Internationaler Frauentag in Santiago

– 14 Tage in Chile –

Letzten Freitag habe ich einen inspirierenden Tag erlebt! Ich sah emotionale Szenen, die mich fast zum Weinen brachten, ich hatte Gänsehaut und wurde von zahlreichen Frauen inspiriert!

Über 190.000 Personen nahmen an der Demonstration am internationalen Frauentag in Chiles Hauptstadt teil. Nach einer Woche in Santiago de Chile half ich bei der Demo mit. Mit mehreren Frauen und Männern beobachteten wir die marcha (die Demo) und informierten die Veranstalter*innen über auffällige Dinge, die die marcha unterbrechen könnten. Wir waren das Auge der Demo, so wurde es uns bei der Vorbereitung einen Tag vorher gesagt.
Für mich war das eine tolle Gelegenheit einen ersten Eindruck von Santiago de Chile und seinen Bewohner*innen zu bekommen. Und natürlich der feministischen Bewegung, die sich in diesem Land bewegt.

18 Uhr versammelten sich Menschen. Besser gesagt Menschenmassen! Durch mein Semester in Bogotá habe ich einige Demoerfahrungen gesammelt. Doch noch nie habe ich so viele Menschen versammelt gesehen! Der erste Teil der marcha war eine Sektion nur für Frauen. Als Beobachterinnen der marcha warteten wir die erste Sektion ab, die unendlich schien! Tausende Menschen liefen gemeinsam auf der Straße, nahmen sich bei den Händen, zeigten ihre Schilder und riefen gemeinsam Sprüche, Forderungen, die ausgesprochen und gehört werden müssen.
Alle Generationen vereinten sich. Mütter mit ihren Kindern, die Schilder hielten wie: „Ich will keine Prinzessin sein, ich will ernstgenommen werden!“, begleitet von deren Müttern, teilweise schon im Rollstuhl.

Die Demo war ein Zusammentreffen starker Frauen, die ein gemeinsames Ziel haben: Gleichberechtigung. Mit emotionalen Schildern und Geschichten, die geteilt wurden, bemalten Körpern, Tanz- und Musikacts war die Demo eine vielfältige Mischung, die nach Emanzipation strebt.
Neben #womenempowerment wurde auch stark gezeigt, dass indigene und Afrogemeinschaften, Transgender und nonbinäre Personen politisch und gesellschaftlich mehr gestärkt werden sollen.

 

Durch Zufall wurde ich Teil eines besonderen Momentes gegen Ende der marcha. Ein älterer Mann stand alleine auf der Strasse mit einem großen Schild, das er beschrieben hatte. Viele Menschen liefen vorbei, mit einem schnellen Blick überflogen sie das Schild oder beachteten es gar nicht. Einige blieben stehen und nahmen sich die Zeit zu lesen. Schnell bildete sich eine Traube um ihn herum. Nach einigen Minuten des Lesens sammelten sich Tränen in den Augen einiger Frauen. Berührt nahmen sie den Mann in den Arm. Ich bekam Gänsehaut am ganzen Körper. Eine bewegende Szene! Zusammenhalt, Solidarität und Verständnis. Eine abschließende Szene, die die marcha für mich zu einem besonderen Erlebnis machte.

 

Am 8. März möchte ich keine Rose geschenkt bekommen. Ich möchte keine Glückwünsche erhalten, dafür, dass ich eine Frau bin. Was ich will, ist Gleichberechtigung! Auf internationalem Level.
Vor allem von einigen Bekannten aus Kolumbien erhielt ich sehr fragwürdige „Glückwunschnachrichten“. Bei mir wurde sich (in Form einer Rundmail) dafür bedankt, dass Frauen eine tolle Gesellschaft für die Männer sind. Auch ein einfaches „Feliz Día“ (Fröhlichen Tag) erhielt ich und ich konnte nur den Kopf schütteln und meine Wut herunterschlucken. Worauf es am 8. März wirklich ankommt, scheint einigen nicht bewusst zu sein.

Im Jahr 2019 ist es erschreckend, wie viel noch zur Gleichberechtigung fehlt, auch in Deutschland. Unterrepräsenz von Frauen in Führungsrollen, Gendergap und sexistische Rollenbilder, die sich in frauenfeindlichen und rassistischen Witzen äußern, sind immer noch die traurige Realität. Umso mehr wundert es mich, warum viele Menschen in Deutschland die Augen verdrehen, wenn sie das Wort Feminismus hören. Vielleicht springt einigen Menschen als erstes das Bild von unrasierten, Männer hassenden, radikalen Frauen in den Kopf.
Ist das Feminismus? Nein. Für mich ist Feminismus viel mehr. Ich kann es nicht verstehen, wenn Frauen nicht für ihre eigenen Rechte einstehen und sich gegen Feminismus aussprechen oder sich sogar darüber lustig machen.

In Südamerika nahm ich in vielen Ländern eine starke Feminismusbewegung wahr, eine Bewegung, die mitreißt und das nicht nur Frauen. Vor allem in Chile und Argentinien sind sie sehr groß und bedeutend.
Ich fing an mich zu fragen, warum das so ist. Warum scheinen feministische Bewegungen in vielen lateinamerikanischen Ländern stärker zu sein als in Deutschland? Warum wird Feminismus hier (von Frauen) mehr akzeptiert und bestärkt?
Ich habe es mir so erklärt, dass viele Menschen Deutschland als ein schon sehr emanzipatives Land wahrnehmen. Aber ist es das wirklich? Schnell werden einem dann Vergleiche vorgehalten. „In anderen Ländern ist es doch viel schlimmer.“ Trotzdem möchte ich in einem Land leben, wo es 100 prozentige Gleichberechtigung gibt zwischen Frauen, Männern, trans, intersexuellen und nonbinären Personen. In Zeiten, in der die rechte Politik (anscheinend) immer mehr Stimmen erhält und Frauen hinter den Herd schieben wollen, ist es umso wichtiger aufzustehen und zu zeigen, dass Frauen nicht die Begleitung von Männern sind, sondern eigenständige, selbsthandelne Menschen.

In lateinamerikanischen Ländern ist der Begriff Machismo leider immer noch sehr präsent. Das Frauenbild, das teilweise vertreten wird, ist erschreckend. Gerade in ländlichen Regionen vieler Länder werden Frauen als Objekte gesehen und behandelt. Häusliche Gewalt ist in vielen Leben Alltag. Die Angst, alleine als Frau auf die Straße zu gehen, ob in einer Großstadt oder im Dorf, auch. Diskriminierung, Misshandlungen und Vergewaltigungen sind alltäglich. So kam die Bewegung #noesno (Nein bedeutet Nein) zu stande. Die drei Worte sagen schon alles und sollten auch genau so verstanden werden. Auf der marcha schrieben sich viele Frauen Sprüche auf ihren nackten Körper. „Nur weil ich weniger Kleidung anhabe, bedeutet das nicht, dass du mich anfassen darfst!“ Frauen werden in unserer heutigen Gesellschaft sexualisiert. Viel Haut zeigen bedeutet nicht, dass eine Frau angefasst werden möchte und gibt niemandem das Recht, sich das herauszunehmen.
Rollenbilder stellen Frauen in die Küche und lassen sie bei den Kindern bleiben. Der Mann ist der, der das Geld nachhause bringt und somit denkt, dass er das mit seiner Familie machen darf, was er will.

Insgesamt habe ich eineinhalb Jahre in Kolumbien gelebt. Auf Reisen habe ich Ecuador, Peru, Bolivien, Brasilien, Argentinien, Uruguay und jetzt Chile ein wenig kennengelernt. In vielen Orten habe ich Ähnliches erlebt und gesehen. Es mag sein, dass Feminismus in Lateinamerika eine größere, bzw. andere Rolle spielt. Frauen werden anders behandelt, als in Europa. Frauen müssen mehr für ihre Rechte kämpfen. Es muss sich noch sehr viel verändern. Aber viele Menschen der Gesellschaft sind auch bereit dazu. Das Thema Feminismus spielt bei vielen eine Rolle. Selbst meine doch sehr traditionelle Gastfamilie in Tunja beschäftigt sich damit und bricht das konservative Rollenbilder, das vor einigen Jahren noch so hingenommen wurde, auf.
In Chile hat mich sehr schockiert, dass es erst seit 2004 ein Scheidungsgesetz gibt. Vorher konnte eine Ehe nicht annuliert werden. Die Mutter meiner Mitbewohnerin erzählte mir, dass sie auf inoffiziellem Weg die Scheidung „verschwinden“ ließ. Papiere wurden illegal geändert, so dass die Ehe offiziell nie stattfand.

Auf mich wirkt es so, als würden in vielen lateinamerikanischen Ländern die Frauen verstanden haben, dass sie aufstehen und handeln müssen. Traurig und gleichzeitig bewegend waren die vielen Schilder bei der Demo, die darauf hinwiesen, dass nicht alle Frauen die Freiheit haben, das sagen zu können, was sie wollen. „Wir reden und demonstrieren für die, die es nicht (mehr) können.“

Um in einer gerechten Welt zu leben, können wir alle etwas tun. Dafür müssen wir nicht jeden Tag auf die Straße gehen und demonstrieren. Durch Hinterfragen seiner eigenen Werte und Handlungen kann das nötige Bewusstsein geschaffen werden, das wir für eine gleichberechtigte Welt brauchen. Mit kleinen Schritten im Alltag kommen wir dem näher.

Weisheit des Tages: Wir leben im Jahr 2019. Grundrechte sollten nicht mehr von „Minderheiten“ erkämpft werden, sondern für alle Menschen gleich sein! So lange werden wir weiterkämpfen.

 

Julumbien wird zu Vagamundo Lindo!

Seit fast vier Jahren gibt es diesen Blog. Ich habe mit viel Freude über meine Erlebnisse in Kolumbien berichtet, ein Land, dass in über drei Jahren zu meiner zweiten Heimat wurde. All die Erfahrungen, die ich in Kolumbien sammeln durfte, machten mich zu dem Menschen, der ich heute bin.

Kolumbien wird immer einen ganz besonderen Platz in meinem Herzen haben! Wenn ich die Klänge von Vallenato, Cumbia oder Bachata höre, Empanadas, Arepas, Patacones oder Reis esse, das schöne, leicht verständliche Spanisch aus der Hauptstadt höre und Menschen von den wunderschönen Orten Kolumbiens treffe, dann breitet sich in mir ein warmes Gefühl aus.

Die nächste Kolumbienreise ist nicht bald geplant. Erstmal stehen andere Pläne an.
Seit dem 1. März bin ich in Santiago de Chile, wo ich die nächsten fünf Monate leben und studieren werde. Neue Abenteuer warten auf mich! Ich werde eine neue Kultur kennenlernen und bin gespannt auf die Universität und das Leben dort.
Ganz so leicht fällt mir das nicht. Schon jetzt weiß ich, dass ich alles mit Kolumbien vergleichen werde. Das Essen, die Menschen, die Preise… Aber anders bedeutet ja nicht schlechter.

Auf diesem Blog werden nun nicht mehr nur kolumbienorientierte Themen zu finden sein.
Zwischen meinem Auslandssemester in Bogotá und Santiago de Chile bin ich fünf Wochen mit einer Freundin durch Südamerika gereist. Bald könnt ihr über unsere spannenden Erlebnisse in Brasilien, Argentinien und Uruguay lesen.

Aus meinem Kolumbienblog wird also nun ein Lateinamerikablog.
Julumbien wird zu Vagamundo.

Warum Vagamundo Lindo?
Vagamundo ist ein Wortspiel aus vagabundo und mundo.
Lange Zeit wusste ich nichts mit dem Wort vagabundo anzufangen. Mittlerweile würde ich es als eine streunernde Person beschreiben, ein*e Nomad*in. Auch als Verb vagabundear wird es im Spanischen benutzt. An der Uni in Bogotá in meinem Ästhetikkurs erhielten wir die Aufgabe zu vagabundean, durch die Straßen zu ziehen und uns treiben zu lassen. Nebenbei schrieben wir unsere Beobachtungen auf.
Das erste Mal stieß ich auf das Wort, als ich ein Cover vom argentinienischen Reggaesänger Dread Mar I hörte. Ohne genau zu wissen, was es bedeutete, wurde es zu einem meiner Lieblingswörter.

Mundo ist das spanische Wort für Welt. Lindo bedeutet schön
Zusammen ergibt es den Begriff sich durch wunderschöne Orte auf der Welt treiben zu lassen.

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Vagabundeando in Valparaiso, Chile

Schon lange habe ich mir Gedanken dazu gemacht, was ich mit meinem Blog machen werde, wenn ich nicht mehr in Kolumbien sein werde. Die Namensänderung war für mich ein schwerer Schritt. Ein Zeichen, dass ich mit Kolumbien (vorerst) ein wenig abschließe. Aber nun kommt eine neue Etape!

In der letzten Zeit habe ich viel über verschiedene Länder Südamerikas gelernt und freue mich schon darüber zu berichten!
Ich bin jetzt in meiner Wohnung in Santiago de Chile angekommen und melde mich bald wieder!

Weisheit des Tages: Eine Tür schließt sich, weitere öffnen sich. Aber Kolumbien wird für mich immer eine offene Tür sein, in die ich wieder eintreten werde!

Bogotá, eine Liebe

– 1 Tag nach der Abreise –

Das Schwerste zum Schluss: Abschied nehmen!
Nie hätte ich gedacht, dass 190 Tage so schnell vergehen könnten. Ich erinnere mich noch genau, als die Zusage der Universidad Nacional de Colombia Mitte Juni kam. Alles ging ganz schnell und nach einem Monat saß ich schon im Flieger nach Bogotá, voller Erwartungen, Vorstellungen und Träume.

Damals dachte ich, es wäre gewagt mit so vielen Erwartungen in das Auslandssemester zu starten. Nach einem Jahr in Kolumbien und weiteren Besuchen zwischendurch, war es für mich nicht ein komplett unvorhersehbares Abenteuer. Ich wusste schon ein wenig, was mich erwarten würde, kannte Kolumbianer*innen, die mir helfen würden. Es war ein bisschen wie nachhause kommen.

Bogotá, hat mir nie gefallen. Von Tunja aus war ich einige Male in der chaotischen Millionenstadt und ich konnte ihr nichts abgewinnen. Zu grau, zu viele Menschen, zu unsicher. Die ersten Tage dachte ich, ich würde mich nie sicher und wohl fühlen können. Gerade in der TransMilenio fühlte ich mich fremd, ausländlisch, angreifbar.
Schneller als gedacht, fing ich dann doch an die Stadt zu schätzen.
Das erste Mal in meinem Leben fühlte ich mich an einer Universität wohl und verbrachte selbst vor und nach den Klassen Zeit dort. Die Atmosphäre an der Nacional ist einzigartig. So viel passiert hinter den Zäunen der Nacho. Jedes Mal, wenn ich das Gelände betratt, stieg ich in eine andere Welt. Vor jedem Gebäude versammeln sich Menschen, die in kleinen Gruppen zusammenstehen und reden. Direkt wenn man die Uni über den Eingang der Calle 26 betritt, ist das erste Gebäude zur rechten Diseno Gráfico. Auch wenn die Räume kalt und kaputt wirken und das Dach herunterkommt, hier habe ich gerne Klassen besucht!
Weiter geradeaus laufe ich direkt auf die Plaza Che zu. Zur linken sehe ich das Wandgemälde, an dem ich mitgemalt habe. Dort verbrachte ich angeregte Diskussionen mit meinen Freunden der Politikwissenschaften und Jura.
Auf der Plaza Che betrachtete ich gerne das Treiben. Zwischen den vielen Essensständen und chazas (kleine Läden, wo Studierende Süßigkeiten und Zigaretten verkaufen) wurden hier die marchas vorbereitet. Hier versammelte sich die Masse, um dann mit gesammelter Kraft ins Regierungsviertel oder andere Orte der Stadt zu marschieren.

 

 

 

Es war ein besonderes Semester! In einigen Jahren werden die Studierenden noch davon reden. Der Streik dauerte lange und doch ist noch ungewiss, ob er seinen Zweck erfüllt hat und auf lange Sicht das Denken der kolumbianischen Bildung verändern kann.
Ich habe zwar nur fünf Wochen lang wirklich studiert, aber die Erfahrungen, die ich danach sammelte, waren auf jeden Fall einzigartig! Das wäre mir an einer Uni in Deutschland wohl nie passiert. Ich habe viel gelernt! Über Politik, über Bildung, über Kolumbien, über Deutschland, über mich!

Auf dem Weg zum Eingang der Calle 45 höre ich schon von Weitem die Musikstudierenden. Täglich üben sie auf den verschiedensten Instrumenten, mal mehr, mal weniger gut. Vor allem das Saxofon hört man von der Distanz aus. Rechts ist das bunt bemalte Museum der Uni. Alle paar Wochen wird die Ausstellung geändert. Ich bin gerne hingegangen, wenn es etwas Neues gab.
Überall riecht es nach frisch gemähtem Rasen und Gras. Unter den schattenspendenden Bäumen liegen kuschelnde Pärchen und Freundesgruppen essen das von zuhause mitgebrachte Essen aus Büchsen. Drum herum sind Gruppen von Menschen, die jonglieren, balancieren, tanzen, Sportübungen und Yoga praktizieren, rappen oder sonstige Arten von Kursen veranstalten.

 

 

Die UNAL ist für mich ein besonderer Ort! Auf dem Weg zum Flughafen war es der erste Ort, an dem ich anfing zu weinen. Jeden Tag, den ich zur Uni ging, lief ich über die große Brücke der 26ten und genoß den schönen Anblick Bogotás. Das war immer der Moment, als ich dachte: ja, hier bin ich glücklich! Eine bunte, chaotische Großstadt, die im Hintergrund von hohen Bergen umsäumt wird. Ganz oben an der Spitze der Berge sieht man el monserrate.

 

 

Ich werde Vieles vermissen aus Bogotá!
Die Uni, tolle Menschen, die ich während der Zeit kennenlernen durfte, interessante Unterhaltungen über Politik, menschliche Beziehungen und kulturelle Unterschiede, Kolumbiens Vielfalt an Musik und Tänzen, die ausgelassenen Partys im Theatron, lateinamerikas größtem Schwulenclub, und anderen Clubs oder auch spontane Unternehmungen mit Freunden, die ciclovía an den Sonntagen, an denen die Stadt voll mit fahrrad- und rollschuhfahrenden Menschen ist, die bunten Märkte, die eine Vielfalt an frischem Obst und Gemüse aus dem campo anbieten, der mercado de las pulgas an den Sonntagen in der Séptima, auf dem es nichts gibt, das es nicht gibt, eine schöne Aussicht auf die Stadt, ob vom monserrate oder Torre de Colpatria aus, bunte Graffitis und Häuser mit viel Geschichte in der Candelaria, Picknicks in einem der vielen grünen Parks, wie dem Parque Simon Bolívar, die vielen Bars und Restaurants in der Calle 85, internationale Restaurants im barrio Macarena, kleine Leckereien aus den zahlreichen panaderías (Bäckerei) und tiendas (Laden), die es unheimlich günstig gibt, ja, vielleicht sogar das typisch kolumbianische Essen und die überfüllten TransMilenios werden mir fehlen.

 

 

Bogotá sprüht vor Leben! An jeder Ecke gibt es etwas zu entdecken. Nie werde ich die Stadt komplett gesehen haben. Ständig gibt es Neues zu erleben und zu sehen. Bogotá ist reich an Kultur und Veranstaltungen. Zu kurz war die Zeit, um alles zu sehen. Trotzdem weiß ich ganz genau: ich liebe diese Stadt! Ich habe mich noch nicht sattgelebt an Bogotá. Ich weiß jetzt schon, ich will wiederkommen.

Der Abschied von Bogotá fühlt sich an wie ein Schlag ins Gesicht. Über sechs Monate habe ich mir ein Leben aufgebaut, eine Routine (trotz Streik) und Freundschaften entwickelt. Jetzt werde ich aus dem Leben herausgezerrt und weiß nicht, wann ich wiederzurückkommen kann.
Geplant hatte ich, dieses Semester zu nutzen, um mich ein bisschen von Kolumbien zu verabschieden. Stattdessen habe ich mich mehr verliebt! Für immer wird es ein zweites Zuhause für mich sein! So viele Dinge gibt es, die ich an Land und Leuten schätze.

Ich bin dankbar! Dankbar für all die Erfahrungen die ich sammeln konnte, alle wunderschönen Orte, die ich kennenlernte und vor allem dankbar für die Menschen, die mich während der Zeit begleitet haben und mich zu der Person gemacht haben, die ich heute bin.

¡Gracias Colombia!
¡Gracias por todo!

Weisheit des Tages: ein Teil von mir wird immer in Kolumbien sein!

Vom Karneval in Pasto über Quito bis zur Küste

– 186 Tage nach der Ankunft –

Kolumbien ist wunderschön und reich an Kultur! Da die Universidad Nacional die Klassen erst für den 21. Januar angesetzt hatte, habe ich die freie Zeit genutzt, um in eine Ecke Kolumbiens zu reisen, die ich noch gar nicht kannte.
Nariño im Süden Kolumbiens. Einer der Gründe, warum ich bisher nicht da war, ist die Sicherheit. Nariño war während meines Freiwilligendienstes rote Zone (und ist es heute wahrscheinlich auch noch). Das departamento ist deshalb unsicher, weil dort heute noch Guerrilla und Paramilitärs präsent sind. Nah an der Grenze zu Ecuador ist es ein geeigneter Ort, um Drogen und andere Güter zu schmuggeln. Die Hauptstadt Nariños, San Juan de Pasto, eine Kleinstadt mit rund 380.000 Einwohner*innen, ist auch deshalb gefährlich, da sie fernab von jeglichen anderen großen Städten ist. Ganz nach dem Motto: was in Pasto passiert, bleibt in Pasto.

Warum tratt ich trotzdem am 4. Januar eine 18-stündige Busfahrt von Bogotá nach Pasto an?
Vom 2. bis zum 7. Januar findet in Pasto der zweitgrößte Karneval Kolumbiens (nach dem in Barranquilla) statt: Carnaval de Negros y Blancos (Karneval der Schwarzen und Weißen). Der Karneval hat seinen Ursprung in der Fusion verschiedenster Kulturen. Im Jahr 1546 wurde er das erste Mal zelebriert und wurde 2002 von der UNESCO als Immaterielles Kulturerbe ausgezeichnet.
Nach der langen Busfahrt kam ich am 5. Januar an, am día de los negros (Tag der Schwarzen). Dieser Tag ist den schwarzen Sklaven gewidmet, die nach Kolumbien kamen. 14% der kolumbianischen Bevölkerung sind Nachkommen der schwarzafrikanischen Sklaven. Heute leben viele Dunkelhäutige vor allem in den Küstenregionen des Landes. In Kolumbien gibt es sehr viel Rassismus und Diskriminierung gegenüber Schwarzen. Am 5. Januar in Pasto ist das nicht der Fall. An dem Tag malen sich die Menschen gegenseitig schwarz an. Motto des Tages ist: ¡Que vivan lxs negros! Ich wusste nicht, was mich beim Festival erwarten würde, war aber auf jeden Fall überrascht. Auf dem Plaza Nariño stürmten Menschen aufeinander zu, um sich bunte und schwarze Farbe ins Gesicht zu schmieren, Mehl wird herumgeworfen und Schaum gesprüht. Alle fünf Minuten sah ich anders aus. Nebenbei traten verschiedene Musikgruppen aus der Pazifikregion Kolumbiens auf zu deren Musik getanzt wurde. Ein Riesenspaß!

 

 

 

Am 6. Januar ist der Karnevalsumzug. Durch ganz Pasto ziehen Tänzer*innen, Musiker*innen und die verschiedensten Leute mit ihren bunten Karnevalswägen, einer umwerfender als der andere. Am Ende des Karnevals wird ein Gewinner für den einfallsreichsten Karnvealswagen gekürt und bekommt ein Preisgeld. In den ausgefallen, aufwendigen Wägen stecken Monate Arbeit drin! Kolumbiens kulturelle Vielfalt wurde in diesen Stunden ausgelebt. Tänze aus allen Regionen des bunten Landes. Kinder, Frauen und Männer, alle tanzten zusammen, sangen und feierten. Alle Menschen machten mit. Wenn kein Platz zum Tanzen in den Menschenmassen war, so musste mindestens mit dem Kopf oder dem großen Zeh mitgewippt werden. Ich war überwältigt von der Kultur, die an dem Tag präsentiert wurde. Der Carneval de Negros y Blanco ist ein tolles Ereignis, dass mir die Lebensfreude und Vielfalt Kolumbiens mal wieder gezeigt hat. Kolumbien verzaubert!

 

 

 

Nach so einem guten Start in die Reise ging es aufregend weiter. Nach dem Karneval stellte ich fest, dass einige Freunde von mir auch in Pasto waren. Wir unternahmen einen Ausflug zur Laguna de la Cocha. Während des Ausfluges stellten wir fest, dass wir die gleiche Reiseroute hatten und reisten die nächste Woche gemeinsam. Die schönen Zufälle des Lebens.

La Laguna de la Cocha ist ein 40km2 großer, natürlicher aus Gletschereis bestehender See, ca. 40 Minuten von Pasto entfernt. Nach der Laguna de Tota en Boyacá, die ich 2016 besuchte, ist sie die größte Lagune Kolumbiens und mit 2.800 Metern über dem Meeresspiegel auch die zweithöchste. El Encano, der letzte Ort vor der Lagune, ist voll mit Restaurants, touristischen Ständen und Verkäufer*innen. Vor Jahren kam wohl eine holländische Frau in den Ort und gestaltete die Häuser nach holländischem Stil. Ein kleiner, bunter Ort mit vielen Leckereien, die man probieren kann.

 

 

 

Von dort aus nahmen wir ein Boot zur Isla la Corota. Auf der Insel betritt man für einen Eintrittspreis das Naturreservat mit den verschiedensten Pflanzen. Während wir zum Aussichtspunkt liefen, wurden die Bäume um uns dichter und wir fühlten uns wie im tiefsten Dschungel!

 

 

 

La Cocha erinnert mich ein wenig an die künstlich angelegte Laguna de Guatavita, in der Nähe von Medellín. Auch hier zeichneten sich große Berge rund um uns herum in der Landschaft ab. Der Ausblick war wunderschön.

Am nächsten Tag ging es weiter nach Las Lajas, eine katholische Basilika, die Anfang des 20. Jahrhunderts gebaut wurde . Von Pasto aus nahmen wir den Bus nach Ipiales. Drei Stunden und eine 20-minütige Taxifahrt später, sahen wir die eindrucksvolle Kathedrale, die zwischen die Berge gebaut wurde. Schon vom Weiten, sah Las Lajas sehr eindrucksvoll aus! Für Kolumbien als sehr katholisches Land, ist es ein besonderer Ort, der sehr touristisch geworden ist. Im Ort gibt es geschmückte Lamas, mit denen Fotos gemacht werden können. Ein Restaurant folgt dem anderen und katholische Souvenirs, so wie Kreuz- und Jesusketten werden an jeder Ecke zu Hunderten verkauft. Rund um die Kathedrale sind in die Felsen lauter „Dankessteine“ eingebaut, mit denen Personen der Señora des Las Lajas, deren zu Ehren die Kathedrale erbaut wurde, für Gesundheit, Glück und Wunder danken.

 

 

 

Las Lajas ist ein beeindruckender Ort! Die Architektur der Basilika ist sehr interessant. In der Kathedrale gibt es ein kleines Museum zur Architektur und Geschichte der Kathedrale. Für mich wurde jedoch ein bisschen zu viel Wirbel um diesen Ort gemacht. Vielleicht hat es auch damit zu tun, dass ich als nicht-religiöse Person nicht den gleichen Zugang finde, wie viele andere katholische Menschen. Auch wenn es beeindruckend ist, die riesige Kathedrale zwischen den Felsen zu sehen und über die 20 Meter lange Brücke über die Schlucht zu laufen, lohnt es sich meiner Meinung nach nicht, extra dafür die lange Fahrt bis in den Süden Kolumbiens auf sich zu nehmen. Das mit dem Karneval in Pasto zu verbinden, war auf jeden Fall eine gute Idee!

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Das typische Foto von Las Lajas

Von Las Lajas aus ging es direkt weiter nach Ecuador. Ich hatte nicht damit gerechnet in den sechs Monaten Kolumbien zu verlassen und hatte nie ernsthaft darüber nachgedacht nach Ecuador zu reisen. Im Nachhinein war es eine tolle Idee und Ecuador hat mir in den wenigen Tagen, die wir dort verbrachten, sehr gut gefallen! Gerne würde ich wieder zurück und noch mehr des kleinen Landes kennenlernen.

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An der Grenze gab es drei verschiedene Schlangen zur Migration. Eine für Kolumbianer*innen, eine für Ausländer*innen und eine für Venezueler*innen. Die Krise in Venezuela ist in Kolumbien sehr präsent. Während meiner Zeit in Bogotá sah ich viele Venezueler*innen, oft in der TransMilenio um Süßigkeiten zu verkaufen oder anders Geld zu verdienen. Es ist ein sehr komplexes Thema!

Von Tulcán, dem ersten ecuadorianischen Ort nach der Grenze, sind wir 6 Stunden mit dem Bus in die ecuadorianische Hauptstadt Quito. Mit 2,2 Millionen Einwohner*innen ist es die zweitgrößte Stadt Ecuadors nach Guayaquil im Süden Ecuadors. Quito hat mich überrascht und begeistert! Ohne Erwartungen kam ich an, mit vielen Eindrücken verließ ich die vielseitige Stadt! Durch Kontakte kamen wir bei der Architekturstudentin Gisell und ihrer Familie in der Altstadt unter. Sieben Leute waren wir, die sie für zwei Nächte aufnahmen! Gastfreundschaft wird also auch in Ecuador groß geschrieben. Ihre Familie war sehr herzlich und offen, zeigte uns die Stadt und bereitete typisches Essen zu. Mein Favorit: empanadas verdes, meist mit Käse gefüllte Empanadas, deren Teig aus grünen Kochbanen zubereitet wird. Durch die Kochbananen sind die Empanadas ein bisschen süßer als die in Kolumbien typischen Maisempanadas.

Quito zeichnet sich durch seine große Altstadt aus, die 1978 als erste Stadt überhaupt zum UNESCO-Weltkulturerbe ernannt wurde. In der Altstadt gibt es sehr viele Kirchen und Klöster im Stil des kolonialen Barocks. Durch die Altstadt zu schlendern und die Architektur und das Treiben in den Straßen aufzunehmen, war sehr interessant. So kamen wir an einem Schokoladenladen vorbei, República del Cacao. Ecuador ist weltweit bekannt für seine qualitativ hochwertige Schokolade. In diesem Laden aß ich das beste Schokoeis meines Lebens! 70-prozentige Schokolade setzte in mir Dopamine frei! Ich habe noch nie so viele Glückshormone durch Schokolade in meinem Körper gemerkt, wie nach diesem Eis! Große Empfehlung!

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Das nächste Highlight war die Basílica del Voto Nacional. Ihre zwei Kirchtürme, die mich aufgrund des gothischen Architekturstils an Notre Dame in Paris erinnerten, ragen über die Stadt hinaus. Wenn man den Kirchturm besteigt, erwartet eine*n ein wunderschöner Ausblick über die Hauptstadt. 360 Grad-Panorama! Quito ist umgeben von Bergen an die sich die Wolken anzuschmiegen scheinen. Die Stadt ist riesig! Wohin man schaut, stehen Gebäude. Mich wundert es, dass „nur“ 2,2 Millionen Menschen hier leben.

 

 

 

Ein anderer sehenswerter Blick auf die Stadt ist vom Hügel El Panecillo aus. Mit dem Taxi fuhren wir hoch, wo uns eine riesige, 45 Meter hohe Jungfrauenstatue erwartete, die von der Altstadt aus zu sehen ist. Religion ist in Ecuador ein wichtiges Thema, gerade in Quito findet man viele katholische Kirchen. Gisell erzählte mir, dass anstatt der Jungfrauenstatue ein indigenes Monument auf den Hügel gebaut werden sollte. Ich fand es sehr traurig, dass die katholische Religion, die von den Spaniern ins Land gebracht wurde, die indigene Kultur (zumindest an diesem Ort) überschattete.
Vom Panecillo aus betrachteten wir den pastellfarbenen Sonnenuntergang über Quito.
In Quito gibt es noch viel mehr zu entdecken. Wir wären gerne mit der Teleférico gefahren, einer Seilbahn, die über Quito in die Berge führt. Leider hatten wir nur einen Tag in Quito, den wir jedoch gut genutzt haben.

Am nächsten Tag ging es mit dem Bus eine Stunde weiter zur Mitad del Mundo (Mitte der Welt). Wir liefen auf dem Äquator entlang, mal im Norden, mal im Süden der Welt. Gekennzeichnet ist der Äquator durch eine gelbe Linie, die genau genommen, nicht genau auf dem Äquator liegt. Mitten auf dem Platz steht ein 30 Meter hohes Monument mit einer 4,5 Meter Durchmesser Kugel, die die Erde symbolisiert. Vom Monument aus hat man einen wunderschönen Ausblick.
Das Monument liegt ca. 23 Kilometer nördlich von Quito und markiert den Ort, an dem Charles Marie de La Condamine mit einer französischen Expedition 1736 als erster Europäer eine (auf 240 m) genaue Position des Äquators bestimmte.
Gerade als wir das Monument bestiegen und im Museum waren, regnete es stark. Als wir wieder rausgingen, sahen wir einen intensiven Doppelregenbogen. Ein kleines Wunder mitten in der Mitte der Welt.

 

 

Rund um das Monument gibt es viel zu sehen. In dem kleinen Kolonialdorf, das drum herum gebaut wurde, gibt es Restaurants, Shops, ein Planetarium, ein Bier- und Schokoladenmuseum und auch einen Stall mit cuys (Meerschweinchen), die im Süden Kolumbiens und Ecuador Spezialität sind. Ich habe noch nie so riesige und überfütterte Meerschweinchen gesehen!
Interessant war auch das Ei, dass auf einer Spitze balanciert werden musste. Viel Geduld ist hierbei gefragt! Auf Äquatorhöhe ist die Erdanziehungskraft geringer, als auf dem Rest der Welt. Woanders wäre es unmöglich das Ei zu balancieren. Im Museum stand auch eine Waage, die anzeigte, wieviel man normalerweise wiegt und wieviel auf dem Äquator (zwei Kilogramm weniger).

 

 

Von Quito ging es mit dem Nachtbus weiter in den Westen Ecuadors, an die Küste.
Der Transport in Ecuador ist unheimlich günstig! Für eine 8-stündige Busfahrt zahlten wir 12 Dollar. Mir war vorher gar nicht bewusst, dass die Währung in Ecuador US-Dollar sind. Aufgrund zahlreicher wirtschaftlichen Krisen wurde 2000 der Sucre abgeschafft und der Dollar als offizielles Zahlungsmittel im Land eingeführt. Gerade der Transport und auch Nahrungsmittel sind günstiger als in Kolumbien. Für Kolumbianer*innen ist der Umtausch von Pesos in Dollar jedoch teuer.

Die letzten Tage der Reise verbrachten wir an der Küste Ecuadors ganz nach dem Motto „Vamos pa‘ la playa“ (definitiv Ohrwurm dieses Urlaubes!).
Den ersten Tag verbrachten wir in Mompiche und am Playa Negra. An der Pazifikküste Südamerikas sind die Strände oft sehr mineralhaltig. Der schwarze Sand, der funkelt und glitzert, ist sehr wertvoll aufgrund der vielen Mineralien. Aus ihm werden Computer und andere technologische Geräte hergestellt (so der Guide vom nächsten Tag).
Die Strandtage genossen wir sehr nach den vielen Busfahrten. Alle, sowohl meine kolumbianische Freunde, die von Natur aus morenxs (braun) sind, als auch ich, verbrannten uns mit der knallenden Sonne. Auf Äquatorhöhe kann ich gefühlt nur fünf Minuten in der Sonne sein, eh ich rot werde.
Abkühlung holten wir uns im salzigen Meer, dessen Wellen wilder sind, als an der karibischen Küste. Ein Paradies für alle, die surfen lieben.
Am nächsten Tag sind wir zum nächsten Strand, Portete. Wir hatten eine kleine Bootstour und lernten interessante Dinge über Flora, Fauna und den Ort.

 

 

Nach zwei Tagen Strand ging es schon wieder zurück zur Grenze. Das bedeutete wieder eine lange Busnachtfahrt. Unsere letzte Station auf dem Weg war das cementerio (Friedhof) in Tulcán. Nach einem kleinen Unfall einer Freundin, die umgeknickt war und von der ambulancia behandelt wurde, humpelten wir solidarisch zum Friedhof. Ich finde es immer ein bisschen merkwürdig Friedhöfe als touristische Attraktion zu besuchen. Dieser war in sofern besonders, da die vielen Büsche als indigene Figuren und Tiere beschnitten waren.

 

 

Mit einer letzten Nacht in Pasto nahmen mein Unifreund und ich die 18-stündige Busfahrt zurück nach Bogotá in Anlauf. Meine anderen Freunde flogen von Pasto aus zurück.
Im Bus rechneten wir aus, wieviel Busstunden wir in 10 Tagen hinter uns hatten. 65 Stunden! So schlimm und lang kam es mir gar nicht vor! Vielleicht auch, weil wir so viel erlebt und gesehen haben. Es hat sich auf jeden Fall gelohnt und ich bin froh, dass ich die Möglichkeit hatte, in so kurzer Zeit so viel zu sehen.

Wieder in Bogotá angekommen, merkte ich, wie sehr Bogotá ein Zuhause für mich geworden ist. Ich fühle mich wohl hier!
Deshalb fällt es mir umso schwerer schon in fünf Tagen Abschied von dieser tollen Stadt und Kolumbien zu nehmen. Mein Abenteuer in Kolumbien hört auf 😦 Am Freitag geht es nach Brasilien!

Weisheit des Tages: vom bunten Karneval in Pasto (¡Que viva Pasto, carajo!), die beeindruckende KathedraleLas Lajas  mitten in der Schlucht, Ecuadors vielseitige, lebendige Hauptstadt Quito bis zur pazifischen Küste Ecuadors. In zehn Tagen haben wir sehr viel erlebt! Die Reiselust in Südamerika wird wohl nie gestillt sein!

Feliz Navidad, Weihnachten in Kolumbien

– 184 Tage nach der Ankunft –

Mit reichlich Verspätung kommt heute noch ein kleiner Beitrag über die Weihnachtszeit in Kolumbien, auch wenn jetzt wohl niemand mehr an Weihnachten denkt. Es war das zweite Weihnachten, was ich in Kolumbien verbracht habe (das erste Mal 2015).

Etwas sehr Erstaunliches ist, wie Bogotá, je näher die Feiertage rücken, leerer und leerer wird. Die Millionenstadt wirkt wie ausgestorben und das bis Mitte Januar. Dann kehren die Menschen aus ihren Dörfern und entfernteren Städten wieder zurück. Die ersten Januartage war es wirklich schwer einzukaufen, weil kaum Läden geöffnet waren. Im Dezember flüchten die Menschen aus der Großstadt, um das Weihnachtsfest im Rahmen der Familie zu verbringen.
Trotzdem ist die Stadt mit übertriebenen Lichtern in den „neonsten“ Farben dekoriert. Blinken, Glitzern, Leuchten. Das Motto der Kolumbianer*innen in jeder Stadt. Überall wird man erschlagen von Lichterdekoration. Besonders auffallend ist es an der puente de Boyacá, an der man von der Strecke von Bogotá nach Tunja vorbeifährt. Rund um die glorreiche Brücke auf der angeblich die letzte große Schlacht Simon Bolívars stattfand, sind unzähliche Leuchtfiguren aufgestellt mit den weihnachtlichsten Motiven: Palmen, Schmetterlinge und mehr.

 

 

Obwohl Tannenbäume in Kolumbien eher selten zu finden sind, stellen sich so gut wie alle Kolumbianer*innen einen Plastikbaum mit vielen Lichtern und Hinguckern ins Wohnzimmer. Der Weihnachtsbaum ist eine deutsche Tradition ist, die sich im 19. Jahrhundert über die ganze Welt verbreitete und auch beim kolumbianischen Weihnachtsfest nicht fehlen darf.

In Kolumbien gibt es zur Weihnachtszeit zwei (christliche) Traditionen, die mir sehr gefallen.
1. Noche de las velitas. Am 7. Dezember trifft sich die Familie (oder Freunde) um velitas zu feiern. Ursprünglich wurde diese Nacht als „Unbefleckte Empfängnis der Jungfrau Maria“ gefeiert. Ich verbrachte den Abend mit der Familie einer Freundin in Bogotá und niemand wusste so wirklich, warum velitas eigentlich gefeiert wird. Gemeinsam aßen wir Burritos (nicht besonders typisch, weder für velitas, noch für Kolumbien) und als es dunkel war, zündeten wir viele Kerzen an. Beim Entzünden jeder Kerze, wünscht man sich etwas.

 

 

2. Novena. Neun Abende vor Weihnachten trifft sich die gesamte Familie zum gemeinsamen Beten und Essen. Jeden Abend findet die novena im Haus eines anderen Familienmitgliedes statt. Je nach Religiösität der Familie spielt das Beten mehr oder weniger eine Rolle. Für mich ist das Schöne, dass viel Zeit mit der Familie verbracht wird, wobei nach neun Tagen in Folge jede*r auch mal seine Ruhe will. Meine Gastfamilie in Tunja veranstaltete letztes Jahr leider keine novena. Dafür versammelten sich in meinem barrio jede Nacht Nachbarn und beteten und aßen gemeinsam. Einen Abend verbrachte ich mit Natalia und Martin und deren Familie.

Ich bin zwar nicht religiös und Weihnachten war für in meiner Familie nie ein christliches Fest, aber ich finde es schön zu sehen, wie der Dezember sowohl in Deutschland, als auch in Kolumbien dazu genutzt wird, Zeit mit der Familie zu verbringen. Das ist natürlich von der Familie abhängig.

Ich hatte mich sehr gefreut zwei Wochen im Dezember in Tunja mit meiner Gastfamilie zu verbringen. Tunja ist für mich ein Ort, wo ich mich vom Großstadttrubel Bogotás in familiärer Atmosphäre erholen kann.
Ein weiterer Grund Tunja im Dezember zu besuchen, sind die Konzerte, die einige Tage vor Weihnachten stattfinden. Wie genau die alcaldía (Stadtregierung) das jedes Mal organisiert bekommt, sowohl bekannte nationale, als auch internationale Musiker*innen nach Tunja zu locken, frage ich mich immer noch. Sechs Abende fanden Konzerte statt. Jeder Abend war einem Musikgenre gewidmet, z.B. Rock, Vallenato oder Popular. Die Konzerte sind gratis, abgesehen vom VIP-Bereich, in dem eine Karte umgerechnet 7€ kostet. So bekam ich 2018 die Chance unter anderem Manu Chao, Manuel Turizo, Paola Jara und Kevin Florez zu sehen. Mit den Namen könnt ihr vielleicht nicht wirklich etwas anfangen, in Kolumbien sind das bekannte Sänger*innen. Ich habe mich vor allem gefreut Manuel Turizo zu sehen, da ich seine Musik schon seit einigen Jahren sehr gerne mag. Der französische Sänger Manu Chao ist auch in Europa sehr bekannt. In einem älteren Blogbeitrag habe ich über ihn geschrieben. Ich war begeistert von seinem Auftritt!

In Kolumbien wird Weihnachten nur am 24. Dezember spät in der Nacht gefeiert. Es ist ein ganz normaler Tag bis man sich 20 oder 21 oder vielleicht sogar 22 Uhr mit der Familie trifft. Der Abend besteht eigentlich darin, dass alle bis 0 Uhr warten, woraufhin wilde „FELIZ NAVIDAD“-Rufe aller und Umarmungen ausbrechen. Die Kinder leiden ein wenig, da sie den ganzen Abend die Geschenke unter dem Baum liegen sehen und Stunden warten müssen, eh sie auspacken dürfen. Ein typisches, nationales Weihnachtsessen für den Tag gibt es nicht. Das variiert von Familie zu Familie. Was bei meiner Familie nicht fehlen darf: Reis.
0 Uhr ist Bescherung und anschließend wird bis in die Nacht hinein getanzt, getrunken und gefeiert.

 

 

Ich hatte leider eine Mandelentzündung und war nicht wirklich in Tanzlaune, was die Onkels und Tanten nicht davon abhielt, mich trotzdem zu den Klängen von Merengue, Vallenato und Salsa durch den Raum zu wirbeln.

Auch wenn ich mich ein bisschen dagegen sträube, vergleiche ich nach solchen Ereignissen ganz automatisch kolumbianisches und deutsches Weihnachtsfest. Was ich aus meinen Erfahrungen feststelle, während der Dezember in Deutschland für mich der ruhigste Monat des Jahres ist (abgesehen vom Geschenke- und Konsumstress), in dem man Zeit mit der Familie verbringt und in den letzten Tagen des Jahres sich vom Trubel des Jahres erholt, ist in Kolumbien Weihnachten die Party des Jahres. Die Entspannung beginnt dann erst im Januar. Weihnachten in Deutschland ist für mich Harmonie, Entspannung, Familienzeit. In Kolumbien ist es Party, Musik, Tanzen und Alkohol (gut. auch das spielt beim deutschen Weihnachtsfest eine große Rolle).

El Año Nuevo wird in Kolumbien mit der Familie verbracht. Hier dreht sich der Spieß um. Während ich Silvester als die Party des Jahres sehe, die überwiegend mit Freunden gefeiert wird, ist es in Kolumbien ein Familienfest und verhältnismäßig ruhig. Es gibt einige Traditionen zum Neuen Jahr, die teilweise den spanischen ähnlen.
1. 0 Uhr werden mit jedem Glockenschlag 12 Weintrauben gegessen. Beim Schlucken jeder Traube wünscht man sich etwas.
2. Wer in der Neujahrsnacht gelbe Unterwäsche trägt, erhält Glück fürs Neue Jahr.
3. Mit ein bisschen Geld in den Hosentaschen ist der Geldfluss fürs Neue Jahr gesichert.
4. 0 Uhr geht man mit einer Reisetasche raus und läuft eine Runde um die Häuser. Damit wird man im neuen Jahr viel reisen. Das habe ich gleich mal ausprobiert!

Am 1.1 habe ich mir ein bisschen Zeit genommen und bin in die umliegenden Berge Tunjas gegangen. Für mich war es ein aufregendes Jahr, in dem ich sehr viel gelernt und erlebt habe! Ich bin gespannt, was mich 2019 erwartet. Das Jahr fing gut an mit einer Reise in den Süden Kolumbiens und Ecuador! Bald mehr dazu.

 

 

Ich wünsche allen ein spannendes 2019!

Weisheit des Tages: Vor allem der Monat Dezember mit den Weihnachts- und Neujahrstraditionen ist in Kolumbien und Deutschland sehr unterschiedlich. In Kolumbien wird jeder Tag zum Feiern genutzt. In Deutschland erlebe ich eher eine ruhige, harmonische Atmosphäre. Dieses Jahr gerne wieder in Deutschland!

Bombenattentat in Bogotá und Kolumbiens Bild

– 179 Tage nach der Ankunft –

Nach einer sehr langen Pause melde ich mich mal wieder. Wie immer ist sehr viel passiert, bei mir, im Streik und in Kolumbien.

Heute schreibe ich über ein Thema, was ich für sehr wichtig halte!
Am 17. Januar wurden durch eine Autobombe in der General-Santander-Polizeioffiziersschule im Süden der Hauptstadt, 21 Menschen getötet und 68 Menschen verletzt. Bei der Tat handelte es sich um ein Attentat durch die linke Guerrillagruppe ELN. Auch der Täter, unter dem Kämpfernamen Mocho Kico bekannt, starb. 17 Jahre lang war er Sprengstoffexperte der letzten Guerrillagruppe Kolumbiens, die 1.500 Mitglieder*innen zählt. Präsident Duque hat drei Tage Staatstrauer ausgerufen.
Für Kolumbien ist es ein großer Rückschlag. Nach dem „Frieden“ mit der FARC, der größten Guerrillagruppe Kolumbiens, im Jahr 2016, schien der Bürgerkrieg in Kolumbien sich zu beruhigen. Leider ist die FARC nicht die einzige Gruppe, die aktiv war. Wie das Attentat sich das auf die in Kuba laufenden Friedensverhandlungen mit der ELN auswirken wird, bleibt abzuwarten.

In den deutschen Medien wurde umfangreich über den Anschlag berichtet. Ein Attentat hat natürlich ein internationales Interesse in Zeiten des internationalen Terrorismus. Diese Meldung passt auch noch perfekt in das Bild Kolumbiens rein. Tote, Verletzte, Anschlag, Gewalt und Guerrilla.
Als ich Donnerstagmorgen von dem Attentat mitbekam, fragte ich mich, ob wohl auch in Deutschland darüber berichtet werden würde. Natürlich!
Was passiert ist, ist schrecklich und zeigt, dass Kolumbien noch einen langen Weg vor sich hat, eh wirklich Frieden einkehrt. Ich bin sehr traurig und denke an die Betroffenen des Attentates. Ein Freund erzählte mir, er kannte einen der gestorbenen, jungen Polizeischüler.

Es ist eine Meldung, die Menschen schockt und in ihrem Denken über Kolumbien bestätigt. Mich macht es traurig, dass über so viele andere wichtige Themen aus diesem vielfältigen Land nicht berichtet wird.
Am Donnerstag sollte eine Demonstrationen der Studierenden stattfinden. Aufgrund des Attentates wurde sie auf den 24. Januar verschoben. Eine von vielen weiteren Demos im Studierendenstreik. Nachdem am 10. Dezember ein Abkommen mit der Regierung ausgehandelt wurde und das Geld für die nächsten vier Jahre den Universitäten bestätigt wurde, haben sich die Studierenden nun zum Ziel gesetzt so lange zu streiken, bis das Universitätsgesetz der 90er Jahre geändert und die ESMAD (Spezialeinheit zur Aufstandsbekämpfung) abgeschafft wird. Aufgrund der gewaltvollen, agressiven Eingriffe der ESMAD wollten die Studierenden am Donnerstag streiken. Eine institutionelle Einrichtung abzuschaffen, ist leider ohne fehlende Unterstützung der gesamten Bevölkerung sehr unrealistisch.

Mich machte es sehr traurig, dass solche Schockernachrichten sofort in den deutschen Medien erscheinen und der Studierendenstreik, der seit drei Monaten mit Enthusiasmus der Studierenden und Unterstützung von Teilen der Bevölkerung geführt wird, nicht erwähnt wird. Um dem entgegenzuwirken, schrieb ich einen Artikel für das Lower Class Magazine  und ein Interview für die Junge Welt. Solche Nachrichten schaffen es leider nicht in die „großen“ Medien.

Aufgrund des Bombenanschlages und der anhaltenden Gewalt in Kolumbien schrieben einige Fakultäten der Universidad Nacional de Colombia an die Rektorin der Universität, dass sie so lange keine Klassen fortsetzen werden, bis sie in einem friedvollen Land leben und studieren werden.
Ob das wirklich umgesetzt wird, bezweifle ich. Planmäßig wird morgen das Semester fortgesetzt. Am Dienstag gibt es eine reunión mit der gesamten Universität um zu entscheiden, wie es weitergeht im Streik.

Weisheit des Tages: Es wird noch dauern, bis wirklich bedingungsloser Frieden in Kolumbien herrscht. Bis es so weit ist, werden große Teile Kolumbiens Bevölkerung die Hoffnung nicht aufgeben.

Paraglyding in Chicamocha und Bucaramanga

– 128 Tage nach der Ankunft –

Wieder ist viel passiert! Demnächst gebe ich euch ein kleines Update, was hier gerade in Bogotá so passiert, wie mein „Alltag“ im Streik aussieht und wie sich die ganze Situation entwickelt.
Heute berichte ich euch von der letzten Reise, die ich unternommen habe, durch die ich mich noch einmal ein bisschen mehr in Kolumbien verliebt habe. Ich konnte mir einen kleinen Traum erfüllen! Paraglyden!

Letzten Mittwoch bin ich nach Tunja und habe einige Tage mit meiner Familie und Freunden verbracht. Ich war schon lange nicht mehr in Tunja und habe die Tage sehr genossen. Am Freitag war ich bei der reunión der Freiwilligen der fundación und habe über den nationalen Studierendenstreik und meine Erfahrungen gesprochen (dazu bald mehr!). Am gleichen Tag kam Lucas, ein deutscher Freund, der für zwei Semester an der Nacho studiert und das „Landleben“ in Tunja und meine Gastfamilie kennenlernen wollte. Nach typischem Essen und vielen Gesprächen über Kolumbien mit meiner Gastfamilie, sind wir am Samtag mit dem Bus vier Stunden nach San Gil gefahren.

San Gil ist eine kleine Stadt mit rund 45.000 Einwohner*innen und liegt im Departamento Santander. Bekannt für den Extremsport, den man dort betreiben kann, besuchte ich es 2016 und habe mit Freunden eine Höhlentour in die cueva de la vaca unternommen. Damals wollte ich schon gerne parapente (Paraglyding) ausprobieren, meine Mitfreiwilligen hatten diese Erfahrung aber bereits gemacht. Fast drei Jahre habe ich also darauf gewartet und war total aufgeregt, als wir die Tour für Sonntag gebucht hatten. Den Samstag ließen wir im Park von San Gil ausklingen. Dort lernten wir zwei Venezulaner kennen, die selbstgemachte Armbänder verkauften. Eine Weile haben wir uns über die Situation in Venezuela und ihre Pläne unterhalten. Ich fühlte mich ziemlich schlecht, ihre Geschichte zu hören, während ich eine spontane Reise unternahm, weil meine Partneruni im Streik ist. Trotzdem war es eine schöne Begegnung und die beiden meinten, sie mochten unsere buena energía, die sie ansteckte.
Am Sonntag um 9 Uhr sind wir zwei Stunden in den Nationalpark Chicamocha, auch Panachi genannt, gefahren. In der Tour enthalten waren der Transport in den Park und das Paraglyding (160.000 Pesos entspricht ca. 50€). Schon auf der Fahrt konnten wir erahnen, was uns Tolles erwarten würde. Während wir die Straße entlangfuhren, öffnete sich neben uns die Schlucht des Chicamocha Canyons. 227 Kilometer lang und 2.000 Meter tief, somit noch tiefer als der Grand Canyon in den USA. Ein wahres Naturspektakel!

Paraglyden: Mit einem Guide hinter mir, stürzten wir uns in die Schlucht! Ich konnte es gar nicht richtig glauben, meine Beine in der Luft baumeln zu sehen, unter mir der Fluss Chicamocha, der sich zwischen den Bergen entlangschlängelt. Wohin ich blickte, waren die gewaltigen Berge und Felsen des Canyons zu sehen. Immer höher stiegen wir mit dem Gleitschirm, bis wir durch eine Wolke flogen. Fliegen und frei sein! Frei habe ich mich gefühlt und versuchte so viel Aussicht, wie möglich in mir aufzunehmen. Nach 25 Minuten Flug fragte ich meinen Guide, ob wir cosas locas (verrückte Dinge) machen könnten. Dann ging das Adrenalin los! Er fing an unseren Gleitschirm hin und her zu bewegen, wir waren kopfüber und drehten einige Achten in 2.000 Meter Höhe!

Nach dem Erlebnis musste ich erstmal durchatmen! Ich hatte gerade pures Glück erlebt, so hatte es sich angefühlt.
Lucas und ich sind nach dem Paraglyden von dem Punkt aus in den Parque Chicamocha, ein reiner Vergnügungspark mitten in der Natur, mit einem Wasserpark, Riesenschaukeln, Virtual Reality, 3D-Kino, Rutschen und vielem mehr. Wir wollten nur mit der Seilbahn ins nächste Dorf, mussten jedoch um diese zu benutzen, die 50.000 Pesos (15€) Eintritt pro Person zahlen, nur um mit der Seilbahn zu fahren. Den Preis (ziemlich teuer für Kolumbien) wollten wir voll ausnutzen und fingen an witzige Tourifotos zu machen.

Mit der Seilbahn ging es 6,3 Kilometer, eine halbe Stunde durch das Tal, um in das Dorf Mesa de Los Santos zu gelangen. Da es schon 17 Uhr war und wir noch keine Unterkunft für die Nacht hatten, bemühten wir uns eine zu finden. Der Zufall wollte es so, dass uns ein Fahrer, der ein Pärchen nach Bucaramanga brachte, mitgenommen hat. Das Pärchen hat uns ihr Handy gegeben und wir suchten uns ein Hostel raus, das uns sehr gut gefallen hat, mit modernen Etagenzimmern, Dusche unter freiem Himmel und einem Jacuzzi, den wir jedoch nicht benutzten. Am nächsten Tag sollten wir Bucaramanga erkunden.

Bucaramanga ist die Hauptstadt des Departamentos Santander und mit 1,1 Millionen Einwohner*innen die fünftgrößte Metropole Kolumbiens (nach Bogotá, Cali, Medellín und Barranquilla). Dort mussten wir feststellen, dass es sinnvoll sein kann, sich vorzubereiten, wenn man die Stadt an nur einem Tag kennenlernen möchte. Nachdem wir im centro histórico angekommen sind, ließen wir uns ein bisschen durch die belebten Straßen treiben. An jeder Ecke wurde alles Mögliche verkauft, Fernbedienungen, Babyschuhe, Früchte und Spielzeug. Irgendwie sind wir dann im casa de las culturas gelandet, ein schönes Gebäude, in dem in verschiedenen Sälen Tanz- und Musikkurse angeboten werden, Ausstellungen zu sehen sind und eine Bibliothek. Irgendwie sind wir dort mit einem netten Organisator der Kulturprogramme ins Gespräch gekommen, der uns eine halbe Stunde etwas zur Geschichte Santanders erzählte. Seine Begeisterung dafür, dass wir deutsch sind, erklärte sich mit der Geschichte Santanders. In Santander gab es deutsche Migranten, die die Kultur mitbestimmten. Noch heute gibt es in Santander mehrere Menschen, die helle Haare, Haut und Augen haben und um die 20 deutschen Nachnamen, wie z.B. Schneider. Das erste Bier in Kolumbien, wurde in Santander in einer deutschen Brauerei gebraut. Die Braukultur wurde von Santander aus in die anderen Departamentos verbreitet. Heute kann man sich die Ruinen der ersten Brauerei Kolumbiens in Bucaramanga ansehen.

Uns wurde empfohlen den mercado kennenzulernen. Auf vier Etagen findet man alles, was man braucht in den alten Markthallen! Dort aßen wir für 7.000 (ca. 2€) Mittag und tranken frisch gepressten jugo (Saft) an einem Stand. Ich war ziemlich beeindruckt von dem Ort! In der 1. Etage gab es Gemüse, in der 2. Obst, in der 3. Fisch und Fleisch und in der 4. die Restaurants und alles, was thematisch nicht in die anderen Etagen passt (Kleidung, Küchenutensilien, Massageöl).

Danach wollten wir die Stadt noch von oben sehen, da Bucaramanga sehr viele Hochhäuser hat! Unser Ziel war el cerro el santísimo, ein Aussichtspunkt mit einer Heiligenfigur. Da wir 8 Kilometer entfernt waren, entschieden wir uns ein Taxi dorthin zu nehmen, unser Taxifahrer meinte jedoch, es würde sich nicht lohnen dort hinzufahren, da wir 20.000 pro Person zahlen müssten, um auf den Aussichtspunkt zu kommen. Er, als Einheimischer, hatte einen viel besseren Plan für uns. Für 30.000 Pesos wollte er uns zu einem Aussichtspunkt in der Nähe des Flughafens bringen. Ich hatte schon von Anfang an kein gutes Gefühl dabei und der Taxifahrer erschien mir nicht besonders vertrauenswürdig. Trotzdem ließen wir uns zu seinem Geheimtipp fahren. Wir fuhren und fuhren und fuhren, bis wir komplett aus der Stadt raus waren und das nächste Dorf an uns vorbeizog. An seinem Punkt angekommen, konnte man Bucaramanga in 6 Kilometer Luftlinie erahnen. Wow! Was für ein toller Geheimtipp 😀 Bucaramanga von oben und ganz weit weg. Wir nahmen die Sache mit Humor und notierten uns für die nächste Reise uns vorher mehr zu informieren und keinen Taxifahrern zu trauen.

Montag abend ging es im Bus zurück nach Bogotá. 18 Uhr verließen wir Bucaramanga und kamen 4 Uhr morgens in Bogotá an. Ein Gefühl von nachhause kommen 🙂

In drei Tagen konnte ich viel erleben und tolle Erfahrungen sammeln. Paraglyden kann ich jetzt von meiner bucketlist abhaken und mich noch lange an die tollen Momente zurückerinnern.

Weisheit des Tages: Santander ist einen Besuch in Kolumbien wert. Nicht nur das Angebot an Extremsportarten, sondern auch die wunderschöne Natur, malerische Dörfer (Barichara!) und die Metropole Bucaramanga lohnen sich!

Abenteuer im Amazonas und Tanzen im Regenwald

– 112 Tage nach der Ankunft –

Ein kleiner Traum ist in Erfüllung gegangen. Im Regen im Amazonas tanzen, mitten in der Wildnis zwischen Bananenbäumen, Affen und Urwaldgeräuschen!

Meine Eltern und meine Geschwister haben mich Mitte Oktober für zwei Wochen besucht.
Die gemeinsame Zeit mit meiner Familie begann in Tunja. Einen Tag sind wir nach Boyacá gefahren und haben mit meiner Gastfamilie zusammen Mittag gegessen. Für mich ein sehr besonderer Moment, weil meine beiden Familien wie schon im März 2016 aufeinandertrafen. Trotz Sprachbarrieren war es ein schöner Nachmittag. Sprache scheint in manchen Situationen gar nicht so wichtig. Die Menschen werden dann kreativ und kommunizieren über andere Wege.
Der nächste Tag war für mich auch ein sehr besonderer. Einen Tag lang zeigte ich meiner Familie mein Leben in Bogotá, wo ich wohne, wo ich einkaufe, die Uni, wo ich am Liebsten tinto (Kaffee) trinke und die kleinen Dinge aus meinem kolumbianischen Alltag. In der Uni wurden wir herzlich empfangen, wohl eher zufällig, aber das minderte die Herzlichkeit jedoch nicht im Geringsten. Meine kubanische profe und ein anderer profe haben uns gleich auf einen tinto eingeladen und waren sehr interessiert an den vier großen, blonden Menschen. Ein wohliges Gefühl breitete sich in mir aus. Wieder mal wurde unter Beweis gestellt, wie herzlich und offen Kolumbianer*innen sein können. Nach den zwei Tagen ging die große Reise los!
Vom tiefsten Süden, den letzten Zipfel Kolumbiens an der Grenze zu Peru und Brasilien, über die berühmte Metropole Medellín bis nach San Andrés reisten wir. Von meiner Reise vor zwei Monaten nach San Andrés und Providencia berichtete ich vor kurzem.

In den Amazonas bin ich bisher nie gereist und war umso aufgeregter, als es von Bogotá mit dem Flieger nach Leticia ging. Schon als wir aus dem Flieger ausstiegen, legte sich die klebrig, feuchte Hitze um uns. Leticia ist die Hauptstadt des departamentos (Bundesland) Amazonas. Mit knapp 40.000 Einwohner*innen ist es die größte, kolumbianische Gemeinde im Amazonas-Gebiet.
Noch am ersten Abend konnten wir ein tolles Ereignis auf dem Hauptplatz der Stadt bestaunen! Kurz vor der artadecer (Sonnenuntergang) kehren jeden Abend Hunderte, vielleicht sogar tausende, grüne Papagein in die Bäume des Hauptplatzes zurück, um dort geschützt vor natürlichen Feinden, die Nacht zu verbringen. Es war ein wahres Naturspektakel. Über uns kreisten unzählige Vögel, die alle zusammen ein lautstarkes Orchester bildeten, sodass man sich untereinander kaum verstehen konnte.

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Am nächsten Tag startete das Dschungelabenteuer mit dem schönen Nebeneffekt eines Digital Detox, den ich (als angehende Medienwissenschaftlerin) sehr genossen und reflektiert habe 😀
Die nächsten Tage verbrachten wir in der Gemeinde Mocaguas, mit dem Boot 1:40 Stunde von Leticia entfernt. In Mocaguas leben Menschen aus fünf verschiedenen Ethnien zusammen. Jede indigene Ethnie spricht ihre eigene Sprache und lebt nach eigenen Traditionen, doch trotzdem leben alle in einer Gemeinschaft zusammen, in der untereinander Spanisch gesprochen wird. Die Gemeinschaft organisiert sich über einen Rat aus sechs Personen bestehend, der gewählt wird. Die Person, die das sagen hat und vom Rat unterstützt wird, hat die Funktionen eines Bürgermeisters. Die größte indigene Gemeinschaft sind die Ticunas. Wir sind die nächsten Tage bei einer Familie der Ticunas untergekommen. Sehr spannend, denn so haben wir einiges über die Kultur und die Geschichte des Stammes gelernt.
Ich sehe diese Art von Tourismus jedoch auch kritisch. Ich frage mich, inwiefern Touristen dort wirklich die wahre Kultur und indigene Traditionen kennenlernen. Es hat für mich ein wenig etwas von Showtourismus. Tourismus ist für die Menschen mittlerweile eine große Einnahmequelle und trotzdem möchte ich keine Ausbeutung unterstützen, denn Tourismus kann auch sehr viel kaputt machen. Gerade kulturelles Gut kann dadurch zerstört werden.
Die Tage mit unserem Guide Barto und seiner Familie haben uns sehr gefallen und ich hatte das Gefühl er und seine Familie haben Freude an ihrem Job.
Trotzdem denke ich, dass ein solcher Aufenthalt reflektiert werden sollte. Durch den kommenden Tourismus in der Gemeinde Mocaguas wurde zum Beispiel auch ein Gesetz erlassen, dass die Einwohner*innen von Montag bis Freitag keinen Alkohol trinken dürfen. Gerade in ländlichen Gegenden haben viele Menschen ein Alkoholproblem in Kolumbien.

Oft merke ich, wenn ich in Südamerika reise, dass mich die Menschen ganz anders behandeln, wenn sie merken, dass ich Spanisch spreche und gerade im Land wohne. Es ist möglich eine ganz andere Verbindung zu den Menschen aufzubauen und so kommen auch manche Unterhaltungen zustande, die ohne Spanischkenntnisse nicht möglich gewesen wären.

Nach einem kleinen Rundgang durch das Dorf, in dem wir die Riesenseerosenblättern im Teich, die primaria (Grundschule) und die bunten Häuser (jedes Haus hat Bemalungen, aus denen sich schließen lässt, was deren Bewohner*innen beruflich machen oder mögen) gesehen haben, ließen wir den Abend ausklingen mit einem Bad im Amazonas, bei dem wir uns den traumhaft schönen Sonnenuntergang ansahen.

 

An die Piranhas, Schlangen, Stachelrochen und wer weiß was noch im Wasser herumtummelt, sollte man besser nicht denken. Stattdessen genossen wir die traumhaft schöne Aussicht.

 

Die indenge Familie, bei der wir unterkamen, führen eine Stiftung, in der sie misshandelte Affen aufnehmen, aufpäppeln und auswildern. Viele Menschen halten sich Affen als Haustiere, die darunter sehr leiden können. Seit 2003 haben sie schon 700 Affen in die Wildnis gelassen. Wir haben einige Momente mit den Affen July, Helena und Camilo verbracht und waren total verzaubert von ihnen.

 

So richtig spannend wurde die Wanderung in die selva (Wildnis), die vier Stunden dauern sollte. Wir großen Europäer taten uns ziemlich schwer in der Hitze mit langen Klamotten (als Mückenschutz) über Stock, Wurzel und Überraschungen auf dem Boden zu laufen. Barto zeigte uns viele Tiere und medizinische Pflanzen, die die Indigenen noch heute nutzen. Flüsse und Bäche überquerten wir über natürliche Brücken, mehr oder weniger stabile Baumstämme, die von einem Ufer ans andere reichten. Da wir uns so sehr konzentrieren mussten, nicht auszurutschen, zu stolpern oder hinzufallen, konnte man gar nicht seine Umgebung so sehr genießen und wahrnehmen. Wir befanden uns im Primärwald, der nie berührt wurde und dementsprechend für uns viele interessante Pflanzen, Tiere, Geräusche und Geschichten beherbergte. So kämpften wir uns durch den Dschungel, vorne voran stets Barto mit seiner Machete um uns den Weg freizuräumen.

 

Nach vier Stunden kamen wir dann an der Hütte an, die Bartos Familie gehört. Die Hängematten wurden aufgehängt und fertig war unsere Unterkunft für die nächste Nacht. Da fing es auch schon an wie aus Eimern zu schütten. Anstatt uns unter dem Dach zu verkriechen, fingen wir an im Regen zu tanzen, mitten im Urwald, umgeben von nichts als exotischen Tieren, Pflanzen und den Geräuschen des Amazonas. Vielleicht ein bisschen kitschig, aber für mich ein toller Moment!

 

Abends war eine kleine Nachtwanderung geplant. Bis zum Gesicht von Kleidung bedeckt, damit so wenig Mücken wie möglich uns angreifen konnten, liefen wir ausgestattet mit Handytaschenlampe durch den Dschungel. Mir wurde bewusst, wie wenig wir für die Gegend geschaffen sind und wie unsicher wir uns bewegten, schon am Tag unsicher, umso mehr in der Nacht.
Highlight der Nachtwanderung: einen Moment lang schalteten wir die Lichter aus und konnten am Boden Sterne erkennen. Es war als ob uns der Himmel zu Füßen liegen würde. Wohin wir sahen, waren helle Punkte zu erkennen. Barto erklärte uns, dass das von Pilzen befallene Blätter wären, was dem Bodenhimmel den Zauber nicht nahm.
Nach so einem anstrengenden Tag konnte die Nacht in der Hängemätte beginnen. Barto erzählte uns bei Kerzenlicht einige, spannende Geschichten seines Stammes der ticunas und bald waren alle eingeschlafen. Am nächsten Morgen wurden wir von den Geräuschen des Dschungels wach. Ein bisschen in der Hängematte liegen, sich von den Klängen wecken lassen und die hohen Bäume um uns herum betrachten.

Nach einer solchen schönen Wildniserfahrung, bestritten wir den Heimweg in die Dorfgemeinschaft. Da es so viel geregnet hatte, mussten wir mit einem Boot ein Ufer überqueren. Meine Mutter und ich fuhren mit Barto und dem Boot vor, um die anderen einzusammeln, die vorgelaufen waren. Als wir im Boot saßen, konnten wir die Umgebung richtig wahrnehmen. Die Laute um uns herum und die verschiedenen Bäume, die man beim Laufen gar nicht richtig angucken kann. Wir sahen sogar einige wilde Affen von Baum zu Baum schwingen.
Auf dem Rückweg ins Dorf fing es wieder stark an zu regnen. Mit meiner Tollpatschigkeit musste es dann so weit kommen, dass ich auf einem nassen Baumstamm ausrutschte und mit meinem Gesicht auf einen anderen Baumstamm am Boden aufprallte . Mit einer mehr oder weniger leichten Gehirnerschütterung, die über eine Woche anhielt und einer Dschungelnarbe auf dem Kopf, habe ich den Dschungel überlebt! Der Dschungel hat mich zutiefst erschüttert, aber ich überlebte(haha).

Am letzten Tag bastelteten wir mit der Familie gemeinsam artesenles (Kunsthandwerk, in unserem Fall Armbänder). Mit dem Boot fuhren wir nach Puerto Nariño, einer größeren Gemeinde, die dank des Bürgermeisters sehr auf die Umwelt bedacht ist. Aus Plastikflaschen werden dort Mülleimer und Kunst gebastelt. Im gesamten Dorf, dass circa 8.000 Einwohner*innen zählt, gibt es nicht ein Auto oder Motorrad.
In der Nähe von Puerto Nariño gibt es einen kleinen Nebensee des Amazonas, in dem wir graue und auch rosafarbene Delfine sehen sollten. Die konnte man mehr oder weniger gut sehen. Nur für einen kurzen Augenblick kommen die Delfine aus dem Wasser. Die grauen Delfine, die nur bis 1,50 Meter lang werden, springen leicht aus dem Wasser, um Luft zu holen. Die rosafarbenen Delfine, die bis zu 3 Meter lang werden, zeigen sich nur kurz. Mit meinem angeschlagenen Kopf fiel es mir ziemlich schwer auf das sich bewegene, wölbende Wasser zu konzentrieren, aber einige Delfine konnten wir sehen.
Auf der Bootsfahrt zurück in die Gemeinschaft, hatten wir sogar noch ein kleines Angelerlebnis. Ein Fisch sprang Janin, unserer deutschen Übersetzterin, die uns die ganze Zeit begleitete, direkt ins Gesicht und hat somit sein Schicksal selbst besiegelt.

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Sehr aufgeregende Tage, die wir im Dschungel erlebten! Ich bin sehr dankbar für diese Erfahrungen und wieder mal fasziniert von Kolumbiens Viefalt.

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Weisheit des Tages: im Dschungel kann man schonmal an seine eigenen Grenzen stoßen, ob durch unheimliche Tiere, ungewohnte Situationen oder körperliche Anstrengung. Wenn man die aber erst einmal überwunden hat, wird einem eine neue Welt offenbart!

Drei Jahre Kolumbien und so viel Heimat

– 87 Tage nach der Ankunft –

Vor drei Tagen, am 17. Oktober, war ein für mich ganz besonderer Tag. Genau drei Jahre ist es her, dass ich das erste Mal kolumbianischen Boden betreten habe. Wenn ich das so schreibe, erschreckt es mich ein wenig, wie viel Zeit doch vergangen ist! Drei Jahre ist dieses Land schon ein ganz besonderer Teil von mir. Ich bin so glücklich, dass ich damals meine Vorurteile und Bedenken überwunden habe und mich dazu entschieden habe, die große Reise anzutreten.

In drei Jahren passiert viel! Ich habe mich sehr entwickelt und Kolumbien und die Erfahrungen, die ich hier gemacht habe, hatten großen Anteil daran. Auch im Land hat sich viel verändert. Seit 2016 ist der Friedensvertrag mit der FARC in Kraft getreten und Kolumbien entwickelt sich immer weiter. Seit drei Jahren verfolge ich mit, was in diesem einzigartigen Land passiert und das, obwohl ich vorher nicht einmal genau wusste, wo in Südamerika es liegt und was dort eigentlich passiert.

Ich bin demasiado feliz (unglaublich glücklich), dass ich die Möglichkeit habe, nochmal für längere Zeit hier zu leben und eine andere Seite Kolumbiens kennenzulernen. Durch das Auslandssemester habe ich sehr viel über die Politik, Gesellschaft und Strukturen in Kolumbien gelernt. Ich genieße das Leben in Bogotá sehr und jetzt, wo die Halbzeit anfängt (nein!), kommt die Panik auf. Nur noch drei Monate und ich muss Kolumbien schon wieder verlassen 😦

Vor zwei Jahren als mein Freiwilligendienst zu Ende war, habe ich mir fest vorgenommen nochmal in Kolumbien zu leben und diesen Traum erfülle ich mir gerade. Nach drei Monaten in Bogotá bin ich voll und ganz angekommen. Trotzdem habe ich nach wie vor eine starke Bindung zu Tunja. Kolumbianer*innen schmunzeln immer, wenn ich erzähle, dass ich in Tunja gelebt habe. „Tunja? Warum ausgerechnet Tunja?“
Mindestens einmal im Monat verlasse ich über das Wochenende Bogotá, um nach zwei Stunden grüner Bergfahrt in der Kleinstadt anzukommen und ein Stück zuhause zu fühlen. Jedes Mal, wenn ich nach Tunja fahre, spüre ich Freude im ganzen Körper. Wenn ich dann meine Gastfamilie und meine Nachbarn in die Arme schließe, merke ich ganz tief in mir drin: das ist ein Stück Heimat. Ich bin sehr dankbar, dass meine Gastfamilie mich jedes Mal wieder mit los brazos abiertos (offenen Armen) empfängt.

In dieser Stadt habe ich so viel erlebt, so viel gelernt. Auch wenn es vielleicht nicht viel zu tun gibt, genieße ich die Zeit mit Freunden und Familie, komme runter vom bogotaner Großstadtchaos, laufe durch die steilen Straßen im centro und frage mich, wie oft ich diese Wege schon gegangen bin. Hier treffe ich auf Straßenhunde, die sich in Gruppen versammeln und neugierig zu mir schauen. Nicht selten laufe ich jemandem über den Weg, den ich kenne und lange nicht mehr gesehen habe. In der ruhigen Stadt ist immer Zeit für einen Plausch. In Tunja kann ich meine Batterien wieder voll aufladen. Der Spaziergang in die umliegenden Berge mit Aussicht auf die ganze Stadt darf dabei nicht fehlen.

Vor einiger Zeit hätte ich niemals geglaubt, dass ich wieder hier sein würde und so oft ich möchte zu meiner zweiten Heimat fahren kann. So richtig bewusst wird mir das, wenn ich in der Küche sitze, während meine Gastmutter am rumwerkeln ist und wir uns über alles Mögliche unterhalten. Dann wird mir bewusst, das ist das, wonach du dich die letzten zwei Jahre gesehnt hast. Wieder in die zweite Heimat kommen und das Leben genießen.

Jedes Mal, wenn ich in Kolumbien bin, frage ich mich, was es ist, das mich so glücklich macht. Hier fällt es mir leicht unbeschwert zu leben. Es ist so leicht, eine gute Zeit zu haben mit Freunden oder auch alleine. Warum kann ich mich in Deutschland nicht so glücklich fühlen? Was für Hintergedanken beschäftigen mich dort, die mich davon abhalten?
Das Lebensgefühl hier ist ein anderes für mich. Die alegría (Lebensfreude) und Sorglosigkeit, die ich mit jedem Atemzug einzuatmen scheine. In Deutschland scheint jedes kleinste Problem grave (schwerwiegend). Ich kann mir wohl nicht vorstellen, für immer hier zu bleiben, aber es sind Erfahrungen, die ich hier mache, die mir zeigen, wie man das Leben genießt.
Es ist wahrscheinlich das, was mich an Kolumbien und seinen Menschen am meisten beeindruckt und fasziniert. Kolumbien ist gewiss weit davon entfernt perfekt zu funktionieren (was ist schon perfekt?), aber trotzdem packt mich die Lebenseinstellung jedes Mal, die ich dann auf mich anwende. Das ist wohl der Grund, warum ich mich in Kolumbien, vor allem in Tunja, immer zuhause fühlen werde.

Weisheit des Tages: in drei Jahren ist mir Kolumbien sehr ans Herz gewachsen und ich habe unheimlich viel über mich und mein Leben gelernt.

Studierendenstreik in ganz Kolumbien

– 82 Tage nach der Ankunft –

In Kolumbien ist gerade einiges los! Mit dem Präsidentschaftswechsel Anfang August habe ich das auch nicht anders erwartet. Kolumbiens Studierende versammelten sich am Mittwoch, den 10. Oktober auf den Straßen, um für ihr Recht auf Bildung zu kämpfen.
Iván Duque, der neue rechts-konservative Präsident Kolumbiens, möchte mit dem Geld da sparen, wo es am Nötigsten ist: im Bildungsbereich. Mir erschien es schon immer ein wenig merkwürdig, dass Studierene der öffentlichen Universitäten einen höheren Semesterbeitrag zahlen, als ich in vier Semestern insgesamt. Während an den Privatunis ein bestimmter Betrag für die carreras (Studiengänge) festgelegt ist, richtet sich dieser an staatlichen Unis nach den Gehältern der Eltern. So kann ein Semester an der Nacional auch schonmal 3.000.000 Pesos (ca. 900€) kosten. Erstaunt zeigen sich die Studierenden dann, wenn ich ihnen erzähle, dass ein Semester an meiner Uni rund 250€ inklusive Transport, der in Deutschland teuer ist, kostet.

Duque, escuche, el pueblo despertó
Agarre el presupuesto y denos financiación

Duque, hör zu, das Dorf ist aufgewacht
Klammer dich an den Finanzplan und gib uns die Finanzierung

Da fängt es also schon an. Die vermeintlich öffentlichen Universitäten sind nicht kostenlos und somit nicht allen zugänglich. Nun stelle man sich einmal vor, dass diese Universitäten auch noch privatisiert werden. Studieren wäre somit ein Privileg und kein Recht, wie es selbstverständlich sein sollte.

Si los derechos que yo tengo no los tienen los demás, no son derechos, son privilegios.

Wenn die Rechte, die ich habe, andere Personen nicht haben, dann sind es keine Rechte, sondern Privilegien.

 

Viva la U ¡Viva!
Viva la U ¡Viva!
Viva la Universidad
No la dejés ¡No! No la dejés ¡No!
No la dejés privatizar

Es lebe die Uni! Lebe!
Es lebe die Uni! Lebe!
Es lebe die Universität
Lasst sie nicht, nein, Lasst sie nicht, nein
Lasst sie nicht privatisieren

Um einmal zu den Fakten zu kommen: momentan fehlen 3,2 Billionen Pesos (ca. 1.000.000.000) für Gehälter von Angestellten der öffentlichen Universitäten und 15 Billionen Pesos in der Infrastruktur, das sind satte 4.500.000.000€. An der Nacional merkt man, dass dieses Geld fehlt. Viele Gebäude sind schon seit Jahren einsturzgefährdet, das Gebäude der Bellas Artes ist schon lange gesperrt und das von Architektur existiert gar nicht erst. Duque möchte das Geld lieber in die Verteidigung des Landes stecken und kürzt leichterhands in der Bildung. Hängen bleibt das an den Mitarbeitenden und Studierenden der öffentlichen Universitäten. Ich habe viele Kolumbianer*innen kennengelernt, die nicht studieren können, da sie sich keine private Uni leisten können und es mittlerweile nahezu unmöglich ist an die beliebten Plätze der öffentlichen Unis heranzukommen. Beispiel: in Diseño Gráfico gibt es pro Semester 30 Plätze für die Besten des Landes. Auf diese 30 Plätze bewerben sich Tausende.

¿Y dónde está La Nacho?, ¿La Nacho dónde está?

La Nacho está en las calles haciéndose escuchar

Und wo ist die Nacho? Die Nacho, wo ist sie?

Die Nacho ist in den Straßen und macht sich hörbar

Für das Jahr 2019 sollen alle öffentlichen Universitäten insgesamt 4,3 Billionen Pesos erhalten. Studierende fordern jedoch 15 Billionen Pesos, um das Defizit der letzten 20 Jahre aufzuholen.  Seit 1992 erhalten die Universitäten nur einen Teil von dem, was sie eigentlich bräuchten. Unis sehen die Privatisierung als bald einzige Möglichkeit sich zu finanzieren. Die Studierendenzahlen sanken dadurch in den letzten 26 Jahren stark.

Schon in den letzten Wochen sammelten sich die Studierenden um die marcha vorzubereiten. Vor einer Woche traf sich meine Fakultät – facultad de artes – um die Forderungen durchzugehen und klar zu formulieren. Überall wurden Plakate gebastelt und T-Shirts per Hand bedruckt, die am Mittwoch getragen wurden.

32 öffentliche und 28 private Universitäten nahmen teil an der marcha. Kolumbienweit gingen 450.000 Menschen auf die Straßen, um für ihr Recht auf Bildung zu kämpfen. In Cali, Medellín, sogar Tunja, Bogotá und vielen weiteren Metropolen versammelten sich Studierende, Dozierende und weitere Betroffene auf den Straßen. Um 11 Uhr versammelten sich die Studierenden der Nacional mit Schildern, Plakaten und Sprüchen auf dem Hauptplatz, der Plaza Che, um dann vier Stunden bis ins Centro auf die Plaza Bolívar zu marschieren. Straßen wurden gesperrt und keine transmilenio fuhr mehr in dem Zeitraum. Je näher wir dem Centro kamen, auf desto mehr Universitäten stießen wir, unter anderem auch die großen Privatunis der Stadt Los Andes und die Javeriana, die die öffentlichen Unis im Protest unterstützen. Über uns kreiste ein News-Hubschrauber, der die Dimensionen der Menschenmasse sichtbar machte.

¿Quién es usted? – Soy estudiante
No lo escuché – Soy estudiante
Una vez más – Soy estudiante

Soy, soy estudiante, yo quiero estudiar, para cambiar la sociedad, ¡Vamo‘ a la lucha!

Wer bist du? – Ich bin Student*in
Ich habe es nicht gehört – Ich bin Student*in
Noch einmal – Ich bin Student*in

Ich, ich bin Student*in, ich will studieren, um die Gesellschaft zu verändern, wir gehen in den Kampf!

Ich lasse einige Fotos sprechen:

Auf der Plaza Bolívar angekommen, schon mit Halsschmerzen und steifen Beinen, hörten wir eine Rede des linksliberalen Präsidentschaftskandidaten und Zweitplatzierten Gustavo Petro. Ich habe mich sehr gefreut ihn en vivo (live) zu sehen und zu hören. Gleichzeitig macht es mich auch traurig, da ich mich frage, was gewesen wäre, wenn er die Präsidentschaftswahl gewonnen hätte.

Ich war erstaunt, wie ruhig die Demonstration ablief. Ich habe mit Steinen und anderen Dingen gerechnet, aber es war sehr friedlich. Merkwürdigerweise haben wir die Polizei kaum zu Gesicht bekommen. Ob die sich bei den Massen nicht getraut haben? Ich habe von keinem Zwischenfall mitbekommen. In den Tagen danach habe ich jedoch bei Facebook gesehen, wie sich Fake News über das Event verbreiteten. Linksextreme Gruppen, die gewaltvoll gegen die Regierung aufhetzen. Bilder von Vandalismus und vermummten Gruppen, die mit papabombas durch die Straßen ziehen. Plakate, die die Legalisierung von Drogen fordern. Von all dem habe ich NICHTS mitbekommen und ich bin mir nicht mal sicher, ob die Fotos überhaupt aktuell waren. Es schockierte mich, wie Rechts-Konservative so etwas Wichtiges, wie die #marchaporlaeducación (Marsch für die Bildung) zu so etwas missbrauchen können.

Auch wenn ich mich nur für ein Semester an der Nacional befinde, wollte ich Solidarität zeigen und die Studierenden unterstützen. In einem Land wie Deutschland, in dem die öffentliche Bildung gesichert ist, musste ich mir nie Sorgen um meine Bildung machen. Ich war sehr berührt, wieviele Menschen mit so viel Herz dabei waren und dachte darüber nach, warum in Deutschland so etwas in dem Ausmaß nicht passiert. Nach einigen Überlegungen bin ich zu dem Schluss gekommen, dass wir eben doch sehr privilegiert leben. Bildung ist ein Grundrecht in Deutschland, das (fast) allen zur Verfügung steht. Ich habe bisher von keiner Uni in Deutschland gehört, die starke finanzielle Schwierigkeiten hat, da die Universitäten sehr vom Staat unterstützt werden. Auch wenn einiges verbessert werden könnte, sehen viele nicht den Grund dafür auf die Straße zu gehen und zu demonstrieren. So schlimm ist es dann doch wieder nicht.

Bis zum 21. Oktober gehen die Unis mindestens in den Streik. Bis dahin haben wir keinen Unterricht. Möglich ist, dass der Streik verlängert wird. Das kann bedeuten, dass die fehlenden Wochen an das Semesterende im Dezember oder Januar rangehangen werden. Ich bin gespannt, wie sich alles entwickelt!

Weisheit des Tages: Bildung ist ein Grundrecht, das jedem Menschen dieser Welt zustehen sollte. In Kolumbien tun die Studierenden, Dozierenden und anderen Mitarbeitenden gerade alles daran, dass das in diesem Land umgesetzt wird.