langen Busfahrt kam ich am 5. Januar an, am día de los negros (Tag der Schwarzen). Dieser Tag ist den schwarzen Sklaven gewidmet, die nach Kolumbien kamen. 14% der kolumbianischen Bevölkerung sind Nachkommen der schwarzafrikanischen Sklaven. Heute leben viele Dunkelhäutige vor allem in den Küstenregionen des Landes. In Kolumbien gibt es sehr viel Rassismus und Diskriminierung gegenüber Schwarzen. Am 5. Januar in Pasto ist das nicht der Fall. An dem Tag malen sich die Menschen gegenseitig schwarz an. Motto des Tages ist: ¡Que vivan lxs negros! Ich wusste nicht, was mich beim Festival erwarten würde, war aber auf jeden Fall überrascht. Auf dem Plaza Nariño stürmten Menschen aufeinander zu, um sich bunte und schwarze Farbe ins Gesicht zu schmieren, Mehl wird herumgeworfen und Schaum gesprüht. Alle fünf Minuten sah ich anders aus. Nebenbei traten verschiedene Musikgruppen aus der Pazifikregion Kolumbiens auf zu deren Musik getanzt wurde. Ein Riesenspaß!

 

 

 

Am 6. Januar ist der Karnevalsumzug. Durch ganz Pasto ziehen Tänzer*innen, Musiker*innen und die verschiedensten Leute mit ihren bunten Karnevalswägen, einer umwerfender als der andere. Am Ende des Karnevals wird ein Gewinner für den einfallsreichsten Karnvealswagen gekürt und bekommt ein Preisgeld. In den ausgefallen, aufwendigen Wägen stecken Monate Arbeit drin! Kolumbiens kulturelle Vielfalt wurde in diesen Stunden ausgelebt. Tänze aus allen Regionen des bunten Landes. Kinder, Frauen und Männer, alle tanzten zusammen, sangen und feierten. Alle Menschen machten mit. Wenn kein Platz zum Tanzen in den Menschenmassen war, so musste mindestens mit dem Kopf oder dem großen Zeh mitgewippt werden. Ich war überwältigt von der Kultur, die an dem Tag präsentiert wurde. Der Carneval de Negros y Blanco ist ein tolles Ereignis, dass mir die Lebensfreude und Vielfalt Kolumbiens mal wieder gezeigt hat. Kolumbien verzaubert!

 

 

 

Nach so einem guten Start in die Reise ging es aufregend weiter. Nach dem Karneval stellte ich fest, dass einige Freunde von mir auch in Pasto waren. Wir unternahmen einen Ausflug zur Laguna de la Cocha. Während des Ausfluges stellten wir fest, dass wir die gleiche Reiseroute hatten und reisten die nächste Woche gemeinsam. Die schönen Zufälle des Lebens.

La Laguna de la Cocha ist ein 40km2 großer, natürlicher aus Gletschereis bestehender See, ca. 40 Minuten von Pasto entfernt. Nach der Laguna de Tota en Boyacá, die ich 2016 besuchte, ist sie die größte Lagune Kolumbiens und mit 2.800 Metern über dem Meeresspiegel auch die zweithöchste. El Encano, der letzte Ort vor der Lagune, ist voll mit Restaurants, touristischen Ständen und Verkäufer*innen. Vor Jahren kam wohl eine holländische Frau in den Ort und gestaltete die Häuser nach holländischem Stil. Ein kleiner, bunter Ort mit vielen Leckereien, die man probieren kann.

 

 

 

Von dort aus nahmen wir ein Boot zur Isla la Corota. Auf der Insel betritt man für einen Eintrittspreis das Naturreservat mit den verschiedensten Pflanzen. Während wir zum Aussichtspunkt liefen, wurden die Bäume um uns dichter und wir fühlten uns wie im tiefsten Dschungel!

 

 

 

La Cocha erinnert mich ein wenig an die künstlich angelegte Laguna de Guatavita, in der Nähe von Medellín. Auch hier zeichneten sich große Berge rund um uns herum in der Landschaft ab. Der Ausblick war wunderschön.

Am nächsten Tag ging es weiter nach Las Lajas, eine katholische Basilika, die Anfang des 20. Jahrhunderts gebaut wurde . Von Pasto aus nahmen wir den Bus nach Ipiales. Drei Stunden und eine 20-minütige Taxifahrt später, sahen wir die eindrucksvolle Kathedrale, die zwischen die Berge gebaut wurde. Schon vom Weiten, sah Las Lajas sehr eindrucksvoll aus! Für Kolumbien als sehr katholisches Land, ist es ein besonderer Ort, der sehr touristisch geworden ist. Im Ort gibt es geschmückte Lamas, mit denen Fotos gemacht werden können. Ein Restaurant folgt dem anderen und katholische Souvenirs, so wie Kreuz- und Jesusketten werden an jeder Ecke zu Hunderten verkauft. Rund um die Kathedrale sind in die Felsen lauter „Dankessteine“ eingebaut, mit denen Personen der Señora des Las Lajas, deren zu Ehren die Kathedrale erbaut wurde, für Gesundheit, Glück und Wunder danken.

 

 

 

Las Lajas ist ein beeindruckender Ort! Die Architektur der Basilika ist sehr interessant. In der Kathedrale gibt es ein kleines Museum zur Architektur und Geschichte der Kathedrale. Für mich wurde jedoch ein bisschen zu viel Wirbel um diesen Ort gemacht. Vielleicht hat es auch damit zu tun, dass ich als nicht-religiöse Person nicht den gleichen Zugang finde, wie viele andere katholische Menschen. Auch wenn es beeindruckend ist, die riesige Kathedrale zwischen den Felsen zu sehen und über die 20 Meter lange Brücke über die Schlucht zu laufen, lohnt es sich meiner Meinung nach nicht, extra dafür die lange Fahrt bis in den Süden Kolumbiens auf sich zu nehmen. Das mit dem Karneval in Pasto zu verbinden, war auf jeden Fall eine gute Idee!

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Das typische Foto von Las Lajas

Von Las Lajas aus ging es direkt weiter nach Ecuador. Ich hatte nicht damit gerechnet in den sechs Monaten Kolumbien zu verlassen und hatte nie ernsthaft darüber nachgedacht nach Ecuador zu reisen. Im Nachhinein war es eine tolle Idee und Ecuador hat mir in den wenigen Tagen, die wir dort verbrachten, sehr gut gefallen! Gerne würde ich wieder zurück und noch mehr des kleinen Landes kennenlernen.

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An der Grenze gab es drei verschiedene Schlangen zur Migration. Eine für Kolumbianer*innen, eine für Ausländer*innen und eine für Venezueler*innen. Die Krise in Venezuela ist in Kolumbien sehr präsent. Während meiner Zeit in Bogotá sah ich viele Venezueler*innen, oft in der TransMilenio um Süßigkeiten zu verkaufen oder anders Geld zu verdienen. Es ist ein sehr komplexes Thema!

Von Tulcán, dem ersten ecuadorianischen Ort nach der Grenze, sind wir 6 Stunden mit dem Bus in die ecuadorianische Hauptstadt Quito. Mit 2,2 Millionen Einwohner*innen ist es die zweitgrößte Stadt Ecuadors nach Guayaquil im Süden Ecuadors. Quito hat mich überrascht und begeistert! Ohne Erwartungen kam ich an, mit vielen Eindrücken verließ ich die vielseitige Stadt! Durch Kontakte kamen wir bei der Architekturstudentin Gisell und ihrer Familie in der Altstadt unter. Sieben Leute waren wir, die sie für zwei Nächte aufnahmen! Gastfreundschaft wird also auch in Ecuador groß geschrieben. Ihre Familie war sehr herzlich und offen, zeigte uns die Stadt und bereitete typisches Essen zu. Mein Favorit: empanadas verdes, meist mit Käse gefüllte Empanadas, deren Teig aus grünen Kochbanen zubereitet wird. Durch die Kochbananen sind die Empanadas ein bisschen süßer als die in Kolumbien typischen Maisempanadas.

Quito zeichnet sich durch seine große Altstadt aus, die 1978 als erste Stadt überhaupt zum UNESCO-Weltkulturerbe ernannt wurde. In der Altstadt gibt es sehr viele Kirchen und Klöster im Stil des kolonialen Barocks. Durch die Altstadt zu schlendern und die Architektur und das Treiben in den Straßen aufzunehmen, war sehr interessant. So kamen wir an einem Schokoladenladen vorbei, República del Cacao. Ecuador ist weltweit bekannt für seine qualitativ hochwertige Schokolade. In diesem Laden aß ich das beste Schokoeis meines Lebens! 70-prozentige Schokolade setzte in mir Dopamine frei! Ich habe noch nie so viele Glückshormone durch Schokolade in meinem Körper gemerkt, wie nach diesem Eis! Große Empfehlung!

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Das nächste Highlight war die Basílica del Voto Nacional. Ihre zwei Kirchtürme, die mich aufgrund des gothischen Architekturstils an Notre Dame in Paris erinnerten, ragen über die Stadt hinaus. Wenn man den Kirchturm besteigt, erwartet eine*n ein wunderschöner Ausblick über die Hauptstadt. 360 Grad-Panorama! Quito ist umgeben von Bergen an die sich die Wolken anzuschmiegen scheinen. Die Stadt ist riesig! Wohin man schaut, stehen Gebäude. Mich wundert es, dass „nur“ 2,2 Millionen Menschen hier leben.

 

 

 

Ein anderer sehenswerter Blick auf die Stadt ist vom Hügel El Panecillo aus. Mit dem Taxi fuhren wir hoch, wo uns eine riesige, 45 Meter hohe Jungfrauenstatue erwartete, die von der Altstadt aus zu sehen ist. Religion ist in Ecuador ein wichtiges Thema, gerade in Quito findet man viele katholische Kirchen. Gisell erzählte mir, dass anstatt der Jungfrauenstatue ein indigenes Monument auf den Hügel gebaut werden sollte. Ich fand es sehr traurig, dass die katholische Religion, die von den Spaniern ins Land gebracht wurde, die indigene Kultur (zumindest an diesem Ort) überschattete.
Vom Panecillo aus betrachteten wir den pastellfarbenen Sonnenuntergang über Quito.
In Quito gibt es noch viel mehr zu entdecken. Wir wären gerne mit der Teleférico gefahren, einer Seilbahn, die über Quito in die Berge führt. Leider hatten wir nur einen Tag in Quito, den wir jedoch gut genutzt haben.

Am nächsten Tag ging es mit dem Bus eine Stunde weiter zur Mitad del Mundo (Mitte der Welt). Wir liefen auf dem Äquator entlang, mal im Norden, mal im Süden der Welt. Gekennzeichnet ist der Äquator durch eine gelbe Linie, die genau genommen, nicht genau auf dem Äquator liegt. Mitten auf dem Platz steht ein 30 Meter hohes Monument mit einer 4,5 Meter Durchmesser Kugel, die die Erde symbolisiert. Vom Monument aus hat man einen wunderschönen Ausblick.
Das Monument liegt ca. 23 Kilometer nördlich von Quito und markiert den Ort, an dem Charles Marie de La Condamine mit einer französischen Expedition 1736 als erster Europäer eine (auf 240 m) genaue Position des Äquators bestimmte.
Gerade als wir das Monument bestiegen und im Museum waren, regnete es stark. Als wir wieder rausgingen, sahen wir einen intensiven Doppelregenbogen. Ein kleines Wunder mitten in der Mitte der Welt.

 

 

Rund um das Monument gibt es viel zu sehen. In dem kleinen Kolonialdorf, das drum herum gebaut wurde, gibt es Restaurants, Shops, ein Planetarium, ein Bier- und Schokoladenmuseum und auch einen Stall mit cuys (Meerschweinchen), die im Süden Kolumbiens und Ecuador Spezialität sind. Ich habe noch nie so riesige und überfütterte Meerschweinchen gesehen!
Interessant war auch das Ei, dass auf einer Spitze balanciert werden musste. Viel Geduld ist hierbei gefragt! Auf Äquatorhöhe ist die Erdanziehungskraft geringer, als auf dem Rest der Welt. Woanders wäre es unmöglich das Ei zu balancieren. Im Museum stand auch eine Waage, die anzeigte, wieviel man normalerweise wiegt und wieviel auf dem Äquator (zwei Kilogramm weniger).

 

 

Von Quito ging es mit dem Nachtbus weiter in den Westen Ecuadors, an die Küste.
Der Transport in Ecuador ist unheimlich günstig! Für eine 8-stündige Busfahrt zahlten wir 12 Dollar. Mir war vorher gar nicht bewusst, dass die Währung in Ecuador US-Dollar sind. Aufgrund zahlreicher wirtschaftlichen Krisen wurde 2000 der Sucre abgeschafft und der Dollar als offizielles Zahlungsmittel im Land eingeführt. Gerade der Transport und auch Nahrungsmittel sind günstiger als in Kolumbien. Für Kolumbianer*innen ist der Umtausch von Pesos in Dollar jedoch teuer.

Die letzten Tage der Reise verbrachten wir an der Küste Ecuadors ganz nach dem Motto „Vamos pa‘ la playa“ (definitiv Ohrwurm dieses Urlaubes!).
Den ersten Tag verbrachten wir in Mompiche und am Playa Negra. An der Pazifikküste Südamerikas sind die Strände oft sehr mineralhaltig. Der schwarze Sand, der funkelt und glitzert, ist sehr wertvoll aufgrund der vielen Mineralien. Aus ihm werden Computer und andere technologische Geräte hergestellt (so der Guide vom nächsten Tag).
Die Strandtage genossen wir sehr nach den vielen Busfahrten. Alle, sowohl meine kolumbianische Freunde, die von Natur aus morenxs (braun) sind, als auch ich, verbrannten uns mit der knallenden Sonne. Auf Äquatorhöhe kann ich gefühlt nur fünf Minuten in der Sonne sein, eh ich rot werde.
Abkühlung holten wir uns im salzigen Meer, dessen Wellen wilder sind, als an der karibischen Küste. Ein Paradies für alle, die surfen lieben.
Am nächsten Tag sind wir zum nächsten Strand, Portete. Wir hatten eine kleine Bootstour und lernten interessante Dinge über Flora, Fauna und den Ort.

 

 

Nach zwei Tagen Strand ging es schon wieder zurück zur Grenze. Das bedeutete wieder eine lange Busnachtfahrt. Unsere letzte Station auf dem Weg war das cementerio (Friedhof) in Tulcán. Nach einem kleinen Unfall einer Freundin, die umgeknickt war und von der ambulancia behandelt wurde, humpelten wir solidarisch zum Friedhof. Ich finde es immer ein bisschen merkwürdig Friedhöfe als touristische Attraktion zu besuchen. Dieser war in sofern besonders, da die vielen Büsche als indigene Figuren und Tiere beschnitten waren.

 

 

Mit einer letzten Nacht in Pasto nahmen mein Unifreund und ich die 18-stündige Busfahrt zurück nach Bogotá in Anlauf. Meine anderen Freunde flogen von Pasto aus zurück.
Im Bus rechneten wir aus, wieviel Busstunden wir in 10 Tagen hinter uns hatten. 65 Stunden! So schlimm und lang kam es mir gar nicht vor! Vielleicht auch, weil wir so viel erlebt und gesehen haben. Es hat sich auf jeden Fall gelohnt und ich bin froh, dass ich die Möglichkeit hatte, in so kurzer Zeit so viel zu sehen.

Wieder in Bogotá angekommen, merkte ich, wie sehr Bogotá ein Zuhause für mich geworden ist. Ich fühle mich wohl hier!
Deshalb fällt es mir umso schwerer schon in fünf Tagen Abschied von dieser tollen Stadt und Kolumbien zu nehmen. Mein Abenteuer in Kolumbien hört auf 😦 Am Freitag geht es nach Brasilien!

Weisheit des Tages: vom bunten Karneval in Pasto (¡Que viva Pasto, carajo!), die beeindruckende KathedraleLas Lajas  mitten in der Schlucht, Ecuadors vielseitige, lebendige Hauptstadt Quito bis zur pazifischen Küste Ecuadors. In zehn Tagen haben wir sehr viel erlebt! Die Reiselust in Südamerika wird wohl nie gestillt sein!

Feliz Navidad, Weihnachten in Kolumbien

– 184 Tage nach der Ankunft –

Mit reichlich Verspätung kommt heute noch ein kleiner Beitrag über die Weihnachtszeit in Kolumbien, auch wenn jetzt wohl niemand mehr an Weihnachten denkt. Es war das zweite Weihnachten, was ich in Kolumbien verbracht habe (das erste Mal 2015).

Etwas sehr Erstaunliches ist, wie Bogotá, je näher die Feiertage rücken, leerer und leerer wird. Die Millionenstadt wirkt wie ausgestorben und das bis Mitte Januar. Dann kehren die Menschen aus ihren Dörfern und entfernteren Städten wieder zurück. Die ersten Januartage war es wirklich schwer einzukaufen, weil kaum Läden geöffnet waren. Im Dezember flüchten die Menschen aus der Großstadt, um das Weihnachtsfest im Rahmen der Familie zu verbringen.
Trotzdem ist die Stadt mit übertriebenen Lichtern in den „neonsten“ Farben dekoriert. Blinken, Glitzern, Leuchten. Das Motto der Kolumbianer*innen in jeder Stadt. Überall wird man erschlagen von Lichterdekoration. Besonders auffallend ist es an der puente de Boyacá, an der man von der Strecke von Bogotá nach Tunja vorbeifährt. Rund um die glorreiche Brücke auf der angeblich die letzte große Schlacht Simon Bolívars stattfand, sind unzähliche Leuchtfiguren aufgestellt mit den weihnachtlichsten Motiven: Palmen, Schmetterlinge und mehr.

 

 

Obwohl Tannenbäume in Kolumbien eher selten zu finden sind, stellen sich so gut wie alle Kolumbianer*innen einen Plastikbaum mit vielen Lichtern und Hinguckern ins Wohnzimmer. Der Weihnachtsbaum ist eine deutsche Tradition ist, die sich im 19. Jahrhundert über die ganze Welt verbreitete und auch beim kolumbianischen Weihnachtsfest nicht fehlen darf.

In Kolumbien gibt es zur Weihnachtszeit zwei (christliche) Traditionen, die mir sehr gefallen.
1. Noche de las velitas. Am 7. Dezember trifft sich die Familie (oder Freunde) um velitas zu feiern. Ursprünglich wurde diese Nacht als „Unbefleckte Empfängnis der Jungfrau Maria“ gefeiert. Ich verbrachte den Abend mit der Familie einer Freundin in Bogotá und niemand wusste so wirklich, warum velitas eigentlich gefeiert wird. Gemeinsam aßen wir Burritos (nicht besonders typisch, weder für velitas, noch für Kolumbien) und als es dunkel war, zündeten wir viele Kerzen an. Beim Entzünden jeder Kerze, wünscht man sich etwas.

 

 

2. Novena. Neun Abende vor Weihnachten trifft sich die gesamte Familie zum gemeinsamen Beten und Essen. Jeden Abend findet die novena im Haus eines anderen Familienmitgliedes statt. Je nach Religiösität der Familie spielt das Beten mehr oder weniger eine Rolle. Für mich ist das Schöne, dass viel Zeit mit der Familie verbracht wird, wobei nach neun Tagen in Folge jede*r auch mal seine Ruhe will. Meine Gastfamilie in Tunja veranstaltete letztes Jahr leider keine novena. Dafür versammelten sich in meinem barrio jede Nacht Nachbarn und beteten und aßen gemeinsam. Einen Abend verbrachte ich mit Natalia und Martin und deren Familie.

Ich bin zwar nicht religiös und Weihnachten war für in meiner Familie nie ein christliches Fest, aber ich finde es schön zu sehen, wie der Dezember sowohl in Deutschland, als auch in Kolumbien dazu genutzt wird, Zeit mit der Familie zu verbringen. Das ist natürlich von der Familie abhängig.

Ich hatte mich sehr gefreut zwei Wochen im Dezember in Tunja mit meiner Gastfamilie zu verbringen. Tunja ist für mich ein Ort, wo ich mich vom Großstadttrubel Bogotás in familiärer Atmosphäre erholen kann.
Ein weiterer Grund Tunja im Dezember zu besuchen, sind die Konzerte, die einige Tage vor Weihnachten stattfinden. Wie genau die alcaldía (Stadtregierung) das jedes Mal organisiert bekommt, sowohl bekannte nationale, als auch internationale Musiker*innen nach Tunja zu locken, frage ich mich immer noch. Sechs Abende fanden Konzerte statt. Jeder Abend war einem Musikgenre gewidmet, z.B. Rock, Vallenato oder Popular. Die Konzerte sind gratis, abgesehen vom VIP-Bereich, in dem eine Karte umgerechnet 7€ kostet. So bekam ich 2018 die Chance unter anderem Manu Chao, Manuel Turizo, Paola Jara und Kevin Florez zu sehen. Mit den Namen könnt ihr vielleicht nicht wirklich etwas anfangen, in Kolumbien sind das bekannte Sänger*innen. Ich habe mich vor allem gefreut Manuel Turizo zu sehen, da ich seine Musik schon seit einigen Jahren sehr gerne mag. Der französische Sänger Manu Chao ist auch in Europa sehr bekannt. In einem älteren Blogbeitrag habe ich über ihn geschrieben. Ich war begeistert von seinem Auftritt!

In Kolumbien wird Weihnachten nur am 24. Dezember spät in der Nacht gefeiert. Es ist ein ganz normaler Tag bis man sich 20 oder 21 oder vielleicht sogar 22 Uhr mit der Familie trifft. Der Abend besteht eigentlich darin, dass alle bis 0 Uhr warten, woraufhin wilde „FELIZ NAVIDAD“-Rufe aller und Umarmungen ausbrechen. Die Kinder leiden ein wenig, da sie den ganzen Abend die Geschenke unter dem Baum liegen sehen und Stunden warten müssen, eh sie auspacken dürfen. Ein typisches, nationales Weihnachtsessen für den Tag gibt es nicht. Das variiert von Familie zu Familie. Was bei meiner Familie nicht fehlen darf: Reis.
0 Uhr ist Bescherung und anschließend wird bis in die Nacht hinein getanzt, getrunken und gefeiert.

 

 

Ich hatte leider eine Mandelentzündung und war nicht wirklich in Tanzlaune, was die Onkels und Tanten nicht davon abhielt, mich trotzdem zu den Klängen von Merengue, Vallenato und Salsa durch den Raum zu wirbeln.

Auch wenn ich mich ein bisschen dagegen sträube, vergleiche ich nach solchen Ereignissen ganz automatisch kolumbianisches und deutsches Weihnachtsfest. Was ich aus meinen Erfahrungen feststelle, während der Dezember in Deutschland für mich der ruhigste Monat des Jahres ist (abgesehen vom Geschenke- und Konsumstress), in dem man Zeit mit der Familie verbringt und in den letzten Tagen des Jahres sich vom Trubel des Jahres erholt, ist in Kolumbien Weihnachten die Party des Jahres. Die Entspannung beginnt dann erst im Januar. Weihnachten in Deutschland ist für mich Harmonie, Entspannung, Familienzeit. In Kolumbien ist es Party, Musik, Tanzen und Alkohol (gut. auch das spielt beim deutschen Weihnachtsfest eine große Rolle).

El Año Nuevo wird in Kolumbien mit der Familie verbracht. Hier dreht sich der Spieß um. Während ich Silvester als die Party des Jahres sehe, die überwiegend mit Freunden gefeiert wird, ist es in Kolumbien ein Familienfest und verhältnismäßig ruhig. Es gibt einige Traditionen zum Neuen Jahr, die teilweise den spanischen ähnlen.
1. 0 Uhr werden mit jedem Glockenschlag 12 Weintrauben gegessen. Beim Schlucken jeder Traube wünscht man sich etwas.
2. Wer in der Neujahrsnacht gelbe Unterwäsche trägt, erhält Glück fürs Neue Jahr.
3. Mit ein bisschen Geld in den Hosentaschen ist der Geldfluss fürs Neue Jahr gesichert.
4. 0 Uhr geht man mit einer Reisetasche raus und läuft eine Runde um die Häuser. Damit wird man im neuen Jahr viel reisen. Das habe ich gleich mal ausprobiert!

Am 1.1 habe ich mir ein bisschen Zeit genommen und bin in die umliegenden Berge Tunjas gegangen. Für mich war es ein aufregendes Jahr, in dem ich sehr viel gelernt und erlebt habe! Ich bin gespannt, was mich 2019 erwartet. Das Jahr fing gut an mit einer Reise in den Süden Kolumbiens und Ecuador! Bald mehr dazu.

 

 

Ich wünsche allen ein spannendes 2019!

Weisheit des Tages: Vor allem der Monat Dezember mit den Weihnachts- und Neujahrstraditionen ist in Kolumbien und Deutschland sehr unterschiedlich. In Kolumbien wird jeder Tag zum Feiern genutzt. In Deutschland erlebe ich eher eine ruhige, harmonische Atmosphäre. Dieses Jahr gerne wieder in Deutschland!

Bombenattentat in Bogotá und Kolumbiens Bild

– 179 Tage nach der Ankunft –

Nach einer sehr langen Pause melde ich mich mal wieder. Wie immer ist sehr viel passiert, bei mir, im Streik und in Kolumbien.

Heute schreibe ich über ein Thema, was ich für sehr wichtig halte!
Am 17. Januar wurden durch eine Autobombe in der General-Santander-Polizeioffiziersschule im Süden der Hauptstadt, 21 Menschen getötet und 68 Menschen verletzt. Bei der Tat handelte es sich um ein Attentat durch die linke Guerrillagruppe ELN. Auch der Täter, unter dem Kämpfernamen Mocho Kico bekannt, starb. 17 Jahre lang war er Sprengstoffexperte der letzten Guerrillagruppe Kolumbiens, die 1.500 Mitglieder*innen zählt. Präsident Duque hat drei Tage Staatstrauer ausgerufen.
Für Kolumbien ist es ein großer Rückschlag. Nach dem „Frieden“ mit der FARC, der größten Guerrillagruppe Kolumbiens, im Jahr 2016, schien der Bürgerkrieg in Kolumbien sich zu beruhigen. Leider ist die FARC nicht die einzige Gruppe, die aktiv war. Wie das Attentat sich das auf die in Kuba laufenden Friedensverhandlungen mit der ELN auswirken wird, bleibt abzuwarten.

In den deutschen Medien wurde umfangreich über den Anschlag berichtet. Ein Attentat hat natürlich ein internationales Interesse in Zeiten des internationalen Terrorismus. Diese Meldung passt auch noch perfekt in das Bild Kolumbiens rein. Tote, Verletzte, Anschlag, Gewalt und Guerrilla.
Als ich Donnerstagmorgen von dem Attentat mitbekam, fragte ich mich, ob wohl auch in Deutschland darüber berichtet werden würde. Natürlich!
Was passiert ist, ist schrecklich und zeigt, dass Kolumbien noch einen langen Weg vor sich hat, eh wirklich Frieden einkehrt. Ich bin sehr traurig und denke an die Betroffenen des Attentates. Ein Freund erzählte mir, er kannte einen der gestorbenen, jungen Polizeischüler.

Es ist eine Meldung, die Menschen schockt und in ihrem Denken über Kolumbien bestätigt. Mich macht es traurig, dass über so viele andere wichtige Themen aus diesem vielfältigen Land nicht berichtet wird.
Am Donnerstag sollte eine Demonstrationen der Studierenden stattfinden. Aufgrund des Attentates wurde sie auf den 24. Januar verschoben. Eine von vielen weiteren Demos im Studierendenstreik. Nachdem am 10. Dezember ein Abkommen mit der Regierung ausgehandelt wurde und das Geld für die nächsten vier Jahre den Universitäten bestätigt wurde, haben sich die Studierenden nun zum Ziel gesetzt so lange zu streiken, bis das Universitätsgesetz der 90er Jahre geändert und die ESMAD (Spezialeinheit zur Aufstandsbekämpfung) abgeschafft wird. Aufgrund der gewaltvollen, agressiven Eingriffe der ESMAD wollten die Studierenden am Donnerstag streiken. Eine institutionelle Einrichtung abzuschaffen, ist leider ohne fehlende Unterstützung der gesamten Bevölkerung sehr unrealistisch.

Mich machte es sehr traurig, dass solche Schockernachrichten sofort in den deutschen Medien erscheinen und der Studierendenstreik, der seit drei Monaten mit Enthusiasmus der Studierenden und Unterstützung von Teilen der Bevölkerung geführt wird, nicht erwähnt wird. Um dem entgegenzuwirken, schrieb ich einen Artikel für das Lower Class Magazine  und ein Interview für die Junge Welt. Solche Nachrichten schaffen es leider nicht in die „großen“ Medien.

Aufgrund des Bombenanschlages und der anhaltenden Gewalt in Kolumbien schrieben einige Fakultäten der Universidad Nacional de Colombia an die Rektorin der Universität, dass sie so lange keine Klassen fortsetzen werden, bis sie in einem friedvollen Land leben und studieren werden.
Ob das wirklich umgesetzt wird, bezweifle ich. Planmäßig wird morgen das Semester fortgesetzt. Am Dienstag gibt es eine reunión mit der gesamten Universität um zu entscheiden, wie es weitergeht im Streik.

Weisheit des Tages: Es wird noch dauern, bis wirklich bedingungsloser Frieden in Kolumbien herrscht. Bis es so weit ist, werden große Teile Kolumbiens Bevölkerung die Hoffnung nicht aufgeben.